socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nadja Hitzel-Abdelhamid: Onlineberatung

Cover Nadja Hitzel-Abdelhamid: Onlineberatung. Ein Leitfaden zur Einführung für Beratungsstellen mit der Zielgruppe Menschen mit Migrationsgeschichte. Logos Verlag (Berlin) 2020. 105 Seiten. ISBN 978-3-8325-5104-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Reihe: Sozialwissenschaftliche Forschungswerkstatt - Band 7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


AutorIn oder HerausgeberIn

Nadja Hitzel-Abdelhamid studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin und erwarb einen Master of Arts in Sozialmanagement an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Dieser Leitfaden entstand im Rahmen ihrer Masterarbeit.

Entstehungshintergrund

Diese Publikation ist der 7. Band in der Reihe „Sozialwissenschaftliche Forschungswerkstatt“ der Alice-Salomon Hochschule Berlin mit dem Logos Verlag und wird von Heinz Stapf-Finé und Michael Brodowski herausgegeben. Sie dient dazu besonders herausragenden Masterarbeiten zu veröffentlichen.

Inhalt und Aufbau

Diese Publikation mit einem Umfang von knapp 100 Seiten, sieht sich als praktischer Leitfaden. Sie will den Beratungsstellen in erster Linie Mut dazu machen Onlineberatungen einzuführen und sie bei diesem Weg zu begleiten.

Im Hauptteil werden folgende neun Themenbereiche vorgestellt:

  1. Historische Entwicklung der Onlineberatung in Deutschland
  2. Theoretische Ansätze
  3. Besonderheiten der Onlinekommunikation
  4. Formate der Onlineberatung
  5. Beratungsansätze und Strukturierungshilfen
  6. Rolle und Haltung der Beratenden
  7. Herausforderungen und Grenzen der Onlineberatung
  8. Organisatorische, fachliche und rechtliche Voraussetzungen
  9. Praxisbeispiele

Einleitend werden die Anliegen der Zielgruppe – Menschen mit Migrationsgeschichte – spezifiziert als „1.) Bei Fragen rund um ihre Migrationssituation, wie z.B. Aufenthaltsfragen, sozialrechtliche Fragestellungen, Fragen zur Arbeitsmarktintegration, Kinderbetreuung, Wohnen, Schule, Ausbildung, Gesundheit uvm. und 2.) wenn sie von rechter, rassistischer, anti-semitischer Gewalt oder Diskriminierung betroffen sind“ (S. 13).

Die historische Entwicklung (Kapitel 1) wird sehr kurz anhand einiger Beispiele beschrieben und in ein Phasenmodell betreffend der jeweiligen Institutionalisierungsstufe eingebettet. Beginnend bei der 1995 erweiterten Telefonseelsorge hin zur E-Mail und Chatseelsorge bis zur 2019 eingerichteten, spezialisierten Onlineberatungsangebote für Menschen mit Migrationsgeschichte wie bspw. die Mobile Bratung für Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt. (S. 17–18)

Die theoretische Einbettung (Kapitel 2) sieht die Autorin nicht in einer eigenen Theorie, sondern jeweils gerahmt mit relevanten Grundlagen aus diversen Bereichen wie bspw. den Medienwissenschaften, den Kommunikationstheorien, der Medienpsychologie, der Beratung und Psychotherapie. Unterschiedliche Definitionen zur Onlineberatung beschreiben entweder Spezifika der Technik oder aber räumliche Besonderheiten wie die tele-medial vermittelte Kommunikation zwischen räumlich Abwesenden. Hierbei verwendet die Autorin das Kürzel CvK für Computervermittelter Kommunikation. Zudem wird der virtuelle Raum mit speziellem Fokus auf die geschriebene Kommunikation gesehen. (S. 19) Hinsichtlich des Kommunikationsverhalten werden sowohl positive Effekte wie eine mögliche Erweiterung der Identitäten (z.B. Geschlechtertausch) als auch negative, wie das Fehlen von Gestik und Körperausdruck oder der räumlichen Positionierung beschrieben. Kritisch wird angemerkt, dass in Publikationen zur Onlineberatung oftmals die negativen Aspekte vernachlässigt werden und der Fokus stark auf den neuen Perspektiven oder dem erweiterten Nutzen liegen.

Die Besonderheiten der Onlinekommunikation (Kapitel 3), die sich laut der Autorin grundlegend von der Präsenzberatung unterscheidet, werden in folgende Bereiche gegliedert und vertieft ausgeführt.

  • Text-zu-Text Kommunikation
  • Enträumlichung und Entzeitichung
  • Be- und Entschleunigung
  • Maximale Geschütztheit und Wahrung der Würde
  • Dokumentation und Wissenstransfer

Die Formate der Onlineberatung (Kapitel 4) sind divers (Mailberatung, Chatberatung, Forenberatung) und sollen jeweils mit einem entsprechenden Konzept für die Zielgruppe entwickelt werden. Zwei zentrale Aspekte bei der Umsetzung sind Datenschutz und die entsprechende technische Entwicklung der Applikationen.

Im Kapitel 5 – Beratungsansätze und Strukturierungshilfen werden die konkreten Arbeitsmethoden vorgestellt, beginnend mit einer groben Vorstellung des systemischen Ansatzes als Grundzugang zu Onlineberatungen. Vertiefend werden anschließend das „14-Schritte-Programm“ (S. 45), das „Vier-Folien-Konzept“ (S. 46) und die „Systemische Metaphernanalyse“ (S. 48) zur Strukturierungshilfe vorgestellt. Alle Modelle enthalten dabei konkrete Handlungsanweisungen bzw. -empfehlungen für die Online-Beratung, ohne dabei auf die spezifische Zielgruppe der Menschen mit Migrationsgeschichte einzugehen. Unter „Blended Counselling“ (S. 52) wird eine Kombination aus Off- und Onlineberatung vorgestellt, bei welchem die Beratungsform je nach Phase oder auch flexibel angepasst wird.

Im 6. Kapitel wird die Rolle und Haltung der Beratenden vertieft. In einem Forum wird die Rolle des/r Moderator*in eingenommen und auch zwischen unterschiedlichen Personen vermittelt. Wiederholt werden die Bedeutung von professioneller Reflexion als auch der Begleitung durch Intervision und Supervision hervorgehoben. Spezifisch für die Zielgruppe werden Infostellen für die Vermeidung von diskriminierenden Sprachgebrauch vorgestellt und auch die kritische Auseinandersetzung mit Machverhältnissen angeregt.

Als Herausforderungen und Grenzen in der Onlineberatung werden im Kapitel 7 ganz konkrete Probleme der Praxis – bspw. Grenzüberschreitungen, Kontaktabbrüche, Fake-Identitäten oder der Umgang mit Hate Speech detaillierter ausgeführt.

Kapitel 8 enthält Hinweise betreffend organisatorischen, fachlichen und rechtlichen Voraussetzungen. Organisation beinhaltet sowohl die Bedarfsanalyse, Konzeptentwicklung als auch die notwendige Kostenkalkulation und die entsprechende Personalplanung und -entwicklung. Bei den fachlichen Qualifikation wird auf die Qualitätsstandards der DGOB – die deutschsprachige Gesellschaft für psychosoziale Onlineberatung verwiesen. Die rechtlichen Voraussetzungen betreffen wiederum zentral den Schutz der personenbezogenen Daten.

Im 9. Kapitel wird mit „jmd4you“ – eine Mailberatung, mit „mbeon“ – eine Chatberatung und mit „MB 4.0“ eine Forenberatung vorgestellt. Die Autorin bescheinigt allen beschriebenen Projekten sich noch im Status der Pilotphase zu befinden und regt eine vermehrte Kooperation und gemeinsame Forschungstätigkeit in der Zukunft an.

Im Schlussteil werden die Ergebnisse kurz in Form von Aufzählungen zusammengeführt, offene Fragen und der weitere Forschungsbedarf skizziert und mit einem kurzen Resümee abgeschlossen. Gesamt sieht die Autorin durch die Onlineberatung eine Steigerung der Qualität der gesamten Beratungsarbeit, die sowohl auf Seiten der Beratenden als auch auf Seiten der Ratsuchenden positive Auswirkungen hat.

Diskussion

Aufgrund der Kürze der Gesamtausarbeitung bei einer gleichzeitig hohen und vielseitigen Themenperspektive konnte dieses Spannungsfeld nur mittels geringerer Tiefe der Analyse gelöst werden. Dies ist jedoch nachvollziehbar und insbesondere auch legitim da hier ein Leitfaden und keine tiefergehende, analytische Forschungsarbeit vorgelegt wird.

Es werden durchgängig sehr viele und auch ausgesprochen lange Direktzitate eingefügt, was die Lesbarkeit erschwert und auf eine weniger eigenständige Argumentationsführung hinweist. In der Sozialen Arbeit sollte eine hohe Sensibilisierung bezüglich der verwendeten Begriffe bestehen. Die Bezeichnung „schwierige Klient*innen“ (S. 57) könnte m.E. vermieden werden. Die theoretischen Ansätze werden auf lediglich etwas mehr als vier Seiten verkürzt dargestellt. Eine nur wenig eigenständige Analyse der jeweiligen Aspekte lässt sich auch daran erkennen, dass große Teile der Publikation fast vollständig aus Direktzitaten bestehen. 

Im dritten Kapitel wird detailliert und auch handlungsleitend auf die Besonderheiten der Online-Beratung eingegangen. Eine Stärke ist dabei in dem jeweiligen Abwägen der Vor- und Nachteile zu sehen. So kann beispielsweise von einer gleichzeitigen Beschleunigung als auch einer Entschleunigung ausgegangen werden. Spannend verbleibt zudem die Abgrenzung zwischen aufsuchender Informationsvermittlung oder tatsächlicher Beratungsarbeit (S. 40), die auch im Resümee nochmals kritisch aufgegriffen wird.

Der gekürzte Titel auf dem Deckblatt der Publikation „Onlineberatung. Ein Leitfaden zur Einführung“ entspricht der tatsächlichen Ausarbeitung der Inhalte mehr, als die Erweiterung mit „Ein Leitfaden zur Einführung für Beratungsstellen der Zielgruppe Menschen mit Migrationsgeschichte“. Schade, dass es innerhalb der einzelnen Kapitel nicht mehr gelungen ist, den speziellen Fokus für diese genannte Zielgruppe zu vertiefen. Als Beispiel für die fehlende Orientierung kann das vierte Kapitel mit den konkreten Beratungsmethoden genannt werden.

Diese Publikation ist lediglich auf Deutschland bezogen. Wie bereits im Vorwort angemerkt, wäre eine ländervergleichende Studie spannend, vor allem mit dem Ziel voneinander zu lernen. Dem Aspekt der Enträumlichung käme hier nochmals expliziter eine Bedeutung zu, da online-Beratung ja mitunter auch global in Anspruch genommen werden kann. Insbesondere die Möglichkeit der Beratung in Erstsprachen wäre für die Zielgruppe der Menschen mit Migrationsgeschichte wichtig näher auszuführen.

Fazit

Spannend erscheint, dass sich wohl derzeit ausgelöst durch die COVID-19 Pandemie, das Interesse an Publikationen und Weiterbildungen zur Thematik der Onlineberatung deutlich steigern wird. Es erscheint jedoch, dass durch den erzwungenen und raschen Umstieg auf Online-Formate, die Verwendung von videobasierten Tools wie bspw. Zoomkonferenzen rasant zugenommen hat. Die vorliegende Publikation – trotz Aktualität – greift jedoch verstärkt auf Onlinekommunikation mittels Text-zu-Text Formaten zurück (Mail-, Chat- oder Forenberatung). Es bleibt abzuwarten, wie sich die Angebots- und Nachfragesituation nach Beratungsformaten im digitalen Bereich weiterentwickelt. Eines ist dabei gewiss, das Tempo bleibt sehr hoch.

Eine Stärke dieses Leitfadens ist, dass es gelingt auf wenigen Seiten diverse Inhalte kurz vorzustellen und auf relevante Hilfestellungen, Vertiefungen und insbesondere auch Online-Ressourcen verwiesen wird. So kann die gewünschte Vertiefung dann über eine eigenständige – jedoch durch diese Publikation gut vorbereitete – Recherche gelingen.


Rezension von
Prof. (FH) Doris Böhler
Interkulturelle Soziale Arbeit und Konfliktmanagement, Diversity Trainings, Migration und Internationale Soziale Arbeit, Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit
Homepage www.fhv.at/contacts/kontaktdetails/?tx_contactsmana ...
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Doris Böhler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Doris Böhler. Rezension vom 29.10.2020 zu: Nadja Hitzel-Abdelhamid: Onlineberatung. Ein Leitfaden zur Einführung für Beratungsstellen mit der Zielgruppe Menschen mit Migrationsgeschichte. Logos Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-8325-5104-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27046.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung