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Eia Asen, Michael Scholz: Praxis der Multifamilientherapie

Cover Eia Asen, Michael Scholz: Praxis der Multifamilientherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 4. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-89670-822-9. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Familientherapie.
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Thema

2009 stellten Eia Asen und Michael Scholz mit ihrem Buch „ Praxis der Multifamilientherapie einen ersten Überblick über die Multifamilientherapie vor. Sie erörterten grundsätzliche Annahme, mögliche Settings, Grundhaltungen, spezifische Übungen und praktische Hinweise. Dabei gingen die Autoren davon aus, dass Menschen in Konfliktsituationen für das eigene Problem meist eine eingeengte Sichtweise haben, aber eine hohe Sensibilität für ähnliche Probleme anderer. Anstelle einer Therapie mit einer Familie werden daher in der Multifamilientherapie (MFT) mehrere Familien zu einem gemeinsamen Arbeitskontext zusammengeführt. Ziel ist es, Familien anzuregen, sich gegenseitig zu helfen, indem sie aktiv miteinander in einen Austausch über ihre Fragen und Probleme, ihre Erfahrungen, Lösungswege und Ressourcen gehen. Die zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage erschien 2012, aktuell liegt das Buch in der vierten Auflage vor.

Autoren

Eia Asen, Prof. Dr. med. ist Kinder-, Erwachsenen- und Familienpsychiater. Er studierte Medizin in Berlin und lebt und arbeitet in London. Bis 2013 war er Direktor des Marlborough Family Service, eines systemisch orientierten gemeindenahen ambulanten Psychiatrie- und Psychotherapiezentrums. Er arbeitet aktuell am Anna Freud Centre in London und lehrt als Gastprofessur am University College London. Eia Asen absolvierte eine Familientherapieausbildung bei Salvador Minuchin in Philadelphia, anschließend arbeitete er jahrzehntelang mit dem Mailänder Team, Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin, zusammen.

Michael Scholz, Prof. Dr. med. habil. ist ebenfalls Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Kinder- u. Jugendpsychiatrie u. -psychotherapie. Er ist ein Mitbegründer des MFT-Instituts Dresden; Lehrender für systemische Therapie und Beratung (DGSF und ehemaliger Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie u. -psychotherapie des Uniklinikums der TU Dresden. Michael Scholz verstarb im Februar 2021.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Vorangestellt sind ein Vorwort von Jochen Schweitzer, sowie kurze Vorbemerkungen der Autoren. Im ersten Kapitel erfolgt eine Einleitung, das zweite Kapitel thematisiert die Position und Haltungen der Therapeut*innen. Im dritten Kapitel werden Basistechniken vorgestellt, dem schließt sich im vierten ausführlichen Kapitel die Vorstellung spezifischer Übungen an. Im fünften Kapitel beschäftigen sich die Autoren mit speziellen Anwendungsgebieten, im sechsten Kapitel mit Hinweisen beim Einsatz der Multifamilientherapie. Im Anhang finden sich Richtlinien für die Weiterbildung in der Multifamilientherapie. Das Buch schließt mit dem Literaturverzeichnis und Angaben über die Autoren.

Inhalt

Im ersten Kapitel über die Möglichkeiten und Grenzen dieses Buches benennen die Autoren ihre Ziele. Das Buch soll einen Überblick über den aktuellen Stand des Verfahrens der Multifamilientherapie geben, Kollegen inspirieren, sich mit den Ideen der MFT anzufreunden, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen und Interessierte dazu anzuregen, dieses Verfahren in anderen, bisher unerschlossenen Bereichen einzusetzen.

Einführend wird darauf hingewiesen, dass die MFT auf Erkenntnissen, Konzepten und Techniken aus der Gruppen- und systemischen Einzelfamilientherapie basiert. Die Praxis der simultanen Arbeit mit mehreren Familien entwickelte sich in den USA, wo in den 1940er und 1950er Jahren verschiedene Teams die Großgruppenarbeit mit chronisch psychotischen Patienten und ihren Angehörigen ausprobierten. In Großbritannien erhielt die MFT in den 1970er Jahren vor allem im tagesklinischen Bereich Anwendung. Dieses Verfahren lässt sich in offenen und geschlossenen Gruppen sowohl ambulant wie stationär durchführen. Es hat zum Ziel in einer Gruppe problematische Verhaltensweisen und Symptomatiken in einer Familie differenziert zu bearbeiten, da Mitglieder aus anderen Familien neue und andere Perspektiven entwickeln können, wenn sie mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben (S. 15). Die Arbeit mit multikulturellen Gruppen kann zudem fast nebenbei zu einem antirassistischen Training werden.

Im zweiten Kapitel mit der Überschrift „Die Therapeuten“ wird der Paradigmenwechsel in der Therapeutenrolle thematisiert. Die grundsätzliche Haltungen der MFT lauten: Die Verantwortung für das Kind und für Veränderungsprozesse bleibt stets bei den Eltern. Die Familien helfen sich gegenseitig, während sich der Therapeut auf den (therapeutischen) „Rücksitz“ begibt. Vorgestellt werden im Weiteren unterschiedliche Positionen der Therapeut*innen im Verhältnis zu den Familien. Ergänzend werden in diesem Kapitel typische Problemsituationen der Praxis benannt.

Das dritte Kapitel beschreibt praxisnah eine Reihe von Basistechniken, hierzu gehören das zirkuläre Fragen, die Externalisierung und insbesondere das 5-Schritte-Modell nach Asen. Dieses Modell beinhaltet eine Beobachtung (Immer wenn sie miteinander sprechen unterbricht Sie das Kind.), auf der ein Wahrnehmungsvergleich erfolgt (Sehen Sie das auch so?), dem sich eine Bewertung (Wollen Sie, dass es so bleibt?) anschließt. Im vierten Schritt wird ein Veränderungswunsch thematisiert, im fünften erfolgt die Einladung zu einer Aktion. Thematisiert werden in diesem Kapitel zudem weitere Methoden, wie Videofeedback, Rollentausch oder Urkunden erstellen und die Bedeutung der Mentalisierung vermittelt.

Den Kern des Buches bildet das vierte Kapitel. Es enthält auf 110 Seiten eine Zusammenstellung und jeweils kurze Beschreibung von spezifischen MFT-Übungen, die in den verschiedenen MFT-Settings benutzt werden. Sie gliedern sich in gruppenbezogene, familienbezogene und störungsbezogene Übungen. Viele der Übungen stammen aus allgemeinen gruppendynamischen Kontexten.

Im fünften Kapitel gehen die Autoren auf spezielle Anwendungsgebiete und Projekte ein. Zunächst werden allgemeine Hinweise über das Eintreffen der Familienmitglieder und den Aufbau der Familientreffen gegeben. Beschrieben wird die MFT-Arbeit z.B. mit ADHS, Asperger und anderen kinderpsychiatrischen Diagnosen, mit Schul- und Lernstörungen, mit Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, sowie mit Schizophrenie und anderen Psychosen. Dem schließen sich Anmerkungen über die Arbeit mit und in Schulen an.

Praktische Erwägungen werden im sechsten Kapitel thematisiert. Erörtert wird zunächst die Wirksamkeit der Multifamilientherapie, der Personalbedarf und die finanziellen Grundlagen u.a. Abschließend werden kurz mögliche Kontraindikationen erörtert. Im Anhang finden sich Richtlinien für die Weiterbildung in Multifamilientherapie aus dem Jahr 2011. Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis und Angaben über die beiden Autoren.

Diskussion

Die Leser*innen erhalten mit diesem Buch eine gute Übersicht über die Praxis der Multifamilientherapie. Praxisnah wird deutlich, wie lebendig und zum Teil auch konfrontativ Ressourcen fokussiert und Empowerment ermöglicht werden können.

Kritisch ist wenig anzumerken: Deutlicher benannt (und damit auch gewürdigt) hätte werden können, dass viele der beschriebenen Übungen aus Kontexten der Gruppenarbeit, der Gestalttherapie oder auch der allgemeinen Paar- und Familienberatung stammen.

Die Autoren (S. 176f) weisen darauf hin, dass eine Multiproblemfamilie keine klinische Kategorie sei, sondern, dass es sich hierbei um „sozial benachteiligte Familien in schwierigen Lebenssituationen und mit problematischen Beziehungs- und Interaktionsdynamiken“ handeln würde. Hier ist anzumerken: Viele, jedoch nicht alle dieser Familien sind sozial benachteiligt, beispielhaft sei auf Familien mit Schulproblemen, Essstörungen oder auf sogenannte Suchtfamilien hingewiesen.

Gewünscht hätte ich mir in diesem Buch zudem eine Diskussion darüber, warum diese wirksame Methode immer noch relativ wenig genutzt wird.

Fazit

Das Buch bietet für die Praxis eine Fülle kreativer Anregungen. Empfohlen werden kann es nicht nur Fachkräften aus dem systemischen Kontext, sondern auch eine weitere Verbreitung der Multifamilientherapie in analytischen, gestalttherapeutischen oder auch verhaltenstherapeutischen Ansätzen der Beratung und der Therapie zu unterstützen.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Sozialarbeiter grad., Diplompädagoge, Dr. rer. pol., langjährige Berufspraxis in der Suchtkrankenhilfe, als Supervisor und in der Weiterbildung, Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen, 2007–2021 LbfA an der Hochschule Emden mit dem Schwerpunkt Beratung, ab 10/2021 Prof. im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung“ der Diploma Hochschule.
Homepage juergenbeushausen.de.tl
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 31.03.2021 zu: Eia Asen, Michael Scholz: Praxis der Multifamilientherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 4. Auflage. ISBN 978-3-89670-822-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27053.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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