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Nina Degele: Political Correctness

Cover Nina Degele: Political Correctness - Warum nicht alle alles sagen dürfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3996-2.
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Diskriminierendes Sprechen – hate speech

Böses Denken führt zu bösem Wahrnehmen, zu bösem Sehen und Hören, und zu bösem Tun (Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​23593.php; dies., Hässliches Sehen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25303.php ). Kein Mensch ist böse geboren. Es sind die intellektuellen, sozialen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Bedingungen, die Menschen gut oder böse, erträglich oder unerträglich, human oder inhuman werden lassen. Das grundlegende Dilemma besteht darin, dass zwar im philosophischen, anthropologischen Verständnis jeder Mensch danach strebt, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, die Lebenswirklichkeiten jedoch von Ideologien, Manipulationen und Versuchungen beeinflusst werden, die zu egoistischem, ethnozentristischem, rassistischem und populistischem Denken und Tun führen. Im gesellschaftspolitischen Diskurs wird deshalb gegen diskriminierendes, herabwürdigendes öffentliches Sprechen die Forderung nach „Political Correctness“ erhoben. Im Duden wird die Eigenschaft erklärt als „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“.

Die Soziologin von der Universität Freiburg, Nina Degele, weist darauf hin, dass die Forderung nach Political Correctness immer kontext- und milieuabhängig ist: „Politisch korrektes Sprechen ist anerkennungsorientiertes Sprechen gegen Minderheiten und ausgegrenzten Gruppen“. Es ist der Anspruch, Korrektheitsdenken und -handeln im lokalen und globalen Gesellschaftsdiskurs wirksam werden zu lassen. Immerwährend und aktuell stellt sich dabei die Herausforderung dar, dass Mentalitäts-, Meinungs- und politische Unterschiede dialogisch und demokratisch ausgetragen werden ( vgl. dazu auch: Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26507.php ).

Aufbau und Inhalt

Neben dem von Renate Künast verfasstem Vorwort, indem sie vor der „Zersetzung“ des demokratischen Systems durch Demokratiefeinde warnt, gliedert Nina Degele ihre Studie in die weiteren Kapitel: „Political Correctness historisieren und theoretisieren“ – „Rassismus praktizieren“ – „Geschlecht erzählen“ – „Sozioökonomische Ungleichheiten thematisieren und Politik radikalisieren“ – „Gewalt und Fakten relativieren“ – „Identitätspolitik (ent-)moralisieren“ – „Solidarisch streiten“. Die Autorin hat sich zum Ziel gesetzt, „Political Correctness als Norm anerkennungsorientierten Denkens, Sprechens und Handelns zu entfalten und als Forderung danach zu verteidigen“. Sie plädiert für die Zivilisierung der aktuellen, lokalen und globalen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Wert-, Identitäts- und Repräsentationskämpfe.

Der im US-amerikanischen Identitäts- und gesellschaftlichem Antidiskriminierungsdiskurs benutzte sprachliche Begriff „p.c.-ness“ wandelte sich hin zu Menschenrechts- und Gleichheitsforderungen, bis hin zu den aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegungen und gegen Cancel-Culture. Im europäischen Diskurs sind es vor allem die nazistischen, nationalistischen, faschistischen, kolonialistischen und eurozentristischen Entwicklungen, die nach Political Correctness rufen, die gleichzeitig auch durch rechtsradikalisierte Politik an den Pranger gestellt wird: Fake News, Fake Follower, Nein-Sager, Realitätsleugner, Rassisten, Weltuntergangsapokalyptiker, Verschwörungsphantasten… Die Autorin greift die vielfältigen, kongruenten und konfrontativen Entwicklungen auf, die sich im Political Correctness-Diskurs ergeben, in Sprache, Einstellung und Haltung ausdrücken, in wahrgenommenen oder unbeabsichtigten (Gewohnheits-)Alltagsrassismen wirksam werden und sich in Gender-Einstellungen zeigen.

Political Correctness ist politisches, solidarisches Denken und Handeln. Es sind die (auch) im Kapitalismus entstandenen, zementierten lokalen und globalen sozialen Ungleichheiten, die Gesellschaften und die Menschheit spalten. Und es ist die mittlerweile in den demokratischen Parlamenten durch populistische, rechtsradikale Parteien benutzte Hate Speech, die aus Worten verbale, virtuelle und tatsächliche Gewalt macht. Wie kann es also gelingen, individuell und kollektiv, im Alltag und gesellschaftspolitisch human, ehrlich, glaubwürdig und überzeugend zu denken und zu handeln? Die Autorin summiert aus der Fülle ihrer Beispiele Anregungen und Ratschläge, wie z.B.:

  • Wertschätzend und gerecht in der lokalen und globalen Gemeinschaft zusammenleben.
  • In der Kommunikation auf Augenhöhe die richtigen Ausdrucksweisen und Begrifflichkeiten benutzen.
  • Stereotype Äußerungen und vorurteilbehaftetes Sprechen durch Umkehrung und Vergleiche erkennbar machen.
  • Relativierungen und Unterschiede beim Sprachcode zulassen.
  • Gegenseitige Achtung und Wertschätzung nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Einbindung und Kooperation ermöglichen.

Fazit

Die Zusammengehörigkeit der menschlichen Eigenschaften des Denkens, Sehens, Hörens, Sprechens, Fühlens und Handelns wird als „Wokeness“ bezeichnet und kann als Grundlage von Correctness für eine offene Gesellschaft (Brunnhuber, 2019), kulturelle Teilhabe (Schweizer Nationaler Kulturdialog, 2019) und soziale Gerechtigkeit (Goeßmann/Scheidler, 2019) dienen. Dass sich Nina Degele bei ihrer Analyse über die Imponderabilien des Korrektseins auch mit Krisnsituationen, wie aktuell der Corona-Pandemie, auseinandersetzt, ist nur logisch und erklärend; denn die Einschätzungen und der Umgang mit der globalen Krise wirken – verbindend wie trennend – als „Brennglas für vorher existierende, aber nicht im Vordergrund stehende persistente gesellschaftliche Konstellationen und Strukturen“. Im „Coronaglossar“, wie auch im „Correctness-Glossar“ werden Begrifflichkeiten und Zusammenhänge erläutert. Die umfangreichen Literatur- und Quellenverweise, wie auch das alphabetische Register bieten den (professionellen) Leserinnen und Lesern Anhaltspunkte zur Lektüre und Weiterführung dieser bedeutsamen Kommunikations- und Verhaltenseigenschaft. Es ist ein Aufruf zum Perspektivenwechsel, der das Sprechen mit dem Handeln hin zu einem humanen, friedlichen, gerechten und gleichwertigen Leben der Menschheit verbindet! Denn: Hass zerstört Menschlichkeit! ( vgl. dazu auch: Karolin Schwarz, Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26718.php ).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.09.2020 zu: Nina Degele: Political Correctness - Warum nicht alle alles sagen dürfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3996-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26965.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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