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Eike Rösch: Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld

Cover Eike Rösch: Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld. Impulse für ein theoretisches Konzept. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 172 Seiten. ISBN 978-3-7799-3943-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Eike Rösch ist Dozent für Medienbildung und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Das Buch ist seine Dissertationsschrift an der Universität Leipzig.

Der Autor beschreibt in der Einleitung seine Motivation, die sich aus Beobachtungen in seiner beruflichen Tätigkeit als Medienpädagoge in der Jugendarbeit entwickelte. Er nahm wahr, „dass die Lebenswelt der Jugendlichen sich stark verändert, während Jugendarbeiter_innen häufig interessiert, aber auch oft zögerlich auf die Präsenz von Medien im Alltag von Jugendlichen reagieren“ (S.10). Er folgert, dass es hilfreich ist, „Jugendarbeiter_innen Ansatzpunkte für die Praxis zur Verfügung zu stellen, damit sie Jugendliche in ihrem von Medien geprägten Aufwachsen lebensweltnah unterstützen können“ (S.10).

Thema und Aufbau

Ziel des Buches soll es daher sein eine theoretische Basis für die Jugendarbeit zu entwickeln, die es ermöglicht „die Angebote der Praxis der Jugendarbeit so zu gestalten, dass Jugendliche, die in einer mediatisierten Gesellschaft aufwachsen, in ihrer Sozialisation begleitet werden können“ (S. 14).

Um dieses Ziel zu erreichen, beschreibt und analysiert Eike Rösch zunächst theoretische und empirische Perspektiven auf die aktuelle, mediatisierte jugendliche Lebenswelt und der Sozialisationsbedingungen (Kap. 2). Daran anschließend überprüft er, ob und welche theoretischen Konzepte von Jugendarbeit für eine Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld anknüpfungsfähig sind (Kap. 3). Als dritten Schritt legt Eike Rösch weitere Konzepte vor, die den vorherigen als Erweiterungen dienen sollen (Kap. 4). Im abschließenden fünften Kapitel stellt er auf Basis der vorherigen Ausführungen theoretische Überlegungen an, wie Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld aussehen könnte.

Inhalt

Einleitung

Die Gesellschaft sei zunehmend mediatisiert, also von Medien und der Kommunikation mit Medien durchdrungen. In der Lebenswelt von Jugendlichen zeige sich die Mediatisierung auf vielfache Weise in der täglichen Kommunikation. Ihr Alltagshandeln sei von Mediatisierung durchdrungen und damit auch für ihre Sozialisation bedeutsam. Auch die Jugendarbeit werde an mehreren Stellen von der Mediatisierung berührt (institutionelle Gegebenheiten, professionelles Handeln) sowie auf Grund einer sozialräumlichen Perspektive auf Medien.

In der Einleitung stellt Eike Rösch deshalb zunächst kritisch fest, dass es zwar viele Praxiskonzepte zu einer Integration von Medien in die Jugendarbeitspraxis gebe, dass sich jedoch nur wenige grundsätzliche Überlegungen dazu finden lassen. Vielfach werde die Medienpädagogik als zusätzliches Handlungsfeld angeführt, anstatt in bestehende Konzepte der Jugendarbeit integriert zu werden. Eine konzeptionelle Entwicklung 'von innen heraus' sei deshalb dringend erforderlich.

Jugend in einer mediatisierten Lebenswelt – theoretische und empirische Zugänge

Eike Rösch beleuchtet die Konzepte von Sozialisation, Aneignung und Jugend aus verschiedenen Perspektiven sowie anschließend Einflussfaktoren auf jugendliches Aufwachsen (Peers und Medien). Er hält zusammenfassend fest, „dass Jugendliche angesichts von Individualisierung weiterhin an vielen Stellen innerhalb ihrer Identitätsbildung auf sich selbst zurückgeworfen sind. Vor diesem Hintergrund sind Peers, Gleichaltrigengruppen sowie Medien eine bedeutende Unterstützungsfunktion. Auch darüber hinaus ist Mediatisierung im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Veränderung ein umfassendes, grundsätzliches Phänomen, das weite Bereiche von Sozialisation betrifft“ (S.59).

Jugendarbeit und Medien: eine theoretische Bestandsaufnahme

Nach einer Darlegung der rechtlichen Grundlagen und Leitlinien von Jugendarbeit analysiert Eike Rösch emanzipatorische, antikapitalistische und sozialräumliche Konzepte der Jugendarbeit hinsichtlich ihrer Anknüpfungsfähigkeit für weitere Überlegungen zu Medien. Er identifiziert das Konzept der sozialräumlichen Jugendarbeit als geeignet, da es an die Herausforderungen anknüpft, „die sich für Jugendliche im Sozialisationsprozess aus Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft ergeben“ (S. 88). Zudem werde darin ein pädagogischer Ansatz formuliert, bei dem Medien bzw. der Aktiven Medienarbeit auch pädagogisches Potenzial eröffnet wird.

Theoretische Erweiterungen

Der 4. Teil der Arbeit ist zweigeteilt:

  • Zunächst beschäftigt sich Eike Rösch eingehender mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Er nimmt Materialität und Netzwerkkonzepte in den Blick, betrachtet politische, ökonomische und kulturelle Aspekte und stellt die Frage nach dem Raumcharakter von Medien. Er hält diesbezüglich fest, dass Soziale Netzwerke, asymmetrische Machterfahrungen, Hierarchien der Orte, Commons und Selbermachen, Referenzialität und Gemeinschaftlichkeit teil von Aneignungsprozessen sein können (vgl. S. 138) und dass eine sozialräumliche Jugendarbeit die Möglichkeit habe „diese Phänomene der jugendlichen Lebenswelt durch Reflexion zum Thema zu machen und Jugendlichen damit die Möglichkeit zu Handlungsalternativen zu geben“ (S.138).
  • Am Ende des Kapitels stellt Eike Rösch mit der virtuell-aufsuchenden Jugend(sozial)arbeit nach Bollig (2009) und der virealen Sozialraumaneignung nach Ketter (2014) vorhandene pädagogische Konzepte vor, die Medien in der Jugendarbeit sozialräumlich begründen. Die aktive Medienarbeit als Methode bietet laut Eike Rösch „durch Handlungsorientierung, den Aneignungsbezug und die Lebensweltorientierung viele Anknüpfungspunkte für sozialräumliche Jugendarbeit“ (S.138).

Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld

Bevor Eike Rösch zu seinem Theoriekonzept kommt, fasst er (a) nochmals die „Lebenswirklichkeit der jugendlichen Subjekte vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens“ (S.139) zusammen und nimmt (b) nochmals eine Zielbestimmung vor. Das Theoriekonzept basiert auf den Ansatzpunkten der Pädagogik des Jugendraums (Böhnisch/Münchmeier 1993).

  1. Begleitung des Aneignungsprozesses mit Blick auf die Eröffnung von Möglichkeitsbereichen der Situation und Reflexion der Aneignung: Der Autor sieht auch angesichts der Mediatisierung der jugendlichen Lebenswelt Möglichkeiten, „den Aneignungsprozess durch Reflexion zu öffnen“, Themenkerne und Möglichkeitsbereiche bewusst zu machen, thematische Räume zu eröffnen und den Außenhorizont zu erweitern (vgl. S.145).
  2. Beeinflussung der Räumlichkeit: Eike Rösch geht von einem relationalen Raumkonzept aus, weshalb das „Vermitteln und zur Verfügungstellen von anregungsreichen Räumen“ nicht mehr genüge und entsprechend erweitert werden müsse (vgl. S. 127). Eine Weiterentwicklung umfasst dem Autor zu folge (a) die Begleitung der Sozialraumkonstitution, die selbst als Aneignung zu verstehen ist, (b) die Erschließung von (Handlungs-)Möglichkeiten und Freiräumen, (c) die Begleitung sozialisatorischer Lernprozesse, wie des sozialen Handelns und der Identitätsarbeit (vgl. S. 147f.). Insbesondere die Methode der aktiven Medienarbeit lasse sich Eike Rösch zu folge gut integrieren.

Die Arbeit schließt mit Empfehlungen und Impulsen für die Praxis und der Benennung von Desiderata.

Fazit

Wenngleich das Buch von Beobachtungen in der Praxis motiviert wurde und auch an einigen Stellen Praxisbezüge und Empfehlungen enthält, halte ich es jedoch auf Grund der großen Theorieanteile vorwiegend für Lesende aus wissenschaftlichen Kontexten geeignet.

Eike Rösch gelingt es mit seiner Arbeit, ein breites Spektrum an theoretischen Konzepten zu verknüpfen und ein gutes Theoriefundament für eine Jugendarbeit in mediatisierten Kontexten zu entwickeln. Er bringt dafür bewährte Theorien der sozialräumlichen Jugendarbeit und insbesondere der sozialräumlichen Aneignung mit neuen Raum- und Netzwerkkonzepten zusammen.

Conclusion

Although the book was motivated by observations in practice and also contains some practical references and recommendations, I consider it primarily suitable for readers from scientific contexts.

With his work, Eike Rösch succeeds in linking a broad spectrum of theoretical concepts and developing a good theoretical foundation for youth work in mediatized contexts. To this end, he brings together proven theories of socio-spatial youth work and especially of socio-spatial appropriation with new concepts of space and networks.


Rezension von
Dipl.-Soz.päd./arb. (FH) Daniela Cornelia Stix
Daniela Cornelia Stix, Diplom-Sozialpäd./-arb. (FH), Medienwissenschaftlerin (Master of Arts) ist Lehrkraft für besondere Aufgaben für Medienpädagogik und Mediendidaktik im Studiengang Intermedia an der Universität zu Köln. Sie promovierte zum pädagogischen Einsatz von Social-Media-Plattformen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit
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Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 20.07.2020 zu: Eike Rösch: Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld. Impulse für ein theoretisches Konzept. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3943-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27011.php, Datum des Zugriffs 07.08.2020.


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