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Gabriele Müller, Ramona Thümmler: Frühkindliche Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Cover Gabriele Müller, Ramona Thümmler: Frühkindliche Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Neues zur Kindheits- und Familienpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 304 Seiten. ISBN 978-3-7799-3945-0. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Herausgeber

Gabriele Müller, Diplom-Pädagogin, Erziehungswissenschaftlerin und Erzieherin arbeitet als akademische Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle für Kindheits- und familienpädagogische Forschung der Abteilung Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen.

Dr. Ramona Thümmler, Erziehungswissenschaftlerin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, forscht und lehrt an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.

Thema

„Das Handlungsfeld der Kindertagesbetreuung erfährt seit einigen Jahren einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs. Dies zeigt sich sowohl im nach wie vor anhaltenden quantitativen Ausbau als auch am ungebrochenen Diskurs um die Qualität frühkindlicher Bildung. Die Akteurinnen und Akteure im Feld stehen vor zahlreichen Herausforderungen und zunehmenden Erwartungen an ihre Professionalität. Der Band nimmt sich dieser und aktueller Herausforderungen des Aufwachsens an und beleuchtet Bildungs- und Entwicklungsthemen sowie Qualitätsaspekte frühkindlicher Bildung“ (Klappentext).

Die Beiträge entstammen überwiegend Vorträgen einer Vortragsreihe, die in einem Kooperationsprojekt der Arbeitsstelle kindheits- und familienpädagogische Forschung des Instituts für Erziehungswissenschaft, Abteilung Sozialpädagogik der Universität Tübingen und dem Fortbildungsverbund Tübingen gehalten wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem einführenden Kapitel (G. Müller), in dem die Themen öffentliche/​private Erziehung, Chancengerechtigkeit, Professionalisierung und Qualität kurz und prägnant aufgegriffen werden.

Die weiteren Beiträge sind zu sechs Kapitel zusammengefasst.

I. Aufwachsen heute

  • Faas arbeitet den Familienbezug als zentrales frühpädagogisches Prinzip heraus mit den Zielen der Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz, aber auch der Eröffnung von Zugängen zu außerfamiliären Bildungs- und Lernumwelten.
  • Thümmler beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Flucht für das Aufwachsen von Kindern und nimmt uns alle in die Pflicht, indem sie feststellt, dass die Phase im Ankunftsland wichtiger und bedeutsamer für das psychische Wohlergehen des Kindes ist als die Ereignisse während Krieg und Flucht.
  • Im dritten Beitrag wird das Konzept Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vorgestellt und als eine in den Alltag eingebettete Querschnittaufgabe formuliert (v. Guilleaume & M. Müller). Die Autorinnen entwickelten eine Handreichung als Orientierungsrahmen für Fachkräfte für die Kita-Praxis und formulieren Qualitätskriterien mit den Dimensionen Ökologie (Natur als Lebensgrundlage), Ökonomie (Umgang mit Ressourcen) und Soziales (gegenseitige Übernahme von Verantwortung).

II. Umgang mit Diversität

  • Im Beitrag von Kuhn, die Ergebnisse rekonstruktiver Ungleichheitsforschung darstellt und die Ungleichheit in der frühen Kindheit in politischen Diskursen, im Sprechen von Akteuren und im Alltag von Kindertageseinrichtungen herausarbeitet, wird das Thema des Buches, die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit deutlich.
  • Anschließend beschäftigt sich Weiß mit dem Spannungs- und Konfliktpotenzial in der Arbeit mit Eltern in prekären Lebenssituationen. Er betont die Bedeutung einer doppelten reflexiven Distanz (reflexive Distanz zu sich selbst und den eigenen gesellschaftlich-kulturellen Kontextgebundenheit und der reflexiven Distanz zu Eltern aus anderen „fremden“ Lebenswelten und deren Werten, Normen und Verhaltensweisen) als Grundhaltung für eine gelingende Kooperation.
  • Die Bedeutung reflexiver Distanz, wenn auch nicht so genannt, wird auch im nächsten Beitrag sichtbar Harz nennt es in den Ausführungen zum interreligiösen Lernen „in den Schuhen des anderen gehen“. Er thematisiert die enge Verbindung von Kultur und Religion (Kultur als Resonanzboden), formuliert Regeln zum Umgang mit Konfliktsituationen und zeigt dies in feinfühligen Beispielen.

III. Soziale und emotionale Entwicklung

  • Thümmler und Engel beschreiben die emotionale Entwicklung, besonders Entwicklung der Emotionsregulation, und benennen die Förderung dieser Kompetenzen als Kernaufgabe in der Kindertagesbetreuung. Eine entscheidende Rolle kommt dabei der pädagogischen Fachkraft zu. Programme für die Förderung und weitere Implikationen für die Praxis werden diskutiert.
  • Im nächsten Beitrag (Engel, Aich & Merget) wird die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes beschrieben, ein Selbstkonzeptfragebogen für Kinder vorgestellt und Anregungen zur Stärkung eines positiven Selbstkonzepts (Haltung, selbstkonzeptfördernde Angebote) gegeben.
  • Vetter bettet den Umgang mit Streit und Konflikten in das weitere Feld der Bildungs- und Bildungspläne ein.

IV. Interaktionsgestaltung

  • Remsperger-Kehm geht auf die aktuelle Interaktionsforschung zwischen Kind und pädagogischer Fachkraft ein und unterscheidet Beziehungsqualität und Lernprozessunterstützung. Wichtig für sie ist die sensitive Responsivität der pädagogischen Fachkräfte. Sie stellt das Konzept sowie Ergebnisse einer Video-Studie und gibt Anregungen für den Alltag in der Kita. Das Konzept entspricht dem Konzept der Feinfühligkeit aus der Bindungsforschung, deren Bestimmungsstücke schon in den 60iger Jahren von Mary Ainsworth erarbeitet wurden, ohne dass dies erwähnt wird.
  • Hildebrandt präsentiert ebenfalls Forschungsergebnisse, zu kognitiv anregende Interaktionen im Kita-Alltag, zur (sprachlichen) Interaktion des „sustained shared thinking“ und plädiert für die Etablierung kognitiv anregender pädagogischer Sprechhandlungen.

V. Bildungsbereiche und Lernen

  • Bewegung hat in der frühkindlichen Entwicklung einen hohen Stellenwert (Hunger & Ransiek). Interviews mit Erzieherinnen und Eltern sowie ethnographische Beobachtungen im Alltag von Familie und Kita gaben interessante Einblicke in die Bedeutung des Geschlechts. Die Autorinnen geben Anregungen für eine geschlechtsbezogene gendersensible Bewegungssozialisation.
  • Mit Benz gibt es die Mathematik zu entdecken. Sie unterscheidet dabei formal-schematische, prozesshafte und anwendungsorientierte Aspekte. Der Prozessaspekt werde von Fachkräften kaum in den Vordergrund gerückt, deshalb identifiziert sie Zählen und strukturierendes Sehen als wichtige Prozesse und gibt Förderbeispiele für den Alltag.
  • Anschließend gibt Treptow einen Überblick über die Spannbreite einer ästhetisch-kulturellen Bildung.
  • Zinke berichtet aus dem Kinderschlaflabor der Universität Tübingen und gibt Auskunft über die Funktion des Schlafes für die Konsolidierung und Restrukturierung des Gedächtnisses und seine Bedeutung für die kindliche Entwicklung.

VI. Professionelles Handeln und Qualitätsentwicklung

  • G. Müller beschäftigt sich mit professioneller Haltung und Identität und die Bedeutung, aber auch die Komplexität, für die Handlungskompetenz im alltäglichen Handeln.
  • Abschließend stellen Dahlheimer, Faas, Hoffmann und Kaiser das Projekt „Qualitätsmonitoring in Tübinger Kindergarten- und Krippengruppen“ vor ein Entwicklungsprojekt zur Erhöhung der Prozessqualität. Sie berichten Ergebnisse aus den Projektjahren 2014 bis 2018. Die Qualität war schon zu Beginn besser als der Durchschnitt der bundesweiten NUBBEK-Studie; es konnten weiter kontinuierliche Verbesserungen erzielt werden, die in einer Zusammenarbeit Träger, kommunalen Stellen und Kindergartenpersonal erarbeitet und umgesetzt wurden.

Diskussion

Das Buch spannt einen weiten Bogen kindertagesstättenrelevanter Themen, Es reicht von der Reflexion der allgemeinen Bedingungen kindlichen Aufwachsens und der Unterschiedlichkeiten der Voraussetzungen und der Bedarfe, über spezifische Bereiche der Entwicklung und der entsprechenden Interaktionsgestaltung, über verschiedene Bildungsbereiche hin zu Bedingungen der Umsetzung und Etablierung im Kita-Alltag. Sie machen das Thema des Buches deutlich. Wichtig für die Fachkräfte ist die professionelle Haltung und Identität, die reflexive Distanz, die im Umgang mit dem Kind feinfühlige Interaktionen oder sensitive Responsivität ermöglicht.

Immer wieder kritisch angesprochen wird der Schlüssel Kinder und pädagogisches Personal.

Dass mit diesem Buch über die begrenzte Anzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Vortragsreihe hinaus eine größere Fachöffentlichkeit erreicht wird, ist sehr zu begrüßen.

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich an Fachkräfte in der frühen Pädagogik und Bildung und andere Akteur*innen in diesem Feld und an Studierende aber auch an die interessierte Öffentlichkeit.

Fazit

Die Beiträge des Buches spannen ein einen weiten Bogen im Handlungsfeld der Kindertagesbetreuung, zeigen Defizite auf und geben vielfältige Anregungen für die Praxis.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 14.06.2021 zu: Gabriele Müller, Ramona Thümmler: Frühkindliche Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Neues zur Kindheits- und Familienpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3945-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26962.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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