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Rebekka Reinhard: Wach denken

Rebekka Reinhard: Wach denken. Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch. Edition Körber (Hamburg) 2020. 220 Seiten. ISBN 978-3-89684-282-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Wirklichkeiten erkennen

Im intellektuellen, verhaltens- und sprachwissenschaftlichen Diskurs wird immer wieder die Frage gestellt: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (Paul Watzlawick).Die modernen, medialen und virtuellen Entwicklungen bewirken, dass die Einschätzung und der alltägliche, lokale und globale Umgang mit Fakten, Realitäten, Tatsachen und Wahrheiten allzu oft bei Einstellungen und der Suche nach einfachen Ja-Nein-Antworten landet. Die daraus entstehenden Fake News ignorieren und missachten, dass ein humanes, verantwortungsbewusstes, ethisches Dasein immer auch bestimmt wird von Unberechenbarkeiten, Zufälligkeiten, Widersprüchen und Widerständen. Nur wenn es gelingt, diese Unwägbarkeiten zu erkennen und mit ihnen umzugehen, kann ein gutes, gelingendes Leben stattfinden – und Denken als Vergegenwärtigung des Existentiellen verstanden werden (Rainer Albrecht, Denken, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24789.php).

Autorin

Die Philosophin Rebekka Reinhard versteht sich als Expertin für Alltagsphilosophie und Lebensratgeberin. Als stellvertretende Chefredakteurin des Philosophie-Magazins „Hohe Luft“ greift sie die vielfältigen, theoretischen und praktischen Fragen des menschlichen Daseins auf. Sie will mit ihren Vorträgen und Schriften die Philosophie aus dem Elfenbeinturm herausholen und ins wirkliche Leben bringen: „Man ist nie zu jung und nie zu alt zum Philosophieren. Wer über gesunden Menschenverstand und eine gute Portion Wissensdurst verfügt, kann sofort loslegen“. Sie setzt sich dafür ein, das Selbstdenken zu lernen, und sie zeigt mit verständlichen Beispielen, dass dies jeder Mensch erwerben kann. Ein besonderes Anliegen ist ihr, funktionales und empathisches Denken und Handeln zusammen zu bringen: Mit Verstand und mit dem Herzen denken, wie wir dies beim Kleinen Prinzen (Saint-Exupéry) kennen gelernt haben; also: Wach denken!

Entstehungshintergrund

Die Welt reißt sich aus den Angeln. Freiheitliche, demokratische, humane Gewissheiten werden auf den „Müllhaufen der Geschichte“ entsorgt, und an ihre Stelle treten Ego-, Ethnozentrismen, Nationalismen, Rassismen und Populismen (siehe dazu auch: Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26507.php). Gegen diese unmenschlichen, unlogischen Tendenzen gilt es aufzustehen und vernünftige Gegenpositionen einzunehmen (Achim Heinze, Warum leben wir nicht? Unsere Psyche zwischen Terrorangst, Todestrieb und Lebenslust, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27127.php). Es gilt, sich auf die Tugenden zu besinnen – und sie zu leben – wie sie sich als Lebensspuren und –anker darstellen: Achtsamkeit, Aufmerksamkeit (siehe dazu auch: Jörn Müller, u.a., Hg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php).

Aufbau und Inhalt

Rebekka Reinhard spricht in der Einleitung ihres Plädoyers für waches Denken von der „Verblödung der Vernunft“. Sie will damit nicht diejenigen mit abweichendem Verhalten als dumm bezeichnen, sondern darauf verweisen, dass in den scheinbaren virtuellen Einstellungen eines „Allzeit-Bereit“, „Alles-Wissens-und-Sofort-Verfügbarem“, das Dogma „Entweder – Oder“ steckt: „Das irrationale Element verblödeter Vernunft zeigt sich in ihrem ideologischen Machtanspruch, mit dem sie sich permanent selbst bestätigt“. Es ist die „Computer-Logik“, die die Fallen aufstellt. Sie argumentiert dagegen mit zwei Argumenten: Zum einen zeigt sie auf, was dumpfes Denken und Handeln anrichten kann: „Dumpf will keine individuellen, unabhängigen Gedanken“, sondern gibt sich zufrieden mit „Null und Eins“. Dagegen setzt sie das wache Denken: „Wach ist das, was jenseits von Null und Eins liegt“.

Diskussion

Philosophisches Denken ist ja – weil jeder Mensch ein Philosoph sein kann – nicht mehr und nicht weniger als vernünftiges Denken. Diese Erkenntnisse sind nicht neu, sondern Bestandteil des menschlichen Nachdenkens über sich und die Welt. Etwa, wenn Immanuel Kant dazu auffordert, Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen; oder wenn der Jenenser Philosoph Hartmut Rosa von der „Unverfügbarkeit“ des menschlichen Daseins spricht: Das Leben vollzieht sich als Wechselspiel zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was uns unverfügbar bleibt, uns dennoch etwas angeht (Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php). Wir landen dabei schnell bei der Frage nach der Wahrheit. Die Beantwortung unterliegt wiederum einem Dilemma: Ist die Wahrheit eine Illusion? Gibt es die (eine, wahre) Wahrheit? Oder ist Wahrheit, wie es in der Kybernetik interpretiert wird, nichts anderes als die Erfindung eines Lügners? (Winfried U. Radel, Verhaltens-Kybernetik, das ist Ethik. Pragmatische Ethik im Alltag für mehr Gemeinwohl & Wert-Schöpfung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25312.php). Wir landen bei einem weiteren Problem: Es ist die allzu einfache, bequeme und wohlfeile Auffassung, wie sie sich in der Computer-Logik anbietet, nämlich nur die Informationen an- und aufzunehmen, die den eigenen Einstellungen entsprechen und andere Positionen gar nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen: „Wo Computer-Logik als kognitive Standardsoftware akzeptiert ist, verschwindet die gemeinsame Wirklichkeit aus dem Fokus“.  

Dagegen setzen lässt sich nur die Sinnsuche. Es muss sich die Erkenntnis einstellen: „Das Leben lässt sich nicht per Joystick steuern. Auf seiner Bühne vermischen sich Erfolg und Scheitern, Echt und Fake, Person und Maske, Subjekt und Objekt“. Und es hilft, über den individuellen, innergesellschaftlichen, kulturellen Gartenzaun zu schauen, hin zu anderem, kulturellem Denken und Handeln; „weil auf diesem Planeten nichts isoliert existiert… Sondern alles mit allem verwoben und in seiner Freiheit und Verletzlichkeit auf anderes angewiesen ist“. Beim Wagnis des Lebens ist es hilfreich, den Gewissheiten die Möglichkeiten, den Haltepunkten die Hindernisse, dem Selbstverständlichen das Absurde zuzuordnen: „Das Absurde ist kein Hindernis für ein gutes Leben, sondern sein vielleicht wichtigstes Element“; weil „Sie, ich, wir alle befinden uns in einer kontingenten Welt… Was jetzt so und so ist, könnte auch ganz anders sein. Zufällig. Überzeugend. Bunt“. Schon befinden wir uns bei der „positiven Subversion“, wie sie Hans A. Pestalozzi in seinem Buch „Nach uns die Zukunft (1979) anempfiehlt.

Fazit

Mit ihren 262 Anmerkungen und den 13seitigen Literaturverweisen verdeutlicht die Autorin ihre Auseinandersetzungen mit der besorgniserregenden, lokalen und globalen „irrationalen Rationalität, in der nur Entweder – Oder gilt“. Ihre Überzeugung, dass diese Einstellungen an der Wirklichkeit des menschlichen Daseins vorbei gehen und den Menschen den „Zwängen der (verführerischen, JS) Eindeutigkeit ausliefern". Ihren Rat, wach zu bleiben, stützt sie mit zahlreichen Argumentationen und Beispielen. Sie können hilfreich sein, „sich auf die Unberechenbarkeit des Lebens einzulassen und der Welt frei, kreativ und vorurteilslos zu begegnen“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.10.2020 zu: Rebekka Reinhard: Wach denken. Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch. Edition Körber (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-89684-282-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27037.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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