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Uwe Michalak, Christiane Lüschen-Heimer: Supervision reflektieren

Cover Uwe Michalak, Christiane Lüschen-Heimer: Supervision reflektieren. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 104 Seiten. ISBN 978-3-8497-0355-4. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Nicht nur in der Ausbildung von Berater*innen stellen sich oft Fragen nach dem „Warum?“ oder „Wozu?“ bestimmter beraterischer Fragen und Formulierungen. Auch die kontinuierliche Professionalisierung von Berater*innen macht Selbstreflexion unerlässlich. Der systemische Ansatz ist bei dem hier vorgestellten Konzept sehr deutlich, indem sehr genau auf die Rollen der an einem Prozess beteiligten Personen geachtet wird. Der Blick auf verschiedene Ebenen des Beratungssystems ist dabei ein hilfreiches Instrument zu Fokusbildung bei der Selbstreflexion.

Autoren

Uwe Michalak, Diplompsychologe; Fort- und Weiterbildungen in klientenzentrierter Psychotherapie (GWG), Systemischer Therapie und Beratung (SG), Lösungsorientierter Kurztherapie, Gruppendynamik, Idiolektik, Klinischer Hypnose und PEP. Lehrtherapeut und lehrender Supervisor (SG), Schwerpunkte: Fort- und Weiterbildungen, Supervision, Coaching und Paartherapie.

Christiane Lüschen-Heimer, Ärztin, Krankengymnastin, Systemische Supervisorin, Coach, Beraterin und Therapeutin (SG), lehrende Supervisorin und lehrende Beraterin (SG), Schwerpunkte: Leitungssupervision, Teamsupervision und -entwicklung, Fall- und Einzelsupervision.

Entstehungshintergrund

Qualitätssicherung in der Supervision ist durch die Arbeit von Berufsverbänden zunehmend in den Fokus genommen worden. Doch neben Standards zu Ausbildungsgängen und Voraussetzungen zur Mitgliedschaft braucht es auch die unmittelbare Qualitätssicherung von Supervisor*innen in deren beraterischem Alltag.

Kollegiale Beratung und Intervision sind bewährte Instrumente, die in dem Buch durch eine Art „Anleitung zum inneren Dialog“ weiterentwickelt und ergänzt werden.

Aufbau

In einer Einleitung werden die Begriffe „Reflexivität“, „Reflexion“ und „Reflexionsebenen“ ausgebreitet. Es folgt ein zentrales Kapitel in dem sechs Aspekte für die Reflexion einer Beratung erklärt werden:

  • Selbstreflexion (übergeordnet, daher „1 plus 5“),
  • Haltung und Rolle,
  • Supervisionskonzept,
  • Arbeitsbeziehung,
  • Supervisanden-System,
  • Prozessführung.

Anschließend werden in der gleichen Struktur Methodenkoffer angeboten, ohne die Methoden selbst im Detail zu bearbeiten. Abgerundet wird dies Buch von einem anonymisierten Praxisbericht, was die Alltagstauglichkeit veranschaulicht.

Inhalt

Die Einleitung entfaltet eine systemische Sicht auf Reflexivität (im Sinne einer Kompetenz), Reflexion (als Abgleich zwischen Selbst und Umwelt) und stellt in praxistauglicher Weise Reflexionsebenen vor. So werden das Einlassen auf eine*n Supervisand*in, die Selbstbeobachtungen, die Arbeitsbeziehung und schließlich die Anliegenentwicklung in den Fokus gestellt. In zehn weiteren Absätzen werden die Möglichkeiten von Reflexivität und Reflexion entfaltet.

Das folgende Kapitel „1 plus 5“ Aspekte für eine konstruktive (Selbst-)Reflexion nimmt gut 2/3 des Buches ein. In einer Tabelle werden Blickpunkte, Ziele und Grundsätze der Reflexion übersichtlich dargestellt (vgl. Aufbau).

Quasi eine weitere Einführung stellt der erste Aspekt Selbstreflexion („1 plus 5“) dar. Das sonst oft systemisch genährte Buch bietet hier auch analytische Zugänge, die nach meiner Wahrnehmung stark der Reflexivität dienen. Das „Wozu“, welches ich von meiner Lehrsupervisorin gelernt hatte, blitzt hier für mich in guter Weise auf. Der Abschnitt endet mit einer Übersicht von 12 Fragen. Hier wird von der Auftragsannahme bis in die Prozesse hinein geschaut, bevor dann die bereits genannten Ebenen, gleichsam einer schichtweisen Bildgebung in der medizinischen Diagnostik erklärt werden.

„Haltung und Rolle“ ist dann der erste der fünf differenzierten Abschnitte überschrieben. Es werden in die systemische Methodik eingeführt und umfangreich verschiedene Aspekte der Haltung behandelt. Dabei ist die physische Haltung in Bezug zum Raum, zum Miteinander und die eigene Einstellung gleichermaßen thematisiert. Die Facette „Rollenklarheit“ wird bearbeitet, wirkt aber etwas theoretischer. Die Leitsätze und abgeleiteten Fragen erscheinen etwas abstrakt und wären im Rahmen einer Transkription hilfreicher, als bei einer alltagstauglichen Reflexion. Doch schnell tritt der Praxisbezug mit den finalen Fragen zur Haltung wieder hervor.

Bei der Fokusierung des eigenen Supervisionskonzeptes, erfolgt zunächst eine Abgrenzung zu anderen Beratungsformaten. Mich persönlich überraschte das, denn ich hätte das auf einer früheren Ebene gesehen. Letztlich wird in diesem Abschnitt umfangreich gefragt, was dient der Anliegensklärung und damit wird ein Bogen von Werteaspekten, über Kompetenzen und Fähigkeiten, den Blick in den Markt, bis zu den verfügbaren Handlungsaspekten gespannt.

Die Arbeits- rsp. Beratungsbeziehung ist ein wechselseitiges aufeinander beziehen. Es braucht klare Vereinbarungen und Ziele der Partner*innen. Als eine mögliche Unterscheidung der Beziehungstypen wird Steve de Shazer mit den Typen Kunden-Beziehung, Besucher-Beziehung und Klagenden-Beziehung angeführt. Eine Erfahrung die vermutlich jede*r Supervisor*in kennt, aber diese Wahrnehmung bewusst zur Reflexion des eigenen Tuns einzusetzen, zu analysieren was das für den Prozessverlauf bedeuten kann, wie sich die Selbstverantwortung und Problemlösekompetenz beim Gegenüber entwickelt und mit welcher Einstellung eine Sitzung bzw. ein Prozess endet, sind oft eine genauere Betrachtung wert. Auch hier bietet der Abschnitt am Ende einen Fragenkatalog.

Es überrascht nicht, dass das Supervisandensystem hier weniger analytisch als systemisch vermittelt wird. Das Mitgliedskonzept nach Ludwig bringt die Aspekte von Kommunikation und Sinngrenzen zweckdienlich ein. Das klassische Dreieck aus Person – Organisation – Rolle, vom Handlungsfeld umgeben, wird an dieser Stelle ebenfalls erwähnt. Bevor abschließend wieder die Musterfragen angeboten werden, wird kurz auf das Konstrukt von Mehrpersonensystemen eingegangen, was letztlich etwas schmalgeführt auf die Beratung in Teams abstellt.

Der Fokus „Prozessführung“ wird vergleichsweise kompakt behandelt. Die Facetten der Prozessverantwortung sind an dem Erzeugen von Metastabilität (Beziehung) und zugleich dem Erzeugen von Instabilität (Dezentrierung) auf die konstruktive Hilfebeziehung orientiert. Auch das Thema „Wertschätzung“ wird in diesem Abschnitt als prozessrelevant für jeden Beratungsprozess erwähnt. Die Fragen am Ende dieses Abschnitts nehmen erneut Momente der Auftragsannahme auf, was verdeutlicht, dass alle Ebenen zu allen Zeitpunkten des Beratungsprozesses eine gewisse Aufmerksamkeit verdienen.

Im letzten Kapitel wird auf Methoden eingegangen. Hier geht es nicht um die ausführliche Darstellung eines Methodenkoffers mit allen Inhalten. Tatsächlich werden verschiedene Tools in Bezug auf mögliche Klärungsanliegen und Ziele dargestellt, wobei die Abschnitte des vorigen Kapitels auch hier Struktur geben. Das in der Intervision gern genutzte Reflecting Team könnte mit einem Blick auf diese Seiten häufiger ergänzt werden.

Diskussion

Ist es realistisch jede Sitzung, jeden Fall, jeden Auftrag etc. nach solchem Modell zu Reflektieren? Ist es notwendig? Wann tue ich es und wann lasse ich es? Meines Erachtens Fragen hinter dem kleinen Buch.

Nein, nicht nur wenn es die Zeit erlaubt, sondern, wenn ich selbst mit Fragen aus einer Sitzung gehe, braucht es einen genaueren Blick und dafür wird hier eine gute Hilfe an die Hand gegeben. Auch wenn etwas vermeintlich sehr gut lief, kann dieser genauere Blick hilfreich sein.

Ja, damit könnte auch die nächste Kontrollsupervision oder Intervision einen klaren Inhalt bekommen. Aber ganz ehrlich – auch bei regelmäßigen Intervisionsrunden und in besonderen Fällen einer Kontrollsupervision findet nicht alles Platz, was angeschaut werden sollte. Manchmal ist der nächste Termin in einem Prozess sehr dicht und eben dann hilft ein systemisch-reflexiver Blick, wie hier vorgeschlagen.

Fazit

Sehr gern empfehle ich dieses Buch persönlich und mit dieser Rezension weiter. Zuerst zur Sensibilisierung und auch als Arbeitshilfe im Alltag. Sowie Berufseinsteiger*innen, als auch erfahrene Berater*innen können durch die hier vorgestellte Struktur bei ihrer eigenen Qualitätssicherung unterstützt werden. Und nein, das ersetzt keine kollegiale Beratung, könnte aber auch dieser in Vorbereitung und Durchführung dienlich sein.


Rezension von
Matthias Jacob
Staatl. geprüfter Betriebswirt; Supervisor (DGSv) / Meditationsleiter (EMB)
Homepage www.sitzen-schweigen-hoeren.de
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Zitiervorschlag
Matthias Jacob. Rezension vom 28.01.2021 zu: Uwe Michalak, Christiane Lüschen-Heimer: Supervision reflektieren. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0355-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27055.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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