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Josepha Nell: Migrationserfahrung als Ressource?

Cover Josepha Nell: Migrationserfahrung als Ressource? Biografische Selbstdarstellung älterer MigrantInnen in Wien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-6164-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Migration wird ebenso wie Alter oft als Problem und als Defizit wahrgenommen. In dieser alterssoziologischen Studie wird die Perspektive umgedreht, es wird gezielt nach Ressourcen und Resilienzfaktoren gefragt, die eine Migration mit sich bringt. Theoretische Folie bildet dabei das salutogenetische Modell von Aaron Antonovsky und dessen Kohärenzkonzept. Die Autorin fragt, wie ältere Migrantinnen und Migranten, die seit mehreren Jahrzehnten in Österreich leben, eine positive subjektive Lebensqualität erzeugen. Sie kommt zu den Schluss, dass durch die Erfahrung und die Verarbeitung der Migration Ressourcen entstehen oder begünstigt werden, die sich im Alter positiv auf das subjektive Wohlbefinden auswirken.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin ist aktuell Postdoctoral Researcher an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luxemburg. Bei dem Band handelt es sich um ihre Dissertation im Fach Soziologie an der Universität Wien.

Aufbau

Die Arbeit ist sehr klar strukturiert. Nach einer Einführung und Einleitung wird der Forschungsbedarf zu Alter und Migration dargestellt, daraus werden Forschungsfragen und Erkenntnisinteresse abgeleitet.

Es wird zunächst der theoretische Rahmen umrissen, er umfasst drei Perspektiven: Migrationsprozesse aus einer soziologischen Perspektive und Geschichte der „Migration“ in Österreich seit den 1950er-Jahren, sowie ein soziologischer Blick auf Alter und ältere MigrantInnen und das Themenfeld Gesundheit. Hier spielt das Konzept der Salutogenese, insbesondere Lebensqualität und Resilienz eine zentrale Rolle.

Dem schließt sich ein methodischer Teil an, in der das Forschungsvorgehen und die Auswertungsmethode dargestellt werden. Nach einem längeren Auswertungsteil, der sehr stark am phänomenologisch soziologischen und salutogenetischen Modell orientiert ist, werden die Ergebnisse noch einmal fokussiert zusammen gefasst.

Inhalt

Wie bereits erwähnt bildet die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Salutogenese und des Kohärenzgefühls nach Antonovsky einen wichtigen theoretischen Ausgangspunkt und begründet das Anliegen, dass nach Ressourcen, die Gesundheit fördern und aufrechterhalten, im Kontext von Migration gesucht wird. Für das Kohärenzgefühl nach Antonovsky sind die Komponenten Verstehbarkeit im Sinne einer subjektiven Verarbeitungskompetenz, Handhabbarkeit verstanden als Bewältigungsstrategie und Bedeutsamkeit als Fähigkeit, das Leben als emotional sinnvoll zu erleben, zentral. Der soziologische Zugang zu Migration wird als phänomenologische Perspektive beschrieben. Damit wird nicht nur der Prozess und das „Produkt“ der Migration, sondern auch das Vorfeld und die Erfahrungen im Herkunftsland betrachtet. Damit steht die subjektive Rekonstruktion der gesamten Biografie der migrierenden Personen im Mittelpunkt. In dem theoretischen Teil werden verschiedene soziologische Migrationstheorien dargestellt und der phänomenologische Blick auf Migration davon abgegrenzt. Auch Alter wird als eine prozessuale nicht – homogene Kategorie begriffen, für die sowohl Alter(n)svorstellungen der Gesellschaft als auch die eigenen Lebenslagen und subjektiven Verarbeitungsformen eine wichtige Rolle spielen.

Im Zentrum der Arbeit stehen biographisch-narrative Interviews mit 15 älteren in Wien lebenden MigrantInnen, die ein breit gestreutes sample darstellen – die ProbandInnen sind hinsichtlich Geschlecht, Alter, Bildung und Migrationsmotiven sehr unterschiedlich.

Die Interviews wurden transkribiert und themenanalytisch nach Froschauer und Lueger ausgewertet. Interessant ist, dass die so unterschiedlichen ProbandInnen sich in der Sichtweise auf die Lebensphase Alter und den Blick zurück auf die Biografie hinsichtlich ihrer Migration sehr ähneln. Migration wird als ein aktives und erfüllendes Element der Lebensbewältigung rekonstruiert. Die Autorin konnte also sehr viele für Gesundheit und eine Lebensqualität im Alter relevante Bewältigungsstrategien herausarbeiten, obwohl sie die Lebenslagen der Probandinnen als von sozialer Benachteiligung, schlechter Gesundheitsversorgung und Minderheitenstatus geprägt beschreibt.

Die Darstellung ist sehr auf die Forschungsfrage fokussiert und die herausgearbeiteten Ressourcen sind nach der Migrationsperspektive und Salutogenese strukturiert. Für den Herkunftskontext also der Phase VOR der Migration kann die Autorin zahlreiche Ressourcen herausarbeiten, so beispielsweise das Vermögen, mit Armut und Entbehrungen umzugehen, der Umgang mit einem Minderheitenstatus und vor allem der Akt der Migration als aktives Eingreifen in eine repressive oder aussichtslose Situation. Migration wird als Handlungsfähigkeit und umgesetztes Autonomiebestreben rekonstruiert. Auch die von den meisten als sehr schwierig beschriebene Ankunftssituation enthält in der Retroperspektive zahlreiche Coping Strategien wie der Stolz auf vollbrachte Anpassungsleistungen und die erlebte Flexibilität und gelebte Transnationalität sowie eine Bewältigung von Enttäuschungen und Lernern aus Fehlern. Die rekonstruierten Ressourcen aus dem Biografieverlauf werden als Narrative der Migration dargestellt und in das Kohärenzschema eingeordnet. Da geht es zunächst um soziale und personelle Ressourcen – hier spielen die Familie und ethnische soziale Netzwerke eine ganz wichtige Rolle und werden als für die Bewältigung der Herausforderungen der Vergangenheit und Zukunft (das Altern) wichtigste Faktoren dargestellt. Trotz Minderheitenposition wird Migration als eine Verbesserung des Lebensstandards und somit als ökonomische Ressource begriffen. Viele innere Faktoren wie der Glaube, Stolz auf Beiträge zur Mehrheitsgesellschaft und das Bewusstsein, viele Widrigkeiten überwunden zu haben werden als kognitive und emotionale Ressourcen hervorgehoben. Insgesamt wird immer wieder deutlich, welch große Rolle Autonomiebestrebungen und Selbstwirksamkeitserfahrungen spielen. Diese werden aus der aktiven oder auch passiven Migrationsentscheidung, der Bewältigung von Hindernissen insbesondere durch die Ausschöpfung eigener Potenziale und individueller Leistungen, eine positive Bilanz von Erreichtem und dem Reichtum einer mehrkulturellen Lebensweise rekonstruiert.

Diskussion

Die Autorin resümiert die aus den Narrativen des Migrationsprozesses gewonnen Ressourcen und hebt dabei insbesondere hervor: das Durchsetzungsvermögen eigener Ziele, soziale Anerkennung oder Etablierung im Aufnahmeland, ein Profit durch Migration, der bewältigte Umgang mit Unsicherheit und Neuem, soziales und politisches Engagement, Aneignung sozialer Kompetenzen, Aufbau sozialer Netzwerke und die realisierte Selbstverwirklichung. Insgesamt zeichnet sie also ein sehr positives subjektives Erleben der Migration und benennt zahlreiche Resilienzfaktoren für ein gelingendes Leben im Alter, obwohl oder vielleicht gerade weil objektive Bedingungen sehr schwierig waren oder sind. Aufgrund der gewählten Auswertungsmethode fehlt allerdings eine Gesamtdarstellung der Fälle, also der gesamten Narrationen, und die Ressourcen besser einordnen zu können. Auch fehlt ein Blick auf weitere Forschungsdesiderate oder theoretische Folgen der Ergebnisse. Insgesamt ist die Darstellung der herausgearbeiteten Ressourcen aber sehr überzeugend und eindringlich. Die Arbeit macht deutlich, wie defizitär defizitorientierte Sichtweisen von Migration und MigrantInnen sind.

Fazit

Der Band ist in seiner Interdisziplinarität sowohl für Gerontologie, Migrationsforschung, Public Health und Soziologie relevant. Er bietet sowohl für Studierende, Forschende und Lehrende vielfältige Anregungen. Insgesamt zeigt der band, dass nicht problemorientierte oder nicht defizitäre Perspektiven forschungstauglich sind.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 04.05.2021 zu: Josepha Nell: Migrationserfahrung als Ressource? Biografische Selbstdarstellung älterer MigrantInnen in Wien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6164-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26963.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


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