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Frerich Frerichs, Uwe Fachinger: Selbstständige Erwerbstätigkeit und Erwerbskarrieren in späteren Lebensphasen

Cover Frerich Frerichs, Uwe Fachinger: Selbstständige Erwerbstätigkeit und Erwerbskarrieren in späteren Lebensphasen. Potentiale, Risiken und Wechselverhältnisse. Springer (Berlin) 2020. 274 Seiten. ISBN 978-3-658-30462-1. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Vechtaer Beiträge zur Gerontologie.
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Thema

Das Buch thematisiert Veränderungen in den Erwerbsformen und -perspektiven der alternden Erwerbsbevölkerung. Die AutorInnen leuchten die individuellen und gesellschaftlichen Chancen und Potenziale aus und diskutieren insbesondere damit verbundenen sozialpolitischen Risiken. Sie präsentieren Ergebnisse aus aktuellen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zu unterschiedlichen Aspekten des demographischen und strukturellen Wandels in der Erwerbsarbeit. Erwerbshybridisierung, Existenzgründung und selbstständige Tätigkeit in der späten Phase der Erwerbstätigkeit und im Rentenalter sind die inhaltlichen Schwerpunkte der Beiträge.

Mein Kontext beim Lesen des Buches ist die praxisreflektierende und -begleitende Auseinandersetzung mit dem Thema Erwerbstätigkeit im Alter mit der Perspektive des externen Beraters. Heute in der Rolle des aktiven Freiberuflers im Rentenalter. Die Arbeit mit den Texten wird auch deshalb, mal mehr oder weniger, von der Reflexion meinen eigenen berufsbiographischen Entwicklung begleitet.

AutorInnen

Die AutorInnen setzen sich an Hochschulen und außeruniversitären Institutionen mit den vielfältigen Fragen zum Thema Altern und Gesellschaft auseinander. Sie bearbeiten die Fragestellungen aus unterschiedlichen institutionellen und fachlichen Perspektiven.

  • Christin Czaplicki/Dina Frommert/​Dagmar Zanker beschreiben Ergebnisse eines Projektes der Deutschen Rentenversicherung Bund zu Lebensverläufe und Altersvorsorge.
  • Annette Franke (Ev. HS Ludwigsburg)/Justyna Stypinska (FU Berlin)/Janina Myrczik (FU Berlin) untersuchen Gründungsaktivitäten in der zweiten Lebenshälfte in einem Vergleich zwischen Deutschland und Polen.
  • Benjamin Belz (Universität Vechta) gibt einen Überblick über sozialpolitische Herausforderungen hybrider Erwerbskonstellationen aus institutioneller Sicht.
  • Noemi Fernandez Sanchez (RKW Kompetenzzentrum) diskutiert Befunde zu Gründungen in der zweiten Lebenssäfte in Deutschland und im europäischen Kontext.
  • Sebastian Nielen/​Siegrun Brink/Sören Ivens (alle Institut für Mittelstandsforschung, IfM) geben Auskunft über die Bestandsfestigkeit von Neugründungen älterer Gründungspersonen und fragen nach der Relevanz von Erfahrungen und Gründungsmotivation.
  • Claudia Graf-Pfohl (TU Chemnitz) analysiert Selbstständigkeit in späten Erwerbsphasen als Umsetzung professioneller Standards am Beispiel von Entscheidungsprozessen von Hebammen für oder gegen Freiberuflichkeit.
  • Frerich Frerichs (Universität Vechta) entwirft konzeptionelle und strategische Ansätze für die Laufbahngestaltung bei begrenzter Tätigkeitsdauer.
  • Anne Jansen/​Michelle Zumsteg (Hochschule für Wirtschaft NW) untersuchen Wirkungen der Laufbahnberatung für die zweite Hälfte des Erwerbslebens am Beispiel der Öffentlichen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in der Schweiz.
  • Laura Naegele (Universität Vechta)/Philipp Stiemke (Universität Dortmund)/Jana Mäcken (Universität Köln)/Moritz Hess (Universität Bremen) präsentieren Ergebnisse einer Untersuchung zu den Beschäftigungsvorstellungen zukünftig erwerbstätiger Rentnerinnen und Rentner
  • Peter Kranzusch/Olga Suprinovic (beide IfM) geben Auskunft über die Verbreitung, Struktur und Entwicklungstrends der Selbstständigkeit im Alter von 65 und mehr Jahren.
  • Heribert Engstler/​Julia Simonson/​Claudia Vogel (Deutsches Zentrum für Altersfragen) präsentieren Befunde zur selbstständigen Erwerbstätigkeit im Rentenalter.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist, so die Herausgeber, das Ergebnis einer gemeinsamen Tagung des Instituts für Gerontologie der Universität Vechta und des Arbeitskreises „Die Arbeit der Selbstständigen“ der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Diese wurde unter dem Titel „Selbstständige Erwerbstätigkeit und Erwerbskarrieren in späteren Lebensphasen – Potenziale, Risiken und Wechselverhältnisse“ im Frühjahr 2019 in Vechta durchgeführt.

Aufbau

Die Herausgeber umreissen in einer gemeinsamen Einführung das Thema und geben einen orientierenden Überblick zu den Beiträgen der AutorInnen. In vier Abschnitten werden Formen und Entwicklung der Erwerbshybridisierung, Existenzgründung und Selbstständigkeit in der späten Erwerbsphase, Betriebliche Laufbahnentwicklung für ältere Erwerbstätige und Erwerbskarrieren im Rentenalter thematisiert.

Inhalt

Die individuelle Ausgestaltung von selbstständigen und abhängigen Erwerbstätigkeiten im Lebensverlauf ist das Thema des ersten Beitrages. Die Autorinnen Christin Czaplicki/Dina Frommert/​Dagmar Zanker sind bei der Rentenversicherung Bund im Bereich Forschung und Entwicklung tätig. Mit ihrem Projekt „Lebensverläufe und Altersvorsorge“ (LeA, 2016) konnten sie Befragungsdaten zum Lebensverlauf von Selbstständigen und abhängig Beschäftigten mit administrativen Daten der Rentenversicherung kombinieren. Analysiert werden verschiedene Tätigkeitskombinationen und die Auswirkungen auf die Absicherung im Alter.

Sie diskutieren den Begriff der Erwerbshybridisierung als „…neue Form der Unstetigkeit oder Parallelität der Erwerbsformen“ (21) und legen unterschiedliche Formen hybrider Erwerbstätigkeit bei ihrer Untersuchung zugrunde. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass „…Lebensverläufe mit parallelen Erwerbstätigkeiten im Vergleich zu Lebensverläufen ohne parallele Erwerbstätigkeit aus dem Blickwinkel der Alterssicherung als weniger erfolgreich einzuschätzen sind“ (40). Bei den hybrid Selbstständigen, also Personen, die selbstständig und gleichzeitig abhängig beschäftigt sind, wird das besonders deutlich. Für die Autorinnen wird da ein sozialpolitischer Handlungsbedarf sichtbar. Die Frage nach einer „…obligatorischen Absicherung selbstständiger Erwerbsarbeit“ (40) ist nicht neu, wird aber vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wohl wieder diskutiert werden müssen.

In dem anschließenden Beitrag zu Gründungsaktivitäten in der zweiten Lebenshälfte gehen die Autorinnen Annette Franke/​Justyna Stypinska/​Janina Myrczik der Frage nach, welche Motive ältere Menschen (in diesem Falle ab 45) zur Entwicklung einer selbstständigen Erwerbstätigkeit veranlassen. Im Rahmen eines laufenden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten, Projektes „MOMENT-Making of the Mature Entrepreneurship“ konnten sie „…neue und vielversprechende Einblicke in die Beweggründe und Entwicklung von Gründungsaktivitäten Älterer…“ (50) gewinnen. Die in der Entrepreneurshipforschung häufig verwendete Klassifizierung in „Notgründungen“ und „Chancengründungen“ greift, so die Autoren zu kurz. Im Projekt MOMENT untersuchen die Forscherinnen Motive und Wendepunkte und den Einfluss der politischen Sozialisation in den Lebensläufen älterer GründerInnen in West- und Ostdeutschland und in Polen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass ihr Zugang über die Lebenslaufforschung „…vertieftes Wissen über die biographische Entwicklung von Motiven…für Gründungsaktivitäten“ (62) zu Tage fördert. Interessant ist auch der Hinweis auf den, in der Entrepreneurforschung viel diskutierten Effectuation-Ansatz. Bezogen auf die älteren GründerInnen ist dieser Ansatz deshalb interessant, weil er die Entwicklung einer selbstständigen Existenz von den vorhandenen Ressourcen her denkt. Nicht „…ein primäres Unternehmensziel steht im Vordergrund…“ (63), sondern die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Akteure sind der Ausgangspunkt unternehmerischen Handelns.

Die Auswirkungen der Erwerbshybridisierung auf die sozialen Sicherungssysteme untersucht Benjamin Belz in seinem Beitrag „Hybride Erwebskonstellationen: Überblick über einige sozialpolitische Herausforderungen aus institutioneller Sicht.“ Der Autor beschreibt die „…besondere Verwobenheit der sozialen Sicherungssysteme“ (72) und untersucht Effekte, die durch Erwerbshybridisierung entstehen können. Er macht das exemplarisch deutlich an synchronen Erwerbskonstellationen. Das kann z.B. eine selbstständige Tätigkeit in Teilzeit und eine gleichzeitige abhängige Beschäftigung in Teilzeit sein. Da die Finanzierung der die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland erwerbszentriert aufgebaut ist, können bestimmte Tätigkeitskonstellationen zu einem geringeren Beitragsaufkommen in den Sozialsystemen führen. In der Folge kann das, so das Fazit des Autors, zu einem Problem werden, wenn nicht auch die Ausgaben in einem angemessenen Umfang reduziert werden können.

Im zweiten Abschnitt des Tagungsbandes werden in drei Beiträgen verschiedene Aspekte und Perspektiven der Existenzgründung und selbstständigen Tätigkeit in der späteren Erwerbsphase beschrieben. Mit „Gründungen in der zweiten Lebenshälfte: Lage und Ausblick am Standort Deutschland im europäischen Kontext“ befasst sich Noemi Fernandez Sanchez. Die Autorin präsentiert und diskutiert Erkenntnisse aus Forschung und Beratung des RKW Kompetenzzentrums zum Thema Senior Entrepreneurship. Zielgruppe dieser Untersuchungen im RKW sind Personen über 45 Jahre. Die Datenlage ist, so die Autorin, „…uneinheitlich und widersprüchlich“ (98). Die empirische Grundlage ihrer eigenen Untersuchung ist eine (nicht repräsentative) Studie des RKW. Die Befunde zeigten, dass sich die Gründerpersonen 45 plus in kurzer Zeit von Not- zu ChancengründerInnen gewandelt hätten. Dieser Personenkreis ist, so die Autorin, eine unterschätzte Zielgruppe in der GründerInnenszene. Deutlich werde das z.B. daran, dass ältere GründerInnen von „…den politischen Maßnahmen zur Förderung des Unternehmertums nicht explizit adressiert…“ (111) werden.

Die Bestandsfestigkeit von Neugründungen älterer Gründungspersonen (50-plus) haben Sebastian Nielen/​Siegrun Brink/Sören Ivens auf Basis der Daten des Gründerpanels des Instituts für Mittelstandsforschung(IfM) untersucht. Ausgehend von den Befunden zur Sterblichkeitsrate neugegründeter Unternehmen, wonach fast jedes 2. Unternehmen in den ersten Jahren 5 Jahren seine Tätigkeit wieder einstellt, nehmen sie personenbezogenen Faktoren für das Scheitern von Gründungen in den Blick. Sie haben in ihrer Arbeit untersucht, wie Erfahrungen (Branchen- und Gründungserfahrungen) und Motive (Arbeitslosigkeit verhindern und bessere Verdienstmöglichkeiten) der Gründerperson den Erfolg von Unternehmensgründungen beeinflussen können. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Erfahrungen älterer GründerInnen den Start in die Selbstständigkeit fördern. Wenn die Motivation aber nicht auf Zukunft und Wachstum, sondern auf Überbrückung und Absicherung gerichtet ist, werden die Unternehmungen nur eine geringe Bestandfestigkeit haben (127). Deshalb könne man auch zu dem Ergebnis kommen, dass gesamtwirtschaftliche Impulse von „Senior-GründerInnen“ nicht zu erwarten sind. Bedeutsam sei sie sehr wohl, weil im Einzelfall Erwerbsmöglichkeiten geschaffen werden, Arbeitslosigkeit unter den älteren Erwerbspersonen reduziert und soziale Teilhabe ermöglicht wird.

Im Rahmen ihrer Promotionsstudie „Selbstständigkeit in späten Erwerbsphasen als Umsetzung professioneller Standards – Entscheidungsprozesse von Hebammen für oder gegen Freiberuflichkeit“ hat Claudia Graf-Pfohl untersucht, warum eine selbstständige Existenzweise auch in späteren Erwerbsphasen angestrebt bzw. fortgesetzt wird. In diesem Falle geht es um freiberuflich tätige Hebammen. Das Beispiel macht sozusagen exemplarisch die Ambivalenz einer unternehmerischen, freiberuflichen Existenzweise sichtbar. Eine selbstbestimmte, an Werten und professionellen Standards ausgerichteten Tätigkeit auf der einen Seite und Dauerrufbereitschaft, Entgrenzung von Privat- und Berufsleben und Einkommensunsicherheit können gerade auch in späteren Lebensphasen zu Belastungen und Konflikten führen.

Im 3. Abschnitt Laufbahnentwicklung für ältere Erwerbstätige des Buches plädiert Frerich Frerichs in dem „Beitrag Laufbahngestaltung bei begrenzter Tätigkeitsdauer – Betriebliche Herausforderungen und Perspektiven“ für eine „…demographiesensible Personal- und Arbeitspolitik…“ (179). Gesundheits-, Qualifizierungs- und Laufbahnmanagement sowie Arbeitsgestaltung sollen „…integrativ miteinander verbunden und präventiv ausgerichtet…“ (179) werden. Der Autor berichtet über ein Projekt, welches exemplarisch in Berufen mit begrenzter Tätigkeitsdauer in Industrie, Handwerk und Gesundheitswesen Möglichkeiten einer kompetenzbasierten Laufbahngestaltung entwickelt und erprobt hat. Die beschriebenen Beispiele machen deutlich, dass die Beschäftigungsfähigkeit gerade auch älterer oder leistungsgeminderter MitarbeiterInnen erhalten werden kann, wenn deren Kompetenzen und Präferenzen entwickelt und genutzt werden. Das ist, so der Autor, auch Aufgabe eines betrieblichen Alternsmanagements und, aus gesellschaftspolitischer Perspektive, Bestandteil einer lebenslaufbezogenen Arbeitsmarktpolitik.

In der Schweiz bieten seit 2002 alle Kantone eine öffentliche Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung an. Anne Jansen/​Michelle Zumsteg untersuchen in ihrem Beitrag „Wirkungen von Laufbahnberatung für die zweite Hälfte des Erwerbslebens – Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen“. Sie beziehen sich dabei auf die Ergebnisse einer (Vor-)Studie, die in zwei Kantonen mit Ratsuchenden 40-plus, UnternehmensvertreterInnen und MitarbeiterInnen von Arbeitsintegrationsstellen die Wirkungen dieser Beratungsangebote untersucht hat.

Im 4. Abschnitt des Buches sind drei Beiträge zum Thema Erwerbstätigkeit im Rentenalter dokumentiert. Laura Naegele/​Philipp Stiemke/Jana Mäcken/Moritz Hess untersuchen in ihrem Beitrag „Erwerbskarrieren nach Erreichen der Altersgrenzen in Alterssicherungssystemen“. Sie fragen nach den Motiven für Erwerbstätigkeit im Rentenalter und nach den Bedingungen, unter denen Menschen erwerbstätig bleiben wollen. Ihre Antworten basieren auf den Ergebnissen des Lebensphasen-Survey „Transitions and Old Age Potenzial: Übergänge und Alternspotenziale“ (TOP), der seit 2011 am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) durchgeführt wird. Zu dieser Studie liegen mittlerweile eine Vielzahl von daten- und erkenntnisreichen Veröffentlichungen vor. Die Befunde zeigen, dass die Erwerbstätigkeit der Personen über 65 zunimmt. Von 2008 bis 2018 um fast 100 % (215). Ende 2018 waren 1,3 Mio. Erwerbstätige im Rentenalter. 20 % waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 80 % der erwerbstätigen RuheständlerInnen gehen einer geringfügigen Beschäftigung nach (215). Über die Zahl der selbstständig tätigen Personen im Rentenalter gibt es keine verlässliche Datenlage (vgl. dazu auch den Beitrag von Peter Kranzusch/Olga Suprinovic Selbstständigkeit im Alter von 65 und mehr Jahren – Verbreitung, Struktur und Entwicklungstrends 1997- 2017 in diesem Band). Die Motive für Erwerbstätigkeit im Rentenalter können immateriell (z.B. Interesse, Spaß an Tätigkeit/​Aufgabe, Bedürfnis nach sozialen Kontakten) oder materiell ausgerichtet sein. Zur Interpretation der Daten greifen die AutorInnen auf unterschiedliche Theorien zurück. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass „…keine der vorgestellten Theorien favorisiert werden kann. Vielmehr scheint es, dass diese sich ergänzen und im Rahmen eines heuristischen Theo- rierahmens fruchtbare Anknüpfungspunkte für die Erklärung von Motivlagen und konkreten Ausgestaltungswünschen von Erwerbstätigkeit(en) im Rentenalter bieten können“ (234).

Die Datenlage über selbstständig Tätige im Rentenalter ist nicht eindeutig. Peter Kranzusch/Olga Suprinovic werten in ihrem Beitrag Selbstständigkeit im Alter von 65 und mehr Jahren – Verbreitung, Struktur und Entwicklungstrends 1997- 2017“ vor allem die Zahlen des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes aus. Danach waren 1997 noch 159 000 Personen über 65 selbstständig Tätige, in 2017 waren es 427 000 Personen (241) in 2017 zählten 244 000 Personen zur Altersgruppe 65–69 Jahre, 183 000 waren 70 Jahre und älter (245). 2017 arbeiteten ca. 60 % der 66-plus selbstständig Tätigen weniger als 38,5 Std./Wo. Kleinbetriebliche Unternehmensformen dominieren, die Selbstständigen arbeiten häufig allein in dienstleistungsbezogenen Wirtschaftszweigen (248).

Im letzten Beitrag des Tagungsbandes stellen drei VertreterInnen des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), Heribert Engstler, Julia Simonson und Claudia Vogel „Die Vielfalt der selbstständigen Erwerbstätigkeit im Rentenalter zwischen biographischer Kontinuität und Neuanfang – Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys (DEAS)“ vor. Auch sie konstatieren eine Zunahme der Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Sie beziehen sich dabei auf die Ergebnisse des Deutschen Alterssurvey. Dabei handelt es sich um eine „…Langzeitstudie von 2014 zum Wandel der Lebenssituationen und Alternsverläufe von Menschen, die sich in der zweiten Lebenshälfte befinden“ (258). Von 1996 bis 2017 ist die Erwerbstätigenquote der über 64-Jährigen von 4,3 % auf 13,6 % gestiegen (261). Von den 64-74-Jährigen sind 20,8 % erwerbstätig. Ab 75 Jahre sind es nur noch 4,2 % (261). Die Autorinnen untersuchen in ihrem Beitrag die Gruppe der selbstständig Tätigen. Die Befunde zeigen, dass bei den über 63-Jährigen ca. 40 % eine selbstständige Erwerbstätigkeit ausüben.

Die WissenschaftlerInnen gehen der Frage nach, wie dieser relativ hohe Anteil der Selbstständigen erklärt werden kann und welche Motive die selbstständig tätigen Menschen im Rentenalter leiten. Sie teilen dazu die Selbstständigen in vier Gruppen auf: a. Fortgesetzte umfängliche Selbstständigkeit, b. Fortgesetzte reduzierte Selbstständigkeit, c. Neue umfängliche Selbstständigkeit und d. Neue reduzierte Selbstständigkeit (260). Die Befunde machen deutlich, dass Personen, die vor dem Eintritt ins Rentenalter bereits selbstständig gearbeitet haben, ihre Tätigkeit fortsetzen. Sie schieben ihren Ruhestand hinaus, teilweise mit reduzierter Arbeitszeit. Knapp 60 % aller selbstständig Tätigen im Rentenalter gehören dieser Gruppe an. Einen beruflichen Neuanfang als Teilzeitselbstständige/r machen 35 % der über 65-Jährigen (264). Die Gründe für eine Erwerbstätigkeit im Rentenalter sind vielfältig. Bislang gibt es für die Dominanz finanzieller Motive keine Befunde. Freude an der Arbeit, Kontakt zu anderen Menschen und das Bedürfnis, weiterhin eine Aufgabe zu haben sind ebenfalls wichtige Gründe.

Diskussion

Die Herausgeber präsentieren Beiträge aus Forschungs- und Entwicklungskontexten zur selbstständigen Erwerbstätigkeit und Erwerbskarrieren in späteren Lebensphasen. Aus unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Perspektiven werden Entwicklungen analysiert und Ergebnisse diskutiert. Der etwas sperrige Begriff Erwerbshybridisierung bringt die Vielfalt beruflicher Tätigkeitsverläufe und – kombinationen zum Ausdruck, die offenbar im späteren Erwerbsleben zunehmend sichtbar werden. Die Aufsätze zur selbstständigen Erwerbstätigkeit sind eine spannende Lektüre, weil den beschriebenen Projekten wichtige Datenquellen zur Verfügung standen. Ein Unternehmen gründen oder freiberuflich Selbstständig tätig sein ist (auch im fortgeschrittenen Lebensalter) eine Entscheidung für eine unternehmerische, selbstständige Existenzweise mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Am Beispiel der freiberuflich tätigen Hebammen wird das sehr deutlich beschrieben. Menschen können auch durch besondere gesellschaftliche oder individuelle Ereignisse und Erfahrungen zu UnternehmensgründerInnen werden. Beeindruckende Beispiele sind insbesondere in der stark gewachsenen sozialunternehmerischen Gründerszene zu finden. Eine interessante Initiative, die gerade auch solche Gründungen von über 60-Jährigen fördert, hat z.B. die Körber-Stiftung mit ihrem Zugabe-Preis gestartet.

Fazit

Das Buch bietet interessante und neue Impulse für den gesellschaftlichen Diskurs über unterschiedliche Aspekte der Erwerbstätigkeit in der zweiten Lebenshälfte. Deutlich werden Veränderungen und Entwicklungstendenzen mit ihren Chancen und Risiken. Und das auf der individuellen, institutionellen und gesellschaftspolitischen Ebene. Erwerbshybridisierung hat viele Gesichter und entfaltet vielfältige Wirkungen. Die Beiträge sind deshalb auch für LeserInnen interessant, die in Institutionen, in der Politik an der Entwicklung von Konzepten arbeiten, die demographiesensible Innovationen in der Erwerbstätigkeit zulassen bzw. fördern. Die Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme inclusive.


Rezension von
Hanswalter Bohlander
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Zitiervorschlag
Hanswalter Bohlander. Rezension vom 09.12.2020 zu: Frerich Frerichs, Uwe Fachinger: Selbstständige Erwerbstätigkeit und Erwerbskarrieren in späteren Lebensphasen. Potentiale, Risiken und Wechselverhältnisse. Springer (Berlin) 2020. ISBN 978-3-658-30462-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27034.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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