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Hyam Maccoby, Peter Gorenflos (Hrsg.): Der Antisemitismus und die Moderne

Cover Hyam Maccoby, Peter Gorenflos (Hrsg.): Der Antisemitismus und die Moderne. Die Wiederkehr des alten Hasses. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2020. 248 Seiten. ISBN 978-3-95565-349-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Was wäre wenn…?

Die Denk- und Handlungsvorgänge, wie sie Menschen in ihrer Geschichte und Gegenwart vollziehen, ankern grundlegend in dem Dilemma, dass die in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in der Präambel postulierte Überzeugung nur schwer umgesetzt werden kann: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. So stellt sich – dialektisch und ethisch – immer wieder die Frage: Wie würde die individuelle und kollektive, lokale und globale Geschichte der Menschheit verlaufen, gelänge es, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Dann nämlich gäbe es keine Feindschaft zwischen Menschen, keinen Zivilisationsbruch und keinen Hass; dann käme kein Ideologe auf die Idee, die faschistischen, nationalsozialistischen, rassistischen Verbrechen als „Vogelschiss der Geschichte“ zu bezeichnen.

Entstehungshintergrund und Autor

Der Antisemitismus, als uraltes Vorurteil gegen eine Volks- und Glaubensgruppe, hat mehrere Ursprünge: religiöse, soziale, gesellschaftliche, politische, ideologische. In der Moderne, wie die aktuelle Entwicklung gerne als aufgeklärte, humane Menschenzeit verstanden werden will, zeigt sich das Dilemma, dass scheinbar unausrottbare Stereotypen erneut wirksam werden und an Bedeutung gewinnen, die sich gegen die Aufgeklärtheit der Menschen richten. „Wie kommt es, dass zwar der christliche mittelalterliche Antisemitismus sehr viel bösartiger war als die islamische Variante, sich aber in der modernen Welt die Rollen umgekehrt haben und sogar die derzeitigen Formen der Propaganda…, vom Christentum unverändert in die islamische Welt übertragen worden sind?“. Diese Frage stellte sich der am Londoner Leo Baeck Collage und an der Universität in Leeds tätige Talmudphilologe Hyam Maccoby (1924 – 2004) immer wieder in seinen Werken und Forschungen. Mit der Studie „Antisemitism and Modernity“ widmet er sich der Frage, warum und wie der alte Hass sich so lange halten konnte und neu und immer wieder aufbricht. Mit der Frage – „Was wäre wenn…?“ – nämlich wenn die Geschichte des Christentums und der ideologischen Machtentwicklung in der Welt nicht den bekannten, konfrontativen Touch des Ursprungs und der Gegnerschaft zwischen den Juden und dem Christen hergehalten, sondern die abendländische Identifikation sich darauf besonnen und eingestellt hätte, dass die Weltanschauung in den antiken, griechischen wurzelte? Der Berliner und Leipziger Hentrich & Hentrich-Verlag publiziert Literatur zum christlich-jüdischen Dialog, setzt sich mit sachkundigen Publikationen gegen das Vergessen der vielfältigen Zivilisationsbrüche ein, veröffentlicht kulturelle und historische, jüdische und interkulturelle Werke, bezieht Position zu den aktuellen jüdisch-palästinensisch-islamischen Konflikten und dem lokalen und globalen Migrationsdiskurs. Bedeutsam, weil ehrlich und aufgeklärt, stellt sich dabei die Frage, wie es möglich ist, dass der Antisemitismus zwar im Laufe der Geschichte seine äußeren Formen und Argumentationen ändert, ohne seine ideologische, menschenfeindliche Substanz zu verändern. Maccoby macht in seiner Studie von vornherein deutlich, dass die Auseinandersetzungen mit den Ursachen und Auswirkungen des Antisemitismus nicht parteiisch und wirklichkeitsblind geführt werden dürfen: „Antisemitismus sollte streng abgegrenzt werden von legitimer Kritik an der Politik der jeweiligen Regierung von Israel“. Im Vorwort zur ersten, deutschsprachigen Herausgabe von Maccobys Buch über Antisemitismus in der Moderne verweist Cynthia Maccoby darauf: „Es gibt keinen säuberlichen Bruch zwischen mittelalterlichem religiösem Judenhass und modernen rassistischen Antisemitismus“.

Inhalt

Hyam Maccoby gliedert seine Analyse über den immerwährenden Antisemitismus, neben dem Vorwort des Herausgebers des Buches, Peter Gorenflos, in vier Teile. Im ersten Teil werden die historischen Hintergründe und ideologischen Begründungen und Rechtfertigungen zum Antisemitismus thematisiert; im zweiten schlägt Maccoby den Bogen „von der Theologie zur Philosophie“, indem er die verschiedenen geschichtlichen Stationen am Beispiel der Argumentationen und Äußerungen von Zeitgenossen: Luther, Voltaire, Marx, Nietzsche. Im dritten Teil werden die Mythen und Fantasien über die Juden im kulturellen Kontext verdeutlicht. Und im vierten Teil wird der Zivilisationsbruch und das Verbrechen der Faschisten und Nationalsozialisten beim Holocaust herausgestellt, und es werden Antworten angedeutet, wie in einer pluralistischen, interdependent und entgrenzter entwickelnden (Einen?) Welt antisemitisches, menschenfeindliches und –verachtendes Denken und Handeln überwunden werden könne.

Die aktuellen, ego-, ethnozentristischen, rassistischen und populistischen lokalen und globalen Einstellungen setzen darauf, dass die Menschen Geschichtsvergessenheit entwickeln, wenn es darum geht, menschenverachtende Entwicklungen zu ignorieren oder zu relativieren. Weil aber Geschichte menschengemacht ist, kommt es immer wieder darauf an, intellektuell, wissenschaftlich, alltäglich, mit den historischen und aktuellen Formen des Menschenhasses auseinanderzusetzen. Wenn Bertolt Brecht vor achtzig Jahren in dem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturio Ui“ den Satz formulierte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, gibt die derzeitige Entwicklung in der Welt Anlass, diese Analyse erneut und eindringlich zu formulieren. Es sind Machtpositionen und Meinungsmanipulationen, die aus der ursprünglich religiösen Kontroverse eine individuelle und kollektive Weltanschauung gemacht haben. Damit aber wird „der Andere“, wenn er nicht willens und fähig ist, „so zu werden wie ich“, zum Feind und zum Unmenschen, der jederzeit und ohne Skrupel missachtet und beseitigt werden kann.

Fazit

In der gesellschaftlichen Diskrepanz wird deutlich – historisch und aktuell – dass vom humanen Denken und Handeln abweichendes, extremes, menschenfeindliches Bewusstsein nicht in den Genen der Menschen liegt; vielmehr ist es menschengemacht, und es wird immer wieder ideologisch begründet. Es zu erkennen, braucht es objektive Information und Argumentation. So bleibt auch hier die Herausforderung, sich darum zu bemühen, die Menschen zu motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen (Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Es gilt, den gemeinschaftszerstörenden Hass zu überwinden. Hyam Maccoby trägt mit seiner Studie „Der Antisemitismus und die Moderne“ dazu bei!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.11.2020 zu: Hyam Maccoby, Peter Gorenflos (Hrsg.): Der Antisemitismus und die Moderne. Die Wiederkehr des alten Hasses. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-95565-349-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27010.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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