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Silvester Popescu-Willigmann, Stefanie Ebbeler u.a. (Hrsg.): Erstorientierung für Geflüchtete

Cover Silvester Popescu-Willigmann, Stefanie Ebbeler, Bernd Remmele (Hrsg.): Erstorientierung für Geflüchtete. Eine Handreichung aus der Praxis Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 351 Seiten. ISBN 978-3-8474-2232-7. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Bereits für die 2005 mit dem Zuwanderungsgesetz eingeführten Orientierungskurse zu Kultur und Politik des Einwanderungslandes, die als Ergänzung zu den reinen Deutschkursen einen Integrationskurs ausmachen, stellte sich die Frage, was für eine Orientierung brauchen neu zugewanderte MigrantInnen, was müssen sie über die hiesige Gesellschaft wissen, an welchen Bedürfnissen und Standards orientiert sich der Orientierungskurs? Die Gefahr, bereits im Orientierungskurs ein Integrationsverständnis, das Integration als Anpassung an ein fiktives Ganzes und als eine Bringschuld der neu Zugewanderten sieht, zu propagieren, ist groß. Umso mehr gilt diese Frage für neu zugewanderte Flüchtlinge, die auch noch vieles über das Asylverfahren wissen müssen, von dessen Ausgang ihre Bleibeperspektive abhängt, deren Leben vielen rechtlichen Restriktionen unterworfen sind und die auch nicht Deutsch lernen konnten. 2016 wurden die Integrationskurse – und damit auch die Orientierungskurse – für Geflüchtete mit einer hohen Bleibeperspektive geöffnet.

Der Frage nach dem Sinn und Zweck von Orientierungskursen für Geflüchtete widmet sich der vorliegende Band und möchte eine Handreichung zum Thema Erstorientierung für Geflüchtete bieten. Es handelt sich die Ergebnisse des Projekt HO:PE des Flüchtlingszentrums Hamburg – diese werden einerseits als empirisch gesättigte Erkenntnisse präsentiert und als praktisch nutzbare Hilfestellung zur Verfügung gestellt. Der Band versteht sich als Beitrag zu einer theoretischen und methodisch-praktischen Debatte zum Thema Erstorientierung für Geflüchtete und kann auch auf MigrantInnen allgemein angewandt werden.

AutorInnen und HerausgeberInnen

Die AutorInnen und HerausgeberInnen sind alle MitarbeiterInnen des Projekts HO:PE und waren in dem Projekt auf verschiedenen Ebenen tätig. Die HerausgeberInnen Popescu-Willigmann und Ebbeler waren in der Projektleitung tätig und haben neben praktischen Beiträgen die Grundorientierung in der Einleitung geschrieben. Der dritte Herausgeber Remmele war für die Evaluation zuständig. Die übrigen AutorInnen sind PraktikerInnen, die aus den verschiedenen Phasen und Konzepten des Projekts berichten und WissenschaftlerInnen, die ergänzende Perspektiven in die praktische Kursarbeit einbringen, beispielsweise zu Empowerment oder Sozialraumorientierung.

Entstehungshintergrund

Das Projekt HO:PE: „Hamburger Orientierungsprogramm: Perspektiven im Einwanderungsland“ wurde vom Flüchtlingszentrums Hamburg durchgeführt und durch die die Stadt Hamburg und Europäische Union aus Mitteln des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds finanziert. Ziel war, einen Grundstein für die Integration zu legen, vorhandenes Wissen über Erstorientierung, Partizipation und Zivilgesellschaft zu verbinden, um integrationsfördernde Strukturen aufzubauen oder anders gesagt, um Geflüchtete „in ihrer Erstorientierung zu unterstützen, damit sie selbstverantwortlich ihre ersten Schritte in der neuen Stadt gehen können“ S. 9. Das Projekt HO:PE wurde von Mitte 2015 bis Mitte 2018 durchgeführt und richtete sich – das ist wichtig zu betonen – an Asylsuchende mit einer hohen Bleibeperspektive, d.h. an solche, deren Asylantrag höchstwahrscheinlich anerkannt wurde. Der Sammelband ist einerseits Ergebnisdes Projekts, da hier wesentliche Erkenntnisse aus dem Projekt veröffentlicht werden und andererseits ein theoretischer Beitrag zur Erstorientierung.

Aufbau

In einem Prolog wird der Charakter der Publikation, der Projekthintergrund und das Erkenntnisinteresse dargestellt. Es wird deutlich, dass trotz einer engen Orientierung an den Vorgaben des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) für die Orientierungskurse versucht wird, die Perspektive von Geflüchteten einzunehmen, sich zu fragen was diese brauchen und was ein selbstbestimmter Start in Deutschland beinhalten könnte. Im ersten Kapitel wird die Erstorientierung in ihren Angebotsformen und Möglichkeiten dargestellt. Im zweiten Teil wird das Projekt HO:PE als Best Practice in seinen wesentlichen

Ergebnissen und aus verschiedenen Perspektiven vorgestellt. Im dritten Teil werden theoretische und didaktische Grundlagen einer Bildungsarbeit mit Geflüchteten diskutiert, in denen die Sozialraumorientierung eine wichtige Rolle spielt. Dieser Teil ist theoretisch wirklich innovativ und rundet zugleich die Projektergebnisse ab.

Inhalt

Insgesamt umfasst der Band zwölf Beiträge. Simone Kattwinkel und Moritz Petzi präsentieren im ersten Kapitel Ziele, Rahmen und Konzepte der Erstorientierung aus pädagogischer Sicht. Sie öffnen damit dir Debatte darüber, dass eine gültige Definition von Erstorientierung nicht besteht und gefragt werden muss, welche gesellschaftliche, politische und auch individuellen Bedeutung diese haben könnte. Moritz Petzi geht anschließend auf das Konzept des Empowerments ein – einem der roten Fäden dieses Bandes. Er fragt, wie der Erwerb von Erstorientierungswissen der Aneignung von Handlungsfähigkeit dienen kann.

Im dritten Beitrag beschriebt Lena Raimbault die existierenden Angebotsformen und Anbieterstrukturen in der Erstorientierung.

Dem einführenden Teil folgen nun die Ergebnisse des Projekts HO:PE. Stefanie Ebbeler stellt einen Teil des Konzepts vor: In dem Projekt wurden einerseits ein niedrigschwelliges Gruppenangebot als „Basistraining“ entwickelt, das als Informationsveranstaltung Erstorientierungswissen für größere Gruppen bot. Der zweite Teil des Hamburger Konzepts umfasste ein zielgruppenspezifischeres und gezieltes Vertiefungstraining. Dieses wird im fünften Beitrag von Jacqueline Guèye beschrieben. Es handelt sich um eine mehrere Wochen dauernde Gruppenmaßnahme, die auf eine Handlungsfähigkeit im Sozialraum Ausgerichtet war. Die auf die verschiedenen Zielgruppen ausgerichteten Curricula wurden im Laufe des Projekts ständig weiterentwickelt. Die Autorin fokussiert dem Aspekt der bereits erwähnten Empowermentförderung der Erstorientierung. Im nächsten Beitrag beschreibt Susanne Hartmann-Olpak die Didaktik der Vertiefungstrainings aus der Sicht einer Lehrkraft und argumentiert, dass die Teilnehmendenorientierung wichtig ist.

In den folgenden Beiträgen wird auf einzelne Zielgruppen eingegangen. Sara Abiri schreibt über Erstorientierungsbedarfe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF) beziehungsweise unbegleiteter minderjähriger Ausländer, die auf einer im Projekt durchgeführten Erhebung beruhen. Stefanie Bauerschaper thematisiert die Rolle Ehrenamtlicher für die Arbeit der Flüchtlingshilfe und zeigt, wie diese im Projekt integriert waren. Dieses bot eine eigene MultiplikatorInnen-Schulung für Ehrenamtliche an. Im neunten Kapitel fassen die Herausgeber „lessons learnt“ aus dem Projekt zusammen, die auch allgemein für die Soziale Arbeit, Bildungs- und Integrationsarbeit relevant sind.

Wie bereits erwähnt wird im dritten Teil die Frage nach der Adaption des Sozialraumes für die Soziale Arbeit mit Geflüchteten gestellt. Simone Kattwinkel, Moritz Petzi und Christopher wenden das Konzept und die Methoden sozialraumorientierter Sozialer Arbeit auf die Erstorientierung an und argumentieren, dass Erstorientierung nur mit einem Bezug auf den Sozialraum im Sinne eines neuen Lebensraums gelingen kann. Moritz Petzi und  Christopher Wein führen dies im Rekurs auf die bestehenden Methoden und Konzepte sozialraumorientierter aktivierender Sozialer Arbeit aus. Silvester Popescu-Willigmann vertieft diesen Ansatz und stellt eine Fülle didaktischer und methodischer Konzepte zur Gestaltung erfolgreicher Bildungsmaßnahmen dar und konkretisiert den dritten roten Faden des Bandes, nämlich die Teilnehmendenorientierung der Bildungsmaßnahmen.

Diskussion

Obwohl das Projekt HO:PE in einem sehr engen Rahmen angesiedelt war, bringt dieser Ergebnisband weitreichende und vielfältig nutzbare Beiträge. Zum Einen ist das Hamburger Konzept der Erstorientierung mit der Aufteilung von einem allgemeinen Basistraining und spezifischen Vertiefungstrainings beachtenswert. Des Weiteren stellen die in dem Projekt und damit in dem Band verfolgten roten Fäden – Empowerment, Handlungsfähigkeit und Teilnehmendenorientierung – wichtige theoretische Grundlagen einer Erstorientierung dar und zeigen, dass Erstorientierung für Geflüchtete nicht politischen Anforderungen alleine genügen muss, sondern eigens theoretisch und praktisch entwickelt werden kann und muss. Der Fokus auf das Konzept der Sozialraumorientierung ist in dem Kontext wirklich innovativ und verbindet allgemeine Ansätze der Sozialen Arbeit mit der Flüchtlingsarbeit.

Fazit

Der Band wird seinem Anspruch, für TheoretikerInnen und PraktikerInnen gewinnbringend zu sein, gerecht und zeigt, wie viel theoretisches Potenzial in den Integrationskursen steckt, das weit über eine Didaktik von Deutsch als Fremdsprache hinausgeht. Manchmal fehlt jedoch der kritische Blick, dass die hier thematisierte Erstorientierung nur einem privilegiertem Teil der Asylsuchenden zukommt und wie eng aufenthaltsrechtliche und lebensweltorientierte Fragen zusammenhängen. Dennoch geht die Reichweite des Bandes weit über die Erstorientierung für Geflüchtete hinaus.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 29.04.2021 zu: Silvester Popescu-Willigmann, Stefanie Ebbeler, Bernd Remmele (Hrsg.): Erstorientierung für Geflüchtete. Eine Handreichung aus der Praxis Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2232-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27031.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


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