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Christian Schmahl, Christian Stiglmayr: Selbstverletzung

Cover Christian Schmahl, Christian Stiglmayr: Selbstverletzung. Hogrefe (Bern) 2020. 109 Seiten. ISBN 978-3-8017-2751-2. 19,95 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Fortschritte der Psychotherapie - 77.
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Thema

Dieses Fachbuch erörtert die diversen Aspekte des Phänomens Nichtsuizidale Selbstverletzung bei jungen Menschen und Erwachsenen, wobei vor allem die Behandlung und therapeutische Möglichkeiten im Mittelpunkt stehen.

Autoren

Prof. Dr. med. Christian Schmahl hat Humanmedizin studiert, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg und an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ist dort Ärztlicher Direktor seit 2015 und seit 2013 Professor für Experimentelle Psychopathologie an der Universität Heidelberg.

PD Dr. Christian Stiglmayr hat Psychologie studiert, war an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg sowie an der Freien Universität Berlin wissenschaftlicher Mitarbeiter, gründete die Arbeitsgemeinschaft für Wissenschaftliche Psychotherapie und ist approbierter Psychologischer Psychotherapeut. Seit seiner Habilitation in 2010 ist er Privatdozent an der Humboldt Universität Berlin. Außerdem ist er als Supervisor und Lehrtherapeut für Verhaltenstherapie tätig.

Entstehungshintergrund

Dies ist der 77. Band der Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“, welche von Prof. Dr. Martin Hautzinger, Prof Dr. Tania Lincoln, Prof. Dr. Jürgen Margraf, Prof. Dr. Winfried Rief und Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier herausgegeben wird. Diese Reihe bietet Psychologischen und Ärztlichen Psychotherapeuten, Klinischen Psychologen und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie eine kompakte Wissensbasis für ihre praxisorientierte Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Aufbau

Dieser Band ist eingeteilt in 10 Kapitel, die sich mit der Störungsbeschreibung, den Theorien und Störungsmodellen, der Diagnostik und Indikation sowie vor allem der Behandlung und therapeutischen Möglichkeiten bei Nichtsuizidalem Selbstverletzendem Verhalten befassen. Außerdem gibt es ein kürzeres Kapitel, welches die Evaluation und wissenschaftliche Evidenz thematisiert. Ein Fallbeispiel, weiterführende Literatur, Kompetenzziele und Prüfungsfragen sowie ein kleiner Anhang schließen das Buch ab.

Inhalt

In diesem Fachbuch geht es um unterschiedliche Aspekte des Nichtsuizidalen Selbstverletzenden Verhaltens (NSSV). Nach einem kurzen Vorwort wird die Störung im 1. Kapitel definiert und zu anderen Störungsbildern abgegrenzt. Zudem wird auch versucht, das NSSV hinsichtlich „normalem Adoleszenten-Verhalten“ und als klinische Diagnose klar zu umschreiben. Hierbei ist es sehr hilfreich, dass die Kriterien für Nichtsuizidale Selbstverletzungen nach DSM-5 ausführlich dargestellt werden. Wie sich NSSV als Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) verstehen lässt, wird in einem eigenen Abschnitt erklärt, wie NSSV bei dissoziativen Störungen, bei affektiven Störungen oder auch bei Schizophrenie auftritt und einzuordnen ist. Außerdem werden hier noch epidemiologische Zahlen eingebracht.

Im 2. Kapitel stehen diverse Theorien und Modelle im Mittelpunkt. Diese sind vor allem Psychologische Theorien (lerntheoretische Modelle, wie z.B. Klassische Konditionierung, positive und negative Verstärkung, Bindung) und Neurobiologische Theorien (Schmerzverarbeitung, neurochemische Veränderungen, das Endogene Opioid- System, das Hypothalamus- Hypophysen-Nebennierenrinden-System). Zudem werden Befunde aus der experimentellen Psychopathologie kurz vorgestellt.

Im kurzen 3. Kapitel werden Risikofaktoren, ein integratives Modell sowie die Konsequenzen für die Psychotherapie beschrieben. So sei „NSSV als eine Kombination aus dysfunktionaler Emotionsregulation und Vermeidungsverhalten“ (S. 21) zu verstehen. Dies veranschaulicht auch eine passende Graphik. Im Abschnitt Diagnostik und Indikation wird zunächst noch einmal darauf hingewiesen, wie bedeutsam eine klare Diagnostik und Einschätzung bezüglich der klinischen Relevanz des NSSV ist. Es werden ausgesprochen praxisrelevante Hinweise zur Eigen- und Fremdanamnese gegeben, bedeutsame Punkte zur Körperuntersuchung beschrieben, psychometrische Instrumente aufgelistet und schließlich noch die Struktur einer Verhaltensanalyse aufgeführt.

Das 4. Kapitel ist dann das seitenstärkste und bezieht für die Behandlung die diversen therapeutischen Möglichkeiten ein. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), weil hierfür die meisten Wirksamkeitsnachweise zur Behandlung von Personen mit NSSV vorlägen. Hervorragend ist hier der Abschnitt zu den therapeutischen Grundhaltungen, welche auch wertvoll für pädagogische Berufsgruppen sein kann. Die Darlegung einer Therapiestruktur ist zwar detailreich; dafür aber auch ausgesprochen gut für ein sorgsames Verständnis für die Wirkungsweisen in einer Therapie. Die Vorbereitungsphase einer Therapie, das Einholen einer Nicht-Suizid-Verpflichtung, Therapiephasen, Behandlungsbausteine, die Inhalte eines Fertigkeitentrainings, das Telefoncoaching sowie therapeutische Strategien und Beziehungsgestaltungen werden vorgestellt. Welche diversen Schwierigkeiten in einer Therapie auftreten können, wird auf sieben Seiten dargelegt, ehe (zu) kurz auf die Pharmakotherapie bei NSSV Bezug genommen wird. Welche Therapieformen wie funktionieren und evident sind, wird auf fünf Seiten gut übersichtlich beschrieben.

Mit einem prägnanten, kurzen Fallbeispiel einer jungen erwachsenen Frau schließen die Ausführungen ab, bevor auf sieben Seiten (weiterführende) Fachliteratur aufgeführt wird und in einem letzten Abschnitt für die Lektüre des Buches Kompetenzziele sowie ein paar Prüfungsfragen und -antworten dargestellt werden. Der Anhang ist ausgesprochen stark und ermöglicht es, diverse Listen und Ankreuzverfahren zu nutzen. Außerdem wird ein Behandlungsvertrag und ein Wochenprotokoll präsentiert.Eine im Nachsatzblatt platzierte, gelbunterlegte Karte bietet noch einmal für den praktischen Einsatz einen „Fragenkatalog zur Erhebung der Anamnese bei Vorliegen von NSSV“.

Diskussion

Das Buch ist sehr komprimiert aufgemacht und bietet einen guten Überblick über die unterschiedlichen Aspekte der Nichtsuizidalen Selbstverletzendem Verhalten (NSSV) und lässt sich sowohl auf junge Menschen als auch auf Erwachsene übertragen. Die Ausrichtung des Buches ist vor allem auf therapeutisch tätige Personen angelegt. Daher sind die vielen Hinweise zur Durchführung einer Therapie ausgesprochen hilfreich. Insbesondere die Dialogbeispiele sind sehr wertvoll und wirken ungemein authentisch. Das Buch ist fachlich fundiert sehr gut auf die Umsetzung in der konkreten Praxis angelegt. Bei der Literaturliste sind grundlegende und vor allem auch aktuelle Titel enthalten. Die Bedeutung differenzialdiagnostischer Vorgehensweisen ist hier klar beschrieben. Auch wenn der Fokus insgesamt auf Therapie und Behandlung ausgelegt ist, so werden doch viele Pädagogen/​-innen, Sozialarbeiter/​-innen und Pflegekräfte von den Ausführungen und Darlegungen profitieren können. Denn durch die klare Beschreibung von Therapieinhalten, -dialogen und -prozessen ist es möglich, sich auch besser hineinzudenken, was beispielsweise nach Akutsituationen auf lange Sicht hin passiert.

Fazit

Im Gesamten ist dieses Buch ein komprimiertes, wissenschaftliches Werk, das den schmalen Grat zwischen Wissenschaftlichkeit und Hilfe für pädagogische bzw. psychologische Fachkräfte sorgfältig zu beschreiten versteht. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen des NSSV ist zwar manches Mal stark zusammengefasst; zugleich hat man hierdurch auch einen sehr guten Überblick. Wer in Therapie oder im psychiatrischen Setting, aber auch im erzieherischen Bereich mit Menschen mit NSSV zu tun hat, wird erfreut sein über die klaren, aktuellen Informationen, die hervorragenden Dialogbeispiele sowie die Diagnostik- bzw. Behandlungsinstrumentarien. Ein gutes Fundament für eine umfassende Auseinandersetzung mit einem nicht immer ganz leicht zu ertragenden Phänomen bzw. hiervon betroffenen Menschen!


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 12.11.2020 zu: Christian Schmahl, Christian Stiglmayr: Selbstverletzung. Hogrefe (Bern) 2020. ISBN 978-3-8017-2751-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27014.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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