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Wolf Lotter: Zusammenhänge

Cover Wolf Lotter: Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen. Edition Körber (Hamburg) 2020. 230 Seiten. ISBN 978-3-89684-281-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Bausteine für eine lokale und globale soziale Gemeinschaft

„Die Welt ist kompliziert“ – diese Aussage liegt auf den Tischen der Welt, seit der homo sapiens sich aufgemacht hat, sich und sie mit seinem Denken und Handeln zu ergründen. Es sind Analysen, Definitionen, Deutungen, Erzählungen, Metapher, Mythen und Visionen, die der Mensch benutzt, um seinen Lebensraum zu begreifen. Bereits im Titel setzt der Autor ein positives und optimistisches Zeichen: Wie kann es gelingen, die Welt wieder zu verstehen? Es wäre auch nicht falsch, die eher pessimistische Auffassung einzunehmen und zu fragen: Haben die Menschen je die Welt verstanden?

Entstehungshintergrund und Autor

Während in der Antike die Menschen in ihrem philosophischen Denken und in ihrem Umgang mit der Welt den Kosmos als einen in sich geschlossenen Raum betrachteten und nach der „Weltseele“ suchten, vollzieht sich in der Neuzeit und Aufklärung ein Perspektivenwechsel hin zu Betrachtungen, die Ordnung der Welt dem Willen und der Macht des Menschen zu unterziehen. Die dabei sich vollziehenden Möglichkeiten und Abhängigkeiten freilich bewirken, dass sich ein Bewusstsein entwickelt, den Menschen entweder eine Allmacht oder eine Ohnmacht zuzuschreiben. Deutlich wird dies z.B. 1854, als die Abordnung von weißen Siedlern mit dem Ansinnen an den Häuptling Sealth der Suquamish-Indianer herantraten, Land zu kaufen; worauf dieser völlig unverständlich und konsterniert erwiderte: „Die Erde gehört nicht dem Menschen, der Mensch gehört zur Erde“ (siehe MAB, Der Mensch und die Biosphäre, 1990). Die Spitze dieses Macht- und Existenzbewusstseins artikuliert sich in den zahlreichen Einstellungen, wie sie als „Ich will/kann alles, und das sofort!“ zum Ausdruck kommt.

Der deutsch-österreichische Wissenschaftsjournalist und Autor Wolf Lotter ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins „Brand Eins“, einer Initiative mit dem Anspruch „Wirtschaft anders zu denken“, nämlich weg von der überholten Industrie-, hin zur Wissensgesellschaft; weg von kapitalistischen, ökonomischen Zielen, hin zu ökologischen, nachhaltigen Entwicklungen. In Leitartikeln, Büchern und Vorträgen setzt sich Lotter ein, um zu „verstehen, was ist, um es zu verändern“; denn, davon ist er überzeugt: „Denken sortiert die Welt!“. Und aus dem innovativen Denken entsteht ein humanes Tun, mit dem der anthrôpos in der Lage ist, seiner Existenz als vernunftbegabtes Lebewesen gerecht zu werden (siehe auch: Wolf Lotter, Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25046.php).

Aufbau und Inhalt

Mit dem (Titel-)Begriff „Zusammenhänge“ will Lotter die vielfältigen Konnexe des Weltbewusstseins und der Weltanschauungen verdeutlichen und darauf verweisen, dass es in der sich immer komplexer, interdependenter und globaler entwickelnden Welt notwendig ist, von Ego-, Ethnozentrismen, Nationalismen, Rassismen und Populismen in der Welt weg- und hinzukommen zu einer gerechteren, gleichberechtigten, humanen Welt (vgl. dazu auch: David Goeßmann/Fabian Scheidler, Hg., Der Kampf um globale Gerechtigkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26334.php). Seinen Appell und seine Analyse gliedert er in sechs Kapitel. Im ersten zeigt er mit dem Begriff „Kontextkompetenz“ die Kausalitäten auf, die Mensch und Welt verbinden; im zweiten verweist er auf die „Gewebe der Welt“, die sich als kulturelle und zivilisatorische Aspekte darstellen; im dritten diskutiert er den „technologischen Kontext“, der die Möglichkeiten und Chancen einer Weltentwicklung bietet, wie auch die Irrwege und Fehlentwicklungen verdeutlichen; im vierten geht es um den „ökonomischen Kontext“; im fünften um den „organisatorischen Kontext“, um im sechsten Kapitel auf die „neuen Zusammenhänge“ zu verweisen.

Die Fallstricke, wie sie von den Fake Newsern, den Verschwörungs-Kakophonisten, den Radikalinskis und den Populinskis ausgelegt werden – in denen sich leider viel zu viele Follower und Nichtdenker verheddern – lassen sich nur erkennen und unschädlich machen durch Selbstdenken, was im sozialen Management-Diskurs als „Kontextkompetenz“ bezeichnet wird und die Kompetenzen „Zuständigkeit“, „Befugnis“, „Wissen“, „Können und Fähigkeit“, „Erfahrung“ und „Einstellung“ umfasst (PMH). Es sind die Auseinandersetzungen, wie sie in sozialen und praktischen philosophischen Reflexionen deutlich und als „Unbildung“ (2006) herausgestellt werden (siehe dazu auch: Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Geld. Was die Welt im Innersten zusammen hält?, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9228.php; ders., Vom Zauber des Schönen, Hrsg., 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9298.php). Nicht das Fake-Behauptete, auch nicht das im materiellen, fach(idiotischen) Sinn Laborierte kann als (Er)lebenswertes angesehen und genutzt werden, sondern das Zusammenhänge Verstehende. Dazu brauchen wir Kooperation und Netz: „Je komplexer die Welt wird, je mehr Wissen in ihr kursiert, desto wichtiger wird es, dieses Wissen in Netzwerken miteinander zu verbinden, zu öffnen und damit neue Zusammenhänge – und Möglichkeiten – zu schaffen“.

Diese Kompetenzen entstehen durch Wissenserwerb, der mehr sein muss als die individuelle Anhäufung von Informationen, nämlich kohärentem Denken und Handeln, dem „Erkennen, dass Zusammenhänge sowohl aus Gefühlen als auch aus Vernunft gemacht sind“. Mehr Sperrriegel als Öffnungselement ist dogmatisches Denken und Tun, das Lotter als „Komplexitätsirrtum“ herausstellt und die „Wissbegier“ dagegen setzt: „Wir müssen großzügiger denken und gleichzeitig bescheidener werden“, und herauskommen aus dem selbst gebauten und eingerichteten Hamsterrad, das mit den Zwängen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten konstruiert ist: Routine, Normalität, Sicherheit, Ordnung, Standard, Norm, Gewohnheit, Tradition. Haben wir dabei die Wertmaßstäbe vergessen, wie sie der homo faber als Gutes Schaffender postuliert hat? „Es geht darum, den Zusammenhang zwischen einer Technologie und dem eigenen Leben zu verstehen“, und die Suche nach der Ontogenese des Menschen zu beginnen (vgl. dazu: Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php).

Die Quintessenz, die Wolf Lotter mit der Frage nach einem besseren Verstehen der menschengemachten Wirklichkeiten in der Welt stellt, mündet in der richtigen Analyse, dass es der Einheit in der Vielfalt bedarf. Dabei ist das Bewusstsein wichtig: „Aufgeklärtes Denken ist nie in Stein gemeißelt“; vielmehr kommt es darauf an zu erkennen, dass Leben Problemlösen ist (Karl Popper), wie dies im soziologischen Diskurs hin- und her bewegt – ver-rückt – wird, ohne es als Beckmesserei oder als Alleinstellungsmerkmal darzustellen (Christian Fuchs, Kommunikation und Kapitalismus. Eine kritische Theorie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26842.php).

Diskussion

Nicht auf allgemeine Zustimmung dürfte Lotter mit seiner These stoßen: „Antikapitalismus ist vor allen Dingen eine Flucht vor der Komplexität. Eine Kapitulation vor der Moderne. Ein Emanzipationsdefizit“. Seine Argumente, dass mit der Kapitalismuskritik das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werde, kann nicht verleugnen oder ignorieren, dass neoliberales, kapitalistisches Denken und Tun zu menschengemachter Ungerechtigkeit führt, den Wert der Arbeit einseitig auf Profit und Gewinn ausrichtet und die Ausbeutung als Motiv benutzt (siehe dazu: Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26783.php). Das Dilemma, auf der einen Seite die Probleme nicht zu verschweigen, die der Kapitalismus zweifelsohne schafft, aber andererseits zu hoffen, dass es gelingen möge, diese durch einen „guten Kapitalismus“ zu überwinden, klingen freilich wie das Rufen in den Wald der Profiteure. Wie nämlich kann eine humanere, gerechtere Lösung aussehen, wenn Lotter ausführt: „Das Problem ist weniger der Kapitalismus als die Kapitalisten, jedenfalls die, die wir haben“. Bedeutete das nicht, endlich den (ökonomischen System-) und Perspektivenwechsel zu vollziehen, den 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“? Wie nämlich kann ein gutes, gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde möglich werden, wenn das höchste Gut des anthrôpos, seine Würde, nicht gewährleistet und „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (als) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) nicht durchgesetzt wird?

Fazit

Mit „Zusammenhänge“ ruft Wolf Lotter keine Revolution zum Weltverständnis aus. Das ist in Ordnung! Denn es kommt auf den Einzelnen an, der sich in seiner Gesellschaft aufgehoben, angenommen und beteiligt fühlt. Nur wenn es gelingt, ein individuelles und lokal- und globalgesellschaftliches Bewusstsein zu erzeugen, dass es notwendig ist, um Wissen produktiv zu machen, sowohl den Wald als auch den einzelnen Baum, das Individuum als auch das Kollektiv zu sehen und aktiv werden zu lassen (nach: Peter Drucker, Die postkapitalistische Gesellschaft, 1993), werden wir eine globale Wissensgesellschaft zustande bringen. Evolutionäres und revolutionäres, verantwortungsbewusstes, humanes und menschenwürdiges Denken und Handeln ist dafür notwendig. Die populäre Analyse von Wolf Lotter ist ein Baustein dafür


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2020 zu: Wolf Lotter: Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen. Edition Körber (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-89684-281-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27036.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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