socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael White, David Epston: Die Zähmung der Monster

Cover Michael White, David Epston: Die Zähmung der Monster. Der narrative Ansatz in der Familientherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 8. Auflage. 220 Seiten. ISBN 978-3-89670-528-0. D: 24,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 39,00 sFr.

Reihe: Systemische Therapie.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Begründer der narrativen Therapie stellen in diesem Buch ihren systemischen Ansatz vor. Sie befassen sich mit der Frage, wie persönliche und kollektive Geschichten verfasst werden können, die befreien und heilen.

Das Buch erschien 1990 in der ersten deutschen Auflage und in diesem Jahr in der achten Auflage.

Autoren

Michael White (1948–2008) gilt als Mitbegründer der Narrativen Therapie. Zusammen mit seiner Frau Cheryl White leitete er das Dulwich Centre in Adelaide, Australien, in dem er über 25 Jahre lang Mitarbeiter*innen aus dem Gesundheitswesen weiterbildete. In vielen Ländern bot er Lehrveranstaltungen an.

David Epston, MA, ein Neuseeländischer Psychotherapeut, ist Kodirektor des Family Therapy Centre in Auckland, Neuseeland. Er unterrichtete am Unitec Institute of Technology in Auckland, an der John F. Kennedy-University in Francisco und am Albert Einstein-College of Medicine in New York City.

Entstehungshintergrund

Michael White und David Epston entwickelten die narrative Therapie in den frühen 1980er-Jahren in Neuseeland. Michael White beschäftigte sich vorher insbesondere mit den Arbeiten von Gregory Batesons und dem poststrukturalistischen Gedanken von Michel Foucault. Epston brachte sein Interesse an der Kulturanthropologie ein. Zudem schließt die narrative Therapie an Ideen der postmodernen Literatur und Philosophie an. Ausgangspunkt des narrativen Ansatzes ist die Hypothese, dass wir unsere Erfahrungen mittels maßgeblicher Geschichten gestalten, wir konstruieren einen Prozess der Selektion, mit dem wir unsere Identität konstruieren.

Aufbau

Im ersten Kapitel leitet Michael White in den Aufbau des Buches ein und beschreibt die theoretischen Überlegungen, die unter anderem an Foucault anschließen. Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Das Panoptikum“ stellen sie differenzierter ihren Ansatz mit dem Schwerpunkt auf dem Fokus des Umganges mit Macht vor. Im dritten Kapitel beschäftigen sie sich mit der Praxis der Externalisierung und im umfangreichen vierten Kapitel fokussieren sie in Theorie und Praxis viele weitere Techniken. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Verfassen von Briefen und Geschichten. Im fünften Kapitel werden sogenannte Gegendokumente vorgestellt, hiermit sind beispielsweise Urkunden über eine Monsterzähmung gemeint. Das Buch schließt mit Anmerkungen, dem Literaturverzeichnis und Angaben über die Autoren.

Inhalt

Nach dem Vorwort von Karl Tomm zur Originalausgabe und einem kurzen Vorwort von Herrn Stierlin zur deutschen Ausgabe führt Michael White im ersten Kapitel in das Buch und die Zusammenarbeit mit David Epston ein. Erläutert werden der theoretische Hintergrund, hier der frühen systemischen Therapie nach Batesons und der Textanalogie. Zudem gehen Sie auf den Aspekt der Gestaltung von Macht nach Foucault ein.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Das Panoptikon“ beschäftigen die Autoren sich erneut mit Modellen der Unterwerfung von Menschen unter eine Organisation, um sich dann mit unterdrücktem Wissen zuzuwenden.

Im dritten Kapitel über die Externalisierung geben White und Epston einen Überblick über diese Technik und stellen praktische Beispiele vor. Diese Methode, so die Autoren, half den Familienmitgliedern sich selbst und ihre Beziehungen von dem Problem zu lösen und eröffnete neue und nicht-problembelastete Perspektiven. Sie bezeichnen diese Interventionen als Gegenpraktiken, mit denen Menschen sich selbst und ihre Beziehungen mittels Alternativen Geschichten oder neuartigen Wissen sich neu verfassen oder bestimmen zu können.

Im umfangreichen vierten Kapitel mit dem Titel „Erzählte Therapie“ werden einführend verschiedene Formen von Denkweisen charakterisiert (logisch-wissenschaftliches Denken und die erzählende Denkweise) und anhand verschiedener Kategorien und an Beispielen von Fallbeschreibungen analysiert. Vorgestellt werden beispielsweise Entlassungsbriefe aus einer bestimmten Rolle oder ein Referenzschreiben über ausgesprochen gute und fürsorgliche Eltern. Vorgestellt werden zudem Briefe für besondere Anlässe, indem die Autoren beispielsweise einem 15-jährigen schreiben, der seine älteren Brüder bei einem Verkehrsunfall verlor. In einem anderen Fall unterstützen die Autoren mit Hilfe eines Briefes einen Klienten dabei ihn beherrschende Persönlichkeiten und Beziehungen infrage zu stellen. So beginnt ein Brief mit dem Satz (S. 123): „Bei unserem letzten Familientreffen entdeckten wir, dass es der Depression beinahe gelungen war, Dich davon zu überzeugen, Du würdest nie ein vernünftiger Mensch werden und Dir würde es nie gelingen, die von Dir an dich selbst gestellten Ansprüche zu erfüllen.“ Hier wird bereits im ersten Satz die Depression externalisiert und zu einem Teil der Persönlichkeit, mit der kommuniziert werden kann und der in der Folge veränderbar ist.

Im fünften Kapitel werden sogenannte Gegendokumente dokumentiert. Präsentiert werden Muster von Auszeichnungen, die gemeinsam mit dem Betroffenen konstruiert werden und die die Empfänger zu neuen positiven Deutungen einladen. Hierzu gehören Urkunden über die Monsterzähmung, über die Beherrschung von Anfällen, die Befreiung von Trübsal oder Schuld. Gratuliert wird mit einer Urkunde über den Sieg über schlechte Gewohnheiten. Dokumentiert wird zudem eine Unabhängigkeitserklärung, die von den Eltern und den Sohn unterschrieben werden. Eine weitere Möglichkeit ist eine Selbstbeurkundung, über zum Beispiel Erfolge oder erreichte Veränderungen.

Das Buch schließt mit kleinen Anmerkungen, dem Literaturverzeichnis und Angaben über die Autoren.

Diskussion

In den letzten Jahren standen in der systemischen Beratung und Therapie andere Ansätze im Vordergrund. Das nochmalige Lesen dieses Buch zeigte mir, wie bedeutsam auch heute noch narrative Ansätze, gerade im Kontext der aktuell diskutierten Teile-Arbeit, bzw. der Ego-State-Therapie sind. Die vorgestellten Techniken der Externalisierung lassen sich gut z.B. mit heute aktuellen Techniken in der Traumaberatung und Traumatherapie verbinden. (Von Hanswille (2014) wurde beispielsweise die Technik der Externalisierung inzwischen systematischer ausgearbeitet.) In der Praxis lassen sich die vielen vorgestellten Techniken nutzen, auch ohne dem theoretisch vorgegebenen Rahmen zu folgen.

Die vorgestellten Briefe haben mich besonders beeindruckt. Sie beinhalten auch 30 Jahre nach der ersten Veröffentlichung immer noch vielfältige, kreative Anregungen für die Praxis. Leider erlebe ich in meiner Rolle als Supervisor häufig, dass die Helfer*innen wenig Interesse am Schreiben solcher Briefe haben. Begründet wird dies häufig mit einem Zeitmangel, zudem ist häufig das Schreiben von Briefen „schlecht abzurechnen“. Ich vermute zudem, dass ein Grund darin liegt, dass diese Technik in der Aus- und Fortbildung nicht systematisch geübt wird.

White und Epston bleibt das Verdienst diese Techniken in die systemische Familientherapie eingebracht zu haben.

Fazit

Der narrative Ansatz steht nicht mehr im Mittelpunkt systemischer Theorie und Praxis. Jedoch bietet das Buch für die Praxis eine Fülle kreativer Anregungen. Es zentriert sich um einen Themenbereich, der in der familientherapeutischen und systemischen Literatur zuletzt zu kurz kam.

Literatur

Hanswille, R (2014): Handbuch systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.V. u. R.-Verlag, Göttingen.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Jürgen Beushausen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 07.08.2020 zu: Michael White, David Epston: Die Zähmung der Monster. Der narrative Ansatz in der Familientherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 8. Auflage. ISBN 978-3-89670-528-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27050.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung