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Silvester Popescu-Willigmann, Bernd Remmele (Hrsg.): "Refugees Welcome" in der Erwachsenenbildung

Cover Silvester Popescu-Willigmann, Bernd Remmele (Hrsg.): "Refugees Welcome" in der Erwachsenenbildung. Adressatengerechte Programmgestaltung in der Grundbildung. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2019. 196 Seiten. ISBN 978-3-7639-5978-5. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Perspektive Praxis.
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Willkommenskultur ist Humankultur

Mit dem vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) – Leibnitz-Zentrum für Lebenslanges Lernen in Bonn – herausgegebenem Titel wird eine Informations- und Innovationsschrift vorgelegt, die bereits im Titel deutlich macht, worum es geht: „Refugees Welcome“. Deutschland ist ein Einwanderungsland, in dem die menschenrechtlichen, demokratischen und menschenwürdigen, rechtlichen Regelungen darüber gelten, wie Asyl- und Einwanderungsrecht gehandhabt werden. In Artikel 14 der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, heißt es unmissverständlich: „Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen“. Zwar hat sich im internationalen Diskurs eine Auseinandersetzung entwickelt, in der der Begriff der „Verfolgung“ unterschiedlich interpretiert wird, und es deshalb einigen Ländern möglich ist, Verfolgten und Flüchtlingen die Asylberechtigung abzusprechen; doch im demokratischen Bewusstsein setzt sich auch (langsam und zögerlich) durch, dass Menschen nicht nur aus politischen, religiösen und ideologischen Gründen verfolgt werden, sondern auch wegen Naturkatastrophen, Hunger und fehlenden Überlebensperspektiven. Trotz der widerlichen, menschenverachtenden, nationalistischen, rassistischen und populistischen Parolen, auch in Deutschland, kann man sagen: Die Mehrzahl der bundesrepublikanischen Bevölkerung ist der Auffassung, dass wir in einem Einwanderungsland leben und Zuwanderern die Möglichkeit bieten sollten, hier eine neue Heimat und Lebensunterhalt zu finden. Das Statistische Bundesamt weist 2018 rund 1,8 Millionen Geflüchtete aus, die in Deutschland leben. Das sind mehr als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind mehr als zwei Drittel Menschen älter als 18 Jahre, über die Hälfte älter als 25 Jahre.

Um die aufgenommenen Zugewanderten in die deutsche Gesellschaft integrieren zu können, braucht es vor allem deutsche Sprachkenntnisse und Informationen über kulturelle, ökonomische und andere autochthone Gegebenheiten – immer unter der Voraussetzung, dass Integration nicht als Assimilation, sondern als ein interkultureller Prozess des Gebens und Nehmens verstanden wird. Hier allerdings zeigt sich schon ein Dilemma: Weil eine gelingende Integration ein Prozess ist und weder auf Knopfdruck, noch als individualistische oder ideologische Entwicklung funktionieren kann, verweist der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani auf das „Integrationsparadox“ hin: Gelingende Integration schafft auch Konflikte in der gesellschaftlichen Kommunikation. Zur Argumentation benutzt er die „Tisch-Metapher“: Die erste Generation der Einwanderer sitzen, nur gebrochen Deutsch sprechend, überwiegend am Boden und am Katzentisch – Die zweite Generation ist in Deutschland geboren, spricht Deutsch und beansprucht Deutschland als ihre Heimat. Sie sitzen gemeinsam mit den Einheimischen am Tisch – Die dritte Generation will am gemeinsamen Tisch mitentscheiden, was auf den Tisch kommt und wie die Tischordnung aussieht! (Aladin El-Mafaalani, Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24884.php).

Damit sind wir bei den Anforderungen, die für Integration geleistet werden müssen: Von den Zugewanderten und den Eingesessenen! Einen entscheidenden Anteil daran leisten die institutionalisierten Einrichtungen, wie z.B. die Volkshochschulen. Sie bieten Sprachkurse an, testieren die deutschsprachlichen Entwicklungen und organisieren interkulturelle Zusammenkünfte und Vernetzungen. Damit sie das leisten können, braucht es qualifizierte, professionelle Lehrkräfte und KursleiterInnen, didaktisches und methodisches Lernmaterial, Fort- und Weiterbildungsangebote und Planungshilfen für eine adressaten- und situationsgerechte Erwachsenenbildung. Mit der Handreichung „Refugees Welcom“ wird plädiert für eine „Bildungsarbeit auf Augenhöhe, die im Sinne eines humanistischen Bildungsverständnisses die Lernenden mit ihren individuellen Zielen, Interessen, Lebensumstände(n) und Lernvoraussetzungen in die Programmplanung und Kursgestaltung“ einzubeziehen.

Aufbau

Neben der Einleitung durch das Herausgeberteam – der Wirtschaftspädagoge Silvester Popescu-Willigmann und der Ökonom Bernd Remmele – wird das Buch in vier Kapitel gegliedert.

  • Im ersten geht es um „Geflüchtete als Adressatinnen und Adressaten von Erwachsenenbildung“;
  • im zweiten um die „Grundbildung mit Geflüchteten“;
  • im dritten um „Methoden und Professionalisierung der Erwachsenenbildung Geflüchteter“;
  • und im vierten Kapitel um „Grundbildungsmaßnahmen für Geflüchtete evaluieren“.

Inhalt

Die einzelnen Themen werden jeweils von ausgewiesenen ExpertInnen bearbeitet. Der Sozialarbeiter Christopher Wein, u.a. Mitarbeiter beim Deutschen Institut für Sozialwirtschaft e.V., thematisiert „Fluchthintergrund: Fluchtursachen und Erfahrungen“. Es kommen die jeweils individuell und gesellschaftlich bedeutsamen, unterschiedlichen Fluchtgründe im jeweiligen Heimatland zur Sprache, wie: Kriegerische, gewaltsame Auseinandersetzungen, Diskriminierungen und Verfolgungen, Armut und fehlende Lebensperspektiven, und die Herausforderungen für die Aufnahmeländer und Integrationseinrichtungen. Die Flüchtlingsberaterin Yana Nenkova setzt sich auseinander mit „Aufenthaltsstatus als Inklusions- und Exklusionsaspekt“. Sie informiert über die rechtlichen Grundlagen bei der Erteilung des Aufenthaltsstatus, über die verschiedenen Asylverfahren, die gesellschaftspolitischen Situationen und stellt Empfehlungen für die Planung von Bildungsangeboten für Geflüchtete zusammen. Die Mitarbeiterin beim Hamburger Flüchtlingszentrum, Stefanie Ebbeler, thematisiert „Sprachvoraussetzungen und Möglichkeiten des Spracherwerbs in Deutschland“. Silvester Popescu-Willigmann und Yana Nenkova diskutieren Fragen zur „Teilhabe an (Aus-)Bildung und Arbeit“ und geben Empfehlungen zur Vernetzung und Kooperation. Die als freiberuflich tätige Systemische Coachin und Teamentwicklerin Julia Backe nimmt mit ihrem Beitrag „Traumafolgestörungen: Genese, Symptomatik, potenzielle Auswirkungen“ die dramatischen, unterschiedlichen Situationen auf, die Flüchtlinge bei ihren Fluchterfahrungen erleiden können. Kenntnis und Empathie sind die wesentlichen Voraussetzungen beim pädagogischen Umgang mit solchen Krankheitsbildern. Christopher Wein bringt sich weiterhin ein, indem er über die familiären Situationen von Geflüchteten reflektiert, und welche Handlungsmöglichkeiten im Integrationsprozess bestehen. Nana Nenkova geht auf die kulturellen Situationen von „Differenz und Diversität“ ein. Sie stellt damit die allgemeinbildende Bedeutung der interkulturellen Bildung heraus.

Die Diplom-Pädagogin Ewelina Mania und Monika Tröster, beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen beim DIE, beginnen im zweiten Teil der Handreichung mit der Auseinandersetzung zu „Sprache – Literalität“. Sie zeigen auf, welche Voraussetzungen notwendig sind, welche Möglichkeiten zum Spracherwerb und -vollzug institutionell bestehen, und welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind. Die Soziologin Simone Kattwinkel und der Bildungsforscher Moritz Petzi, beide an der Universität der Bundeswehr in München tätig, problematisieren Fragen zur „Soziokulturellen Grundbildung“: Wie kann es gelingen, zivilisatorische Sozialisations- und Enkulturations-Entwicklungen in Gang zu bringen und zu realisieren? Bernd Remmele nimmt sich der ebenfalls wichtigen Frage an, wie in den Volkshochschulangeboten eine „Verbrauchergrundbildung“ gefördert werden kann; in einem weiteren Text ebenso eine „Arbeitnehmergrundbildung“.

Im dritten Teil des Buches setzt sich Moritz Petzi mit den curricular und didaktisch bedeutsamen Aspekten von „Methoden und Professionalisierung der Erwachsenenbildung Geflüchteter“ auseinander. In dem Zusammenhang kann auf die Frage von Ralf Lutz: „Sinnvergessenheit in der Professionalisierung?“ verwiesen werden (Ralf Lutz, Ein empirischer Vergleich zweier Theoriekonzepte. 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26075.php). Bernd Remmele und Silvester Popescu-Willigmann schließlich thematisieren im vierten Kapitel die ebenso bedeutsamen, ziel- wie ausführenden Voraussetzungen für Planung, Realisierung und Evaluation von Maßnahmen im Erwachsenenbildungsbereich mit Flüchtlingen und Integrationswilligen. Es gibt vielfältige Beispiele dafür, wie Bildungsangebote wirksam werden, aber auch scheitern können. „Best-Practice“- Projekte können Motivation sein.

Fazit

Integration, Eingliederung und Inklusion lassen sich erfolgreich nicht mit „Hau-Ruck-“ und „Tu-dies-dann-erhältst-du-das“- Rezepten bewältigen – und schon gar nicht aussitzen. Es sind langandauernde intergenerative und interkulturelle Prozesse. Sie brauchen eine empathische und professionelle Theorie- und Praxisbildung. Die Volkshochschulen können das leisten.

Die öffentliche Meinung über die offizielle Flüchtlingspolitik in Deutschland stellt sich kontrovers dar: Nach einer Umfrage des Berliner Statistica Reseach Department vom 24. 1. 2020 sind 42 % der Befragten der Meinung, es sollten weiterhin so viele Flüchtlinge wie bisher aufgenommen werden; 40 % waren der Auffassung, es sollten weniger sein; und nur 11 % plädierten dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Damit wird die Herausforderung deutlich, dass es mehr und gesicherte Aufklärung über Fragen zur universalistischen und globalen Zusammengehörigkeit und Solidarität bedarf. Auch hierbei sind die Volkshochschulen gefordert! (vgl. dazu auch: Martha Friedenthal-Haase, Hrsg.: Fritz Borinski. The German Volkshochschule. An Experiment in Democratic Adult Education under the Weimarer Republic, 2014, www.socialnet.de/16725.php). Der bekannte und engagierte Menschenrechtler und Gesellschaftskritiker weist mit seiner Anklage „Die Schande Europas“ (www.socialnet.de/rezensionen/​26630.php) darauf hin, dass die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik „zutiefst unmoralisch ist“. Es hängt von den humanen, empathischen, demokratischen Einstellungen eines jeden Einzelnen in den lokalen und globalen Gesellschaften ab, also auch in Deutschland, wie Flüchtlinge aufgenommen und integriert werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.07.2020 zu: Silvester Popescu-Willigmann, Bernd Remmele (Hrsg.): "Refugees Welcome" in der Erwachsenenbildung. Adressatengerechte Programmgestaltung in der Grundbildung. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-7639-5978-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27032.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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