Heiko Kleve: Freiheit, Verantwortung, Selbsthilfe
Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 29.10.2020
Heiko Kleve: Freiheit, Verantwortung, Selbsthilfe. Streitschrift für eine liberale Soziale Arbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0339-4. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
Thema
Soziale Arbeit ist eine Herausforderung, die jeden Tag immer wieder von einem Millionenheer von ausgebildeten Fachkräften und Helfern aller Art bewältigt werden muss. Sie bedarf, um erfolgreich zu sein, einer ausgewiesenen Grundlage und theoretischen Ausrichtung, die an Fachhochschulen und Universitäten und anderswo gelehrt wird. Aber nicht nur in der Alltagsarbeit, sondern auch bei den Fundamenten alles Tuns bedarf es stets der Überprüfung, ob sie noch den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der Sozialen Arbeit standhalten können. Eine Neuausrichtung der Sozialen Arbeit im Verhältnis zur Wirtschaft ist dringend erforderlich, wenn Sozialarbeit auf der Höhe der Zeit bleiben und zur Bewältigung zukünftiger Problemlagen beitragen will. Dabei geht es nicht um kurzfristige Strategien der Ökonomisierung und der Produktion neuer Einspareffekte. Es geht um die grundsätzliche Frage nach den Ressourcen: Stehen die Ressourcen der Gesellschaft für die Soziale Arbeit grenzenlos zur Verfügung stehen? Gibt es Situationen, in denen sich der Kampf um die Ressourcen zwischen den konkurrierenden Instanzen so verschärft, dass es immer schwieriger wird, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen? Es ist längst der Punkt erreicht, der die Grenze der Machbarkeit und Finanzierbarkeit markiert. Wenn jemand glaubt, dass die Soziale Arbeit den Gesetzen der Wirtschaft und ihrer Mechanismen entfliehen kann, bewegt er sich in den Dimensionen der Utopie.
Autor
Heiko Kleve ist Univ.-Prof. und Dr. phil., Sozialpädagoge und Soziologe sowie Systemischer Berater, Supervisor/Coach, Systemischer und Lehrender Supervisor, Case- Manager und Konflikt-Mediator. Inzwischen schwindelig geworden, breche hier einfach ab und frage nach dem Sinn solcher für mich zwiespältiger Aufreihungen.
Aufbau und Inhalt
Nach einem Kurzbesuch beim Marxismus und beim Neoliberalismus verweilt der Autor bei der Systemtheorie, in der er das Modell eines komplexen Liberalismus sieht. Schon taucht der Luhmann-Gigant der Autopoiesis und der strukturellen Koppelung auf. Wir befinden uns nicht mehr im Kapitalismus, nicht mehr in einer wirtschaftlich dominierten Welt. In der komplexen Sozialwelt hängt alles mit allem zusammen. Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Politik, Erziehung, Medien und Soziale Arbeit sind sich beeinflussende, stets kommunizierende Funktionssysteme, die sich nicht steuern lassen, sondern eine funktionssystematische Eigendynamik ausbilden. Die Sozialarbeit kann als ein funktionelles Teilsystem beschrieben werden, das sich mit den Problemen beschäftigt, die die anderen Teilsysteme nicht lösen können.
Im zweiten Abschnitt wird uns ein Interview geboten (eigentlich für eine Publikation im Internet gedacht), das sich mit dem freien Markt und der Eigenlogik der Politik beschäftigt. Eine die Gesellschaft zentrierende Politik des Staates gibt es gar nicht mehr- es war einmal.
Es folgt ein Abschnitt, der dem Leser entscheidende Punkte einer systemischen Sozialarbeit vorstellt. Eine erfolgsorientierte Finanzierung – Orientierung an der nachhaltigen Restaurierung sozialer Beziehungen in der Lebenswelt – und die Stärkung der Kundenmacht – durch Zuteilung des Geldes des Leistungsträgers direkt an den Leistungsberechtigten- werden als praktikable Bausteine der neuen, dem Liberalismus nahen Sozialarbeit eingefordert.
Aus der Untersuchung des Verhältnisses der Sozialen Arbeit zur Politik, zum Recht und zur Wirtschaft, die im vierten Abschnitt stattfindet, wird folgende Schlussfolgerung gezogen: „Grundlage dieser Kritik ist ein liberales Menschen- und Gesellschaftsbild, das als höchstes moralisches Gut die Freiheit der Lebensgestaltung nach eigenen Maßstäben versteht bei gleichzeitiger Achtung gemeinschaftlicher Bindungen in den Lebenswelten und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bezüglich der Funktionssysteme und Organisationen.“
Eine Neubewertung der Ökonomisierung steht im Mittelpunkt des nächsten Abschnittes. Im Anschluss an Illich wird diskutiert, ob die Ausweitung der Sozialarbeit nicht eher den Effekt haben könnte, die Selbsthilfekräfte zu minimieren und verebben zu lassen, anstatt sie anzufeuern und zu beleben. Sparsamkeit und begrenzter Einsatz der Ressourcen mit der Folge der Erhöhung der Selbsthilfe wären plötzlich produktive Handlungsvarianten.
In dem Streitgespräch zwischen Markus Eckl und Heiko Kleve (Abschnitt 6) werden die vorgetragenen Thesen kontrovers diskutiert, sodass der Leser ins Nachdenken geraten und sich zu einzelnen Sachfragen positionieren kann.
Der letzte Abschnitt thematisiert das Konzept der Offenen Gesellschaft, das von Karl Popper in polemischer Absicht gegen die Feinde der Freiheit und Freunde des Totalitarismus entworfen wurde. Hier sind die Schwierigkeiten einer zeitgenössisch adäquaten Rezeption Poppers begründet.
Diskussion
Wer heute noch daran festhalten kann, dass Politik und Wirtschaft Teilsysteme eines sich selbst regulierenden Systems sind, dem wünsche ich seinen Tiefschlaf ein Leben lang. Haben staatliche Medien nur Kommunikationsbeziehungen zur politischen Spitze? Ist ihre Berichterstattung deshalb so aufregend, weil sie so unglaublich unabhängig sind und weder Macht noch Herrschaft unterliegen?
Was die Luhmannsche Systemtheorie insgesamt angeht, so habe ich auch hier meine Bedenken: Unterschätzt Luhmanns Systemtheorie nicht die Marxsche Einsicht in die ökonomische Basisproblematik unserer Gesellschaft? Überschätzt er nicht deshalb vor allem die Bedeutung der Kommunikationsstrategien, die natürlich unserer High- Tech-Welt entgegenkommen? Auch die Subjektproblematik bleibt ungelöst und versperrt überdies zentrale Einsichten in kollektive und historische Tiefen der Gemeinschaften und Völker. Der Widerstand gegen Herrschaft kommt als Systemkategorie erst gar nicht vor, damit die Dauerhaftigkeit des Systems in der Theorie gesichert bleibt. (Christian Sigrist)
Fazit
Wer sich beim Lesen eines Buches aufregt und fortlaufend dem Autor widerspricht, der hat nicht unbedingt ein schlechtes Buch in der Hand. Heiko Kleve spricht jedenfalls zentrale Fragen an und bringt Wissenschaftler ins Boot, die durchaus etwas zu sagen wissen. Es ist keine verlorene Zeit, dieses kleine Werk aufmerksam zu lesen und manche Analysen und Folgerungen von Heiko Kleve nicht zu teilen.
Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung und Gesundheitsplanung bei der Stadt Herne
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