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Armin Schneider (Hrsg.): Qualität im Diskurs entwickeln

Cover Armin Schneider (Hrsg.): Qualität im Diskurs entwickeln. Erfahrungen und Perspektiven im kompetenten System der Kindertagesbetreuung. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2019. 168 Seiten. ISBN 978-3-86892-162-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Vor dem Hintergrund gesetzlicher Vorgaben (SGB VIII § 22a) für Kindertagesstätten sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten unterschiedliche Qualitätskonzepte, trägerspezifische Qualitätsvorgaben wie auch länderspezifische Bildungspläne entwickelt worden. Wie der geforderte Anspruch an eine gute Qualität in Kindertagesstätten definiert und ausgeführt wird, unterscheidet sich in den bundesweit über 40.000 bestehenden Einrichtungen. Was eine Kindertagesstätte zu einem qualitativ guten Ort macht, hängt von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab. Das sind zum einen die strukturellen Rahmenbedingungen wie Personalschlüssel, Gruppengröße und Personalqualifikation, aber auch Räume, Material- und Personalausstattung. Darüber hinaus bestimmen Leitbilder, Werte und Überzeugungen ebenso die Qualität von Kindertageseinrichtungen wie die jeweilige Perspektiven der verschiedenen Akteuren: Träger, Leitung, Personal, Eltern und Kinder. Das Koblenzer Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit | Rheinland-Pfalz (IBEB) nimmt mit seinem Ansatz „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ diese Vielschichtigkeit des Arbeitsfeldes Kindertagesstätten auf und versteht Qualität als einen partizipativen Aushandlungsprozess unter Einbeziehung der verschiedenen Perspektiven aller Akteure. Qualität ist folglich kein fertiges Produkt, sondern ein stets wiederkehrender Prozess der selbstkritischen Betrachtung des eigenen Handelns in einen Kreislauf von Bestandsaufnahme, Handeln, Reflexion Neujustieren. Ziel der vorliegenden Publikation ist sich der Qualitätsentwicklung aus verschiedenen Ebenen zu nähern.

AutorInnen

Armin Schneider ist Direktor des Instituts für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit an der Hochschule Koblenz und Herausgeber dieses Bandes. Seit vielen Jahren hat sich das Koblenzer Institut die Weiterentwicklung der Qualitätsdiskussion für die Kindertagesbetreuung zum Ziel gesetzt. Mit Veranstaltungen und zahlreichen Publikationen stellen sie ihren Ansätz „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ vor. Im vorliegenden Band sind alle MitarbeiterInnen des Instituts Autoren der Einzelbeiträge.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in drei Themenbereiche gegliedert:

I. Diskursgrundlagen auf allen Ebenen

Irit Wyrobnik fokussiert sich in ihrem Beitrag auf den Zusammenhang von Kommunikation, Interaktion und Partizipation als Grundlage einer guten Qualität in der Kita. Mit dem in Rheinland-Pfalz erprobten Vefahren einer „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ werden keine von außen an die Kita herangetragnen Standards für eine Qualitätsentwicklung verordnet. Für einen qualitativen Zugang zu Qualität sind vielmehr die Reflexion der eigenen Haltung sowie die Gestaltung der Beziehungen auf allen Ebenen (Kinder-Fachkräfte, Kinder-Kinder; Fachkräfte-Eltern, Fachkräfte-Team) wesentlich. Die Bedeutung von Kommunikation, Interaktion und Partizipation werden vorgestellt. Mit Fragen zur Selbstreflexion „Ist unsere Kita von Partizipation geprägt?“ wird die Leserschaft zum Nachdenken der eigenen Handlungspraxis angeregt.

In dem Beitrag „Qualität mit den Betroffenen und Beteilitgten im Diskurs bestimmen“ hebt Armin Schneider über die objektiven und auch meßbaren Rahmenbedingungen wie Fachkraft-Kind-Schlüssel, Leitungsdeputat, Raumgröße etc. den subjektiven Faktor in der Beurteilung von Qualität hervor. Aspekte wie die Ausgestaltung des Sozialraums, die Anforderungen und Erwartungen der Eltern, die Teamkonstellation, das Verhältnis Träger-Leitung usw. erfordern einen Aushandlungsprozess. So sind nach seiner Auffassung Qualitätsdimensionen nur mit der Beteiligung der Akteure möglich. In Anlehnung an die Empfehlungen des Deutschen Vereins zu Fragen der Qualität in Kindertageseinrichtungen (2013) wird in einem Schaubild der in der Industrie übliche Qulitätsbegriff von Prozess-, Struktur und Erlebnsiqualität gegenübergestellt. Seiner Meinung benötigt ein Qualitätsmanagement für die Kita eine Beteiligung auf verschiedenen Ebenen. Beispielhaft werden diese vorgestellt.

In seinem nächsten Kapitel „Die Kompetenz des Systems Kita professionell steigern“ führt Schneider seinen Ansatz der Beteiligung aller Akteure mit dem Blick auf das System Kita fort. „Eine wichtige Möglichkeit, Systeme zu beeinflussen und Organisationen in ihrem Lernen zu unterstützen, ist der Diskurs verschiedener Perspektiven auf Augenhöhe.“ (24).

Xenia Roth betrachtet „Qualitätsentwicklung im Diskurs in adminstrativen Arbeitsvollzügen“ am Beispiel des Bund-Länder-Prozesses „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“, der zum Ziel hatte, „in einem Bundesqualitätsgesetz strukturelle Standards für die Kinderbetreuung festzulegen“ (35). Durch einen breiten Zusammenschluss von Organisationen, Wissenschaftler*innen, Forschungsinstituten und Expertisen konnte diese Arbeitsgruppe einem multiperspektivischen Blick nachgehen. Orientierung am Konsens, mit ritualisierten Strukturen einen Rahmen durch Moderation und Transparenz wahren, beschreibt die Autorin diese Qualitätsentwicklung als einen beispielhaften Prozess, der nicht an seinen politischen Konsequenzen, sondern in der Wahrnehmung der politischen Verantwortung gemessen werden sollte.

Ralf Haderlein wendet sich mit „Politik und Qualität – eine kritische Replik“ der Einflussnahme politischer Aushandlungsprozesse auf pädagogische Zielsetzungen am Beispiel des „Guten- Kita-Gesetzes“ zu. Er beschreibt dabei die Deutungshochheit durch Gesetze und Verordnungen, die sich wiederum im Profil der Träger widerspiegeln. Die Perspektiven der Eltern und Kinder haben hier eher eine marginale Bedeutung. Haderlein resümiert einerseits, dass „insbesondere diejenigen Qualität definieren, die auch die Einrichtungen und die Tagespflege finanzieren“ (49) und fordert andererseits die Einmischung in politische Prozesse, um auch denen Gehör zu verschaffen, um die es in der Kinderbetreuung geht: den Kindern.

Der Beitrag von Sylvia Herzog „Blick über den Tellerrand“ gibt Einblick in das System Frühe Bildung in China und zeigt aus der Perspektive eines anderen kulturellen und politischen Hintergrunds dessen Prämissen für gute Bildung und Erziehung.

II. Diskurs in der Kita-Praxis

In sechs Beiträgen werden die konkrete Ankerpunkte zur Ausgestaltung und Umsetzung einer diskursiven Qualitätsentwicklung beschrieben:

  • Ideen für Sitzung- und Leitungsgestaltung einschließlich einer möglichen Protokollführung (Armin Schneider)
  • Aufbau und Wege für eine Konzeptionsentwicklung (Armin Schneider)
  • die Haltung des Trägers im System Kindertagesbetreuung (Ulrike Pohlmann)
  • die „Philosophie des Ansatzes“ mit seinen zentralen Eckpfeilern (Andy Schieler)
  • inklusive Qualität als beständiger Aushandlungsprozess (Marina Swat)
  • die diskursive Bilderbuchbetrachtung als Türöffner für die Lebenswelt der Kinder (Daniel Roos)

III. Perspektiven und Grenzen des Diskurs

Mit 4 Beiträgen werden (neue) Wege für die Etablierung einer diskursiven Qualitätsentwicklung vorgezeichnet. Die „Erziehung zur Mündigkeit“ – ein Plädoyer von Adorno zur Demokratiefähigkeit aus den 60er Jahren – erhält in den Kindertagesstätten mit der Forderung von Beteiligung als Kinderrecht neue Aktualität (Carmen Jacobi-Kirst).

Melanie Schmid zeigt Wege auf, wie digitale Medien kreativ und sinnvoll in den pädagogischen Alltag verwendet werden können. Die Kommunikationstechnologien bieten große Chancen für „Diskurs, Partizipation und Kompetenzerweiterung“ (140), wenn sie angemessen und kritisch eingesetzt werden. Janina Gerdes zeigt am Beispiel des Koblenzer Instiuts für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit (IBEB) verschiedene diskursive Formate als Chance für Qualität auf. Armin Schneider stellt diskursive Methoden vor, die in ihrer Wirkung nachhaltiger sein können.

Im letzten und 5. Beitrag beleuchtet Armin Schneider auch „Grenzen und Stolpersteine des Diskurses“, die sich in der Dynamik einer Gruppe und ihren Konfliktlinien zeigen können. Das Harvard-Konzept stellt er als einenmöglichen sinnvollen Lösungsansatz knapp vor.

Diskussion

In Gesprächen mit Fachkräften in der Kinderbetreuung werden vielfach die einschränkenden Rahmenbedingungen wie Personal- Raum und Materialausstattung als großes Hemmnis für die Qualität der Arbeit hervorgehoben. Qualität heißt aber auch, das eigene Handeln immer wieder selbstkritisch zu beleuchten, im Gespräch mit den Fachkolleg*innen, mit den Eltern und mit dem Träger. Zentraler Ankerpunkt sind hierbei die Perspektiven der Kinder, ihre Äußerungen, Bedürfnisse und Signale. Dem vorliegenden Band ist es gut gelungen, die Facetten einer partizipativen und diskursiven Qualitätsentwicklung darzulegen. Die Lektüre inspiriert, regt zum Nachdenken an und ermutigt, immer wieder den Dialog für eine gemeinsame Verständigung zu suchen.

Fazit

Das Buch ist all denjenigen zu empfehlen, für die die qualitative Weiterentwicklung des Systems Kinderbetreuung eine Herzensangelegenheit ist und das Prinzip Hoffnung verinnerlicht haben.


Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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Zitiervorschlag
Jutta Daum. Rezension vom 26.02.2021 zu: Armin Schneider (Hrsg.): Qualität im Diskurs entwickeln. Erfahrungen und Perspektiven im kompetenten System der Kindertagesbetreuung. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2019. ISBN 978-3-86892-162-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27043.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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