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Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

Cover Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser Berlin (Berlin) 2020. 206 Seiten. ISBN 978-3-446-26595-0. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Die poststrukturalistische Ansicht, dass Sprache Realität nicht nur beschreibt, sondern auch durch Benennungen und Kategorisierungen erschafft, bildet den Ausgangspunkt für „Sprache und Sein“. In Zusammenhang mit dem Erstarken rechter und menschenfeindlicher Positionen in der Gesellschaft ist auch die Sprache als Medium populistischer Akteure in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Debatten gerückt. Die „Grenzen des Sagbaren“, die „Verrohung der Sprache“ und gewalttätiges Handeln als Folge gewaltvoller Sprache sind Gegenstand der Diskussionen. Gümüşay geht in „Sprache und Sein“ der Frage nach, wie unsere Sprache unser Denken prägt und welchen Einfluss sie auf unsere Politik hat. Sie thematisiert dabei sprachliche Praxen, durch die einzelne Personen ihrer Individualität beraubt werden, Macht ausgeübt und Denken eingeschränkt wird. Aus Sicht einer Frau muslimischen Glaubens, die in der Öffentlichkeit steht, reflektiert die Autorin unsere Sprache und deren Wirkung und stellt Überlegungen dazu an, wie kommuniziert werden kann, ohne dass Menschen dabei auf Kategorien reduziert werden.

Autorin

Die Politikwissenschaftlerin Kübra Gümüşay ist Autorin, Journalistin, Rednerin und Aktivistin. Sie beschäftigt sich mit den Themen Netzkultur, Sprache, Politik, Feminismus und Rassismus. Als Kind einer deutsch-türkischen Familie ist Gümüşay zweisprachig aufgewachsen und spricht nach mehrjährigem Aufenthalt in England nun drei Sprachen fließend. Das Wechseln zwischen verschiedenen Sprachwelten und die Erfahrungen von Sprachlosigkeit und sprachlichen Einschränkungen sind Gründe für Gümüşays analytische Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung von Sprache und Realität.

Entstehungshintergrund

Gümüşay schreibt „Sprache und Sein“ in einer Zeit, in der gesellschaftliche Polarisierung und hasserfüllte Diskurse das Klima in Deutschland mitprägen. Nach langjähriger Erfahrung als Journalistin und Aktivistin, die in öffentlichen Debatten oft als Repräsentantin „der muslimischen Frau“ Stellung beziehen sollte, schreibt die Autorin ein Buch, um ihre Erlebnisse zu reflektieren und Denkanstöße für eine neue Kultur des miteinander Sprechens zu geben.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende Kapitel:

  • Die Macht der Sprache
  • Zwischen den Sprachen
  • Die Lücke ist politisch
  • Individualität als Privileg
  • Wissen ohne Wert
  • Die intellektuelle Putzfrau
  • Die Agenda der Rechten
  • Der Absolutheitsglaube
  • Frei sprechen
  • Ein neues Sprechen

Gefolgt von „Dank“ und „Nachweise und Anmerkungen“.

Inhalt

Die Macht der Sprache

Anhand von Beispielen aus unterschiedlichen Sprachwelten zeigt die Autorin auf, wie Sprache unsere Wahrnehmung der Welt prägt. Gibt es für einen Zustand, ein Gefühl, einen Gegenstand eine Bezeichnung, so wird durch die Benennungen von diesen Realität erschaffen. Gibt es hingegen kein Wort dafür, werden Zustände, Gefühle und Gegenstände unsichtbar, so Gümüşay. Als Beispiele nennt sieetwa das japanische Wort komorebi (Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert), das türkische Wort gurbet (kann am ehesten als „ein Leben in der Fremde“ übersetzt werden) oder auch Zahlenangaben (bei den Pirahã beispielsweise werden Mengen in drei Kategorien angegeben: eins, zwei oder viele). Gerade bei scheinbar universellen Kategorien wie Zahlen, Zeit oder Orientierungspunkten wird durch den Blick in andere Sprachen nicht nur deutlich, dass sprachliche Bezeichnungen unsere Realität bestimmen, sondern auch, wie selbstverständlich und scheinbar natürlich uns unsere eigene Sprache erscheint. Die exkludierenden Auswirkungen geschlechterungerechter Sprache zeigen paradigmatisch, dass auch Menschen selbst in ihrer Bedeutung durch Sprache konstruiert werden. Die Autorin plädiert daher für eine Reflexion der gestaltenden Macht der Sprache und deren Nutzung als Werkzeug, um menschlicher zu sprechen.

Zwischen den Sprachen

Gümüşay ist zweisprachig in Deutschland aufgewachsen. Sie beschreibt eine Mauer, die bei mehrsprachigen Menschen zwischen der Muttersprache und dem Deutschen (als erlernter oder zweiter Muttersprache) besteht. Gerade, wenn die zweite Muttersprache keine „Prestigesprache“ wie beispielsweise Französisch ist, wird sie oft problematisiert und als Hindernis gesehen. Dies steht in direktem Zusammenhang damit, dass auch die Herkunft aus bestimmten Ländern als Defizit wahrgenommen wird. Obwohl das Deutsche genauso die Sprache dieser zweisprachigen Menschen ist, werden diese in ihr als Fremde bezeichnet und nicht als Mitgestalter*innen. Gümüşay plädiert dafür, dass sich Menschen mit Migrationsgeschichte das Deutsche ebenfalls zu eigen machen und es bearbeiten, nicht als Objekte der Sprache, sondern als gestaltende Subjekte.

Die Lücke ist politisch

Mit Lücke meint die Autorin die Lücke zwischen Sprache und Welt. Hier wird die Wechselwirkung zwischen Macht und Sprache im politischen Sinne deutlich, konstatiert Gümüşay. Wer benennt und seine Perspektive zur dominanten macht, hat Macht. Und gleichzeitig kann nur wer Macht hat, benennen und seine Perspektive etablieren. Gümüşay vergleicht Sprache zur Verdeutlichung mit einem Museum, in dem es zwei Gruppen von Menschen gibt:die Unbenannten und die Benannten. Unbenannte (oder auch Benennende) sind die, die Macht haben, andere benennen und die Ausstellung kuratieren. Sie sind die, deren Existenz die Norm darstellt und nicht hinterfragt wird. Benannte werden von den Unbenannten analysiert und kategorisiert. Die Benannten werden in Glaskäfige gestellt, bekommen einen Kollektivnamen (bspw. „Ausländer“, „Homosexuelle“, „Muslime“) und werden mit Eigenschaften und Merkmalen versehen definiert. Diese Kollektivierung stellt eine Entmenschlichung dar. Die Handlungen Einzelner aus diesem konstruierten Kollektiv werden stehts als repräsentativ für die Gruppe gedeutet. Während Handlungen der Unbenannten als individuell interpretiert und bewertet werden, handeln die andern stets als Vertreter*innen einer Kategorie. Die Autorin führt hier das Beispiel der Berichterstattung über Verbrechen auf: Hat der Täter einen Migrationshintergrund, so wird die Herkunft diskutiert und vermeintliche kulturelle Prägung problematisiert. Ist der Täter weiß und Deutscher, so liegt das Augenmerk auf möglichen psychischen Erkrankungen. Da die dominante Perspektive der Benennenden so wirkmächtig ist, wird sie zuweilen selbst von den Benannten übernommen, so die Autorin.

Individualität als Privileg

Mitglied der Gruppe der Benannten zu sein, bedeutet immer auch als Repräsentant*in des Kollektivs wahrgenommen zu werden. Das Privileg individuell und auch mal „unsichtbar“ sein zu können, bekommt man als Benannte*r nicht. Die Autorin Gümüşay, dieals Vertreterin „der muslimischen Frau“ zu einer in den letzten Jahren besonders inspizierten Kategorie zählt, erlebt den Kampf um Individualität tagtäglich. Egal um welches Thema es geht, sie wird dazu immer als Frau mit Kopftuch gehört. Sie bekommt nicht die Möglichkeit, Stellung als Individuum, als Kübra Gümüşay zu beziehen, sondern stets als muslimische, kopftuchtragende Frau, die dann entweder die Eigenschaften der konstruierten Kategorie bestätigt oder davon abweicht.

Wissen ohne Wert

Nicht nur prägen und reproduzieren die Benennenden mit ihren Kategorisierungen der Benannten ihr „Wissen“ über diese. Die Stereotype haben auch Einfluss auf das eigene Selbstbild und Verhalten der Benannten, konstatiert die Autorin. Fremdbilder, also die dominierenden Bilder, die von einem konstruierten Kollektiv bestehen, definieren die Grenzen des Seins des*der Einzelnen. Von Menschen muslimischen Glaubens, die als Repräsentant*innen des Islams wahrgenommen werden, wird erwartet, dass sie Stellung zu Vorkommnissen in muslimischen Ländern und negativen Vorurteilen gegenüber „dem“ Islam beziehen und Expert*innen für theologische Fragen sind. Um dem gerecht zu werden, eignen sich Muslim*innen als Reaktion oft dieses Wissen an und entwerfen als Gegennarrativ ein Kollektiv „der“ Muslim*innen, das friedlich und positiv konnotiert ist. Auf Mitgliedern eines Kollektivs lastet oft ein großer Druck, Vorurteile zu widerlegen und das Bild zu korrigieren. Die Autorin, die lange selbst den Kampf gegen das Bild der muslimischen, unemanzipierten, unterdrückten Frau geführt hat, wünscht den Einzelnen individuell zu sein und sich nicht von Kollektiven beeinflussen zu lassen. Weder indem man sich fügt noch indem man es als Aufgabe ansieht, die Kategorien ständig widerlegen zu müssen.

Die intellektuelle Putzfrau

Gümüşay berichtet von dem Druck, der auf ihr lastet, öffentlich als Repräsentant*in des Islams gesehen zu werden. In öffentlichen Debatten findet sie sich oft in der Rolle der „intellektuellen Putzfrau“ wieder, die Zahlen und Fakten im Gespräch nach pauschalisierenden Beiträgen beisteuert und hinterherträgt. Sie kritisiert, dass zum Beispiel in Talkshows immer wieder die gleichen scheinbar unvereinbaren, absoluten Positionen zur Diskussion gestellt und die Diskutant*innen in stereotype Rollen gedrängt werden, ohne an ihrer differenzierten Meinung interessiert zu sein. Es sollte nicht Aufgabe der Talkshowdiskutant*innen sein, Lügen und Manipulation zu benennen und von Meinungen zu unterscheiden, sondern die von Journalist*innen und Moderator*innen. Sonst passiert es, dass etwa Rassismus zu einer von verschiedenen Meinungen/​Positionen in einer Diskussionsrunde wird, auf die lediglich mit einer Gegenmeinung reagiert werden kann. Wird aber Rassismus zu einer diskutablen Meinung, verschieben sich damit die Grenzen des Sagbaren und das hat reale Konsequenzen für die Betroffenen und die ganze Gesellschaft.

Die Agenda der Rechten

Die Autorin erlebt mit Besorgnis, dass Rechte immer stärker bestimmen, worüber und wie gesprochen wird. Einen begünstigenden Faktor dafür sieht Gümüşay im Internet. Kommentare im Internet machen den Hass der Kommentierenden für alle, nicht nur für die Betroffenen, sichtbar. Zudem bleiben sie dauerhaft öffentlich und wenige Personen, die hasserfüllt kommentieren dominieren Kommentarspalten und suggerieren eine Mehrheit. Durch die Logik des Internets entsteht eine verzerrte Wahrnehmung davon was „normal“ ist. Menschenfeindliche Positionen werden auch dadurch salonfähig, dass ausgiebig auf sie reagiert wird. Die paradoxe Situation ist die, dass die Rechten die Agenda bestimmen und wir uns damit beschäftigen, darauf reagieren und sie durch das Einladen zu Diskussionen zu Vertreter*innen legitimer Meinungen adeln. Wörter aus rechten Kreisen, wie „Gutmensch“ werden in den allgemeinen Diskurs übernommen und führen zur Perspektivübernahme der Rechten. Durch das Einlassen von Parteien und Öffentlichkeit auf rechte Themen und das ständige Reagieren, werden wirklich relevante Fragen vernachlässigt. Um das Dilemma aufzulösen, wie man Rechten entgegentreten kann, ohne sie zu stärken, schlägt Gümüşay vor, die Folgen ihrer Worte zu benennen, ihre Strategien zu entlarven und deren Logik und Sprache nicht zu übernehmen.

Der Absolutheitsglaube

Das Konstruieren von Kategorien ist menschlich und unvermeidbar und hilft, sich in einer komplexen Welt zu bewegen. Gefährlich sind Kategorien dann, wenn sie mit dem Absolutheitsglauben einhergehen, dass die eigene Perspektive universell ist und die Kategorien abschließend verstanden werden. Deshalb ist es wichtig zu reflektieren, dass es eine „Architektur des Seins“ gibt, die manche Personen systematisch bevorzugt und andere benachteiligt.

Frei sprechen

Die Entmenschlichung anderer durch verrohte Sprache, Kategorisierungen und Unsichtbarmachen des Einzelnen ermöglicht es erst zu hassen. Wie kann jemand als Mensch, als Individuum (nicht Vertreter*in der Kategorie) frei sprechen? Die Autorin hat selbst keine abschließende Antwort, gibt aber Denkanstöße. Voraussetzung ist, dass in einem Gespräch die Existenzberechtigung der Beteiligten nicht zur Diskussion steht. Freies Sprechen bedeutet nicht in die Repräsentationsrolle zu rutschen bzw. gedrängt zu werden oder sich ständig zu erklären. Es bedeutet, sich von der dominanten Sprache zu befreien. Die Vision, dass alle frei sprechen und frei sein können, lässt sich nur durch Handlungen und Veränderungen von Vielen durchsetzen. Es geht darum, nicht eine neue dominante Perspektive zu etablieren, sondern das Facettenreichtum an Perspektiven, Lebenswelten und Individuen aufzuzeigen und zu Wort kommen zu lassen: In Medien, im Privaten, in der Politik. Frei sprechen und frei sein kann man in einer Welt, in der alle Perspektiven gleichberechtigt sind, keine*r einen Absolutheitsanspruch erhebt und die Begrenztheit der eigenen Perspektive reflektiert wird.

Ein neues Sprechen

Wenn wir auch in Zukunft in einer pluralen Gesellschaft leben möchten, müssen Minderheiten mit Ihren Potenzialen und Problemen ernst genommen werden. Probleme wie Diskriminierung sind gesamtgesellschaftliche Probleme und müssen auch auf dieser Ebene gelöst werden. Damit wir uns dem Zustand der Gleichheit und der Diskriminierungsfreiheit annähern, muss ein kultureller Wandel stattfinden. Eine Veränderung passiert nicht einfach, sondern muss schrittweise gemeinsam gedacht, besprochen und ausprobiert werden. Ein erster Schritt (nicht der Wandel selbst) kann sein, Personen aus marginalisierten Gruppen in Rollen und Ämter in der Mitte der Gesellschaft zu lassen. Ist das konstruktive gemeinsame Denken das Ziel, muss es erlaubt sein, auch nur auf Probleme hinzuweisen, ohne eine Lösung zu haben und seine Meinung selbst weiterzuentwickeln. Dafür ist eine Abkehr von der Logik des Gewinnens oder Verlierens in Diskussionen notwendig. Auch Talkshows und öffentliche Debatten sollten so gestaltet sein, dass gemeinsamer Raum zum Denken entsteht und ein gemeinsamer Sinnstiftungsprozess ermöglicht wird. Nicht, dass scheinbar absolute, unvereinbare Positionen gegenübergestellt werden. Über Sachverhalte, die die Menschlichkeit in Frage stellen, müssen Sender keine Talkrunden veranstalten und damit die Agenda der Rechten befolgen. Das bedeutet nicht, dass nicht unterschiedliche Meinungen und Kritik erlaubt sind, sondern dass die Menschlichkeit nicht in Frage gestellt wird. Die Autorin sieht in ihrem Buch „Sprache und Sein“ einen Beitrag für die Suche nach einer Sprache und Kultur des Sprechens, in der alle gleichwertig existieren können. Sie möchte Anreize geben, die Macht und Architektur der Sprache zu reflektieren, Ungerechtigkeit und die eigene Begrenztheit zu erkennen, damit jede*r eine gleichberechtigte, freie Gesellschaft mitgestalten kann.

Diskussion

Kübra Gümüşay gelingt mit „Sprache und Sein“ durch ihren anekdotischen und bildreichen Schreibstil ein Buch, das leicht zu lesen ist und auch ein breites Publikum anspricht. Die Autorin schildert ihre eigenen Erfahrungen und lässt Menschen zu Wort kommen, die aus der Perspektive der „Benannten“ berichten. So können auch Leser*innen, die selbst bisher keine Erfahrungen als Betroffene mit ausschließender, entmenschlichender Sprachkultur gemacht haben, einen Eindruck von der Alltagsrealität sprachlich und gesellschaftlich marginalisierter Gruppen bekommen. Die Autorin, die in ihrem Buch die Kategorisierung von Menschen problematisiert, kann der Logik der Kategorienbildung aber selbst nicht entkommen. So konstruiert sie in „Sprache und Sein“ etwa zwei Gruppen: Die Unbenannten und die Benannten. Um das Phänomen der machtvollen Wirkung von Sprache und die ungleiche Verteilung von Definitionsmacht und Redeanteilen in einer populärwissenschaftlichen Veröffentlichung deutlich zu machen, ist dieses Bild aber sicher hilfreich.

„Sprache und Sein“ liefert für alle, die in Zeiten von Polarisierung und verrohter Sprache für eine gleichberechtigte und plurale Gesellschaft einstehen wollen, einen klugen, anschaulichen und inspirierenden Denkanstoß über Sprachpraxen und Kommunikationskulturen. Auch Menschen, die im sozialen Bereich tätig sind, können bei der Lektüre eigene Bilder von konstruierten Kollektiven reflektieren. Denn auch bei Aktivitäten, die die Unterstützung von Menschen zum Ziel haben, können Kategorisierungen (der Flüchtling“, „die Drogensüchtige“, „der Obdachlose) Individuen entmenschlichen und durch Zuschreibungen in ihrer Handlungs- und Ausdrucksfähigkeit beschränken. Die Autorin regt durch ihre Erfahrungen und Überlegungen zur Reflexion dieser Mechanismen an. Das ist der erste Schritt, um sie zu bewusst zu vermeiden und gezielt Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sonst selten als Individuen gehört werden. Eine repräsentative Perspektivenvielfalt in öffentlichen Debatten ist nicht nur bereichernd für den Diskurs, sondern grundlegend für eine demokratische, plurale Gesellschaft. In Sprache und Sein wird deutlich, dass die Bemühungen darum nicht nur auf einer gesellschaftlichen Ebene stattfinden müssen, sondern im alltäglichen Sprechen und Handeln jedes*r Einzelnen.

Fazit

Das Sachbuch „Sprache und Sein“ spricht eine breite Leserschaft an und gibt Denkanstöße zur Reflexion eigener und gesellschaftlicher Sprachpraxen. Kübra Gümüşay geht den Fragen nach, wie unsere Sprache unser Denken prägt, welchen Einfluss sie auf unsere Politik hat und wie wir zu einer positiven Kommunikationskultur kommen können. In anekdotischem, bildreichen Schreibstil schildert die Autorin eigene Erfahrungen und stellt Überlegungen zur machtvollen Wirkung von Sprache an. Sie problematisiert, dass Menschen durch sprachliche Kategorisierungen ihrer Individualität beraubt werden und dass der gesellschaftliche Diskurs zu stark von Rechten geprägt wird. Sie gibt Anregungen, aber keine abschließenden Lösungen für eine neue gemeinsame Kommunikationskultur, in der alle Mitglieder der Gesellschaft gleichberechtigt als Individuen zu Wort kommen und niemand durch Sprache eingeschränkt oder diskriminiert wird. Auch wenn die Autorin selbst nicht ohne Kategorienbildung auskommt, so leistet sie mit ihrem Buch dennoch einen wertvollen Beitrag zur Thematisierung von Ungleichheit, Machtstrukturen und Kommunikationskultur in unserer Gesellschaft.


Rezension von
Luisa Taubert
Religions- und Kulturwissenschaftlerin (M.A.) und Sozialarbeiterin (B.A.)
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Zitiervorschlag
Luisa Taubert. Rezension vom 08.07.2020 zu: Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser Berlin (Berlin) 2020. ISBN 978-3-446-26595-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27020.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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