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Eva Dresbach, Manfred Döpfner: Gleichaltrigenprobleme im Jugendalter

Cover Eva Dresbach, Manfred Döpfner: Gleichaltrigenprobleme im Jugendalter. SELBST – Therapieprogramm für Jugendliche mit Selbstwert-, Leistungs- und Beziehungsstörungen, Band 3. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2020. 222 Seiten. ISBN 978-3-8017-2234-0. 59,95 EUR, CH: 75,00 sFr.

Reihe: Therapeutische Praxis.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Behandlungsmanual „Gleichaltrigenprobleme im Jugendalter“ ist der dritte Band der Reihe SELBST – Ein Therapieprogramm für Jugendliche mit Selbstwert-, Leistungs- und Beziehungsstörungen. Die Reihe geht auf den Selbstmanagementtherapie-Ansatz nach Frederic Kanfer (1990) zurück und wurde entwickelt, um dessen erfolgreichen Therapieansatz für die Behandlung von Jugendlichen anzupassen. Die Reihe umfasst aktuell bereits den Einführungsband „Grundlagen der Selbstmanagementtherapie“ (Walter et al., 2007) und „Leistungsprobleme im Jugendalter“ (Walter & Döpfner, 2009). Geplant und in Arbeit seien lt. Angaben der Autor:innen noch die Bände „Familienprobleme im Jugendalter“ (Rademacher & Döpfner, in Vorb.) und „Selbstwertprobleme im Jugendalter“ (Schreiter & Döpfner, in Vorb.). Mit ihnen soll die Reihe abgeschlossen werden.

Autor:innen

Eva Dresbach ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, praktizierend eigener Praxis. Zudem ist sie als Dozentin, Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin für Therapeut:innen in Ausbildung beim AKiP Köln aktiv. Ein therapeutischer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf schematherapeutischen Ansätzen.

Prof. Dr. Manfred Döpfner, ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Seit 1989 arbeitet er an der Uni Köln, zunächst als Leitender Psychologe an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln und seit 1999 als Professor für Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ebenfalls seit 1999 ist er Leiter des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie AKiP an der Universität Köln. Von 2000 – 2009 wa er Wissenschaftlicher Leiter des Instituts Köln der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie, mittlerweile fokussiert sich seine Arbeit auf das AKiP und die Forschung.

Aufbau und Inhalt

Das Manual ist – wie auch die anderen Bände der Reihe – in drei Kapitel gegliedert:

1. Das Therapieprogramm SELBST

Hier wird eine Übersicht über das Gesamtprogramm SELBST, also die bereits oben genannten publizierten und noch ausstehenden Bände, geliefert. Dieser gut 50-seitige Abschnitt fasst die zugrundeliegenden theoretischen Konzeptionen des Selbstmanagementtherapieansatzes nach Kanfer, Reinecker und Schmelzer (1990), die Inhalte der Bände und das Anliegen des Programmes in seiner Gänze zusammen. Zudem wird in die Thematik des vorliegenden Bandes eingeführt. Basierend auf diesen theoretischen Grundlagen werden Indikationen für das Programm und andere Interventionsformen erläutert. Anschließend folgt ein Überblick über das Programm in seiner Gänze, sowie seine Anwendung bei unterschiedlichen Diagnosen des Kindes- und Jugendalters. Denn dies ist ein zentrales Kennzeichen der Selbstmanagementtherapie: Sie wurde basierend auf den umfassend durch Klaus Grawe (1999) erforschten Wirksamkeitsmechanismen der Psychotherapie als integrative Therapieform zur störungsübergreifenden Anwendung entwickelt. Es folgen noch Studienergebnisse zur Wirksamkeit des Programms sowie Empfehlungen zu Diagnostik und Beziehungsgestaltung.

2. Therapiemanual SELBST-Gleichaltrigenprobleme

Dieses Kapitel ist mit 130 Seiten am umfassendsten und enthält das Manual in Gänze mit sämtlichen Arbeitsmaterialien. Diese wurden zudem – wie bei allen Bänden der Reihe – auch zum Ausdrucken auf CD-Rom mitgeliefert. Entsprechen der Vorlage von Kanfer wird die Therapie in die sieben Phasen des Selbstmanagementtherapieansatzes unterteilt:

  • Phase 1: Screening der Eingangsbeschwerden, Beziehungsaufbau und Informationsvermittlung.
  • Phase 2: Multimodale Diagnostik – Erfassung individueller Probleme und Kompetenzen sowie von Problemen und Kompetenzen sowie von Belastungen und Ressourcen im Umfeld
  • Phase 3: Problemanalyse und Erarbeitung eines Störungskonzeptes
  • Phase 4: Zielanalyse, Stärkung der Änderungsmotivation, Interventionsplanung
  • Phase 5: Durchführung der Interventionen
  • Phase 6: Zwischenevaluation und Zielerreichung
  • Phase 7: Stabilisierung und Rückfallprävention

Insbesondere die ersten vier Phasen kennzeichnen die hohe Wirksamkeit des Selbstmanagmenttherapieansatzes, der durch umfassende Motivationsarbeit zum späteren Therapieerfolg beiträgt. Da auf das Konzept bereits in der Rezension zu Band 1 (https://www.socialnet.de/rezensionen/5096.php) umfassend eingegangen wurde, werden hier nochmal die konkreten Interventionen in Phase 5 eingegangen. Die Autor:innen haben für das Thema Gleichaltrigenprobleme sieben Therapiebausteine entwickelt, die individuell für die zu therapierende Person zusammengestellt werden können:

Baustein 1: Soziale Informationsverarbeitung und soziales Selbstbild

Baustein 2: Kognitionen Jugendlicher [sic!]

Baustein 3: Kognitionen Eltern

Baustein 4: Emotionsregulation

Baustein 5: Soziales Problemlösen und soziale Fertigkeiten

Baustein 6: Verstärkerbedingungen Eltern (fehlt im Inhaltsverzeichnis)

Baustein 7: Soziale Verstärkerbedingungen und Neuplatzierung

Insgesamt eignet sich das Manual sowohl zur Behandlung von externalisierenden (z.B. ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, etc.) als auch internalisierenden Störungsbildern (Depression, soziale Phobie, etc.).

3. Fallbeispiel

Wie bei allen Bänden der Reihe wird auch dieser durch ein Fallbeispiel, ein 15jähriges Mädchen mit moderater sozialer Phobie, abgerundet. Anhand dieses Fallbeispiels wird das therapeutische Vorgehen und die Anwendung der einzelnen Arbeitsblätter anschaulich erläutert.

Diskussion

Wie einleitend bereits beschrieben, handelt es sich hierbei um den mittlerweile dritten Band der Reihe. Die ersten beiden wurden auf socialnet bereits rezensiert und ausgesprochen positiv bewertet (https://www.socialnet.de/rezensionen/5096.php & https://www.socialnet.de/rezensionen/7403.php). Bereits in der Rezension zu Band 1 heißt es „Die dargestellten Grundlagen (…) lassen im Leser Vorfreude auf die restlichen Interventionsbausteine wachsen“. Und hier zeigt sich auch schon das Hauptproblem: Einerseits wird mit jeder Veröffentlichung deutlicher, dass die Bände jeweils sorgfältiger ausgearbeitet und konzipiert werden, andererseits ziehen sich die Veröffentlichungen immer weiter in die Länge. Der erste Band wurde in 2007 veröffentlicht, Band 2 erschien dann zwei Jahre später in 2009 und der vorliegende dritte Band erschien in 2020. Inhaltlich hat sich das Warten gelohnt: Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden finden sich hier mittlerweile moderne psychotherapeutische Interventionen, die der sogenannten „Dritten Welle“ der Verhaltenstherapie zugeordnet werden können. Der diesbezügliche Schwerpunkt liegt auf der Schematherapie, Interventionen aus der Akzeptanz- & Commitment-Therapie (ACT) finden sich jedoch auch. Die ersten beiden Bände konzentrierten sich hingegen noch auf einen klassischen (kognitiv-) verhaltenstherapeutischen Ansatz. Quasi in einem Nebensatz wird meines Erachtens nach eine sehr wichtige Grundhaltung dieses Therapieansatzes verdeutlicht: So schreiben die Autor:innen auf Seite 102: „Entwickeln Sie mit dem Jugendlichen (…) eine Haltung, die auf den Prozess fokussiert ist, weniger auf Ergebnisse.“ Eine derartige Schwerpunktsetzung macht deutlich, wie sich die klassische Verhaltenstherapie inzwischen weiterentwickelt hat. Dies gilt für die Verhaltenstherapie insgesamt, jedoch auch für das hier bearbeitete Thema der Gleichaltrigenprobleme: Diese wurden in der Vergangenheit häufig im Sinne eines (sozialen) Kompetenzdefizits bewertet und entsprechend mittels sozialer Kompetenztrainings vor allem in Gruppen behandelt. Ein derartiges Vorgehen ist durchaus wirksam, oft jedoch nicht ausreichend. In derartigen Fällen ist häufig eine ergänzende Einzeltherapie erforderlich. Bislang erfolgte diese häufig relativ unstrukturiert. SELBST 3 bietet diesbezüglich ein theoretisch hervorragend konzipiertes und manualisiertes evidenzbasiertes Vorgehen. 

Sollte der oben kritisierte Publikationsrhythmus beibehalten werden, so wäre rein rechnerisch mit Band 3 in 2040 und dem abschließenden vierten Band in 2100 zu rechnen. Da jedoch (wie bereits zuvor) immer wieder auf die noch ausstehenden Bände Bezug genommen wird, bleibt zu hoffen, dass diese parallel erstellt und veröffentlich werden, sodass ich sie auch noch erleben und in meiner praktischen Tätigkeit genauso gewinnbringend nutzen kann, wie die bisherigen Bände. Zudem lässt die Homepage der Autor:innen diesbezüglich hoffen: Auf ihr sind die letzten beiden Bände für die Jahre 2021 und 2022 angekündigt. Die Publikation des vorliegenden Bands war jedoch ursprünglich auch deutlich früher geplant.

Fazit

Die Programmreihe SELBST stellt die modernste verhaltenstherapeutische Umsetzung eines hochwirksamen Ansatzes – der Selbstmanagementtherapie nach Frederic Kanfer – dar, die es derzeit für die Therapie von Jugendlichen gibt. Sie ist störungsübergreifend anwendbar und für spezielle Anwendungsbereiche (Selbstwert-, Leistungs,– & Beziehungsstörungen) konzipiert, wobei sämtliche Bände gemeinsam und sich ergänzend genutzt werden können und sollen. Da sich die angekündigte Publikation mittlerweile über einen Zeitraum von 14 Jahren zieht, sind sie leider nur eingeschränkt (auf die jeweiligen Bereiche) nutzbar. Ein entsprechend strafferer Publikationsrhythmus wäre wünschenswert.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlicheverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 13.09.2021 zu: Eva Dresbach, Manfred Döpfner: Gleichaltrigenprobleme im Jugendalter. SELBST – Therapieprogramm für Jugendliche mit Selbstwert-, Leistungs- und Beziehungsstörungen, Band 3. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-8017-2234-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27013.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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