Ariane Schlicher: Sexueller Missbrauch – Beratung und Prävention
Rezensiert von Prof. Ulrich Paetzold, 20.07.2020
Ariane Schlicher: Sexueller Missbrauch – Beratung und Prävention.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2020.
240 Seiten.
ISBN 978-3-7799-6232-8.
D: 19,95 EUR,
A: 20,60 EUR,
CH: 22,48 sFr.
Reihe: Basiswissen Beratung.
Thema
Das Buch ist in der Reihe Basiswissen Beratung erschienen und richtet sich an Fachkräfte der Erziehungs- und Familienberatung und an angrenzende Arbeitsfelder.
Autorin
Die Autorin ist Leiterin einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Themenbereich des sexuellen Missbrauchs an Kindern.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in drei Bereiche: in den ersten beiden Kapiteln werden Zahlen und Fakten sowie typische Konstellationen zu dem Themenbereich sexueller Missbrauch vorgestellt, im (zentralen) dritten Abschnitt wird die Praxis der Beratung mit den verschiedenen Anforderungen an die BeraterInnen beleuchtet und im vierten Abschnitt werden verschiedene Möglichkeiten der Prävention reflektiert. Abgerundet wird das Buch durch verschiedene Schlussfolgerungen für die Praxis.
Inhalt
Unter der Überschrift „Empirische Fakten“ werden Begrifflichkeiten und Häufigkeiten, die strafrechtliche Einordnung, Tätergruppen- und Täterstrategien, mögliche Hinweiszeichen und die Folge-Symptomatik kompakt vorgestellt. Bei den typischen Konstellationen wird auf Missbrauch innerhalb der Familie und unter Geschwistern eingegangen, ebenso auf Missbrauch in Institutionen und unter Kindern bzw. Jugendlichen und auf Kinderpornographie. Im dritten Abschnitt „Praxis der Beratung nach sexuellem Missbrauch“ werden verschiedene Grundhaltungen reflektiert, es wird der Frage Beratung mit Strafanzeige nachgegangen, mögliche Diagnostik, Gesprächsführung, Dokumentation und Elternberatung sind weitere Themen. In der zweiten Hälfte dieses Kapitels werden mögliche therapeutische Interventionen betrachtet und damit zusammenhängende Aspekte behandelt, beispielsweise Traumatherapie, Entwicklungstraumastörung, kindertypische Symptome oder der Aspekt der Stabilisierung als wichtiges Ziel in der Beratung. Unter dem Stichwort „Präventionsangebote“ wird auf die Prävention bei Kindern und Jugendlichen, auf sexuelle Bildung, Elterninformationsveranstaltungen und auf Schutzkonzepte für Institutionen eingegangen. In den das Buch abschließenden Schlussfolgerungen für die Praxis werden grundsätzliche Aspekte behandelt: was Beratung leisten kann, welche organisatorischen Voraussetzungen für dieses Beratungsfeld hilfreich sind, die Notwendigkeit der Kooperation und die Herausforderungen für die Jugendhilfe.
Diskussion
Das Buch ist aus der Perspektive einer Familienberatungsstelle geschrieben und greift alle Konstellationen auf, die im beruflichen Alltag einer Beratungsstelle angefragt werden könnten: Beratung nach beendetem Missbrauch eines Kindes, Verdacht auf Missbrauch, ein anderer Anmeldegrund mit Verdachtsaufkommen während der Beratung, Beratung von Eltern mit einem übergriffigen Kind, früher erlebter Missbrauch eines Elternteils, Anfragen von anderen Fachkräften bei Verdacht und nach fallübergreifenden Präventionsangeboten. Auch die empirischen Fakten sind (sinnvollerweise) beschränkt auf mögliche Aspekte, die im Beratungsgeschehen bedeutsam sein könnten. Dabei merkt man dem Inhalt des Buches an, dass die Autorin langjährige Erfahrungen mit diesem Themenkomplex in der Beratung besitzt: die Inhalte werden häufig durch Fallbeispiele konkretisiert und insbesondere in dem Abschnitt „Praxis der Beratung“ werden stets auch rechtliche Details und mögliche Fallstricke beleuchtet. Dies ist daher wichtig, da sich in den letzten Jahren die rechtliche Basis sehr dynamisch verändert hat, sodass mir gerade dieser aktuelle Stand und die Folgen für die Beratungspraxis bedeutsam erscheinen. Alle Inhalte sind kompakt und prägnant gefasst, daher ist das Buch gut lesbar und fokussiert. Natürlich gibt es auch fachliche Feststellungen an denen sich der Leser/die Leserin „reiben kann“, wenn beispielsweise Mütter als „Teil des Problems“ benannt werden. Dies würde ich beispielsweise bei den zum Teil hoch manipulativen Täterstrategien nicht so bezeichnen wollen. Aber darin besteht ja auch die Aufgabe eines Fachbuches: die eigenen Haltungen und Grundeinstellungen zu hinterfragen und zum Nachdenken anzuregen. Das Buch hat einen besonderen Stellenwert, da es die vielfältigen Kompetenzen der Eltern-, Jugend- und Familienberatungsstellen bei dem Themenkomplex sexueller Missbrauch in den Blick nimmt und damit das in Deutschland am besten ausgebaute Beratungsnetzwerk (sowohl mit Stellen wie auch online) richtigerweise als zentralen Akteur in den Mittelpunkt stellt.
Fazit
Das Buch sollte in jeder Beratungsstelle vorhanden sein und bringt auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen auf den aktuellen Stand der Beratungspraxis. Auch für die Ausbildung von Studierenden in den einschlägigen Studiengängen ist das Buch sehr empfehlenswert, da es verständlich und prägnant dieses komplexe und vielschichtige Thema behandelt.
Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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