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Antonio Vera: Von der ´Polizei der Demokratie´ zum ´Glied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft´

Cover Antonio Vera: Von der ´Polizei der Demokratie´ zum ´Glied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft´. Die Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1918-1939). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2019. 625 Seiten. ISBN 978-3-8487-5622-3. 114,00 EUR.

Reihe: Sicherheit - Band 9.
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Thema

In seiner Monographie befasst sich der Autor mit der Rolle, Funktion und Bedeutung der deutschen Polizei in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen (1918 - 1939), d.h. mit der Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft. Neben der Analyse vorhandener geschichtswissenschaftlicher Literatur wird die im Jahr 1904 gegründete Zeitschrift DIE POLIZEI im Hinblick auf Erkenntnisse, Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung der Polizei sowie deren Wahrnehmung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen untersucht (Stichprobe ca. 1.000 Seiten). Die Zeitschriftentexte dienen nicht nur als empirisches Quellenmaterial, sondern bilden die Grundlage für eine „diskursgeschichtlich inspirierte, kulturgeschichtliche Analyse der deutschen Polizei“ (S. 38).

Autor

Antonio Vera wurde im Jahr 2007 zum Professor für Organisation und Personalmanagement in der Polizei an der Deutschen Hochschule für Polizei ernannt und leitet dort das gleichnamige Fachgebiet. Unter anderem studierte er Kulturwissenschaften mit Fachschwerpunkt Geschichte (B.A.) sowie Europäische Moderne (M.A.) an der FernUniversität in Hagen.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die Dissertation des Autors, die im Jahr 2018 von der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften der FernUniversität Hagen im Fach Geschichte angenommen wurde.

Aufbau

Die Einleitung dient vor allem dazu, die Arbeit in die bestehende Forschung einzuordnen und das methodische Vorgehen zu erläutern. In den methodischen Ausführungen liegt der Schwerpunkt bei der Beschreibung der Diskursanalyse. Kapitel 2 widmet sich den theoretischen Grundlagen (Polizeibegriff, herrschafts- und polizeisoziologische Grundlagen), während Kapitel 3 die historischen Grundlagen beschreibt. Diese umfassen die Geschichte der Polizei seit dem Altertum, die Zwischenkriegszeit und ihre Sicherheitslage (1918-1939) sowie die Kriminalität in der Zwischenkriegszeit. Daran schließt sich mit dem Kapitel 4 der umfangreichste Teil der Arbeit an, in dem das Untersuchungsmaterial analysiert und interpretiert wird.

Inhalt

Die zentrale Fragestellung der Arbeit bezieht sich auf die Funktion der Polizei als politisches Werkzeug der Regierung und nicht als primär neutrales Sicherheitsorgan zum Schutz der Bevölkerung (S. 174 f). Untersuchungsgegenstand ist die Fachzeitschrift DIE POLIZEI. Für den Autor stellt die Zeitschrift nicht nur bloßes empirisches Quellenmaterial dar (S. 35, 38), sondern bietet auch die Grundlage für eine „diskursgeschichtlich inspirierte, kulturgeschichtliche Analyse der deutschen Polizei in der Zwischenkriegszeit“ (S. 38). Dass in der Zeitschrift in der Regel höhere Beamten aus der Polizei bzw. der Verwaltung publizieren, ist von zentraler Bedeutung, da die institutionelle bzw. kriminalpolitische Motivation nicht unterschätzt werden sollte.

Methodisch basiert die Untersuchung auf herrschafts- und polizeisoziologischen Grundlagen. Verschiedene Zwischenfazite führen immer wieder darauf zurück. Vor allem die polizeisoziologische Grundlagen sind mit dem dort beinhalteten modernisierungstheoretischen Ansatz, dem konflikttheoretischen Ansatz, dem herrschaftstheoretischen Ansatz, dem dramaturgischen Ansatz und dem organisationskulturellen Ansatz äußerst komplex und angesichts des Gesamtumfangs der Monografie mit 22 Seiten sicherlich noch knapp beschrieben. Während der (leicht überkomplexe) theoretische Ansatz jedoch plausibel formuliert ist, sind methodologische Ausführungen, die sich auf die Anwendung der gewählten Methode auf das Untersuchungsmaterial beziehen, etwas gering – zumal es sich um eine Qualifikationsarbeit handelt.

Im Analyseteil nimmt der Autor eine nachvollziehbare Gliederung vor, um die Polizei in der Zwischenkriegszeit zu analysieren.

  • Zusammenbruch und Neuaufbau (1918-1923)
  • Modernisierung, Demokratisierung und Professionalisierung (1924-1929)
  • Stagnation und Kapitulation (1930-1932)
  • Entgrenzung und Ideologisierung (1933-1939)

Innerhalb dieser gut lesbaren Struktur finden sich eine Vielzahl von Einzelthemen, die entweder heute noch bedeutsam sind bzw. sich auf diese Zeit zurückführen lassen. Die Beschreibung der Polizei als Freund und Helfer (S. 302) ist hierfür ein prominentes Beispiel. Des Weiteren sind die Akzeptanzprobleme, das Vertrauensdefizit, die entstehende Bedeutung der Kriminalpolizei, die Technisierung (u.a. Motorisierung) und Professionalisierung der Polizei, die Ausbildung, die Bürgerorientierung, die Bedeutung des Streifendienstes und der fehlende politische Rückhalt für die Polizei zu nennen. Ebenso lässt sich die fehlende Anschlussfähigkeit von (ehemaligen) Polizisten für den sonstigen Arbeitsmarkt hinzufügen.

Diskussion

Nachdem die polizeihistorische Forschung in Deutschland erst spät in die Gänge kam und in den letzten Jahren – abseits von einigen Forschungsinseln – schon wieder an Bedeutung verloren hat, ist es erfreulich, dass der Autor bestrebt ist, einen Beitrag zur Schließung der noch reichlich vorhandenen Forschungslücken zu leisten. Nimmt man die maßgeblichen Arbeiten seit den 1980er Jahren in die Hand, wird schnell deutlich, dass es unterschiedliche Bewertungen gibt, wo sich der Forschungsstand verbessert hat und wo er als noch unbefriedigend zu bewerten ist. Einigkeit herrscht über den prominenten Platz, den Preußen in der polizeigeschichtlichen Forschung einnimmt (so auch bei Vera). Das ist angesichts der Bedeutung der Preußischen Monarchie bzw. des Freistaats Preußen und seines Einflusses auf die übrigen Länder plausibel. Dass sich die Forschung nach 1945 gerne auf den Wiederaufbau der Polizei in der britischen Besatzungszone konzentriert, ist möglicherweise ein mittelbarer Preußen-Effekt. Die Notwendigkeit der polizeihistorischen Forschung ist auch darin zu sehen, die Geschichtsschreibung nicht der Polizei selbst, geschichtsinteressierten Polizisten oder den Polizeigewerkschaften zu überlassen.

Positiv hervorzuheben ist die Thematisierung des Polizeibegriffs, auch wenn alltagsweltlich plausibel erscheinen mag, was bzw. wer Polizei ist. Vera leitet seine Ausführungen damit ein, dass der Polizeibegriff „bis weit in das 20. Jahrhundert hinein unklar war“ (S. 41), schränkt später jedoch treffend ein, dass der Polizeibegriff „auch heutzutage nicht unproblematisch“ (S. 45) ist. Die historisch sehr spannende Frage nach den Kommunen oder dem Staat als Träger der Polizei findet dabei leider wenig Berücksichtigung – ein Manko, das viele polizeigeschichtliche und polizeiwissenschaftliche Arbeiten eint. Etwas ungenau ist die Formulierung „deutsche Polizei“, die sich an etlichen Stellen für die Zeit vor 1933 findet. Allerdings wird dieses Begriffspaar auch heute noch gerne – und ebenso kritikwürdig – verwendet. Ebenso üblich ist die wenig differenzierte Darstellung der „öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ als Aufgabe der Polizei, die recht spät in einem zitierten Artikel aus dem Jahr 1933 thematisiert wird (S. 506 f.). Dahingehend hätte eine polizeihistorische Arbeit auch einen Hinweis auf die Genese der Begriffe bieten können. Zeitlich bedarf es hierfür keiner großen Sprünge, um den Begriff der öffentlichen Ordnung aufzuwerten (vgl. Zimmermann 1852).

In der historischen Polizeiforschung ist der Blick auf die Zeitschrift DIE POLIZEI nicht neu, aber immer noch ein Geheimtipp. Obwohl DIE POLIZEI heute noch erscheint und damit zu den ältesten polizeiwissenschaftlichen Fachpublikationen zählt, lässt sich diese in Anlehnung an den popkulturellen Sprachgebrauch als underrated bezeichnen. Kenner wissen jedoch, dass es gerade die älteren Vor- und Nachkriegsjahrgänge sind, in denen es etliche Perlen (wieder) zu entdecken gilt. Die Idee, diese Zeitschrift zu analysieren, verdient vor diesem Hintergrund große Anerkennung. Methodisch ist es jedoch nicht unproblematisch, davon auszugehen, dass die „von leitenden Polizeibeamten herausgegebene, sich schwerpunktmäßig an Polizeibeamte richtende Fachzeitschrift [tatsächlich] auch von der überwiegenden Mehrheit der Polizeibeamtenschaft“ (S. 416, ähnlich in anderen Fundstellen) gelesen wurde bzw. sogar deren Stimmungsbild widerspiegelte. Legt man die heutigen Maßstäbe an, so erreichen etliche Publikationen, die den Behörden zugestellt werden, die Sachbearbeiter/​-innen oftmals nicht, wenn sie nicht ohnehin in der Flut der täglichen Informationsflusses untergehen. Der Schluss auf die Repräsentativität überzeugt jedoch auch ohne das Argument des dienststelleninternen Publikationsverteilers nicht.

Die Potenziale des methodische Ansatzes werden dort deutlich, wo es um Fragen der polizeilichen Dramatisierung der Kriminalitätslage geht, um Verbesserungen für die Institution Polizei zu erreichen. Dieser Ansatz funktioniert auch heute noch bestens, wobei die Polizei nach 1949 clever genug war, sich zunehmend von ihrer fehleranfälligen Kriminalstatistik zu lösen, um auf die Kriminalitätsfurcht als allseits anschlussfähiges Konstrukt zu setzen.

Die zentrale Fragestellung, die sich auf die Polizei als Herrschaftsinstrument bezieht, darf man zu Recht kritisieren. Was soll Polizei sonst sein? Dennoch: In den 1990er Jahren entstand im Kontext der Einführung von community policing in Deutschland eine flüchtige Debatte. Im Kern der vor allem von Feltes vorgetragenen Argumentation ging es dabei um die Rolle der Polizei als unspezifische Hilfsinstitution und die Frage, was gute Polizeiarbeit ausmacht (vgl. exemplarisch Feltes/​Gramckow 1994: 18). Im Ergebnis bedeutet dies, „die Rolle und Funktion der Polizei im Gemeinwesen neu zu überdenken“ (Feltes 1990: 37). Ob es die Intention des Autors war, den Diskurs zum Nachdenken über Polizeiarbeit neu zu befördern, muss offen bleiben. Argumente hierfür gibt es genug.

Fazit

Mit seiner Monografie legt Vera ein gut lesbares Werk vor, das an etlichen Stellen (wieder einmal) verdeutlicht, dass viele zeitgenössische Ereignisse durchaus nicht neu sind. Der Autor trägt damit zu dem Verständnis bei, mit wem wir es zu tun haben, wenn über Polizei gedacht und gesprochen wird. Insofern vermittelt der Autor einen vielfältigen Fundus an Grundlagenwissen. Deshalb von einem Grundlagenwerk zu sprechen, wäre allerdings zu hoch gegriffen. Positiv hervorzuheben ist, dass sich die rund 600 Seiten recht kurzweilig lesen lassen – im besten Sinne des Wortes also ein Lesebuch. Dieser wohl unfreiwillig belletristische Hinweis soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einer quellenreichen Monografie zu tun haben, die mit etlichen Glanzlichtern und archivarischen Wiederentdeckungen brilliert. Wer sich mit Polizeigeschichte befasst, sollte also zugreifen.

Die Papierqualität des in der Nomos Verlagsgesellschaft veröffentlichten Buches ist gut. Aufgrund des Umfanges hätte sich eine gebundene Ausgabe durchaus angeboten, trotz der Mehrkosten für die Leser/​-innen (eine kostengünstigere Variante bietet ohnehin das E-Book). Als Paperback verdeutlicht der in Mitleidenschaft gezogene Buchrücken die intensive Bearbeitung des Werkes – das gefällt nicht allen rezipierenden Personen.

Verwendete Literatur

Feltes, Thomas (1990): Polizei, Bürger und Gemeinwesen, in: Neue Kriminalpolitik, 4/1990, S. 32–39.

Feltes, Thomas; Gramckow, Heike (1994): Bürgernahe Polizei und kommunale Kriminalprävention. Reizworte oder demokratische Notwendigkeiten?, in: Neue Kriminalpolitik, Nr. 3/1994, S. 16–20.

Zimmermann, Gustav (1852): Wesen, Geschichte, Literatur, characteristische Thätigkeiten und Organisation der modernen Polizei. Ein Leitfaden für Polizisten und Juristen. Hannover: Carl Rümpler.


Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
Homepage www.researchgate.net/profile/Karsten_Lauber
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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 17.08.2020 zu: Antonio Vera: Von der ´Polizei der Demokratie´ zum ´Glied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft´. Die Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1918-1939). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2019. ISBN 978-3-8487-5622-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27042.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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