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Olaf Walter: Zum systemischen Denken in Training, Coaching und Beratung

Cover Olaf Walter: Zum systemischen Denken in Training, Coaching und Beratung. Ein Metamodell zur Orientierung im systemischen Fragenraum. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 140 Seiten. ISBN 978-3-8497-9026-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Verlag für systemische Forschung.
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Thema

Der Titel „Zum systemischen Denken in Training, Coaching und Beratung“ stellt ein Metamodell zur Orientierung im systemischen Fragenraum vor. Dabei legt der Autor den Fokus vor allem auf die systemischen Prinzipien, Strukturen und Aspekte, die in der konkreten Praxis herangezogen werden könnten, um letztlich relevante Unterschiede zu erarbeiten. Das beschriebene Modell soll dabei helfen, systemtheoretische Hintergründe in die tatsächliche Praxis zu übertragen, sodass Berater:innen eine kompetente Begleitung gewährleisten können.

Autor

Olaf Walter ist systemischer Berater, Rechtswissenschaftler und hat zudem ein aufbauendes Studium in der systemischen Führungs- und Organisationsberatung abgeschlossen. Seit 2009 ist er Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Wagner & Walter GmbH und berät Kunden anhand seiner Ausbildung und Erfahrungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu Strategien. Darüber hinaus ist er als Interims-Manager, Trainer und Coach sowie Führungs- und Organisationsberater tätig.

Aufbau

Der vorliegende Titel gliedert sich in neun Kapitel und beginnt zunächst mit einem einleitenden Gespräch zwischen Matthias Vagra von Kibéd und Olaf Walter. Dem anschließend folgen eine kurze Einleitung und der Einstieg in „Wir denken in Modellen“. Darauf aufbauend stellt Olaf Walter den Nutzen und die Anwendung des Metamodells vor und geht dabei auf einzelne Bestandteile des Modells ein. Während im vierten Kapitel zunächst das eigene Zustandsmanagement der Beratenden erläutert wird, widmet sich Kapitel 5 der praktischen Bedeutung von Umsetzung. Abgerundet wird dieser Schwerpunkt durch eine Diskussion sowie einem Ergebnis und (erstem) Ausblick. Die nachfolgenden zwei Kapitel widmen sich anschließend jeweils einem praktischen Beispiel zur Anwendung hinsichtlich des Erstellens von Systemmodellen sowie der emphatischen Kommunikation.

Inhalt

Olaf Walter bearbeitet in dem vorliegenden Buch die Frage, wie Berater:innen als Prozessbegleitende in unbekannten Systemen eine erste Orientierung erfahren können, um eine hilfreiche und kompetente Beratung zu ermöglichen. Hierfür stellt er sich zunächst die Frage, wie ein Konzept entwickelt werden kann, welches die Wahl wirksamer Interventionen in autopoietischen Systemen unterstützt. Sein sogenanntes Metamodell soll letztlich Berater:innen bei der Bildung von Hypothesen unterstützen und eine (bessere) Orientierung in Systemen ermöglichen. Zur Herleitung dieses Modells widmet sich Olaf Walter im ersten Kapitel zunächst dem Modellbegriff sowie dessen Sinn und Ziel.

Mit einer Verabschiedung des Maschinenmodells verdeutlicht er die Forderung nach neuen „Modellen“, die in der Lage sind, verschiedene Ansätze und Perspektiven einzunehmen, um den Wechselwirkungen in Systemen sowie deren Umwelteinwirkungen gerecht werden zu können. Nachfolgend beschreibt er die Anfänge des systemischen Modellbegriffs und die Entwicklung vom statischen Modellbegriff hin zu einem Modellbegriff, der auch Wechselwirkungen und Einflussgrößen zulässt. Daran anschließend könnten Systemmodelle 2. Ordnung die „linear-kausale Logik von trivialen Steuerungsmodellen“ (S. 28) relativieren und somit einen entscheidenden Beitrag zur Erkennung von Handlungen, Beziehungen und Kommunikation in sozialen Systemen für Berater:innen aufzeigen und die Komplexität reduzieren. Letzteres unterstütze wiederum die Hypothesenbildung und Interventionsplanung. Darüber hinaus greife das Denken in Modellen auf eine langjährige Tradition in der systemischen Welt zurück. So sei die Beschäftigung mit zirkulären Strukturen und Rückkoppelungen ein wichtiger Bestandteil der systemischen Beratung, bei denen Berater:innen sich stets auf Systeme beziehen, die eingeordnet, dargestellt oder auch einfach sichtbar gemacht werden. Als eine Art Denkwerkzeug zur Dekonstruktion von Zusammenhängen könnten Modelle Berater:innen bei der Betrachtung komplexer Situationen unterstützen.

Nachdem der Autor den Einsatz von Modellen erklärt hat, widmet er sich nachfolgend dem Wunsch, ein übergreifendes Modell zu schaffen, welches in den gesamten Kontexten der Beratung gleichermaßen nutzbar sein kann und Berater:innen bei der Bildung von Hypothesen und Initiierung von Interventionen unterstützt. Unter der Bezeichnung des Metamodells möchte Olaf Walter „die erkenntnistheoretischen relevanten Strukturen von Systemen, Informationen, Wechselwirkungen, Kopplungen und in sozialen und individuellen Systemen“ (S. 33) beschrieben wissen. Es soll einen Übergang auf die Metaebene ermöglichen und ebenso als Anwendung eines „Metaisierungsprinzips“ verstanden werden.

Kapitel 3 widmet sich nun dem Nutzen und der Anwendung des Metamodells. Olaf Walter beschreibt sein mehrdimensionales Metamodell innerhalb dessen eigene Strukturen und Ebenen zu finden sind. Er beschreibt sein Modell als „(…) Grundlage für das Innehalten, um jeweils ein Momentum zu schaffen, sich eben gerade nicht von der Problemstellung absorbieren zu lassen.“ (37). Dafür skizziert er die Situation mit der sich Berater:innen zu Beginn eines Gesprächs konfrontiert sehen: Probleme auf unterschiedlichen Ebenen in einem zunehmend komplexen System. Für Berater:innen bestehe nun die Aufgabe darin, „die systemisch relevanten Konstruktionen und Aspekte der auftretenden Wechselwirkungen zu durchschauen (…)“ (37) und einen entsprechenden Arbeitsauftrag in Kooperation mit den zu Beratenden zu erarbeiten. Das Metamodell soll bei diesem Prozess unterstützen. Hierzu verfügt es insgesamt über zehn unterschiedliche Dimensionen mit einzelnen Ebenen, Strukturen und umschlossenen Elementen, die er zunächst benennt und in den nachfolgenden zehn Unterkapiteln ausführt:

  • Ebene der Persönlichkeit
  • Beteiligte
  • Systemgrößen
  • Klassen
  • Perspektiven
  • Veränderungsraum
  • Systemprinzipien
  • Funktionsprinzipien
  • Zeit
  • Grenzen

Im vierten Kapitel erklärt Olaf Walter das eigene Zustandsmanagement der Beratenden. Er beschreibt, dass Berater:innen sich bei der Anwendung des Modells in „einen Zustand der Achtsamkeit und des Gewahrsein“ versetzen und sich nicht auf Details konzentrieren sollten. Vielmehr gehe es darum, einen Gesamteindruck zu erhalten und das eigene lineare Denken zu unterbrechen. Durch verschiedene Fragetechniken sollen Berater:innen eine Form von Radar entwickeln, was ihnen dabei hilft, relevante Aspekte von irrelevanten zu unterscheiden. Dabei würden Fokussierung und Defokussierung einander abwechseln und damit eine Dissoziationstechnik entwickeln, „(…) die Beobachtungen der zweiten und der dritten Ordnung förderlich“ (S. 57) erscheinen lässt. Ebenso könnten damit jedoch auch Selbstreflexionsprozesse des Beraters angestoßen werden.

Das 5. Kapitel verdeutlicht die Anwendung des Metamodells an einem Beispiel. Hier wird deutlich, dass das Metamodell als gedankliche Unterstützung für den Verlauf der Beratung fungiert. Dabei soll das Modell den Abgleich von Impulsen und Wirkungen der beraterischen Interventionstechniken ermöglichen und somit eine Wirksamkeit der Methoden der Berater:innen evaluieren sowie die eigenen Kompetenzen „in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess“ (S. 67) ermöglichen.

In der anschließenden Diskussion widmet sich Olaf Walter einigen kritischen Positionen zu seinem Metamodell. Er greift hierbei unter anderem auf, dass dieses Modell sich in keinen Widerspruch zwischen linear-kausaler und zirkulärer Denkweise befinde. Ebenso berücksichtigt er den Einwand, bei dem Modell handele es sich lediglich um eine „unvollständige Darstellung partieller Aspekte innerhalb der Beratungslandschaft“ (siehe Diskussion dieser Rezension). Olaf Walter versteht sein Metamodell eher als ein „semantisches ontologisches Modell, das erst eine Operabilität ermöglicht, in dem die Herkunft von Problemen und Phänomenen berücksichtigt wird und lösungsorientierte Formate wie Methoden abgeleitet werden, die systemtheoretisch zugeordnet werden können.“ (S. 72). Zweck des Modells soll es unter anderem auch sein, Berater:innen einen möglichst großen Blick auf des Gesamtfeld zu ermöglichen, was auch in dem Kapitel „Ergebnis und Ausblick“ nochmals verdeutlicht wird.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Kapitel zum Erstellen von Systemmodellen. Hier wird ein Beispiel zur praktischen Anwendung beschrieben und in Bezug auf das entwickelte Metamodell gebracht. Im letzten Kapitel zur empathischen Kommunikation wird ein weiteres Beispiel zur praktischen Anwendung im Umgang mit Konflikten vorgestellt und ein Prozessmodell als Tool zur Verfügung gestellt.

Diskussion

Olaf Walter plädiert dafür, Modelle im Kontext der Beratung stets als „(…) hilfreiche Denkbilder zu verstehen, die Kreativität fördern und spielerisch dazu genutzt werden können, das Denken weiter anzuregen.“ (30). Ergänzend hierzu sind „Modelle (sind) nicht richtig oder falsch, sondern mehr oder weniger passend.“ (Hüther 2008 in Walter 2020, 30). Damit wird auch deutlich, dass Modelle zwar einen erkenntnisgewinnenden Beitrag in der Beratung leisten können, jedoch nicht in der Lage sind, Wirklichkeitskonstruktionen eines vollständigen Systems zu erfassen. Eher können uns Modelle dabei helfen, die Realität zu vereinfachen. Für die Beratung mag dies zunächst auch bedeuten, die Realität für die zu Beratenden greifbar oder sichtbar darzustellen, um anschließend (un)passende Hypothesen und Interventionen zu initiieren.

Das Metamodell fasst mit seinen zehn Dimensionen die Grundlagen systemischer Beratungsansätze treffend zusammen. Olaf Walter orientiert sich bei der Zusammentragung der verschiedenen Ansätze an Fachexperten aus dem Bereich der Systemtheorie, Familientherapie und Psychologie (Virginia Wolf, Steve de Shazer, Luhmann, u.v.m.). Was an vielen Stellen sehr abstrakt und kompliziert klingen mag, ist für systemische Berater:innen nach DGSF und SG jedoch tagtägliche Praxis. Verschiedene, aber geläufige Fragetechniken werden in unterschiedliche Dimensionen eingeordnet und innerhalb dessen in Korrelation zu anderen Dimensionen gebracht.

In dem vierten Kapitel erklärt Walter das eigene Zustandsmanagement der Beratenden. Er beschreibt hierbei nicht nur, dass Berater:innen einen Gesamtüberblick über das Feld der Beratenden erhalten, sondern auch gleichermaßen an der Vervollkommnung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit arbeiten sollten. Eine „permanente Schulung des Geistes, die ihn allmählich in die Lage versetzt, systemischer zu werden und geeignete Unterschiede zu entdecken.“ (S. 59) wirkt so, als ob systemische Beratungsansätze auch ungeeignete Unterschiede entdecken könnten. Dabei ist gerade die Unvollkommenheit der eigenen Wahrnehmung, die in Kooperation mit den Beratenden im systemischen Prozess bearbeitet wird, jene, die auch zu einer Veränderung im System der Beratenden führen kann. Zweifelsfrei ist Reflexion eigener Beratungen ein wichtiger Baustein im Professionalisierungsprozess der Beratung, jedoch sollte ein Streben nach Vervollkommnung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit nicht das Ziel von systemischen Berater:innen sein. Das Bilden von Hypothesen geht stets mit dem Prozess einher, diese auch wieder zu verwerfen oder durch zu Beratende korrigieren zu lassen. Gleiches gilt für das Erproben verschiedener Methoden.

Was für systemische Berater:innen mit sozialarbeiterischem oder psychologischem Bezug alltägliche Praxis darstellt, kann im Businesskontext bei der systemischen Unternehmens- und Organisationsberatung jedoch wieder ganz anders aussehen. Daher eignet sich dieses Buch vor allem für jene Zielgruppe im Businesskontext. Dies wird auch durch die verschiedenen Beispiele sowie die wissenschaftlich hochwertige Zusammentragung verschiedener Experten deutlich, die nochmals fachlich argumentieren, warum jene Fragestellung oder Methode in entsprechender Dimension „wirkungsvoll“ sein kann. Weniger kompliziert formuliert, aber ebenso umfangreich verfügen Berater:innen nach der grundlegenden Weiterbildung nach DGSF- oder SG-Standard sowohl über diese Kenntnisse als auch die systemische Grundhaltung, die auf den ersten Blick weit von der Grundhaltung im Businesskontext entfernt zu sein scheint, aber inhaltlich genau dieselbe Haltung sein sollte.

Dem Modell und Anwendungsbeispielen folgend entsteht der Eindruck, dass Berater:innen (zumindest im Bereich Business) einem gewissen Erfolgsdruck gerecht werden müssten. Das lässt sich vor allem an „wirkungsorientierten Interventionen“ und der mehrfach erwähnten Evaluierung der eigenen Wirksamkeit der beraterischen Methoden feststellen. Leider berücksichtigt das Modell hier nicht die unterschiedlichen Auftragsformate, die Berater:innen in systemischen Kontexten anbieten. Ebenso müsste die Auftragsaushandlung zusammen mit den zu Beratenden hier noch einmal stärker in den Fokus genommen werden, sodann dieses Buch sich wie beschrieben auch an Berater:innen, Trainer:innen und Coaches anderer Felder richten möchte. So könnten dem Metamodell noch ergänzend zugeführt werden, inwiefern sich der Prozess der Beratung je nach Auftrag und Kontext der Berater:innen unterscheidet und welche Auswirkungen eigene Anteile an den Verlauf der Beratung haben könnten. Zwar wird die Rolle der Berater:innen als Gast an mehreren Stellen bereits angeschnitten (z.B. S. 68), jedoch nicht in Zusammenhang mit dem Auftrag gebracht. Zweifelsfrei könnte auch dies nicht in einer linearen Denklogik gelöst werden, es sollte jedoch bei der Selbstreflexion anhand des Metamodells Berücksichtigung finden.

Fazit

Dieses Buch bietet Berater:innen in der Unternehmens-, Organisations- oder auch Businessberatung die Möglichkeit zur (systemischen) Selbstreflexion. Anhand eines Metamodells werden Berater:innen dazu angeregt, neue Dimensionen zu entdecken, die der Autor in zehn Teilbereiche gliedert und an dessen Ausarbeitung er sich bei Vertreter:innen der Systemtheorie, Familientherapie und Psychologie orientiert hat. Für die Beratung in diesem Bereich ist das Modell jedoch nicht als praktischer Leitfaden zu verstehen, sondern eher als eine Zusammenfassung unterschiedlicher Ansätze und Teilbereiche, die durch Berater:innen im Businesskontext beachtet werden können/sollten, um eine „wirkungsorientierte“ Beratung anbieten zu können.


Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HAW Hamburg, Systemische Beraterin (DGSF), Promovendin an der FSU Jena
Homepage www.socialnet.de/ueber-socialnet/team/farina-eggert ...
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Zitiervorschlag
Farina Eggert. Rezension vom 30.06.2021 zu: Olaf Walter: Zum systemischen Denken in Training, Coaching und Beratung. Ein Metamodell zur Orientierung im systemischen Fragenraum. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-8497-9026-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27059.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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