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Ingo von Münch: Die Krise der Medien

Cover Ingo von Münch: Die Krise der Medien. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2020. 140 Seiten. ISBN 978-3-428-18017-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor, geb. 1932, war von 1965 – 1998 Professor für Öffentliches Recht, von 1987 – bis 1991 war er zweiter Bürgermeister der Stadt Hamburg, er weist eine Vielzahl von Publikationen in den vergangenen Jahrzehnten auf, sei es zu Fragen der Medien oder des Medienrechts, wie auch zu aktuellen politischen Themen, etwa zu dem der Political Correctness. Er praktizierte also, wie man dieser Kurzbiographie unmittelbar entnehmen kann, theoretisch und praktisch in einem Kontext, der gerade dazu auffordert, über Medien und die Krise der Medien zu publizieren.

Das Buch, so der Autor, in einem Vorwort, das er als „ziemlich persönlich“ qualifiziert, „versteht sich als ein überzeugtes (und hoffentlich auch überzeugendes) Plädoyer für die Existenz und für die Verbreitung von gut gemachten Medien“ (9). Was also sind gut gemachte Medien und was weicht davon ab, bietet sich dem Rezensenten als eine Leitfrage der Besprechung an.

Aufbau

Der Autor gliedert das Werk in 13 Kapitel, welche mal 6 mal 13 Seiten umfassen, nicht nummerisch gegliedert sondern alphabetisch, jeweils kurz und pointiert, doch immer mit Beispielen unterfüttert, wenn man den Gesamtumfang des Buches mit 140 Seiten bedenkt.

Es beginnt mit dem Stichwort „Medienkritik – alte und neue Probleme“ und dem Thema „die Krise der Medien“. Auf beide Kapitel ist noch zurückzukommen

Behandelt werden dann die Themen.

  • Vom engagierten Meinungsjournalismus zum Wut- und Hassjournalismus.
  • Überzeugungen und Untertreibungen.
  • Der angebliche Untergang des Rechtsstaates.
  • Dürftige Geschichtskenntnisse.
  • Das „Geeiere“ um Ortsnamen.
  • Der inflationäre und damit sich abnutzende Gebrauch des Wortes „Nazi“.
  • Hetze, Hetzer,Hetzjagden, die Karriere eines Schimpfwortes.
  • Der Meinungskorridor, eng und langweilig.
  • Verrutschte Maßstäbe.
  • Die Berichterstattung zum UN- Migrationspakt: Der Mainstream lässt grüßen.
  • Ein überdimensionierter Heißluftballon namens Kathryn Mayorga.
  • Anhang: Medien und Politik.

Es geht dem Autor, wie er im Vorwort schreibt, um „gutgemachte Medien“, mit solchen ist der Tag zu beginnen, das Wochenende mit einem entsprechend guten Wochenblatt. Der Tag hat für ihn „ein halbes Jahrhundert“ mit der FAZ und häufig mit der NZZ, also der Neuen Zürcher Zeitung begonnen. Das gibt vor, was aus Sicht des Autors der Maßstab eines gutgemachten Mediums ist.

Überblickt man vor diesem Hintergrund das Inhaltsverzeichnis, dann zeigt dies, worin der Autor die Krise der Medien verortet(15). Er führt eingangs an, die Existenzkrise der regionalen Presse (15), „die Dauerbaustelle der Gebühren der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten“, „zunehmend gerichtliche Schritte von Politikern gegen kritische Medienberichterstattung“ (15).

Inhalt

Aber in erster Linie sind es Mängel des Journalismus, denn Existenzgrundlage der Medien ist nach von Münch „das Vertrauen der Rezipienten in die Berichterstattung, … das weitgehend verloren gegangen zu sein scheint.“ (27). Als Zäsur für die Vertrauenskrise gilt ihm die Kölner Silvesternacht von 2015, dazu gehören dann noch die Affäre Relotius (29) und einige andere Ereignisse. Die Berichterstattung über die Silvesternacht, sei verflachend, einseitig, und er zitiert hier aus einem Leserbrief, auf eine Art erfolgt, welche „in der Verdummung enden muss“. (28). Fest steht für ihn, dass für die Erhaltung des Vertrauens der Zeitungsleser die Einhaltung des journalistischen Distanzgebotes relevant ist, „die große Tugend unabhängiger Redaktionen“.

Das Kapitel über den „engagierten Meinungsjournalismus“, stellt nicht nur klar, dass natürlich auch Journalisten Meinungen haben, diese auch engagiert vertreten können, aber es kommt ihm auf das Maß an, „im Sinne von Maß halten“. Hier wird ein Gedanke eingeführt, der auch in den folgenden Kapiteln leitend ist. Guter Journalismus bewegt sich immer, soweit es nicht nur um Sachinformationen sondern -unvermeidlich- auch um Wertungen geht, in einer gekonnten Balance etwa zwischen Über- und Untertreibungen, vermeidet, wo immer möglich, Einseitigkeiten.

Das schließe nicht aus, dass Journalisten auch Mitglieder politischer Parteien sind, aber gerade hier sei eine Balance zwischen sachlicher und nicht nur selektiver und wertender Information von Bedeutung

Unter „Hetze. Die Karriere eines Schimpfwortes.“ diskutiert der Autor die Berichterstattung über das Geschehnis in Chemnitz, am 26.8.2018 (90), wo schnell von Hetzjagden und Menschenjagd die Rede war. In diesem Zusammenhang besteht er, wie auch in anderen Beispielen auf der Notwendigkeit begrifflicher Unterscheidungen. Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Hetze“ schade seiner Überzeugungskraft.

Das „Geeiere“ um Ortsnamen beschreibt die politisch unterfütterten Auseinandersetzungen, wie man Orte in den ehemaligen deutschen Ostgebieten nennen soll, Danzig etwa „Gdanks“ oder Danzig-Gdanks (72).

In dem Kapitel über den inflationären Gebrauches des Wortes Nazi, inflationär gerade auch mit dem Aufkommen der AfD, plädiert von Münch wiederum dafür, zwischen Begriffen zu unterscheiden, etwa zwischen dem Begriff „rechts“ und „rechtsradikal“ (81).

Das Kapitel, der Meinungskorridor kritisiert den Hang eines Mainstream, der moralisch anmaßend und intellektuell langweilig sei, so eine Formulierung von Bernhard Schlink (101)und der Autor führt als Beispiel die Treibjagd auf Thilo Sarazzin an. Gehört zur Demokratie nicht auch die Meinungsfreiheit ist dabei seine Leitfrage.

Das zeigt sich auch an dem Kapitel über den UN-Migrationspakt vom 20.12.2018, hier geht es ihm nicht zuerst um journalistische Äußerungen, vielmehr um den Sachverhalt, dass der Pakt Regelungen zur Steuerung und Beeinflussung der Presse enthält und dann hebt er hervor, wie zurückhaltend dieser Sachverhalt in der Presse kommentiert wird (119).

Unter der Überschrift „Dürftige Geschichtskenntnisse“, versammelt er vielfältige Beispiele, was das Ergebnis sein kann, wenn sich Journalisten mit Themen beschäftigen, bei denen ihnen „minimale Geschichtskenntnisse“ fehlen. Der gute Journalist soll demnach Grundkenntnisse der Themenbereiche haben, über welche er schreibt.

Der Anhang, Medien und Politik stellt klar, dass entgegen einer auch in der Presse gerne verwendeten Formulierung, die Presse keine vierte Gewalt, also Staatsgewalt ist, neben der Exekutive, der Legislative und der Justiz. Bei der Frage nach der Legitimation der Presse sieht er diese bei den Lesern, „die Legitimation der Presse ist die der Öffentlichkeit“, aber das verlangt eben „guten Journalismus,“ und nicht einen der zwischen Weberscher Gesinnungs- und Verantwortungsethik hin- und herschwankt, sondern beides muss nach von Münch beim guten Journalisten „zusammentreffen“ (132).

Diskussion

Das Kernanliegen des Autors, das Plädoyer für einen „guten Journalismus“, wird deutlich in dem Kapitel für Kapitel sich hinziehenden Versuch, Abweichungen von diesem Modell eines guten Journalismus durch eine Balance von sachlicher Information und Wertung, von engagierter Meinung aber kontrollierter Emotion sicherzustellen. Die Meinungsfreiheit und deren Verteidigung, die Vielfalt der Stimmen und Meinungen ist dabei für ihn die grundrechtliche Basis eines guten Journalismus. Dass eine Balance misslingen kann, demonstriert auch der Autor, wenn er etwa die Kritik an Thilo Sarazzin als „mediale Treibjagd“ qualifiziert. 

Mainstream ist für von Münch, eine schöne Formulierung „wenn man schon vor der Lektüre eines Zeitungsartikels weiß, was drin steht“ (101).

Wenn von dieser Balance die Rede ist muss man bedenken, Menschen sind leibliche Wesen, kognitiv und emotional. Wahrnehmung und Beobachtung lassen sich von Wertung und Beurteilung nicht säuberlich trennen, wie das Eigelb vom Eiweiß. Man kann sich wohl des Unterschieds vergewissern, aber es gibt keine Beobachtung oder Wahrnehmung ohne Wertung, keine rohen, basalen Fakten. Was es gibt ist die Distanz zu Ereignissen, und die Distanz zu der Art und Weise, wie wir auf Ereignisse reagieren.

Fazit

Das sehr lockere und durch viele Beispiele lebendige Werk, bringt für Medienschaffende und gar Medienexperten sicherlich wenig Neues. Es lohnt sich aber für den Leser, nicht nur weil es unterhaltsam zu lesen ist, sondern weil es einen dazu verleitet, journalistische Texte unter dem Gesichtspunkt zu lesen, wo sie gegen Standards verstoßen, welche für einen guten Journalismus gelten, journalistische Produkte stets beurteilend zu lesen. Einige Kriterien dafür, stellt das Buch zur Verfügung.

Ein aktuelles Beispiel für den moralischen Empörungsjournalismus war die Titelseite einer Zeitung am 14.10. 2020 über die „Autobahnhasser“ angesichts eine Unfalls am 13.10.2020 auf der A 3, bei dem ein Autofahrer auf einen Stau aufgefahren ist.


Rezension von
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 06.11.2020 zu: Ingo von Münch: Die Krise der Medien. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2020. ISBN 978-3-428-18017-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27035.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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