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Claudia Steckelberg, Barbara Thiessen (Hrsg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft

Cover Claudia Steckelberg, Barbara Thiessen (Hrsg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft. Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 290 Seiten. ISBN 978-3-8474-2408-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 21.
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Thema

Das Buch setzt sich mit verschiedenen Dimensionen des Wandels der Arbeitsgesellschaft auseinander. Die Themen Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung werden durch diverse Beiträge aus verschiedenen Perspektiven in ihrer Entwicklung und mit ihren mehrdimensionalen Auswirkungen und Herausforderungen für die Soziale Arbeit beschrieben. Zudem werden diesbezügliche Zusammenhänge geordnet und geschärft und laden zur kritischen Auseinandersetzung ein – auch im Hinblick auf weitere Themen wie Qualifikations- und Kompetenzprofile Sozialer Arbeit und ihrer Adressat*innen unter veränderten Arbeitsbedingungen.

HerausgeberInnen

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) veröffentlicht seit 2010 eine Schriftenreihe zu zentralen Themen und Fachdiskursen Sozialer Arbeit und wendet sich damit an Lehrende, Forschende, Praktiker_innen und Studierende der Sozialen Arbeit und benachbarter Disziplinen. Insgesamt widmet sich die DGSA der Förderung der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Das hier diskutierte Werk ist im Rahmen der o.g. Reihe erschienen (Band 21).[1]

Barbara Thiessen ist Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit an der HAW Landshut sowie Leiterin des Instituts Sozialer Wandel und Kohäsionsforschung und Vorsitzende der DGSA. Sie widmet sich den Schwerpunkten Gender und Care im Kontext sozialer Ungleichheitslagen und Migration, Familien und Familienpolitiken im sozialen Wandel, Partizipation und Demokratie, Professionalisierung in personenbezogenen Dienstleistungen.

Claudia Steckelberg ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Neubrandenburg und Mitglied im Vorstand der DGSA. Ihre Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf die Wohnungslosenhilfe, Gemeinwesenarbeit, Jugendsozialarbeit, junge Menschen in besonderen Lebenslagen, Prozesse von Ausgrenzung, Integration und Anerkennung, rekonstruktive Methoden in Forschung und Praxis Sozialer Arbeit, Geschlechterdimensionen Sozialer Arbeit.

Entstehungshintergrund

Der hier beschriebene Band 21 der erwähnten Schriftenreihe entstand in Folge einer in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg im Jahr 2019 in Stuttgart durchgeführten Tagung der DGSA mit gleichem Titel.

Aufbau

Das Buch enthält einleitend ein Vorwort der DGSA zur Schriftenreihe sowie folgend ein in das Thema des Buches einführende Vorwort der beiden Herausgeberinnen. Es ist in vier Teile mit mehreren Beiträgen verschiedener Autor*innen gegliedert und schließt mit einem Herausgeber_innen- und Autor_innenverzeichnis.

Inhalt

Teil 1: „Analysen und Perspektiven auf (globale) Transformationsprozesse“

  1. Brigitte Aulenbacher „Bewegte Zeiten. Über die Transformation des Kapitalismus und die Neuordnung des Sozialen“ nimmt einen Rückblick auf den Kapitalismus und wirft die Frage auf, ob ein Transformationsprozess bereits eingeleitet ist. Sie nimmt auch Bezug auf den Care- und Sozialbereich und sozialstaatliche Prinzipien wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit.
  2. Claudia Steckelberg „Soziale Arbeit in bewegten Zeiten – Zum Wandel von Arbeits- und Lebensbedingungen unter neoliberalen Vorzeichen“ knüpft an den vorherigen Beitrag an und beschreibt, wie sich unter neoliberalen Vorzeichen Soziale Arbeit entwickelt und was der (digitale) Wandel der Arbeitsgesellschaft für einen Wandel der Sozialen Arbeit selbst sowie deren Adressat*innen bedeutet. Dabei zeigt sie diverse Prekarisierungstendenzen und auch Chancen durch Digitalisierung auf.
  3. Tanja Kleibl und Ronald Lutz „Globale Ungleichheiten. Herausforderungen für eine internationale Soziale Arbeit“ beschreibt globale Zusammenhänge und Ungleichheiten und fordert, dass sich Soziale Arbeit lokal und international politisch positionieren muss, um sich ihrer Mehrfachmandatierung und Verantwortung im Kontext der Globalisierung zu stellen.
  4. Eva Fleischer „Von der Erwerbsarbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft. Wie steht es um Care in den Zukunftsmodellen von Arbeit?“ ordnet Care historisch ein, um dann diverse Lösungsmodelle aufzuzeigen im Bereich Erwerbsarbeit und solchen, die den heutigen Arbeitsbegriff erweitern. Sie plädiert für eine aktive Mitgestaltung durch Soziale Arbeit bei der diesbezüglichen Gestaltung der Zukunft.
  5. Yvonne Rubin, Sabrina Schmitt und Maik Stöckinger „Zur Prekarisierung von Care-Auswirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse auf die Übernahme(-Möglichkeiten) sorgender Tätigkeiten für ältere Personen“ stellt u.a. fest, dass sozialpolitische Maßnahmen vor allem auf familiäre Unterstützung pflegebedürftiger Personen abzielen und damit bestehende Geschlechterungleichheiten aufrechterhalten werden. Auch sie plädoyieren an die Soziale Arbeit, sich als eine Menschenrechtsprofession zu etablieren und sich politisch einzusetzen im Bereich der Altenhilfe.

Teil 2: „Lebenswelten und Lebenslagen von Adressat_innen im Kontext veränderter Erwerbsbedingungen“

  1. Silke Birgitta Gahleitner, Karsten Giertz und Vera Taube „Bindung, Beziehung und Einbettung in der globalisierten Gesellschaft ermöglichen Mikroprozesse professioneller Vertrauens- und Beziehungsarbeit mit vulnerablen Adoleszenten“ beschreibt Theorien und Konzepte professioneller Beziehungsgestaltung und drei Praxisforschungsbeispiele. Sie machen deutlich, wie die Herausforderungen in der Adoleszenz auf Basis stabiler pädagogischer und therapeutischer Beziehungkonstellationen bewältigt werden können.
  2. Ines Schell-Kiehl, Peter Gramberg und Jack de Swart „Stärkung der gesellschaftlichen Partizipation von Langzeiterwerbslosen – Eine neue Herangehensweise in den Niederlanden“ führt in den sich diesbezüglich wandelnden politischen Kontext ein und zeigt anhand einer Studie vergleichende Experimente zur besseren gesellschaftlichen Teilhabe von Langzeiterwerbslosen auf.
  3. Anja Teubert und Karin E. Sauer „Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Beeinträchtigungen im Wandel der Arbeitsgesellschaft. Ein Plädoyer für agile Sozialunternehmen (auch) zur Prävention sexualisierter Gewalt“ zeigt unter der Folie Wandel der Arbeitsgesellschaft den Zusammenhang zwischen professionellem sozialarbeiterischem Handeln, Leitungskultur in Unternehmen und Schutz vor sexualisierter Gewalt auf. Abgeschlossen wird der Beitrag mit zwei Praxisbeispielen.
  4. Ines Pick „Normalitätsvorstellungen und Lebenswirklichkeiten. Eine gesprächslinguistische Perspektive auf Aushandlungsprozesse von Normalität in Hilfeplangesprächen nach SGB XII“ beleuchtet das Thema allgemein sowie sehr konkret durch eine Auswertung von Audioaufnahmen von Hilfeplangesprächen, um abschließend wieder allgemeine Schlüsse für die Soziale Arbeit zu ziehen.
  5. Hemma Mayrhofer „Auf dem Weg zu virtuellen Role Models und Online-Streetworkern?“ beleuchtet sehr differenziert Einsatzformen digitaler Medien in der offenen Jugendarbeit und kommt zu dem Schluss, dass eine Verbindung von Online- und Offline-Elementen sehr erfolgsversprechend ist.

Teil 3: „Soziale Arbeit als Profession: Arbeitsbedingungen und Fachlichkeit im Kontext von Digitalisierung“

  1. Silke Müller-Hermann „Die Unterstützung von Professionalisierung und Professionalität – Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart und Herausforderungen für die Ausbildung“ reflektiert die Ausbildung von Sozialarbeitenden in Studium und Praxis insbesondere in Bezug auf Kompetenzen und Berufsethik und wirbt für einen stärkeren Fokus dabei auf die individuelle Professionalisierung.
  2. Sebastian Sierra Barra „Beteiligung im Zeitalter digitaler Infrastrukturen“ zeigt auf, dass das Demokratieverständnis und das Verständnis von Partizipation insgesamt neu gedacht werden müssen in Folge des digitalen Wandels und dass die Soziale Arbeit darauf reagieren sollte durch Schaffung neuer Beteiligungsmöglichkeiten.
  3. Sophie Brandt und Claudia Steckelberg „Partizipation im Spannungsfeld – Gemeinwesenarbeit und Social Media“ legt einen differenzierten Blick auf die Teilnahme und Teilhabe in, mit und an den sozialen Medien bzw. in Bezug auf weit verbreitete Social-Media-Plattformen. Zudem wird differenziert zwischen dortiger medialer und politischer Teilhabe.
  4. Michael Klassen „Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit am Beispiel des interaktiven Case Management zur Inklusion arbeitsloser junger Geflüchteter“ beschreibt den Forschungsstand zu mobilen Hilfeangeboten und verbindet diese mit sozialarbeiterischen Theorieansätzen. Zudem wird, unter Einbeziehung einer empirischen Untersuchung, die Idee eines vor allem online-basierten CM-Kompetenzzentrums aufgezeigt.
  5. Gaby Lenz und Hannah Wachter „Soziale Roboter, Soziale Arbeit und Gender“ beschreibt Erprobungsbeispiele zum Einsatz von Sozialen Robotern in Pflege und Sozialer Arbeit und zeigt diesbezügliche Perspektiven auf, unter Einbeziehung von Gender-Aspekten bei der Programmierung und Entwicklung.

Teil 4: „Bedeutung des Wandels für die Entwicklungen in Hochschule und Studium“

  1. Fabian Fritz, Julia Hille, Eva Maria Löffler, Nils Klevermann und Vera Taube „Like a Drug Gang Limbo: Lebens- und Arbeitsbedingungen 'junger' Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit. Ein Diskussionsbeitrag“ gibt einen kritischen Einblick auf die Situation in der Wissenschaft und nimmt dabei Bezug auf die Prekarität während der Qualifizierungsphase unter Einbeziehung einer empirischen Umfrage unter „jungen“ Wissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit.
  2. Beate Blank „Wandel der Curricula Sozialer Arbeit im Kontext gesellschaftlicher Transformation. Die Neuordnung der sogenannten Methodentrias – und die curricurale Verortung des Kernmandats 'Ermächtigung' ins Studienkonzept Sozialer Arbeit“ beschreibt nach einer Erörterung von Kern-Mandat und Prinzipien Sozialer Arbeit im gesellschaftlichen Wandel ein neu entwickeltes, integriertes Modulkonzept der Studienbereiche Sozialwesen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
  3. Anna-Maria Scherhag „Promotionsförderung von (Fach)Hochschulabsolvent_innen: Einsichten in Herausforderungen und Bedarfe“ beschreibt in diesem Kontext Ergebnisse einer explorativen Umfrage zum Projekt ZuGewinn und leitet daraus Forderungen und Bedarfe für die Promotionsförderung der Zielgruppe ab.

Diskussion

Das Buch hat durch die Gliederung in vier thematische Teile eine klare Struktur und zeichnet sich durch die verschiedenen Beiträge unterschiedlicher Autor*innen aus. Dadurch werden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die im Titel benannten Themen sehr differenziert beleuchtet und auch weitergeführt. Es erfolgt an vielen Stellen eine Einbettung in historische Verläufe sowie etliche für die Soziale Arbeit relevanten Theorien. Aktuelle Debatten und Entwicklungen werden ebenso aufgegriffen und es erfolgt, „wie ein roter Faden“ durch das gesamte Werk, eine Reflektion der jeweiligen Auswirkungen auf die Teilhabe und die soziale Gerechtigkeit – insgesamt, für Adressat*innen Sozialer Arbeit sowie für die Soziale Arbeit und die dort tätigen Fachkräfte selber.

Fazit

Das Werk bietet sehr interessante Verknüpfungen und Impulse für Studium, Praxis und Wissenschaft. Es richtet sich an alle politisch interessierten Personen, insbesondere aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und angrenzender Professionen und Disziplinen. Das Buch regt zu einem weiteren Diskurs auf mannigfaltigen Ebenen und Gebieten an und ruft an mehreren Stellen dazu auf, dass Soziale Arbeit sich stärker politisch einbringen und positionieren sollte in den beschriebenen Feldern – für die Profession selbst sowie für deren Adressat*innen.


[1] Die Angaben zu den Herausgeber*innen sind dem Vorwort zur Schriftenreihe sowie dem Herausgeber- und Autor*innenverzeichnisses des hier besprochenen Werks entnommen.


Rezension von
Denise Lehmann
Leitung Sozialdienst des Alfried Krupp Krankenhaus Essen-Steele
Case Managerin und Case Management-Ausbilderin (DGCC)
Lehrbeauftragte für Sozialpolitik u. -verwaltung, Studiengang Soziale Arbeit
Mitglied im Gesamtvorstand der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. (DVSG)
Homepage www.deniselehmann.com
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Zitiervorschlag
Denise Lehmann. Rezension vom 16.10.2020 zu: Claudia Steckelberg, Barbara Thiessen (Hrsg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft. Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2408-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26999.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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