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Stefanie Seeling, Franziska Cordes u.a.: Praxishandbuch Theater in der Pflege

Cover Stefanie Seeling, Franziska Cordes, Jessica Höhn: Praxishandbuch Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-6176-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,12 sFr.
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Thema

Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 etwa drei Millionen Menschen in Deutschland von einer Demenzerkrankung betroffen sein werden. Neben der Betreuung und Versorgung, stellt sich auch die Frage nach kulturellen Bedürfnissen. Die Theaterpädagogik bietet von Demenz betroffenen Menschen die Möglichkeit, kulturelle Teilhabe zu erleben und sich künstlerisch auszudrücken. Mit diesem Band legen die Autorinnen nun erstmals die Ergebnisse eines dreijährigen, interdisziplinären Forschungsprojekts vor, in dessen Rahmen ein theaterpädagogisches Interventionskonzept für Menschen mit leichter bis schwerer Demenz entwickelt und wissenschaftlich begleitet wurde.

AutorInnen

  • Prof. Dr. Stefanie Seeling ist Professorin für Pflegewissenschaft und Leiterin des Studiengangs Pflege dual sowie Projektleiterin des Forschungsprojektes ‚TiP.De – Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz‘ an der Hochschule Osnabrück/Campus Lingen.
  • Franziska Cordes, B. Sc. Pflege (dual), ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ‚TiP.De – Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz‘ an der Hochschule Osnabrück/Campus Lingen.
  • Jessica Höhn, M.A./Theaterpädagogin (BuT), ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ‚TiP.De.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen des Forschungsprojekts TiP.De (Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz), wurde interdisziplinär ein theaterpädagogisches Interventionskonzept für Menschen mit dementiellen Erkrankungen entwickelt, umgesetzt und wissenschaftlich begleitet. Über drei Jahre hinweg (April 2017 bis März 2020) arbeiteten TheaterwissenschaftlerInnen und PflegewissenschaftlerInnen zusammen, um „wissenschaftlich validierte Ergebnisse zu Methoden und Wirkungsweisen zur Theaterarbeit in dieser Zielgruppe erheben zu können“ (24). Die Intervention wurde in zwei Altenpflegeeinrichtungen praktisch durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort des Professors für Theaterpädagogik und Darstellende Kommunikation, Bernd Ruping, in dem es um den theatralen Prozess und die gestalterische Kraft des Menschen geht, folgt das erste Kapitel über „Pflegewissenschaft und Theaterpädagogik“, in dem der Entstehungshintergrund des Forschungsprojektes skizziert wird. Zunächst wird auf die einzelnen Disziplinen, Pflegewissenschaft und Theaterpädagogik, und ihre Aufgabenbereiche eingegangen. Anschließend geht es um die Verbindung der beiden Fächer, um Demenz als gesamtgesellschaftliche Herausforderung und innovative Versorgungskonzepte sowie Teilhabe als Menschenrecht. Die Theaterklinik Lingen, bei der eine Zusammenarbeit zwischen der Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück und der Kinderstation des Bonifatius Hospitals stattfindet, wird ebenfalls als wichtiger Impulsgeber für das Forschungsprojekt genannt.

Im zweiten Kapitel wird das Forschungsprojekt TiP.De schließlich ausführlich vorgestellt. Es wird insbesondere auf folgende Punkte eingegangen:

  • Rahmenbedingungen,
  • Auswahl der Teilnehmenden und
  • pflegerisch-theaterpädagogisches Konzept.

Die Rahmenbedingungen in beiden Einrichtungen werden exakt beschrieben (Raum, Zeit, Teilnehmende, Spielbegleitung, Vorbereitung, Sitzordnung, Transfer, Nachbereitung, Material). Beteiligt waren jeweils Bewohnerinnen und Bewohner sowie die „wissenschaftliche Mitarbeiterin der Theaterpädagogik als Spielleitung, die Demenz- bzw. gerontopsychiatrische Fachkraft als Spielbegleitung und die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Pflegewissenschaft als Beobachterin“ (25). Der Auswahlprozess der teilnehmenden PatientInnen wird ebenfalls detailliert beschrieben. Das pflegerisch-theaterpädagogische Konzept wird in Wort und Bild (anhand einer Grafik, die das Zusammenspiel von Pflege und Theaterpädagogik aufzeigt) erläutert. Hier wird auf die Erhebungsmethoden und die Dokumentation eingegangen.

Im dritten Kapitel, „Konzeption der Theaterintervention“, werden schließlich Inhalt und konkrete Umsetzung des theaterpädagogischen Konzepts ausführlich beschrieben. Jede der zehn Einheiten folgte dem gleichen Ablauf. Die ersten drei Termine hatten einführenden Charakter, ab der vierten Einheit wurde das Thema Bauernhof bearbeitet. Ein zentrales Element war stets die Improvisation – das Projekt hatte keine Aufführung zum Ziel, sondern das voraussetzungs- und erwartungsfreie Agieren im geschützten Umfeld und die Ermöglichung ästhetischer Momente.
Die Autorinnen gehen auf die Interaktionen im Theaterspiel, der Teilnehmenden, zwischen Spielleitung und Teilnehmenden, zwischen Spielleitung und Spielbegleitung und zwischen Spielbegleitung und Teilnehmenden ein. Auch die Interaktion, in die die Teilnehmenden mit Objekten treten wird thematisiert (Theatermaskottchen und diverse Requisiten als Impulsgeber). Schließlich steht die „Übertragbarkeit des Konzepts und Empfehlungen für die Anwendung“ (S. 50) im Mittelpunkt. Hier geben die Autorinnen ganz konkrete Tipps – etwa zum zeitlichen Rahmen, zur Wahl des Raumes, zu Gruppengröße und -zusammensetzung, Sitzordnung und Rollenverteilung (Spielleitung, Spielbegleitung).

Das vierte Kapitel umfasst die „Analyse und Ergebnisse der Forschung“ (S. 54). Hier wird die Datenerhebung mit standardisierten Messinstrumenten ausführlich erläutert. Zum Einsatz kamen u.a. der Mini-Mental-Status-Test (MMST), der QUALIDEM 2.0, das Cohen-Mansfield Agitation Inventory (CMAI), und das Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen (HILDE). Am Ende dieses Abschnitts erfolgt eine Diskussion der Forschungsergebnisse, die die Pilotstudie folgendermaßen einordnet: „Wenngleich die Aussagekraft der Ergebnisse begrenzt ist und auch eine Übertragbarkeit auf andere Versorgungssituationen nicht ohne Anpassungen möglich erscheint, so hat sich gezeigt, dass die Entwicklung, Implementierung und Evaluation des theaterpädagogischen Interventionskonzepts als erfolgreich und effektvoll angesehen werden können“ (S. 70).

Im fünften Kapitel, dem Fazit und Ausblick, wird erneut die Bedeutung gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe vor allem für vulnerable Gruppen betont.

Diskussion

Als Theaterpädagogin, die selbst bereits mit dementiell erkrankten Menschen gearbeitet hat, ist das zwar schmale, aber doch sehr gehaltvolle Praxishandbuch für mich eine sehr bereichernde Lektüre gewesen. Ohne Erfahrungen ist es für TheaterpädagogInnen sehr schwer, in den Bereich hineinzufinden. Hier bietet der Band sehr viele wertvolle Hilfestellungen und Hintergrundwissen zum pflegewissenschaftlichen Bereich.
Für Menschen, die in der Pflege arbeiten, kann das Buch ebenfalls sehr hilfreich bei der Planung einer theaterpädagogischen Intervention sein. Es zeigt auf, wie gut die Zusammenarbeit zwischen TheaterpädagogInnen und in der Pflege Beschäftigten funktionieren kann, wenn Rollen klar verteilt sind. Auch in puncto Strukturierung ist das Buch eine große Hilfe. Es nimmt Berührungsängste und zeigt auf, wie kulturelle Teilhabe und ästhetische Momente auch dementiell erkrankten Menschen ermöglicht werden können. In meinen Augen ist diese Pilotstudie, die zahlreiche konkrete Hinweise zur Umsetzung einer ähnlich gearteten Intervention bietet, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Fazit

Eine wissenschaftlich fundierte Studie zur Bedeutung der Theaterpädagogik in pflegerischen Kontexten (mit Schwerpunkt Demenz) war längst überfällig. Die Autorinnen legen mit diesem Band nicht nur die Ergebnisse ihrer dreijährigen, interdisziplinären Forschung vor, sondern geben auch ganz konkrete Hinweise zur praktischen Umsetzung einer theaterpädagogischen Intervention mit demenziell erkrankten Menschen. Das konkrete Projekt, TiP.De (Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz), zeigt die fruchtbare Zusammenarbeit von Theaterpädagogik und Pflegewissenschaft auf und inspiriert zur Umsetzung eigener Projekte. Die Analyse der Forschungsergebnisse zeigt auf, wie erfolgreich und effektvoll theaterpädagogische Interventionen in der Pflege dementiell erkrankter Menschen sein können. Ein wichtiger Beitrag zur Zukunft in der Pflege.


Rezension von
F. Sigrid Grün
Sigrid Grün, M.A., freischaffende Künstlerin und Lehrbeauftragte, www.kultur-ostbayern.de
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Zitiervorschlag
F. Sigrid Grün. Rezension vom 25.08.2020 zu: Stefanie Seeling, Franziska Cordes, Jessica Höhn: Praxishandbuch Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6176-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26968.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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