socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Betina Hollstein, Florian Straus (Hrsg.): Qualitative Netzwerkanalyse

Cover Betina Hollstein, Florian Straus (Hrsg.): Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 514 Seiten. ISBN 978-3-531-14394-1. 39,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Anliegen des Buches

Zur Beschreibung der sozialen Einbindung des Individuums in gesellschaftliche Kontexte hat die Analyse sozialer Netzwerke in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahren eine immer stärkere Bedeutung gewonnen. Diese Analyse dient nicht nur der Beschreibung sozialer Strukturen, sondern findet auch in Gemeindepsychiatrie, Gesundheitswesen und Sozialer Arbeit als Instrument der Erhebung und Abbildung sozialer Unterstützungsressourcen angesichts des Rückzugs sozialstaatlicher Unterstützungssysteme immer stärker Beachtung. Nicht zuletzt die Rede vom zivilgesellschaftlichen Engagement verweist ebenfalls auf informelle soziale Netzwerke.

Im Zuge dieser Entwicklung sind zahlreiche Methoden und Instrumente zur Analyse sozialer Netzwerke entwickelt worden und in Praxisprojekten wie auch in empirischen Studien zur Anwendung gekommen. Bisweilen wurden die Ergebnisse dieser Studien wie auch spezifische Fragen ihrer methodischen Umsetzung publiziert. Dies geschah bislang - abgesehen von wenigen Ausnahmen - jedoch eher in Monographien, generalisierende Schlussfolgerungen und übergreifende Diskurse waren dagegen eher selten.

Genau an dieser Stelle schließt der vorliegende Band eine wichtige Lücke. Die 20 Beiträge dieses Bandes sind im Rahmen einer ad-hoc-Arbeitsgruppe des 32. Soziologentages  entstanden und dokumentieren ein breites Spektrum von Gegenstandsbereichen und methodischen Fragen der Netzwerkforschung. Jeder der Beiträge belegt nicht nur den enormen Ertrag eines netzwerkorientierten Untersuchungsfokus, sondern wirft auch implizit oder explizit methodische Fragen auf. "Über die Grenzen der verschiedenen Forschungsfelder hinweg stellen sich bei der Planung des Untersuchungsdesigns, bei den Erhebungen und Auswertungen  häufig ganz ähnliche Probleme - und zwar auch unabhängig davon, ob Interorganisationsnetzwerke, informelle oder persönliche Netzwerke untersucht werden." (9). Der vorliegende Reader geht in seiner Konzeption diesen Fragen nach und versucht zu klären

  • worin die besonderen Erträge qualitativer Netzwerkanalysen liegen;
  • welche Erhebungs- und Auswertungsverfahren sich dafür eigen
  • welche typischen Probleme bei der methodischen Umsetzung auftreten.

Aufbau und Inhalt

In ihrem ersten Beitrag "Qualitative Methoden und Netzwerkanalyse - ein Widerspruch?" gibt Betina Hollstein einen aktuellen Überblick über den Stand der qualitativen Netzwerkforschung und konstatiert, dass qualitative Verfahren in diesem Feld bislang wenig Tradition haben. Vor allem aber stellt die Verfasserin mit ihren Ausführungen den übergreifenden Rahmen her, der aus einem Reader mit Einzelbeiträgen tatsächlich ein methodisches Handbuch entstehen lässt, das erstmalig eine Systematisierung der verschiedenen Forschungsstrategien und Methoden bietet. Die geschieht mit einem "Methodenkompass", in dem die in den nachfolgenden Beiträgen angewandten Verfahren systematisch  aufgeführt sind. Dem Leser ist so der gezielte Zugriff auf die jeweiligen Beiträge unter methodischen Gesichtspunkten möglich.

Vertreten sind u.a. Beiträge

  • zu Kooperations- und Innovationsnetzwerken;
  • zu Interorganisationsnetzwerken zwischen Wirtschaftsunternehmen,
  • zu Netzwerken zwischen Forschergruppen und
  • Anbietern im Bereich der Erwachsenenbildung
  • zwischen politischen Akteuren,
  • von Migranten,
  • von mobilen Berufsgruppen,
  • zu Netzwerken von Künstlern,
  • zu virtuellen Netzwerken,
  • zu religiösen Netzwerken
  • zu Netzwerken von Kindern und jungen Erwachsenen in der Familiengründungsphase

Das Handbuch ist in sieben Abschnitte gegliedert.

  • Der erste Abschnitt "Grundlagen" (4 Beiträge sowie die Einführung der Mitherausgeberin) klärt die zentralen Begriffe. Konzepte und Methoden und umreißt, "was Netzwerke ausmacht und auf welchen Ebenen sie beschrieben werden können."(25)
  • Im zweiten Abschnitt "Zum Verhältnis von quantitativer und qualitativer Netzwerkanalyse: Möglichkeiten der Triangulation" gehen die einzelnen Autorinnen und Autoren in ihren drei Beiträgen der Frage nach, die die methodologische Diskussion über empirische Verfahren seit langem beschäftigt. Sie beschreiben - aus unterschiedlichen Perspektiven - die Möglichkeiten und Probleme, die entstehen, wenn quantitative und qualitative Daten aufeinander bezogen werden sollen. Trotz ihres sehr unterschiedlichen methodischen Vorgehens kommen die VerfasserInnen zu dem Schluss, dass durch qualitative Verfahren gewonnene Erkenntnisse in produktiver Weise quantitative Daten ergänzen und differenzieren können.
  • Die Beiträge der folgenden drei Abschnitte widmen sich dagegen stärker dem Gegenstandsbereich der Forschung. Sie beschreiben in Einzelstudien die "Formierung und Dynamik von Netzwerken" (Abschnitt III), "Migration, räumliche und virtuelle Mobilität" und ihre Auswirkungen auf soziale Netzwerke (Abschnitt IV) sowie Veränderungen und Bedeutungen von Netzwerken in "Lebenslauf und Biographie" (Abschnitt V).
  • Der sechste Abschnitt "Dokumentenanalyse" schließlich eröffnet den Blick auf einen zunächst verblüffend erscheinenden Ansatz: hier geht es um die Verbindung von Netzwerk- und Dokumentenanalyse. Interessant ist, dass hier Daten zur Analyse verwandt werden, die ursprünglich nicht zu Forschungszwecken erhoben wurden.

Durch die in diesen Beiträgen skizzierten Verfahren ergeben sich viele neue Möglichkeiten auch retrospektiver Blicke auf Netzwerkstrukturen.
In seinem abschließenden Beitrag "Entwicklungslabor qualitative Netzwerkforschung" versucht Mitherausgeber Florian Straus aus den in diesem Buch präsentierten Studien übergreifende Fragestellungen und Standards abzuleiten. Dies geschieht entlang von fünf Fragen:

  • Wie lassen sich qualitative Netzwerkanalysen definieren?
  • Gibt es ein qualitatives Kernverfahren der Netzwerkanalyse?
  • Entsteht mit der qualitativen Netzwerkanalyse ein Parallelverfahren zur quantitativen Netzwerkanalyse?
  • Wo zeigen sich Grenzen qualitativer Netzwerkanalysen?
  • Vor welchen besonderen Herausforderungen steht die qualitative Netzwerkanalyse heute?

Seine Überlegungen sind nicht abschließend sondern eher tastend und entsprechen seiner Auffassung von qualitativer Netzwerkanalyse als "Entwicklungslabor.

Kritische Einschätzung des Buches

Netzwerkforschung geht es "um die Darstellung der Strukturen von Netzwerken und ihrer DynamikÉ sowie um ihre Funktion für die soziale Integration. Die besondere Attraktivität des Netzwerkkonzeptes liegt darin, dass es zwischen Mikro- und Makroebene angesiedelt ist und als relationaler Ansatz einen genuin soziologischen Ansatzpunkt bietet, um Mechanismen sozialer Integration und den Bedingungen und Folgen von Modernisierungsprozessen auf die Spur zu kommen." (11) Der vorliegende Band belegt eindrucksvoll die vielfältigen methodischen Zugänge und deren außerordentlich differenzierte Einblicke in Netzwerkstrukturen und - geschehen, die mit diesem Ansatz gewonnen werden können.

Die Beiträge sind - wie bei einem Reader üblich - sehr unterschiedlich abgefasst und ebenso unterschiedlich gut strukturiert und lesbar. In der Zusammenschau ist es allen Autorinnen und Autoren gelungen, ein breites Spektrum der Gegenstände und Verfahren qualitativer Netzwerkanalyse zu beschreiben. Die Auswahl der Texte und die Rahmung durch die beiden Herausgeber machen diesen Reader zu einem hilfreichen, praktisch wie theoretisch anspruchsvollen Handbuch.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
E-Mail Mailformular


Alle 50 Rezensionen von Willy Klawe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 23.10.2006 zu: Betina Hollstein, Florian Straus (Hrsg.): Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14394-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2705.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!