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Christian Klicpera, Alfred Schabmann u.a.: Legasthenie - LRS

Cover Christian Klicpera, Alfred Schabmann, Barbara Gasteiger-Klicpera, Barbara Schmidt: Legasthenie - LRS. Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung. UTB (Stuttgart) 2020. 6. aktual. Auflage. 345 Seiten. ISBN 978-3-8252-5482-7. D: 29,00 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 36,60 sFr.
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Lesen ist Leben

Im pädagogischen Diskurs haben Fragen nach Begabung und Lernen (Heinrich Roth), nach Normverhalten und -abweichung und nach intellektuellen Bildungs- und Wissenskompetenzen einen großen Stellenwert. Die Auseinandersetzungen vollziehen sich in differenzierten und divergenten Auffassungen. Die Auffassungen von Hoch- und Minderbegabungen haben schließlich im gesellschaftlichen Diskurs dazu geführt, dass die institutionellen Entwicklungen der gesellschaftlich sanktionierten Bildungssysteme zur Aufgliederung der Lern- und Bildungsanstalten in „allgemeinbildende“ und „sonder“pädagogische Einrichtungen entstanden sind. Je nach den verfassten, historischen, kulturellen und ideologischen gesellschaftlichen Gegebenheiten werden „Hoch“- und „Minder“-Begabungen als gegeben hingenommen oder analytisch oder archaisch, demokratisch oder hierarchisch, faktisch oder irreal verstanden und gehandhabt. Der Kieler Erziehungswissenschaftler Hermann Wegener (1921 – 2003) hat 1969 in den Empfehlungen der „Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates“ das Gutachten „Die Minderbegabten und ihre sonderpädagogische Förderung“ erstellt, in dem er intellektuelle Defizite beim Menschen definiert als „alle Grade und Formen intellektueller Subnormalität…, die bereits im Kleinkindalter vorhanden sind und bis ins Erwachsenenalter hinein als dauernder Rückstand der Test- (und Schul-)leistung sowie als Störung des Anpassungsverhalten objektiviert werden können“. Die Ursachenforschungen und Erklärungsmuster reichen deshalb von der Einordnung des defizitären Zustandes als Krankheit, bis hin zu verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten zur Überwindung oder zumindest Minderung der testierten Ausfälle. Es ist nicht verwunderlich, dass dabei die vielfältigsten Theorien und Praxen von physischen, psychischen und technologischen Behandlungsmethoden entwickelt, erprobt, etabliert und verworfen werden (siehe z.B. dazu: Ellen Bareis, u.a., Episoden sozialer Ausschließung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15142.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie, wird als eine „somatische Normabweichung“ verstanden, die sich körperlich und seelisch auswirkt und nicht mit dem Kategorien von „normal/​anormal“ gewertet werden darf (vgl. dazu: Peter Hucklenbroich, „Normal – anders – krank“. Begriffserklärungen, www.mwv-berlin.de…9783939069287…pdf). „Dass bei der Frage einer Diskrimination zwischen einer eher medizinisch verursachten Legasthenie als Störung und einer pädagogisch förderbaren LRS auch die Frage der Verantwortlichkeiten… eine Rolle spielt, ist uns wohl bewusst“. Diese Standort- und Bewusstseinsbestimmung formulieren der Wiener Psychiater und Neurologe Christian Klicpera (1947 – 2012), der Kölner Bildungsdidaktiker Alfred Schabmann und die Grazer Psychologin Barbara Gasteiger-Klicpera in dem vor rund einem Jahrzehnt vorgelegtem Lehrbuch „Legasthenie“. Es hat sich mittlerweile als Standardwerk für die Aus- und Fortbildung in den Lehrämtern und den sozialpädagogischen und-psychologischen Diensten etabliert, sodass Gasteiger-Klicpera, Schabmann und die Kölner Erziehungswissenschaftlerin Barbara Schmidt in sechster, aktualisierter Auflage das Buch neu vorlegen. Neue Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen über die kognitiven Prozesse des Lebens und Schreibens eröffnen auch in der Legasthenie-Therapie weiterführende Perspektiven. Es sind genetische, neuronale, neurobiologische und soziale Ursachen und Wirkungen, die gewissermaßen einen „psycho-analytisch, pädagogischen Turn“ herausfordern und notwendig machen.

Aufbau und Inhalt

Das Autorenteam gliedert, neben der Einleitung, das Lehr- und Übungsbuch „Legasthenie – LRS“ in drei Abschnitte gegliedert.

Im ersten Teil werden mit dem Plazet „Der geübte Leser und der geübte Schreiber“ die Entwicklungen des Lesens- und Rechtschreibens thematisiert (1), die Modellannahmen zum Lesen und Rechtschreiben vorgestellt (2), das Leseverständnis und das schriftliche Ausdrucksvermögen diskutiert (3), der Sinn des Lese- und Schreibunterrichts hervorgehoben (4) und auf die Bedeutung der Förderung durch die Eltern beim Erlernen des Lesens und Schreibens betont (5).

Im zweiten Abschnitt geht es um „Lesen und Schreiben bei schwachen Schülern“, durch die Vergewisserung und Festlegung einer Definition und dem Aufweis über Häufigkeit und Prognose von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (6), den Entwicklungsverläufen beim Lesen und Schreiben bei schwachen Schülern (7), und der Unterscheidung von Kindern mit verschiedenen Formen von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (8).

Im dritten Abschnitt „Ursachen, Diagnostik, Intervention“ werden die Ursachen der Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten dargelegt (9), der Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten erläutert (10), die verschiedenen diagnostischen Formen aufgezeigt (11), und die Intervention und Therapie bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten diskutiert. Die zahlreichen Abbildungen veranschaulichen die in den einzelnen Themenkomplexen thematisierten theoretischen Aspekte. Entsprechend dem Lehrbuchverständnis werden für die Lesenden und Lernenden in jedem Kapitel Übungsfragen gestellt. Das Glossar vermittelt einen weiteren Überblick über das Thema. Die mehr als 30seitigen Literaturhinweise bieten weiterführende Perspektiven, und das Sachverzeichnis zeigt den Handbuchcharakter des Buches an.

Diskussion

Im gesellschaftlichen Diskurs wird den intellektuellen, kulturellen, alltäglichen Kompetenzen des Lesens und Schreibens eine hohe Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt den Welttag des Buches und den internationalen Tag des Lesens. Seit 2004 ruft die „Stiftung Lesen“ alljährlich den „Vorlesetag“ aus, an dem Prominente in Schulen und öffentlichen Einrichtungen ausgewählte Literatur präsentieren. In der umfassenden Rundumthematik kommen Selbstverständlichkeiten, wie auch vernachlässigtes Wissen zur Sprache. Damit werden sowohl Fingerzeige erhoben, ganz früh und intensiv in allen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen intellektuelle Fähigkeiten zu fördern, wie auch – ebenfalls ganz früh – auf Defizite, Störungen und Ausfälle zu achten. „Lesen lernen bedeutet zunächst das Erlernen des Dekodierens. Es bedeutet aber auch den Erwerb von Leseverständnis und damit von Wortschatz, Lesestrategien und Textverständnis“ (S- 117). Es sind die kommunikativen Fähigkeiten, die für eine funktionierende, humane Gesellschaft unverzichtbar sind. Dort, wo Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben, sich adäquat, verständlich und selbstbestimmt auszudrücken und in den gesellschaftlichen Prozess einzubringen, können auch LRS-Probleme vorliegen. In den neueren Forschungen etwa werden neuropsychologische Erklärungsmodelle zur Legasthenie diskutiert, wie z.B. das „Modell der Alexien und Angraphien“, Theorien zu „anatomisch-strukturellen Abweichungen“ und von „sozialen Ursachen“.

Fazit

Die Vermittlung von allgemeinbildenden Kompetenzen gehört zu den grundlegenden individuellen und kollektiven Aufgaben einer Conditio humana. Dort, wo sich Schwierigkeiten und Defizite zeigen, wie etwa bei der Lese- und Schreibschwäche, sind Erziehungsberechtigte herausgefordert: „Erlernen des Lesens und Rechtschreibens stehen in einem engeren Zusammenhang mit phonologischen Verarbeitungsproblemen und zeigen sich in Problemen bei der Bildung distinktiver phonologischer Repräsentationen im Gedächtnis, in gewissen Schwierigkeiten bei der Sprachwahrnehmung, in einem schwächeren phonologischen Arbeitsgedächtnis und in Problemen beim raschen Abruf der Aussprache von Wörtern“ (S. 202). Die Legasthenieforschung hat mittlerweile einige Stereotype beiseite räumen und neue Sichtweisen entwickeln können, wie mit differenzierten Theorien und Methoden LRS-Probleme verhindert oder zumindest abgemildert werden können; z.B. durch „Frühförderung und Prävention von Lese- und Schreibschwierigkeiten in der Vorschulzeit bzw. in den ersten Phasen des Erstleseunterrichts“.

In der erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Aus- und Fortbildung muss das Defizit LRS Beachtung finden. Denn, das wird im Lehrbuch „Legasthenie – LRS“ eindrucksvoll und überzeugend vermittelt, Lese- und Rechtschreibschwäche ist kein Schicksal; vielmehr kommt es darauf an, sich der Ursachen und Auswirkungen bewusst zu werden, um mit pädagogischen, psychologischen und gesellschaftspolitischen Mitteln dagegen anzugehen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2020 zu: Christian Klicpera, Alfred Schabmann, Barbara Gasteiger-Klicpera, Barbara Schmidt: Legasthenie - LRS. Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung. UTB (Stuttgart) 2020. 6. aktual. Auflage. ISBN 978-3-8252-5482-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27026.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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