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Jürg Liechti, Monique Liechti-Darbellay: Anorexia nervosa – Verzehrende Suche nach Sicherheit

Cover Jürg Liechti, Monique Liechti-Darbellay: Anorexia nervosa – Verzehrende Suche nach Sicherheit. Wege zur Veränderung im Kontext naher Beziehungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 352 Seiten. ISBN 978-3-8497-0332-5. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
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Thema

Das Buch zeigt Wege der ambulanten Therapie der Anorexia nervosa auf, die sich in der Forschung und jahrzehntelangen Praxis des Autorenpaars als erfolgversprechend erwiesen haben. Dabei steht die Motivationsarbeit im Vordergrund, systemische und bindungstheoretische Impulse münden in einem therapeutischen Phasenmodell. Am Anfang des Buches stehen eine fundierte Darstellung von Diagnose, Epidemiologie und Risikofaktoren der Anorexia nervosa sowie unterschiedlichen Modellen und Ansätzen der Erklärung und Behandlung.

Autor_innen

Dr. Jürg Liechti und Dr. Monique Liechti-Darbellay sind Facharzt/Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und renommierte systemische Psychotherapeuten/in. Sie gründeten das Zentrum für Systemische Therapie und Beratung ZSB Bern und waren jahrzehntelang therapeutisch und supervidierend im klinischen Kontext und der systemischen Ausbildung tätig. Beide sind Gründungsmitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung (systemis.ch).

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Einführung, in der die Zielsetzung und Notwendigkeit einer (weiteren) Auseinandersetzung mit diesem Thema begründet werden, unter anderem durch die nach wie vor bestehende fatale Unterversorgung betroffener Personen im ambulanten wie stationären Sektor.

Im zweiten Kapitel werden Erscheinungsbild, Diagnose, Epidemiologie, Verlauf und Risikofaktoren der Anorexia nervosa umfassend unter Rückgriff auf die aktuelle Fach- und Forschungsliteratur beleuchtet.

Es schließt sich im dritten Kapitel eine Vorstellung wesentlicher Modelle und Ansätze zur Erklärung und Behandlung der Anorexia nervosa an. Dabei wird das evidenzbasierte Modell ebenso beleuchtet wie das Suchtmodell, das Depressionsmodell, das Angst(vermeidungs)modell, psychodynamische, familientherapeutische sowie körper- und entspannungstherapeutische Modelle. Auch dem Maudsley Approach ist ein Unterkapitel gewidmet. Unter „Fernerliefen“-Modelle sind weitere Ansätze beschrieben.

Anschließend geht das Autorenpaar in Kapitel 4 ausführlich auf konzeptuelle Impulse aus der systemischen (Familie)-Therapie ein und begründet auch, warum nicht vorschnell auf einen Einbezug der Angehörigen zugunsten einer einzelpsychotherapeutischen Ausrichtung verzichtet werden sollte.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Bindungstheorie, wie sie zum einen mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen zusammenhängt sowie andererseits für die Therapie, gerade auch mit Angehörigen, nutzbar gemacht werden kann. Entsprechend wird die Anorexia nervosa nicht als Ausdruck eines psychologischen Grundkonflikts gedeutet, sondern bindungsbasiert interpretiert: „eine durch die Krankheit ausgelöste Angst induziert die Suche nach Nähe zu den Eltern, die aber wegen widersprüchlicher Kommunikations- und Interaktionsmuster um das Problem herum nicht als Sicherheitsbasis genutzt werden kann“ (S. 292).

Im sechsten Kapitel werden daraus klinische Anforderungen an ein Modell abgeleitet, die auf folgende Aspekte fokussieren: lebenserhaltende Maßnahmen, Therapiemotivation als therapeutische Herausforderung, störungsspezifische Hilfen für die Symptombewältigung, Erarbeiten der Grundprobleme, Komorbidität und Rückfallprophylaxe. Zudem findet sich ein kurzes Unterkapitel zur Pharmakotherapie.

Im siebten Kapitel werden Therapiephasen und -methoden vorgestellt. Am Anfang stehen Diagnostik und Abklärung, in der Phase der Remoralisierung werden das Problem- in ein Therapiesystem überführt, Therapiemotivation und Compliance gefördert und ein Arbeitsbündnis etabliert. Ziel ist zunächst Wohlbefinden zu verbessern und Sicherheit zu erlangen. Um die Verbesserung der Symptomatik geht es erst in der folgenden Phase der Remediation, die mit störungsspezifischen Interventionen auf eine Normalisierung von Essverhalten und Körpergewicht hinarbeitet. In der abschließenden Phase der Rehabilitation werden das Selbstmanagement gestärkt und die Alltagsbewältigung verbessert. Falls Jugendliche sich einer Therapie verweigern, schlägt das Autorenpaar vier Möglichkeiten vor: die Betroffenen als Expert_innen ihrer selbst statt als „Problemfall“ konsiliarisch einzubeziehen; das Problemsystem um eine relevante Bezugsperson zu erweitern, die die Verweigerungshaltung unterstützt; direkte Kontaktaufnahme mit dem/der Betroffenen; oder den „familiären Notstand“ einzugestehen, indem Eltern ihre Überförderung bekennen und ggf. behördliche Maßnahmen einbeziehen. Ein Unterkapitel widmet sich ferner den elterlichen Narrativen: Wie wird die Essstörung des Kindes beschrieben, erklärt, gedeutet? Ein alternatives Narrativ, beispielsweise unter Nutzung der Methode der Externalisierung, kann das Problem- und Therapiesystem sowie die Motivation verändern.

Diskussion 

Im Fokus des Buches steht die Motivation der Betroffenen. Diese ist, so das Autorenpaar, immer vorhanden ist, steht jedoch, zumindest anfangs, oft einer gesunden Entwicklung entgegen. Wer sich als Therapeut_in auf Machtkämpfe einlässt, ist auf verlorenem Posten, denn „Die AN-Patientin muss hungern, sie kann nicht anders, weil jede reale oder auch nur antizipierte Nahrungsaufnahme eine für Gesunde nicht nachvollziehbare, irrationale Angstreaktion (Gewichtsphobie) auslöst“ (S. 15). Dies ist eine wohltuende Gegenposition zu der leider mitunter noch verbreiteten Ansicht, Personen mit Anorexia nervosa seien „widerständig“ und daher schwer therapiebar.

Die verschiedenen Modelle und Ansätze zur Erklärung und Behandlung der Anorexia nervosa sind umfassend dargestellt, das Buch beschränkt sich keineswegs auf die im Zentrum stehenden systemischen und bindungstheoretischen Impulse. Somit liefert es hierzu, wie auch grundlegend zur Diagnostik, Epidemiologie und Pathogenese, einen sehr fundierten Überblick über den aktuellen Stand in Forschung und Praxis. Systemische Beratung und Therapie sowie die Angehörigenarbeit bei Anorexie nervosa werden ebenso wie bindungstheoretische Impulse ausführlich beleuchtet. Dabei zeigt das Autorenpaar explizit eine ressourcen- und lösungsorientierte Perspektive: „So betrachtet werden Eltern nicht einbezogen, um vermutete Familiendefizite zu behandeln, sondern um in einem durch die Störung bedingten Problemsystem therapeutische Wirkfaktoren zu aktivieren und das Problemsystem in ein Lösungs- und Therapiesystem zu transformieren“ (S. 143). Wird Angehörigen von Beginn der Therapie an so begegnet, werden sie bereit sein, in der Behandlung mitzuwirken, nicht jedoch, wenn sie mit obsoleten, aber leider immer noch wirksamen Schuldzuweisungen und kausalen Unterstellungen der „anorektischen Familie“ konfrontiert sind. Insgesamt räumt das Autorenpaar, gemäß der systemischen Haltung von Nicht-Wissen und Neugier, dem Respekt vor der Person des/der Betroffenen den Vorrang gegenüber dem Respekt gegenüber Konzepten, Theorie und Fachwissen ein und spricht sich gegen ein „Deutungsmonopol“ der fachlichen Autorität aus. Im Fokus steht die/der Betroffene in seinem/​ihrem System, in seiner/​ihrer Lebenswelt, mit seinen/​ihren Entscheidungen als „>Expertin< ihrer (Leidens)-Situation und Auftraggeberin“ (S. 292) – ein wohltuender Kontrast zur Manualisierung der Beratung und Therapie. Gut dazu gepasst hätte aus meiner Sicht, auch auf das Wort „Patient_in“ zu verzichten.

Zahlreiche Fallbeispiele und Therapievignetten illustrieren die Ausführungen und geben zugleich einen Einblick in die praktische therapeutische Arbeit, aus der der/die Leser_in eigene Anregungen für sich ableiten kann. So werden die therapeutischen und theoretischen Konzepte mit Leben gefüllt und der Transfer in die Praxis erleichtert. Dennoch fordert das Buch ob seiner Dichte und der Vielfalt enthaltender Konzepte, Ansätze, Theorien und Ideen einiges an Zeit und Konzentration. Weitere Zusammenfassungen bzw. zusammenfassende Schlussfolgerungen, wie sie in einzelnen Kapiteln vorhanden sind, hätten es dem/der Leser_in an dieser Stelle etwas leichter machen können. Gleichwohl liegt gerade in dieser Vielfalt der Reiz des Buches – es liefert Denkanstöße noch und noch.

Fazit

Das Buch ist für alle Fachkräfte hilfreich und empfehlenswert, die mit Menschen mit Essstörungen arbeiten, nicht nur für Psychotherapeut_innen, sondern gerade auch für die Soziale Arbeit. Es ist ein lesenswertes, praxisnahes und fundiert begründetes Plädoyer für eine ressourcenorientierte systemisch-bindungsorientierte Sichtweise auf eine komplexe Krankheit, die alle im System, auch die Helfer_innen, vor Herausforderungen stellt. Wird die Anorexia nervosa in ihrer systemischen Funktion erkannt und entsprechend behandelt, kann sich der Blick öffnen auf die vielfältigen Ressourcen der betroffenen Personen und ihrer Familien.


Rezension von
Prof. Dr. Eva Wunderer
Hochschule Landshut Fakultät Soziale Arbeit
Professur für Psychologische Aspekte Sozialer Arbeit
Homepage www.haw-landshut.de/hochschule/fakultaeten/soziale- ...
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Zitiervorschlag
Eva Wunderer. Rezension vom 02.07.2020 zu: Jürg Liechti, Monique Liechti-Darbellay: Anorexia nervosa – Verzehrende Suche nach Sicherheit. Wege zur Veränderung im Kontext naher Beziehungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0332-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27049.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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