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Babette Bürgi Wirth, Stefanie Kolb: Mila spricht!

Cover Babette Bürgi Wirth, Stefanie Kolb: Mila spricht! Ein Bilderbuch zum selektiven Mutismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 32 Seiten. ISBN 978-3-497-02947-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Wie weitverbreitet insbesondere der selektive Mutismus ist, lässt sich schon allein daran ablesen, dass mit „Mila spricht“ innerhalb von nur einem Jahr das zweite Bilderbuch zum Thema erscheint (vgl. „Karen-Susan Fessel: Selina Stummfisch“ und www.socialnet.de/rezensionen/​25622.php). So wie zu „Selina Stummfisch“ können auch zu „Mila spricht“ Online-Informationen (www.reinhardt-verlag.de/media_pdf/​onlinematerial029471.pdf) herangezogen werden, die an Eltern und Fachpersonen adressiert sind. Ansonsten sind die Unterschiede zwischen beiden Bilderbüchern beträchtlich.

Autorinnen

Babette Bürgi Wirth ist Psychotherapeutin und hat viele Kinder, die von selektivem Mutismus betroffen waren, ins Sprechen begleitet. Dabei arbeitet sie mit den Kindern in der eigenen Praxis, aber auch direkt im Kindergarten oder in der Schule, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, wie das Kind unterstützt durch seine Eltern und durch die Lehrpersonen seine Ängste überwinden kann […]“.

Stefanie Kolb hat schon als Kind leidenschaftlich gern gezeichnet und zwar am liebsten strubbelige Tiere und allerlei Menschen. Nach einem Kunststudium in Mainz und einer Ausbildung zur Computergrafikerin in Berlin illustrierte sie für verschiedene Unternehmen, Verlage, Werbe- und Filmagenturen. Heute lebt sie als freischaffende Illustratorin mit ihrer Familie nahe bei Mainz.“ (Klappentext)

Entstehungshintergrund und Aufbau

„Mila spricht“ ist im Reinhardt Verlag erschienen, der sein gutes Renommee weniger fiktionalen als vielmehr faktenorientierten und wissenschaftlichen Büchern verdankt. Eine kleine, aber sehr feine Bilderbuchreihe fokussiert sozialpädagogische Themen, so etwa Lese-Rechtschreib-Schwäche („Anna, Peter und Lund, der Rechtschreibhund“, 2011) oder das Fetale Alkoholsyndrom („FAS(D) perfekt!“, 2019).

Inhalt

Mila, die mit ihren vier oder fünf Jahren (das genaue Alter wird nicht genannt) in den Kindergarten geht, spricht nur zuhause mit ihren Eltern, ihren beiden Geschwistern und mit ihrem Teddy. Sobald sie andere Kinder oder die Erzieherin erblickt, kann sie kein Wort mehr sagen. Selbst gegenüber ihrer Patentante bleibt sie stumm. So beschließen Milas Eltern, mit ihrer Tochter Frau Fuchs aufzusuchen, weil diese schon vielen Kindern geholfen hat. Die Therapeutin gibt Mila verschiedene Aufgaben, mit denen diese ihren Aktionsradius schrittweise erweitert. Nachdem Mila zuerst Anna, dann Anna und Nora zu sich nach Hause eingeladen hat, erhält sie die Aufgabe, mit Anna auch im Kindergarten zu sprechen, und zwar dann, wenn die anderen Kinder im Raum sind. Mila macht große Fortschritte, ist mitunter auch wütend, weil sie sich nicht traut, im Morgenkreis etwas zu sagen, freut sich aber, als es ihr gelingt, beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Nachdem ein Jahr vergangen ist, spielt Mila, die bald in die Schule kommen wird, bei einer Theateraufführung einen Waldzwerg. Sie spricht und alle Anwesenden können es hören.

Diskussion

„Mila spricht!“ – wie schön, ein mutmachender Titel, der wohl in einer Oppositionsbeziehung zum Untertitel – „Ein Bilderbuch zum selektiven Mutismus“ – steht. Diesen kann man aber von vorneherein als simple Begleitinformation für die Vorlesenden ansehen. Schon allein im Titel konkretisiert sich das, worauf Babette Bürgi Wirth in ihrer Geschichte den Schwerpunkt legt: ein Mädchen, das darunter leidet, in den meisten Situationen nicht sprechen zu können, erhält professionell adäquate Hilfe. Um Milas Weg zum Sprechen außer Haus aufzuzeigen, bedarf es keiner Fachtermini und auch keiner Spekulationen über Ursachen des Schweigens. Im Mittelpunkt steht Mila mit ihren Gefühlen der Traurigkeit, manchmal der Wut und vor allem der Angst. Zu Beginn erfährt man zwar, dass Mila einen Bruder und eine Schwester hat, diese sind aber in der Folge irrelevant, denn die Autorin lässt sie nicht an Milas Stelle sprechen.

Ein erster – beklemmender – Höhepunkt des Buches besteht darin, dass Mila allein mit ihrem Teddy in einer Ecke des Spielplatzes sitzt, sie alle anderen Kinder beobachtet und sich wünscht, mit ihnen spielen, toben und reden zu können. Sehr begrüßenswert ist, dass Milas Gefühle sich sehr intensiv vermitteln, dass aber der selektive Mutismus und die damit oftmals einhergehende Isolation der Betroffenen nicht pathologisiert werden. Während Selinas Eltern in „Selina Stummfisch“ lange zögern, bevor sie mit ihrer Tochter einen Arzt aufsuchen und bis zu diesem Punkt Mutismus als tiefgreifendes Manko regelrecht zelebriert wird, geht Mila mit ihren Eltern schlichtweg zu Frau Fuchs, deren Beruf an keiner Stelle Erwähnung findet. Bei den Kindern, mit denen man liest, entstehen somit keine Irritationen, Erläuterungen sind an dieser Stelle unnötig. Sehr transparent wird indessen, wie die Therapeutin mit Mila arbeiten wird, denn sie erzählt ausführlich, „wie andere Kinder es geschafft haben“. Es ist schön zu sehen, dass Frau Fuchs in doppelter Hinsicht kokonstruktiv unterwegs ist, denn erstens lernt auch sie von den Kindern (z.B. kann sie auf Türkisch von eins bis fünf zählen) und zweitens legt sie von Anfang an Wert darauf, dass Mila mit anderen Kindern spielt, sodass sie mit ihrer Besonderheit in eine Gruppe inkludiert werden kann.

Erwachsene Leser werden bemerken, dass Frau Fuchs mit den Aufgaben, die sie Mila erteilt, einen verhaltenstherapeutischen Zugang zum selektiven Mutismus gewählt hat. Andere Methoden wären auch wenig erfolgversprechend. Mila kommt immer einen kleinen Schritt weiter voran, wobei diese Progression nicht einem idealtypischen „Friede-Freude-Eierkuchen“ gleichkommt. Die große Hürde vom Sprechen im therapeutischen Setting, dann im kleinen Kreis von Kindern zuhause, bis hin zum Sprechen im Kindergarten kann Mila nur bis zu einem gewissen Punkt überwinden. Im „Kreis“ bleibt sie stumm und sie schafft es auch nicht, das Lied mitzusingen. Im Weiteren ist die Situation beim Bäcker nicht unproblematisch, und man erfährt nicht so ganz genau, wie sich Mila im Verlauf des Jahres, bis hin zum Theaterstück, entwickelt. Vielleicht fällt ihr das Sprechen in der Rolle des Waldzwergs leichter? Vielleicht lockert das Kostüm die Zunge? Wie dem auch sein mag, die Präsentation der Mutismus-Therapie ist insgesamt sehr wertschätzend, sehr zugewandt und sehr kindgerecht.

Dieselben Adjektive lassen sich zur Charakterisierung des Textes heranziehen. Laut Klappentext ist das Buch für Kinder ab 3 Jahren geeignet; die Grenze könnte jedoch durchaus nach vorne verlegt werden, sollte die Problematik des Schweigens bereits zuvor akut werden. Lexik, Syntax und Semantik sind schlicht, aber nicht simpel gehalten. Es dominieren parataktisch angeordnete Sätze ohne Passivkonstruktionen. Aus dem Zusammenspiel der kurzen Hauptsätze resultiert eine hohe Bedeutungsdichte, so etwa ein Maximum an emotionaler Dichte in der bereits erwähnten Szene, als sich Mila abgeschottet von den anderen Kindern in eine Ecke zurückgezogen hat. Zwei Worte, „Mila denkt“, leiten einen inneren Monolog ein: „Wenn ich doch sprechen könnte! Dann könnte ich sagen, mit wem ich gerne spielen würde. Dann könnte ich erzählen, was ich erlebe. Dann könnte ich antworten, wenn Frau Klee etwas sagt.“ Und als Fazit: „Morgen bleibe ich zu Hause bei Mama. Dort geht es mir besser!“. Traditionelle Wiederholungsstrukturen, Parallelismen und Anaphern, laden in dieser ergreifenden Passage zum Mentalisieren von Milas Innenleben ein. Kinder, die selbst an selektivem Mutismus leiden, können sich mit Mila identifizieren.

Dazu tragen auch die Illustrationen von Stefanie Kolb bei, deren Figuren mit ihren großen Augen ansatzweise Mangas ähneln. Mila im Close Up schaut zu Beginn ein bisschen verloren, gleichermaßen aber sehr neugierig in die Welt hinein. Mit ihrem Teddy, den sie zu Beginn immer im Arm hält, erinnert sie an „Lena und Paul“, eine Bilderbuchreihe von Anja Rieger, die zu Beginn der 2000er Jahren viele Kinderherzen höherschlagen ließ. In „Mila spricht“ befinden sich die farbenfrohen Illustrationen immer auf der rechten Seite. Obwohl diese gänzlich ohne Text auskommt, weist das Buch keine platte Links-Rechts-Orientierung auf, weil die Bebilderung in die linke Seite hineinragt. Es bieten sich vielfältige visuelle Reize, die zur dialogischen Bilderbuchbetrachtung und zum dialogischen Lesen einladen, womit sich vielgestaltige Sprechanlässe schaffen lassen.

Wirft man einen Blick auf die Online-Materialien, so komplettieren diese den lückenlos positiven Eindruck. Selektiver Mutismus sei multifaktoriell bedingt, beruhe auf breitgefächerten und heterogenen Ursachen. Babette Bürgi Wirth legt Schwerpunkte auf die Aspekte „Selektiver Mutismus und Angst“ sowie auf den „Umgang mit schwierigen Gefühlen im Kontakt mit schweigenden Kindern“. Sie führt des Weiteren aus, was in der Therapie passiert und wie Lehrpersonen und Eltern – jeder Gruppe ist ein eigener Abschnitt gewidmet – betroffene Kinder unterstützen können.

Fazit

Babette Bürgi Wirth setzt auf die Darstellung der Ressourcen der Kinder, die vom selektiven Mutismus betroffen sind. Sie begnügt sich damit, nur kurz das Problem zu skizzieren, bevor sie dem Lösungsweg breiten Raum gibt. Mit diesem lotet sie sehr realistisch aus, was schnell funktionieren kann und was vielleicht noch Zeit braucht. In jedem Fall bereitet diese Vorgehensweise gute Laune, stimmt positiv und optimistisch.

„Mila spricht“ weist Kindern, die in manchen Situationen stumm bleiben, den Weg aus der Angst vor dem Sprechen. Im Zentrum stehen Mila und ihr Weg zum Erfolg, der auch ein bisschen steinig ist. Babette Bürgi Wirth und Stefanie Kolb haben ein rundum lebensfrohes und ästhetisch gelungenes Bilderbuch vorgelegt, das Eltern und ErzieherInnen oft und gerne zur Hand nehmen werden. Betroffene Kinder werden sich in Mila wiedererkennen, alle anderen mitfühlen. Kurzum: Mit einem Höchstmaß an Identifikations- und Empathie-Potenzial zeigt „Mila spricht“ kokonstruktive Strategien auf, die stille Kinder stärken und zum Sprechen animieren können.


Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 10.06.2020 zu: Babette Bürgi Wirth, Stefanie Kolb: Mila spricht! Ein Bilderbuch zum selektiven Mutismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-497-02947-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26993.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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