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Julia Haas: "Anständige Mädchen" und "selbstbewusste Rebellinnen"

Cover Julia Haas: "Anständige Mädchen" und "selbstbewusste Rebellinnen". Aktuelle Selbstbilder identitärer Frauen. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. 284 Seiten. ISBN 978-3-944442-95-2. D: 32,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 36,00 sFr.

Reihe: Substanz.
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Thema

Die Autorin beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Frauen der extremen Rechten und für dieses Werk (bzw. die zu Grunde liegende Masterarbeit) speziell mit identitären Frauen und ihren Selbstbildern. Dazu greift sie nicht nur relevante geschlechterpolitische Begrifflichkeiten und aktuellste Erkenntnisse zu extrem rechten Frauen auf, sondern bringt diese beiden Perspektiven produktiv und anschaulich mit den Mitteln der Wissensoziologischen Diskursanalyse zusammen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Julia Haas ist Soziologin und Mitarbeiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen. Das Buch ist zunächst als Masterarbeit (Gutachterin Prof. Silke van Dyk) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden und wurde schließlich im Verlag Marta Press veröffentlicht.

Die Autorin geht der Frage nach den Selbstbildern identitärer Frauen sowie deren Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zu den Selbstbildern anderer rechten Frauen und identitärer Aktivistinnen genau auf den Grund.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert. Eine Danksagung der Autorin, zwei Vorwörter (von Professorin Silke van Dyk und von Professorin Renate Bitzan) sowie der Anhang mit dem Verzeichnis der Aktivistinnen und Projekte und dem umfangreichen Literaturverzeichnis runden das Werk ab.

Das erste Kapitel umfasst die Einleitung, in welcher die Autorin mit konkreten Zitaten gut verständlich und zielgerichtet ins Thema einsteigt. Neben einer Einbettung der Arbeit in die aktuelle Forschungsdiskussion gibt die Einleitung einen Überblick zum Aufbau des Werkes und stellt einmal mehr die Forschungsfragen in den Mittelpunkt.

Im zweiten Kapitel widmet sich Julia Haas der kompakten „Erläuterung zu verwendeten Begriffen und Konzepten“. Auf der einen Seite grenzt sie das von ihr angewandte Verständnis der „Extremen Rechten“ ab. Auf der anderen Seite skizziert sie relevante geschlechterpolitische Begrifflichkeiten. Das ist darum besonders wichtig, da sich die identitären Frauen eben dieser Begrifflichkeiten in verschiedenster Weise bedienen.

Das Kapitel drei umfasst die Ergebnisse der bisherigen Forschung zu extrem rechten Frauen, der Neuen Rechten und dem geschlechterpolitischen Denken der Identitären. Damit gibt Julia Haas einen Überblick zu vergangenen, für das aktuelle Interesse relevanten, Forschungsergebnissen und ordnet abschließend ihre eigenen Forschungsaktivitäten ein. Gleich mehrere Seiten widmet sie dem Grundlagenwerk von Renate Bitzan (2000), rezipiert sie jedoch nicht nur kommentarlos, sondern argumentiert wo sie den Befunden aus 2000 folgt und wo nicht. Frauen und Männer werden nach dem Modell der Geschlechterpolarität als „gleichwertig, jedoch nicht gleichrangig“ gesehen, da jedes Geschlecht spezifische gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen habe. Dass Antisexismus nicht mit Feminismus gleichzusetzen ist, dieser Befund konnte von Haas ebenfalls aus der Literatur übernommen werden. In den letzten beiden Abschnitten dieses Kapitels geht die Autorin sehr konkret auf die Neue Rechte und die Identitären sowie deren geschlechterpolitisches Denken ein. „Das Geschlechterbild der Identitären geht von einer binären Ordnung aus, der Existenz eines weiblichen und eines männlichen Geschlechts, die komplementär zueinander konzipiert sind und eine gegenseitige Anziehungskraft ausüben.“ (S 57) Die Grundlagen aus diesem Abschnitt sind wichtig, um die im empirischen Teil des Werkes erarbeiteten Selbstbilder einordnen zu können.

„Methodologie und methodische Anlage“ erläutert Julia Haas im vierten Kapitel ihres Buches. Die Analyse der Daten (Selbst-Darstellung von identitären Frauen in Social-Media-Kanälen, auf einschlägigen Homepages und Zeitschriften) erfolgt nach dem Zugang der Wissenssoziolgischen Diskursanalyse (Reiner Keller). Das Methodenkapitel ist sehr knapp gehalten, die Autorin nützt es vor allem um darzulegen, wie Social-Media-Kanäle von den beobachteten Gruppen zur rechten Propaganda genutzt werden und welches Material sie konkreter analysiert hat.

Kapitel fünf umfasst mit knapp 100 von 270 Seiten den Hauptteil der Arbeit: die Darstellung der Ergebnisse in Form einer „Positionen Analyse“.

Welches Bild zeichnen die Aktivistinnen der Identitären von sich selbst? Thematisch nach sieben Oberthemen geclustert erarbeitet Julia Haas eine Beobachtungs- und Analysestruktur, die, losgelöst von den konkreten Beispielen, ein umfassendes Bild ergibt und Grundlage für die von ihr vorgenommene Analyse darstellt. Die sieben Bereiche sind folgende:

  1. Geschlechterverhältnis
  2. Vorstellungen von Beziehung und Liebe
  3. Weiblichkeit
  4. Mutterschaft
  5. Zu/in der Bewegung
  6. Feminismus
  7. Sexismus/​sexualisierte Gewalt

Die betrachteten Aktivistinnen weisen ein starkes heteronormatives Weltbild auf. Die Hinweise auf die biologischen, also „natürlichen“ Unterschiede zwischen Männern und Frauen dienen als Legitimation für starre Rollenbilder. Sie sehen traditionelle Beziehungen zwischen Frauen und Männern in Gefahr und damit auch die Funktion von Frauen ihre Mutterrolle zu erfüllen gefährdet. Traditionelle Werte müssen wieder in den Vordergrund treten, um Liebes- und Beziehungsideale im Sinne der völkischen Ideologie zu retten.

Die Analysen zum Thema „Weiblichkeit“ (Abschnitt 5.3) sind sehr differenziert und aus Sicht der Rezensentin besonders aufschlussreich. Selbstbewusste Weiblichkeit bedeutet für die identitären Aktivistinnen einen selbstischeren Umgang mit dem eigenen Erscheinungsbild und der Betonung des eigenen Intellekts (vgl. S 94). Die vorgestellten Frauen erlebt die Leserin sehr persönlich und in gewisser Weise im Konflikt mit den Erwartungen an sie und ihren Selbstbildern.

Mutterschaft gehört zum Selbstbild der identitären Aktivistinnen unweigerlich dazu. Um die Mutterrolle gut ausfüllen zu können, ist es legitim mehrere Jahre beruflich eine Pause einzulegen und die eigenen Ziele als Frau hinten an zu stellen. Eng in Zusammenhang mit der Mutterrolle tritt das Konzept in Erscheinung, dass Frauen eine „unsichtbare“ Macht haben: Frauen hätten es ja in der Hand, durch Erziehung ihrer Kinder oder auch die Verweigerung der Fortpflanzung Gesellschaft zu gestalten. Dafür müssen sie nicht in sichtbar mächtige Positionen kommen.

Feminismus wird von den identitären Aktivistinnen nicht pauschal abgelehnt, die Beobachtungen in dieser Kategorie weisen eine sehr große Bandbreite auf. „Die differenten Positionen (2) zu Feminismus bewegen sich zwischen klar antifeministischen und andererseits vermeintlich frauenrechtlerischen Positionen.“ (S 115) Feminismus wird in mehreren Wellen dargestellt, wobei der „Dritte-Welle-Feminismus“ kritisch und problematisch gesehen wird. Heute herrsche eine „feministische Raume Nimmersatt“ vor, die nie genug bekomme und mit dem Ziel der Gleichmachung der Geschlechter Frauen schade. Feminismus wird dort positiv gesehen, wo er auf kulturell bedingte Gewalt gegen Frauen hinweist (z.B. Genitalbeschneidung). Dieses Muster setzt sich auch im Abschnitt zur Sexualisierten Gewalt fort. Denn Gewalt gegen Frauen wird als Problem dargestellt, welches durch Migration importiert wäre. Darüber hinaus wird von den Identitären mit einer Täter-Opfer-Umkehr argumentiert.

In Kapitel sechs nimmt Julia Haas einen Exkurs vor. Sie stellt auf 20 Seiten Ellen Kositza und Birgit Kelle als theoretische Impulsgeberinnen der identitären Aktivistinnen vor und zieht Verbindungslinien zwischen dem Datenmaterial und Aussagen der beiden Autorinnen.

Dem Konzept der „wehrhaften Feminität“ widmet die Autorin des besprochenen Werks das analytische Kapitel sieben. Wehrhafte Feminität ist die Schlüsselkategorie und Ergebnis der Datenanalyse. Darin steckt einerseits ein häufiger Rückbezug auf Weiblichkeit und andererseits eine Wehrhaftigkeit der identitären Frauen um „typisch weibliche Eigenschaften“ zu verteidigen. Dabei verwenden sie weniger die als männlich angesehene Mittel wie „Straßenkampf“ sondern die verbale Provokation. Selbstbewusstsein, Stärke und Widerständigkeit werden von den identitären Aktivistinnen bei gleichzeitiger Betonung ihrer Weiblichkeit (identitätsstiftend!) vertreten.

Die Forschungsfrage nach einem möglichen einheitlichen Selbstbild von identitären Frauen beantwortet Haas abschließend mit drei Formen von Weiblichkeiten:

  1. Konservative Weiblichkeit – das anständige Mädchen
  2. Rebellische Weiblichkeit – die selbstbewusste Rebellin
  3. Moderne Weiblichkeit – die angepasste Unterstützerin

Im Text reiht sie die beobachteten Aktivistinnen in diese drei Kategorien ein und untermauert ihre Argumentation mit entsprechenden Beispielen und Rückgriffe auf die vorherige Analyse.

Mit dem achten Kapitel als zusammenfassende Diskussion und dem Ausblick in Kapitel neun rundet die Autorin ihr Werk ab. Pluralisierte Weiblichkeitsvorstellungen stellen eine Strategie der identitären Frauen dar, die sich wohl auch aus der eigenen Sozialisation der Aktivistinnen begründet. Diese vielfältigen Selbstbilder sind nicht als neues Phänomen zu sehen, beinhalten jedoch neue Elemente und Legitimationsstrategien, wie Julia Haas abschließend noch einmal anführt. Diese Strategien können mit folgenden Begriffen zusammengefasst werden: Überbetonung der eigenen Weiblichkeit; Argumentation eines „Ausnahmezustandes“; Schmälerung der eigenen intellektuellen Fähigkeiten; Verschiebung auf ein zweites „Spielfeld“; Betonung der eigenen Mutterschaft; Anrufung einer „soldatischen Männlichkeit“.

Die Angriffe der identitären Frauen auf „den Feminismus“ stellen für Vertreterinnen und Vertreter der feministischen Forschung und Praxis eine besondere Herausforderung dar. Julia Haas fordert demnach abschließend einen selbstkritischen Reflexionsprozess feministischer Strukturen, um Versuche rechter Frauen Feminismuskritik für ihre eigenen rassistischen Zwecke zu nutzen zu entlarven und proaktiv Antworten geben zu können.

Diskussion

Das vorliegende Buch analysiert aktuelle Selbstbilder identitärer Frauen. Die Autorin untersucht als Datenmaterial Social-Media-Auftritte von identitären Aktivistinnen sowie andere Kanäle wie Homepages oder Zeitschriften der Identitären. Neben der fundierten Literaturanalyse, in die sie ihre Studie einreiht, bietet Julia Haas eine Analyse der Argumente der Identitären und Einordnung dieser in deren Quellen. Dieses Vorgehen bietet einen umfassenden Einblick, nicht nur in die durch die Studie sichtbar gemachten Selbstbilder, sondern vor allem auch in die wesentlichsten inhaltlichen Bezugsgrößen.

Das Buch kennzeichnet sich technisch vor allem durch einen exzellenten Umgang mit den Erfordernissen der Struktur. Als Leserin behält man stets den Überblick, findet sich an jeder Stelle gut orientiert im Roten Faden wieder und wird durch die Autorin gekonnt von einem Abschnitt zum nächsten geleitet.

Fazit

Julia Haas erarbeitet mit ihrem Buch tiefgreifende Einblicke in die Selbstbilder identitärer Frauen. Sie zeigt nicht nur Einzelbeispiele auf, sondern vollzieht den wichtigen Analyseschritt hin zum Konzept der „wehrhaften Feminität“. Die Autorin zeichnet drei Formen von Weiblichkeiten, die das Selbstbild von identitären Frauen prägen: Konservative Weiblichkeit, rebellische Weiblichkeit sowie moderne Weiblichkeit. Feminismus wird von identitären Frauen als „Raupe Nimmersatt“ dargestellt, wohingegen die beobachtete Gruppe davon ausgeht, dass Frauen und Männer bereits heute in ihrer Differenz gleichwertig sind. Das Buch basiert auf einer qualitativen Studie, die nach der Wissensoziolgischen Diskursanalyse durchgeführt wurde. Es richtet sich nicht spezifisch an eine Zielgruppe, appelliert jedoch abschließend an „die feministische Forschung und Praxis“. Das Werk ist sehr ansprechend und mit vielen konkreten Beispielen und einem stringenten roten Faden so aufgebaut, dass es für ein breites Publikum geeignet ist.


Rezension von
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 28.09.2020 zu: Julia Haas: "Anständige Mädchen" und "selbstbewusste Rebellinnen". Aktuelle Selbstbilder identitärer Frauen. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-944442-95-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27002.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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