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Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts

Cover Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Lübbe (Köln) 2020. 352 Seiten. ISBN 978-3-86995-095-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 29,90 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783785726204.
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Thema

Verschwörungstheorien – oder besser: Verschwörungserzählungen, wie Nocun und Lamberty schreiben – und Fake News haben Konjunktur; zum wiederholten mal. Sie sind nicht allein private Themen, sie sind gesellschaftlich verankert und zielen auf die Veränderung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, auf die Zerstörung der Demokratie. Dabei sind Verschwörungserzählungen keine Sache verschrobener Sonderlinge, sie sind tief in der Mitte der Gesellschaft verankert. Jede zweite Person teilt wissenschaftsfeindliche Haltungen, 45 % glauben an geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen hätten (Rees/Lamberty 2019, 212 f.). Zählen Sie durch, in Ihrer Familie oder im Freundeskreis.

Autorinnen

Katharina Nocun, Politikwissenschaftlerin und Bügerrechtlerin, Netzaktivistin und Campaignerin, und Pia Lamberty, Psychologin, Doktorandin an der Johannes Gutenberg Universität Mainz und unter anderem Mitautorin der jüngsten Mitte-Studie der Friedrich Ebert Stiftung, 2019, stritten in der Hitze der Negev-Wüste über Details der Messung von Verschwörungsmentalität. In Folge vieler weiterer Diskussionen wuchs dieses spannende Buch.

Aufbau

„Auf politischer Ebene braucht es mehr Bewußsein sowie den Willen zum Handeln“ führen die Autorinnen ihr Conclusio aus. Das Fazit zeigt sich als das wichtigste: der Band soll einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte zum Phänomen Verschwörungsglauben leisten. – Das tut er!

Der Band eröffnet mit dem Kapitel 1 zu „psychologischen Grundlagen von Verschwörungsdenken“. Das 2. Kapitel unternimmt einen „Faktencheck: der Glaube an Verschwörungserzählungen“ um im 3. Kapital zu zeigen, wie nah Verschwörungserzählende uns selbst sind: „Warum Verschwörungsgläubige uns ähnlicher sind, als wir denken“. Die Kapitel 4 bis 13 verfolgen verschiedene Erzählungen: Politik und „Lügenpresse“ (Kapitel 4), Klimamythen (Kapitel 5), Freimaurer und Illuminaten (Kapitel 6), Flache Erde und Echsenmenschen (Kapitel 7), Holocaustleugnung, Weltuntergang und Größenwahn extremer Rechter (Kapitel 8), Impfgegner, Krebsmythen und AIDS (Kapitel 9), Esoterik und Naturmythen (Kapitel 10), in linken Kreisen (Kapitel 11), Geldmaschinerie (Kapitel 12) und Corona (Kapitel 13, Redaktonsschluss war im April 2020). Kapitel 14 stellt Tipps und Strategien zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen vor. Mit dem Fazit enden die Ausführungen. Es folgen das Quellenverzeichnis und kurze biografische Darstellungen zu den beiden Autorinnen.

Inhalt

„Der Hass ist echt“, schließen Nocun und Lamberty, und er endet immer öfter tödlich, wie die Morde von Hanau, Halle, Christchurch und an vielen anderen Orten zeigen. Es ist todernst. Verschwörungserzählungen gelten als Rechtfertigungen. Opfer werden verhöhnt, diffamiert oder mit dem Tode bedroht, unzählige Male. Der Staat reagiert zögerlich oder gar nicht. Das „Sagbare ist entgrenzt“. Wörter haben Macht, Sprache beeinflusst wie wir die Welt wahrnehmen und handeln. Nocun und Lamberty plädieren für stärkere und stabilere Förderungen zivilgesellschaftlicher Initiativen, zum Umgang mit Verschwörungserzählungen. Sie fordern mehr politische Bildung, mehr Beratung und Opferschutz, die Opfer dürfen nicht alleine gelassen werden. Sie fordern mehr kritisches Denken und mehr kritische Medienkompetenz in den Schulen. Schüler_innen sollen die Quellen ihrer Informationen kritisch analysieren können. Sie fordern auch „eine kritische und ehrliche Auseinandersetzung mit eigenen Meinungen und Haltungen“. Dies ist der beste Schutz Verschwörungsmythen aufzusitzen.

Ob Sie selbst an Verschwörungserzählungen glauben, können Sie im Schnelltest prüfen und sich anschießend dem Gegenstand annähern. Nocun und Lamberty stellen im ersten Kapitel ihren Begriff Verschwörungserzählung vor und die psychologischen Grundlagen. Sie benennen als Hauptgründe Kontrollverlust oder den Wunsch nach Einzigartigkeit, das Menschen Verschwörungserzählungen anhingen. Aber auch Langeweile, unsichere Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit oder Narzismus verweisen auf Zusammenhänge.

„Debunking“, entlarven, ist eine Strategie um Verschwörungserzählungen zu entkräften. Im zweiten Kapitel führen die Autorinnen einen Faktencheck durch. Sie prüfen und verwerfen sechs gängige Mythen zum Umgang mit ihnen. Sie zeigen, das Menschen, die an diese Erzählungen glauben nicht verrückt, dumm oder leichtgläubig sind, dass es Erzählungen auch lange vor dem Internet gab, dass sie nicht harmlos oder witzig sind; dass die sogenannte „Verschwörungstheorie“ ein Kampfbegriff ist und das berechtigte Zweifel nicht zu unüberprüfbaren Ideologien verfestigt werden dürfen.

Im dritten Kapitel zeigen die Autorinnen, warum die Neigung zu den Erzählungen so groß ist. Wahrheiten zu erkennen ist eine Herausforderung. Menschen verzerren Realitäten, es entstehen Dissonanzen, Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es entstehen widersprüchliche Empfindungen, kognitive Dissonanzen, wie Leon Festinger sie 1957 erstmals beschrieb. In diesen unsicheren Situationen werden Menschen empfänglich für Erklärungen, die Orientierung oder Halt anbieten, wenn sie auch noch so absurd sind.

In allen Kapiteln erzählen Nocun und Lamberty Geschichten von Menschen und Situationen oder nehmen Erzählungen auf. Die Kapitel 4 bis 13 nehmen jeweils einzelne Aspekte in den Focus, beschreiben vielfache Mythen und stellen Zusammenhänge her zu Interessen, Zielen, Personen und Institutionen und ihren Wirkungen.

Im Kapitel 14 bieten die Autorinnen „Tipps und Strategien zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen“. Hier greifen sie das bekannte Fünf-Phasen Modell prosozialen Verhaltens nach Lantane/​Darley (1970) auf, das im Kontext von Zivilcourage Einsatz findet. Vertiefend greifen sie basale Fragen auf, die immer auftauchen, wenn ich mich aktiv in die Diskussionen einbringen möchte. Klar wird auch, dass es keine Rezepte zur Lösung dieser Konflikte gibt. Wir können uns aber erproben in der Nutzung dieser Strategien und uns damit besser auf spontanes Reagieren vorbereiten (vgl. Neumann/​Weckel, 2011 und andere). Dass Fragen stellen den Dialog öffnet und vielfach sogar wirksamer ist als Argumente, wusste schon Platon. Die „innere Logik“ befragen ist eine klassische Strategie, ebenso wie der „Zweifel“, der in „dialektischer Aufklärung“ (Horkhiemer/​Adorno) Betroffene selbst auf Ungereimtheiten stössen läßt. Suchen Sie nach Erklärungen, nicht nach Schuldigen! Da aber auch alle Empathie und Aufklärung seine Grenzen haben, ist der Counter-Speech (Gegenrede) der letzte Hebel, der die Erzählenden stoppen kann. Wachsen die Verstrickungen in Familie und Freundeskreis an, gibt es überall Beratungsstellen, die weiterhelfen. Signale, um androhende Überforderungen wahrzunehmen, bieten Nocun und Lamberty mit einer Checkliste (S. 295) mit sieben Punkten. Einen umfassenden Leitfaden finden Sie bei COMPACT (Comparative Analysis of Conspiracy Theories; nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, vom Verfassungsschutz beobachteten Magazin des Herausgebers Jürgen Elässer). Für die Bildungsarbeit bieten die Autorinnen ein Planspiel an: No World order, das im Netz über die Antonio Amadeu Stiftung erhältlich ist. Dies werde ich erproben.

Diskussion

Nocun und Lamberty zeigen, das Verschwörungserzählungen weit in der Bevölkerung verbreitet sind und dass sie darauf zielen die Demokratie zu zerstören. Deshalb sind eine gesellschaftlich Debatte über sie nötig und Strategien zur Zurückdrängung erforderlich. Neben strukturellen Herausforderungen, auf die die Autorinnen in ihrem Fazit verweisen, bietet der Band allen Menschen einen umfassenden Einblick in verschiedenste Erzählungen und ihre Hintergründe. Sie verknüpfen damit sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Handlungstrategien. Neben der Aufklärung bieten sie konkrete Hinweise, wie jedes einzelne Subjekt sich den Erzählungen entgegenstellen kann, bis zu Hinweisen wo Hilfe gefunden werden kann. Das überzeugt und ist jeder und jedem empfohlen aufzunehmen. Der Band kann auch in Auszügen gelesen werden. Interessant ist die Verbindung der beiden Autorinnen, wie sie sich kennenlernten, wie sie diskutierten und wie die Idee entstand diesen gemeinsamen Band zu verfassen, transdisziplinär – Psychologin und politische Aktivistin – ihre jeweiligen Erfahrungen und Erkenntnisse ergänzend.

Fazit

Der Band hält, was der Titel verspricht. Er zeigt subjektive psychischen Dispositionen auf, stellt die Verbindung zu jeder und jedem Einzelnen her, verknüpft diese mit gesellschaftlichen Herausforderungen und bietet konkrete Handlungsmöglichkeiten an, mit Verschwörungserzählungen umzugehen. Gleichzeitig finden sich Impulse für die politische oder schulische Bildungsarbeit. Ich kann diesen leicht verständlichen Band allen zur Lektüre empfehlen.

Literatur

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (1988/1947): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M.

Neumann, Ulf; Weckel, Erik (2013): Entschieden! Zivilcourage jetzt. Eine Multiplikatorenfortbildung, Marburg

Rees, Jonas H.; Lamberty, Pia (2019): Mitreißende Wahrheiten: Verschwörungsmythen als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, in: Zick, Andreas; Küpper, Beate; Berghan, Wilhelm (Hg.): Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19, Bonn, S. 203-222


Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
Homepage www.schritte-gehen.com
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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 11.09.2020 zu: Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Lübbe (Köln) 2020. ISBN 978-3-86995-095-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27040.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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