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Gernot Znidar: Großgruppeninterventionen als innovative Settings für organisationales Lernen

Cover Gernot Znidar: Großgruppeninterventionen als innovative Settings für organisationales Lernen. Wirkungen und Nebenwirkungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 490 Seiten. ISBN 978-3-8497-9033-2. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR.

Reihe: Verlag für systemische Forschung.
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Autor

Gernot Znidar, Dr. phil., ist Professor am European Campus Rottal-Inn der 1994 gegründeten Fachhochschule Deggendorf. Er studierte Marketing, Verhaltenswissenschaften, Erziehungswissenschaften und promovierte in Organisationsentwicklung. Als systemisch-konstruktivistischer Organisationsentwickler berät er seit mehr als 20 Jahren verschiedene Organisationen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch dürfte nach eigenen Aussagen weitgehend der Dissertation des Autors entsprechen, die er an der Universität Klagenfurt eingereicht hat. Der Autor und der Verlag sehen die Publikation als einen Beitrag zur systemischen Forschung an. Ausgangsthese ist, dass Großgruppeninterventionen wirksame Instrumente der Organisationsentwicklung sein können, um in einer »VUCA-Welt« Innovationen zu ermöglichen.

Aufbau

Das Buch entspricht weitgehend einer Dissertation ohne nennenswerte didaktischer Aufbereitung. Etwas ungewöhnlich für wissenschaftliche Literatur sind die unterschiedliche Zitierweise und die Anfangskapitel, in denen die persönliche Motivation und »Meine Rollen im Kontext dieser Forschungsarbeit« beschrieben werden. Der Autor selbst sieht sein Buch in sechs Teilbereiche gegliedert: einleitend, theoretisch, methodisch, praktisch, empirisch, pragmatisch und abschließend. Das Inhaltsverzeichnis umfasst 13 Kapitel, auf die ein Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Internetquellen und ein Anhang folgen; letzterer besteht aus Verweisen auf das Zusatzmaterial, das bei Verlag zum Download bereitsteht.

Inhalt

Vor dem eigentlichen Text gibt es noch eine Danksagung.

Einleitung

Hier werden kurz die Ausgangssituation, die persönlichen Beweggründe sowie der Aufbau der Arbeit beschrieben.

Das Forschungsdesign

Dieses Kapitel hat die einzige Überschrift, die mit einem bestimmten Artikel beginnt. Hier werden der Forschungsgegenstand, die Zielsetzung sowie der Forschungsansatz und die Forschungsmetho­den beschrieben. Es erschließt sich nicht, was der Autor mit dem Unterkapitel 2.3 »Innovation der Erkenntnis zum Einsatz von GG-Verfahren in OE-Prozessen« auf knapp einer Seite aussagen will.

Organisationsentwicklung als interdisziplinäres Fachgebiet

Hier spannt der Autor einen weiten Bogen von Peter Senges Lernender Organisation über Niklas Luhmanns selbstreferenzielle und autopoietische Systeme bis hin zu Megatrends und den NGOs.

Großgruppenverfahren als Interventionssets der systemischen Organisationsentwicklung

Dies ist der Kern der Forschung des Autors. Vor allem in Unterkapitel 4.3 geht der Autor auf die vielfältigen Einflüsse ein, die auf einen systemischen Beratungsansatz wirken: von der Biologie bis zur systemischen Familientherapie.

Organisationskulturelle Muster als relevante Faktoren für GG-Interventionen

Die Veränderung der Organisationskultur erfolgt auf metatheoretischer Ebene nach unterschiedlichen Ansätzen.

Anwendungsfelder und Wirkungsversprechen von GG-Interventionen in OE-Prozessen

Ab hier dürfte es sich um den vom Autor genannten praktischen Teilbereich handeln. Dargestellt werden häufig genannte Anwendungsfelder und die Wirkungen von GG-Interventionen in unterschiedlichen Kontexten.

Ausgewählte GG-Ansätze und Methoden und ihr OE-Verständnis

Dargestellt werden relativ neue sowie bekannte Methoden wie Open Space bzw. OSK (Open Space Konferenz), die in Seminaren zur PE und OE (Personal- und Organisationsentwicklung) eingesetzt werden. Der Autor beschreibt dieses und andere Verfahren ausführlich und geht abschließend auf deren Grenzen und Risiken im Kontext der OE ein.

Fallbeispiele

Großgruppenverfahren als Interventionssets der OE. Nach drei unterschiedlichen Fallbeispielen gibt es Best-Practice und Best Lessons Learned – Scheiterbeispiele als Lernquelle in einem Großgruppen-Kaleidoskop.

Fallbasierte »lessons learned«

Großgruppen als Interventionsset für die Weiterentwicklung sozialer Systeme: Waren es in Kapitel 8.4.6 noch die »Best Lessons Learned« folgt nun ein Kapitel zu »lessons learned«. Hierbei geht es zunächst um die Essenz wesentlicher Wirkungen eigener GG-Interventionen in neun Anwendungs- und Wirkungsbereichen, denen in Kapitel 9.1.10 ungeplante Nebenwirkungen als sekundäre Lerngewinne folgen.

Gestaltungsfaktoren für effektive GG-Interventionen in OE-Prozessen

In fünf Unterkapiteln werden verschiedene Faktoren genannt. Es gibt Ausführungen zu Prozessgestaltung oder einer übergeordneten OE-Beratungsarchitektur, Kopplung an den Alltag und Nutzung von Informationstechnologien sowie eine Nachhaltigkeits-Checkliste.

Instrumente für den OE-Werkzeugkasten

Leitfaden, Roter Faden und Anwenderlandkarte werden als Instrumente aufgeführt. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei in der Gliederung des Autors um den pragmatischen Teil der Arbeit.

Abschließende Reflexion im Sinne einer Forschungsbilanz

Am Ende gibt es eine »Innovation der Erkenntnis«.

Großgruppen im Rahmen der Organisationsentwicklung

Ein wertschätzend-kritisches Schlussresümee: Nach dem Fazit 1 gibt es hier noch ein Fazit 2.

Diskussion mit begründeter Bewertung

Beginnen wir mit einigen Formalia. Die Überschriften sind nicht durchgängig einheitlich formuliert, selten wird mit und meistens ohne den bestimmten Artikel formuliert. Auch die Gliederung ist nicht immer stringent, so folgt zum Beispiel auf Kapitel 9.1 kein Kapitel 9.2. Ungewöhnlich ist auch eine Danksagung, wie sie bei Dissertationen, aber nicht unbedingt bei Fachbüchern angebracht ist. Andererseits ist es für eine Dissertation ungewöhnlich, dass häufiger in der Ich-Form geschrieben wird, beispielsweise berichtet der Autor so über Großgruppen-Szenen seines Beraterlebens. Dies hat eher belletristischen Charakter und man fragt sich, welchen Sinn es in einem Fachbuch macht.

In Kapitel 8 spricht der Autor von einem Kaleidoskop, also einem »bunten Allerlei« der Großgruppen-Interventionen. Dieses Kaleidoskop findet sich an verschiedenen Stellen. So werden in fünf Unterkapiteln werden verschiedene Faktoren genannt, die nicht recht zusammenpassen wollen. An einigen Stellen wirkt es so, als wären Schlagworte zusammengefasst worden. So werden auf kaum mehr als einer Seite fünf Moderationswerkezeuge genannt, wobei der Autor in der Ich-Form darauf verweist, solche Technologie schon mehrfach eingesetzt zu haben. Auch eher ungewöhnliche Begrifflichkeiten wie »sekundäre Lerngewinne«, was wohl dem funktionalen Lernen entspricht (?), machen die Einordnung der Erkenntnisse schwierig. Überhaupt spielen die Erfahrungen des Autors eine große Rolle. In Kapitel 13 gibt es ein persönliches Resümee, in das viele Erfahrungen des Autors einfließen.

Ein Fachbuch soll logisch stringent sein und am Ende die durch die Forschungsarbeit gewonnenen Erkenntnisse wiedergeben. Denn ein Erkenntnisinteresse ist integraler Bestandteil jeder Dissertation. Problematisch ist, dass die Zuordnung zu einem der vielen vom Autor genannten wissenschaftlichen Teilgebiete nicht eindeutig ist. Am Ende gibt es eine »Innovation der Erkenntnis« – wobei dies doch ein bisschen tautologisch klingt? Das Zitat des Doktorvaters auf S. 459 ist interpretierbar, da der Autor den Anschein erweckt, als ob er in Zielgerichtetheit einerseits und Ergebnisoffenheit andererseits einen Konflikt sieht. Man hätte sich am Ende offene Forschungsfragen gewünscht und nicht Vermutungen, worauf die derzeitige Situation zurückzuführen ist. Letztlich hilft da auch nicht der Hinweis auf die »VUCA-Welt« weiter. Denn das Akronym »VUCA«, das aus Schwankungen (volatility), Unsicherheit (uncertainty), Komplexität (complexity) und Mehrdeutigkeit (ambiguity) abgeleitet ist, bedeutet nicht viel mehr, als dass alles im Fluss ist – »panta rhei«. Dem Rezensent erschließt sich nicht, was die Führungstheorien von Warren Bennis & Burt Nanus aus dem Jahr 1987, auf die VUCA zurückgeht, mit einem modernen Konzept der Organisationsentwicklung durch Großgruppeninterventionen zu tun haben soll.

Fazit

Wie der Autor ausführt, liegt dem Forschungsbericht ein systemisch-konstruktivistisches Paradigma für aktuelle Großgruppen-Settings zugrunde. Dabei bettet er seine Forschung in vielfältige Bezüge von der Zukunftsforschung, Soziologie bis hin zur Organisationslehre ein. Albert Einstein hat 1930 postuliert: »Vornehmstes Ziel aller Theorie ist es, jene irreduziblen Grundelemente so einfach und so wenig zahlreich als möglich zu machen, ohne auf die zutreffende Darstellung irgendwelcher Erfahrungsinhalte verzichten zu müssen.« Man kann den Eindruck gewinnen, dass es für die Verständlichkeit von Vorteil gewesen wäre, wenn die Gedanken und ihre Formulierungen prägnanter und manchmal stringenter ausgeführt worden wären. Für einen systemisch interessierten Forscher ergeben sich in Bezug auf die Organisationsentwicklung möglicherweise interessante Aspekte.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 05.11.2020 zu: Gernot Znidar: Großgruppeninterventionen als innovative Settings für organisationales Lernen. Wirkungen und Nebenwirkungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-9033-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27062.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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