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Wolf Ritscher: Systemische Modelle für die Soziale Arbeit

Cover Wolf Ritscher: Systemische Modelle für die Soziale Arbeit. Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 6. Auflage. 381 Seiten. ISBN 978-3-89670-881-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Wolf Ritscher setzt sich zum Ziel, in der Praxis der Sozialen Arbeit den systemischen Ansatz zu fördern: „… indem ich in mehreren Schritten die ‚Einfädelung' der System- und Familientherapie in die Soziale Arbeit und deren Ausweitung zur systemischen Sozialen Arbeit nachzeichne“ (11).

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Autor war Professor für Psychologie mit den Schwerpunkten klinische Psychologie, Familientherapie und Familiensozialarbeit an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen.

Entstehungshintergrund

Das Buch beruht auf der jahrelangen Erfahrung in der Vermittlung systemischer Beratungsansätze in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen, sowie den Erfahrungen des Autors als Therapeut und Supervisor.

Es spiegelt den Diskussionsstand und die Bedingungen der Sozialen Arbeit um die Jahrtausendwende wider, da es eine unveränderte Neuauflage aus dem Jahr 2002 ist, ca. 20 Jahre gesellschaftliche und fachliche Entwicklung fehlen also.

Aufbau

Ritscher stellt in seiner Einleitung den Aufbau des Buches als einen Text dar, der in fünf Schritten nachvollziehbar machen will, wie die vielen systemischen Methoden in einem einheitlichen Rahmen zu neuen Handlungsräumen in der Praxis der Sozialen Arbeit beitragen können. Im ersten Schritt werden Soziale Arbeit und die System- bzw. Familientherapie unter dem Dach einer systemischen Metatheorie angesiedelt.

Beim zweiten Schritt wird auf die Ebene des Zugangs zur sozialen Wirklichkeit gewechselt. Ausgehend: „Von der Beschreibung allgemeiner Prinzipien eines die Wahrnehmung und Beschreibung leitenden systemischen Denkmodells kommen wir zu Modellen, welche die sozialen Kontexte darstellen, in denen Menschen ihr Beziehungsleben gestalten“ (11). Im dritten Schritt wird die Familie als besonderes soziales System präsentiert. Im Vierten werden theoretische Konzepte der Sozialen Arbeit dargestellt, die mit der systemische Metatheorie vereinbar sind. Ausgangspunkt ist die Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit, wie sie im Ausbildungscurriculum an der Hochschule in Esslingen zugrunde gelegt wird, bzw. wurde. Als Rahmen für seinen Entwurf einer systemischen Sozialen Arbeit wählt Ritscher „…fünf primäre Handlungsbereiche der Sozialen Arbeit: Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen Organisationen und Qualitätssicherung“ (12) aus. Im fünften Schritt „… werden die in der systemischen Sozialen Arbeit verwendbaren Methoden und Handlungsrichtlinien vorgestellt“ (13).

Das Buch hat 380 Seiten, inclusive Literaturverzeichnis und Sach- und Namensregister.

Inhalt

Der Inhalt des Buches spannt einen breiten Bogen über Theorien, praktische Erörterungen, Hinweise, Diskussionsbeiträge sowie Fallbeispiele und Schaubilder. Es ist über sieben Hauptkapitel mit insgesamt über 80 Unterkapiteln gegliedert, sodass es auch als Nachschlagewerk genutzt werden kann.

Im Folgenden werden die Hauptkapitel aufgeführt – und aus Sicht des Rezensenten – auf besondere Schwerpunkte hingewiesen.

Das 1. Kapitel stellt auf fünf Seiten eine Falldarstellung vor: Der Sohn eines Lehrers geht nicht in die Schule.

Das 2. Kapitel, ‚Exkurs zur systemischen Metatheorie‘, greift grundlegende Fragestellungen auf wie Perspektiven zur Systembeschreibung und Analyse. Es bringt einen Unterabschnitt zum Thema: Die Einheit von Beobachterin und Beobachtetem und ihre Folgen für die Soziale Arbeit. Hier wird grundlagentheoretisches Wissen von überragender Bedeutung dargestellt, dass häufig zu kurz kommt. Im Abschnitt, ‚Die drei Kontextperspektiven‘, werden ‚Zeit und Raum‘, ‚Menschenbild und Ethik‘ (knapp eine Seite) sowie ‚Gesellschaft – Arbeit, Herrschaft und Sprache‘ präsentiert (letztere wird im 3. Kapitel behandelt). Hier klaffen Lücken zwischen den anspruchsvollen Themen und den präsentierten Zusammenfassungen.

Das 3. Kapitel ist dem sozialen Kontext der systemischen Arbeit mit Familien gewidmet. Es startet mit dem ökosozialen System Modell von Uri Bronfenbrenner. Dabei wird zwischen Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystem unterschieden. Die Namen machen schon deutlich, dass die Unterscheidungen keine sind, die sich aus einer Systemtheorie ableiten. Ritscher erweitert das Makrosystem zu einem vier Sektorenmodell der Gesellschaft in dem Ökonomie, Politikkultur und Wissenschaft als Teilsysteme des übergeordneten Systems Gesellschaft ihren Platz finden (99). Darüber hinaus möchte er die „Gender-Thematik“ im Kontext der Gesellschaftstheorie einbeziehen. Sowohl das entwicklungspsychologische Modell von Bronfenbrenner, als auch die soziologischen Interpretationen passen nicht zum Stand der systemtheoretischen Theorien, die sich in der systemischen Therapie und Soziologie durchgesetzt haben.

Im 4. Kapitel steht die Familie, der familiärer Lebenszyklus und Familiendynamik im Mittelpunkt. Hier wird eine breite Palette praktisch nutzbarer Hinweise und Konzepte zur Arbeit mit Familien präsentiert.

Kapitel 5, ‚Schritte zu einer systemisch begründeten Sozialen Arbeit‘, widmet sich der Beschreibung und Diskussion der Grundlagen und Theorien der Sozialen Arbeit. Die Gliederung in Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit ist sehr traditionell – wird aber durch Themen wie Qualitätssicherung, Therapie, oder die Vernetzung verschiedener Teilsysteme ergänzt und aktualisiert. Ritscher nennt als die vier imperative der systemischen Sozialen Arbeit die ethische Orientierung, die Theoriebildung, die Intuition und die Methodenkompetenz.

Das 6. Kapitel ist wieder stärker grundlagenorientiert ausgerichtet und fokussiert systemische Handlungsrichtlinien und Methoden für die Soziale Arbeit. Der Überblick über die Methoden der systemischen Arbeit, der auf verbale Methoden, darstellende Methoden, Methoden zur Strukturierung des Settings und der Qualitätssicherung abstellt, orientiert sich an Techniken und wird in einer Listenform präsentiert (insgesamt netto drei Seiten).

Im Kapitel 7: ‚Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit‘, werden Beispiele aus der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe mithilfe von Beiträgen von Kolleginnen und Kollegen vorgestellt. Ein Fallbericht aus der gemeinwesenorientierten Jugendhilfe schließt das Buch ab.

Diskussion

Die Stärke des Buches besteht darin, systemische Ansätze und systemische Praxisbeispiele für die Soziale Arbeit nutzbar zu machen und sie auf diese Art in die Praxis und die Theorie integrieren zu wollen. Dies aber ohne die Soziale Arbeit als ein Kolonialgebiet zu begreifen, in welches das höherwertige Wissen der ‚Systemiker‘ und der systemischen Therapie gebracht werden muss. Dieses glaubwürdige und respektvolle Bemühen wird durch viele Praxisbeispiele und theoretische Hinweise belegt. Der Anspruch, ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis sein zu wollen, wird eingelöst.

Die theoretische Grundausrichtung am Konzept der Koevolution ist hoch aktuell. „Blockiert ein System die Lebensfähigkeit seiner Umweltsysteme, blockiert es auch seine eigenen Ressourcen und Überlebenschancen. Die politisch-kulturelle Ökologiebewegung hat darauf mit allem Nachdruck hingewiesen. Diese wechselseitige existenzielle Abhängigkeit erfordert auf der Ebene menschlicher sozialer Systeme eine Ethik der Nachhaltigkeit, Verantwortlichkeit und Akzeptanz des eigenen Wertes aller anderen Menschen und der Natur.“ (26)

Viele Praxisbeispiele und Hinweise auf die Aufgaben der Sozialen Arbeit erleichtern den Zugang zu einer neuen Sichtweise auf soziale Zusammenhänge und Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit. Der breite Ansatz und die mit viel Feingefühl eingewebten Hinweise für die beraterischen Praxis zählen zu den Vorzügen des Buches. Die Möglichkeiten einer eher soziologisch ausgerichteten systemtheoretischen Perspektive (Analyse) der Sozialen Arbeit kommen weniger zur Geltung. Wichtiger für mich ist, dass Ritschers Buch die Reflexion fördert und sich gegen systemische Engführungen stemmt – mit durchaus zu diskutierenden Querverweisen und Zusammenfassungen. Aber er schafft es deutlich zu machen: Systemische Konzepte müssen keine Treibsätze der Therapeutisierung der Sozialen Arbeit sein. Die Hinweise auf Selbstreflexion, blinde Flecken und die Einbettung in gesellschaftliche Verhältnisse können dabei helfen. Ritscher präsentiert eine klare Alternative zur Reduktion des systemischen Ansatzes auf systemische Haltungen und Beratungstechniken.

Der große Nachteil des Buches ist, dass es sich um eine unveränderte Neuauflage aus dem Jahr 2002 handelt. So wird die Weiterentwicklung, die Co-Evolution, nicht erkennbar. Weder wird dies bei der Systemischen Sozialen Arbeit deutlich, z.B. bei den Beiträgen des systemisch-konstruktivistischen oder des lösungsorientierten Ansatzes. Noch können Entwicklungen in der Sozialen Arbeit, z.B. die Akzeptanz des systemischen Beratungsansatzes, aufgegriffen werden. Als hochproblematisch muss angesehen werden, dass gesellschaftliche Entwicklungen auf die Reckwitz, Manow, Heitmeyer, Piketty mit empirischen Untersuchungen hinweisen, nicht erwähnt, diskutiert oder integriert werden können. So kann auch die Theorie einer digitalen Gesellschaft, die Nassehi vorlegt, in ihren Konsequenzen für eine systemtheoretische Interpretation der Sozialen Arbeit nicht genutzt werden. 

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch, ein Klassiker, weil es aus der Perspektive der Vermittlung von systemischen Wissen in die Ausbildung und die Praxis der Sozialen Arbeit geschrieben wurde. Es bietet im Hinblick auf eine beraterischen Perspektive, als auch für eine systemische Soziale Arbeit Grundlegendes. Es enthält umfangreiche, praxisnahe Hinweise und Anregungen, die den Wert, sich vertieft mit systemischen Konzepten zu beschäftigen, nachvollziehbar belegen. Leider ist es nicht aktualisiert worden und präsentiert daher nur den Stand der Diskussion, der Literatur und nur Ausschnitte aus der gesellschaftlichen Debatte bis zum Anfang der 2000er Jahre.


Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 28.09.2020 zu: Wolf Ritscher: Systemische Modelle für die Soziale Arbeit. Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 6. Auflage. ISBN 978-3-89670-881-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27067.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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