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Karen-Susan Fessel: Mamas Püschose

Cover Karen-Susan Fessel: Mamas Püschose. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-86739-184-9. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: Kids in Balance; Illustrator: Heribert Schulmeyer.
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Thema

„Kinder mit psychisch kranken Eltern“ bildet ein Megathema an der Schnittstelle von Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Sozialwissenschaften. In den letzten Jahren ist die Anzahl von Publikationen zum Thema regelrecht explodiert. In erster Linie gibt es fachwissenschaftliche Beiträge, in denen die Bedürfnisse der Kinder im Zentrum stehen und in denen es darum geht, Schutz- und Risikofaktoren von Kindern erkrankter Eltern zu identifizieren und ihre Resilienz zu fördern. Gute Beispiele dafür liefern die Standardwerke von Albert Lenz, so etwa „Kinder psychisch kranker Eltern“ aus dem Jahre 2014. Einige Bücher richten sich an die Kinder und ihre erwachsenen Bezugspersonen, zielen demzufolge darauf ab, altersgerecht zu erklären, was mit den wichtigsten Menschen in ihrem Leben geschieht – mit jenen, zu denen sie im Idealfall eine feste Bindung aufgebaut haben, die in der Krise brüchig zu werden droht. Nachdem Karen-Susan Fessel im Jahre 2018 im Bilderbuch „Nebeltage, Glitzertage“ das Thema bipolare Störungen aufgegriffen und im selben Jahr, im Duo mit Heribert Schulmeyer, den Tod einer Mutter thematisiert hat („Ein Stern namens Mama“), widmet sie sich nun – zumindest auf den ersten Blick sehr allgemein gehalten – dem Thema Psychose.

Autorin

Karen-Susan Fessel ist Schriftstellerin, lebt und arbeitet in Berlin. Seit 1994 sind mehr als dreißig Romane und Erzählungen für Kinder, Erwachsene und Jugendliche erschienen, die teils mehrfach ausgezeichnet und übersetzt wurden.

Heribert Schulmeyer hat schon viele Kinderbücher illustriert und für die „Sendung mit der Maus“ gearbeitet. Er lebt als freier Künstler in Köln. (Klappentext)

Entstehungshintergrund

„Mamas Püschose“ ist bei „kids in balance“, einem Imprint des Psychiatrie Verlags Köln, erschienen und damit Teil einer gut aufgestellten Reihe von Kinderbüchern zu psychosozialen Themen (vgl. www.balance-verlag.de/kids-in-balance).

Inhalt

Kims Mutter ist anders als sonst. Sie wird zunehmend unruhiger. Einmal kann sie überhaupt nicht mehr stillsitzen, ein anderes Mal wiederum sitzt sie sehr lange in der Küche und scheint zu lauschen. Als sich ihre Mutter auf dem Rückweg vom Einkaufen mit ihr hinter einem Auto versteckt, denkt Kim zuerst, dass dies ein Spiel sei, wird aber stutzig, als ihre Mutter gar nicht lacht. Während eines Telefongesprächs mit Tante Nina entbrennt ein heftiges Wortgefecht und danach sagt die Mutter zu Kim, dass sich alle gegen sie verschworen hätten. Mit ihrer Tochter demontiert sie sodann Handy und Festnetzgerät. Beide Geräte landen im Müll, weil die Remontage nicht funktioniert. Schließlich kommen Tante Nina, mit der sich die Mutter noch mehr streitet als am Telefon, und Kims Vater zu Besuch. In Anwesenheit des Vaters behauptet Kims Mutter, dass in den Knöpfen ihrer Strickjacke, die sie alle abschneidet und auseinandernimmt, Mikrofone installiert seien. Der Vater bringt sie zum Arzt, der sie in ein Krankenhaus einliefern lässt. Bis zur Rückkehr der Mutter wohnt Kim bei ihrem Vater. Nach dem Krankenhausaufenthalt ist fast alles wieder wie zuvor.

Diskussion

Kim lebt allein mit ihrer Mutter Eva, deren Name nur an einer Stelle, als der Vater sie anspricht, genannt wird. Schon allein dies ist ein Indiz dafür, dass nicht konkret das Individuum, die Frau Eva, sondern das Verhalten einer Mutter und vor allem die Beziehung zu ihrer Tochter im Mittelpunkt stehen. Stimmig dazu fokalisiert ein auktorialer Erzähler durchweg das kleine Mädchen, das alle Eskalationsstufen der Erkrankung hautnah miterlebt. Kim ist zuerst belustigt (beim Versteckspiel hinter den Autos), dann verunsichert (beim Auseinandernehmen der Telefone) und schließlich mehr und mehr verängstigt. Nach dem Streit mit Tante Nina versucht die Mutter zudem, Kim zu ihrer Verbündeten zu machen, indem sie ihr erklärt, dass sie sich niemals ins „Bockshorn“ jagen lassen würden. Kim versteht nicht, was ein Bockshorn ist, obwohl ihre Mutter versucht, es ihr zu erklären. Mit dem Abschneiden der Knöpfe und der Suche nach den Mikrofonen erreicht der Zustand der Mutter ihre Klimax. Kim bleibt zwar auch neugierig, sucht mit nach den Mikrofonen, ist an diesem Punkt aber maximal verunsichert und gleichermaßen erfüllt von Angst.

Der sehr gut geschilderte emotionale Ausnahmezustand wirkt auf die Hauptadressaten des Buches indessen nicht ganz so aufwühlend, weil die Handlung in medias res mit der Präsentation des stabilen Lebens mit der Mutter einsetzt. Diese kocht Kims Lieblingsgericht, Nudeln mit Tomatensoße, was sonst, und aus diesem Alltagsidyll heraus erinnert sich Kim daran, dass ihre Mutter auch einmal anders war. Es ist wieder ein Normalzustand eingekehrt, der es ermöglicht, die Erkrankung aus der Retrospektive zu betrachten. Allerdings wird nicht verschwiegen, dass sich Dinge auch geändert haben. Kims Mutter brauchte zwar nicht lange im Krankenhaus zu bleiben, bekam danach aber noch eine Zeitlang Besuch von einer Ärztin und einem Genesungsbegleiter, einem „Mann, der früher auch eine Psychose hatte“, so wie es im Buch heißt. Da Kims Mutter, so ist anzunehmen, mit Psychopharmaka medikamentiert wird, ist sie außerdem ruhiger geworden. Über das Abschneiden der Knöpfe an ihrer Jacke kann sie sich sogar mokieren. Sie näht neue an, die Kim besser gefallen als die früheren.

Sehr kindgerecht und auf rein phänomenologische Art und Weise lässt Karen-Susan Fessel mögliche Symptome einer Psychose Revue passieren. Sie skizziert Wahnvorstellungen, die man im Umkreis von Paranoia oder Schizophrenie verorten würde. Mögliche Ursachen interessieren nicht, denn diese könnten Kinder tendenziell weiter destabilisieren. Ihnen wird ohne aufdringliche Didaxe die Botschaft vermittelt, dass eine Psychose jeden, der damit zu tun hat, zwar aus dem Gleichgewicht bringt, dass sie sich aber behandeln lässt und vorübergeht. Tante Nina und der Vater bilden für Kim wertvolle Modelle für den Umgang mit Menschen mit psychotischen Störungen. Beide sind verständnisvoll, der Vater nähert sich darüber hinaus sehr liebevoll der Frau, von der er getrennt ist.

Es bleibt nicht aus, dass bei dieser Form der Darstellung die extreme Komplexität eines psychotischen Syndroms auf ein Minimum zusammenschrumpft. Aber hier heiligt der Zweck ausnahmsweise die Mittel. „Mamas Püschose“ erleichtert es Kindern ab ca. drei Jahren, psychotisches Verhalten wahrzunehmen und in ihre Weltkonstruktionen einzuordnen. Diskutieren könnte man darüber, weshalb der Begriff Psychose zu „Püschose“ verniedlicht wird, darüber, ob allein das Alter des Kindes, schätzungsweise zwischen drei und vier Jahren, eine solche Simplifizierung legitimiert.

Heribert Schulmeyers Illustrationen kommen leicht impressionistisch und skizzenhaft daher. Auf den Gesichtern der AkteurInnen zeigen sich intensive Emotionen, und darüber hinaus ist es rundum begrüßenswert, dass die Bebilderung nicht nur den Inhalt des Textes widerspiegelt, sondern zusätzliche Gimmicks parat hält: Kim ist immer in Begleitung eines rosa Plüschtiers, eine im Text niemals erwähnte Mischung aus Schwein und Nilpferd, vielleicht die Reifizierung der Erkrankung und in der Fantasie des Kindes paradox dazu eine Verlebendigung der „Püschose“. Auffällig ist ebenso, dass beim Vater nicht nur eine Katze lebt, sondern sich seine Wohnung deutlich von der mütterlichen unterscheidet. Während es im Zuhause von Kim und ihrer Mutter sehr aufgeräumt, fast schon steril ist, stapeln sich beim Vater Bücher und andere Dinge zu einem freundlichen Chaos. Solche Gegensätzlichkeiten bieten mancherlei Gesprächsanlässe für Kinder.

Regina Weis und Claudia Wiedow vom Netzwerk Stimmenhören e.V. wollen mit ihrem Nachwort „Familie“ und „Helfende“ ansprechen. Sie plädieren sehr authentisch und überzeugend für einen Umgang mit psychotischem Erleben, das auf Akzeptanz basiert. Für Kinder sei es essenziell, vergangene psychotische Ereignisse zu rekapitulieren. Sie sollten dazu ermuntert werden, alle Fragen zu stellen, die ihnen auf der Seele brennen.

Fazit

Alles in allem präsentieren Karen-Susan Fessel und Heribert Schulmeyer einen sehr behutsamen Zugang zum Thema Psychose und deviantes Verhalten. Sie geben ein nahezu brillantes Beispiel für den kindgerechten Umgang mit psychischen Erkrankungen. Der knappe, in einfacher Sprache gehaltene Text bezieht sich ausschließlich auf das beobachtbare Verhalten und blendet die Myriade möglicher Ursachen aus. Nicht zuletzt deshalb ist das Bilderbuch für Kinder ab drei Jahren und ihre Bezugspersonen hervorragend geeignet.


Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 09.06.2020 zu: Karen-Susan Fessel: Mamas Püschose. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-86739-184-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26994.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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