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Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt

Cover Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 378 Seiten. ISBN 978-3-8379-2983-6. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Der Band versammelt Vorträge und Abhandlungen von Donald W. Winnicott zur Psychoanalyse der frühkindlichen Entwicklung sowie zur Theorie und Technik der Psychoanalyse von Kindern und Erwachsenen aus den Jahren 1957 bis 1963. Im Mittelpunkt der Beiträge steht die frühkindliche psychische Entwicklung von einer Mutter-Kind-Einheit hin zu einer Zweiheit, die Voraussetzungen für ein Gelingen und die Folgen eines Misslingens dieser Entwicklung, sowie die Anforderungen, die für eine psychotherapeutische bzw. psychoanalytische Behandlung daraus erwachsen.

Autor

Donald Woods Winnicott (1896-1971) war Kinderarzt und Psychoanalytiker. Er gilt nicht nur als einflussreicher sondern auch als ein originärer psychoanalytischer Denker und Autor. Seine Beiträge zur Bedeutung der primären Mütterlichkeit in der frühkindlichen Entwicklung haben sowohl die Theorieentwicklung als auch die psychoanalytische Praxis nachhaltig beeinflusst und geprägt. Er zählt zu den Wegbereitern der Kinderpsychotherapie. Seine theoretischen Konzepte zum Übergangsobjekt und Übergangsraum wurden breit rezipiert und sind weit über ein psychoanalytisches Fachpublikum hinaus bekannt geworden. Im Streit der britischen psychoanalytischen Gesellschaft, der zwischen den Schulen Melanie Kleins und Anna Freuds ausgetragen wurde, situierte er sich in der sogenannten Middle-Group, die sich als unabhängig verstand. Gleichwohl hatte Melanie Klein als Supervisorin und Kollegin mit ihren bahnbrechenden Erkenntnissen zur präödipalen Entwicklung von Kleinkindern einen großen Einfluss auf Winnicotts eigene theoretischen Einsichten und Weiterentwicklungen.

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt Abhandlungen aus den Jahren 1957 bis 1963. Die Originalausgabe wurde erstmals 1965 unter dem Titel „The maturational process and the facilitating enviroment“ publiziert. Die deutsche Erstausgabe erschien 1974. Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die 3. unveränderte Auflage der ersten deutschen Neuauflage von 2001. Die Beiträge basieren ganz überwiegend auf Vorträgen, die von Winnicott auf internationalen psychoanalytischen Tagungen, Kongressen und bei Treffen von psychoanalytischen Gesellschaften oder anderen Fachgesellschaften gehalten wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil finden sich acht „Abhandlungen über die Entwicklung“, der zweite Teil beinhaltet fünfzehn weitere Beiträge zur „Theorie und Technik“.

Im Folgenden werde ich anhand exemplarisch ausgewählter Beiträge die wesentlichen und bedeutsamen Erkenntnisse herausgreifen und kurz umreißen. Ich hoffe so, einen Eindruck des Winnicott'schen Denkens und seiner bedeutsamen theoretischen Einsichten, die sich in diesem Band finden, zu vermitteln.

Wie kann sich aus einer frühen totalen Abhängigkeit, in der sich ein Säugling befindet, ein eigenes Ich herausbilden? In welchem Verhältnis stehen haltende Umwelt und psychische Entwicklung? Oder: Wie entsteht aus einer Mutter-Kind-Einheit eine Zweierbeziehung? Winnicotts Beiträge im ersten Teil kreisen um diese Fragen. Für ihn bildet sich das Subjekt im physio-emotionalen Raum zwischen Säugling und Mutter heraus. Die psychische Entwicklung ist an körperliche Sensationen und Erfahrungen gebunden. Das Gehaltenwerden des Säuglings durch die Mutter oder durch die primäre Bezugsperson ist zugleich körperlich und psychisch.

In seinem Beitrag „Theorie von der Beziehung zwischen Mutter und Kind“ (S. 47–71) betont Winnicott die „absolute Abhängigkeit“ in der frühen Kindheit und die Angewiesenheit des Säuglings auf ein stützendes Ich der Mutter als Voraussetzung einer allmählichen Herauslösung aus der primären Einheit. Erkundungen über die frühkindliche Entwicklung sind nach Winnicott automatisch Erkundungen über eine Mutter-Kind-Einheit. Ein Säugling als Entität sei noch nicht vorhanden, sodass über ihn keine Aussagen getroffen werden könnten, ohne die primäre Bezugsperson mit einzubeziehen. In der Phase der „primären Mütterlichkeit“ sei die Mutter so nah an den Bedürfnissen des Säuglings, als wären es ihre eigenen. Winnicott spricht von Verschmelzung. Diese Mutter-Kind-Einheit bilde die notwendige Voraussetzung für eine zureichende Befriedigung der Bedürfnisse des abhängigen Säuglings. Winnicott prägte den Ausdruck der genügend guten Bemutterung oder Mütterlichkeit. Er ging auch davon aus, dass Mütter in aller Regel die innere Haltung und Zuwendung zu ihrem neu geborenen Säugling herstellen könnten. Dafür bräuchten sie kein spezifisches Wissen, dies erfolge mittels einer Identifikation der Mutter mit dem Säugling.

Die psychische Entwicklung hin zur Subjektwerdung erfolgt nach Winnicott vom Zustand der absoluten Abhängigkeit, über die relative Abhängigkeit, hin zur Unabhängigkeit. Diese Veränderungen seien nicht nur Veränderungen, die im kleinen Kind abliefen, sondern eben auch Veränderungen in der intrapsychischen emotionalen Einstellung der Mutter. Die Veränderungen in der Mutter (oder primären Bezugsperson) gingen Hand in Hand mit der des Säuglings. Winnicott schreibt, in der Regel sei die Mutter bereit, die Identifizierung mit ihrem Kind allmählich aufzugeben, wenn der Säugling Tendenzen zur Ablösung signalisiere. Die genügende physio-emotionale Versorgung baue die Erfahrung einer „Kontinuität des Seins“ auf und bilde damit die Grundlage für eine Ich-Stärke, durch die sich die Tendenz zur Ablösung langsam Geltung verschaffen könne. Versage die mütterlichen Fürsorge, so wird die „Kontinuität des Seins“ unterbrochen und erzeuge eine Ich-Schwäche, die den Ablösungsprozess erschwere. Winnicott schreibt hierzu: „Solche Unterbrechungen stellen eine Vernichtung dar; sie sind offensichtlich mit Schmerz von psychotischer Qualität und Intensität verbunden.“ (S. 67).

Im Beitrag „Die Fähigkeit zum Alleinsein“ (S. 36–46) bezeichnet Winnicott diese als Zeichen für emotionale Reife. Und es geht ihm um die basalen Erfahrungen, die einer solche emotionale Entwicklung ermöglichen. Auch hier findet sich die erste voraussetzungsvolle Erfahrung in der frühen Kindheit. Winnicott formuliert ein Paradoxon: „…diese Erfahrung besteht darin, als Säugling und kleines Kind in Gegenwart der Mutter allein zu sein.“ (S. 38). Winnicott nennt diese paradoxe Beziehung „Ich-Bezogenheit“. Die Ich-Bezogenheit sei zugleich in einer eigenartigen Beziehung verankert, in der „mindestens einer allein ist; vielleicht sind auch beide allein, aber die Gegenwart des einen ist jeweils für den anderen wichtig.“ (S. 38). Im Laufe der Zeit könne dann das kleine Kind auf die „wirkliche Anwesenheit der Mutter“ verzichten, da die haltende Mutterbeziehung „introjiziert“ werde und so zu einem Teil des psychischen Innenlebens des Kleinkindes geworden sei. Winnicott formuliert es so: „Allmählich wird die ich-stützende Umwelt introjiziert und in die Persönlichkeit des Individuums eingebaut, so dass eine Fähigkeit zustande kommt, wirklich allein zu sein. Trotzdem ist theoretisch immer jemand anwesend, jemand, der letzten Endes und unbewusst mit der Mutter gleichgesetzt wird, mit der Person, die in den ersten Tagen und Wochen vorübergehend mit ihrem Säugling identifiziert war und die sich vorläufig ausschließlich für die Versorgung ihres eigenen Säuglings interessierte.“ (S. 45f).

Donald W. Winncotts Beiträge vermitteln bedeutsame Einsichten: Die Herauslösung aus der primären Einheit ist kein lineares Fortschreiten, sondern gleicht vielmehr einem dialektischen Prozess, in dem Einheit und Getrenntsein, das Innere und das Äußere spannungsvoll aufeinander bezogen sind. Es handelt sich um einen Prozess, indem Subjektwerdung der Intersubjektivität vorausgeht. Das Einssein und Zu-zweit-Sein stellt keine einfache zeitliche Abfolge dar. Das Paradoxon, das ich oben exemplarisch am Beispiel der Ich-Bezogenheit herausgegriffen habe, ist kennzeichnend für Winnicotts Verständnis und seine Perspektive auf die frühe psychische Entwicklung.

Im zweiten Teil „Theorie und Technik“ geht es um Fragen der Behandlungstechnik in der Kinder- und Erwachsenenanalyse, aber auch um die Beobachtung von Kindern und dem Beitrag dieser Beobachtungen zur psychoanalytischen Theorieentwicklung.

Im Beitrag „Ich-Verzerrung in Form des wahren und des falschen Selbst“ (S. 182–199) werden die Leser*innen mit der Genese und Funktion des „falschen Selbst“ vertraut gemacht. Auch in diesem Konzept begegnet uns ein originärer Beitrag Winnicotts zur psychoanalytischen Theorieentwicklung. Das falsche Selbst bilde sich, wenn die Mutter bzw. primäre Bezugsperson die Bedürfnisse des Säuglings nicht adäquat beantworten könne. Der Säugling würde „zum Sich-Fügen verführt“ und entwickle ein „gefügiges falsches Selbst“, eine Anpassung an Anforderungen aus der sozialen Umwelt auf Kosten eines eigenen lebendigen Impulses (S. 191). Dieses Sich-Fügen sei eine Abwehr, die zugleich ein „wahres Selbst“, dass als „spontane Geste“ beschrieben wird, schützen soll. Das wahre Selbst kann man als eine ursprüngliche Lebendigkeit verstehen, die im Falle der nicht genügenden Bemutterung, unterdrückt und zugleich durch das falsche Selbst verborgen werde. Die Folge sei oftmals, dass sich anhaltend ein Gefühl der Irrealität einstelle. So habe eine Patientin, „die ein sehr erfolgreiches falsches Selbst hatte, (…) ihr Leben lang das Gefühl (…), sie habe noch gar nicht zu existieren begonnen, und sie habe immer nach Mitteln gesucht, um zu ihrem wahren Selbst zu gelangen“ (S. 185). Winnicott verdeutlicht anhand des Falles auch die Notwendigkeit einer anderen Behandlungstechnik. Die klassische psychoanalytische Deutung sei nicht hinreichend. Werde sie zu früh eingesetzt, werde sie vom „falschen Selbst“ im Sinne einer sozialen Anpassung beantwortet. Das „wahre Selbst“ würde weiter unterdrückt und bleibe verborgen. Analysen, in denen der Analytiker „in Berührung“ mit dem „wahren Selbst“ komme, gingen notwendig mit einer Phase „äußerster Abhängigkeit“ einher. Dies erfordere vom Analytiker, sich auf „die schwere Bürde der Bedürfnisse von Patienten“, die sich in einer tiefen Regression befänden, einzustellen (S. 197). Ähnlich der frühen Funktion des mütterlichen Haltens, solle auch der Analytiker oder die Analytikerin die Regression ermöglichen und sich als haltend erweisen, um so die Erfahrung einer Kontinuität des Seins zu ermöglichen. Erst danach könne mit Deutungen gearbeitet werden, die das „wahre Selbst“ erreichten.

In anderen Beiträgen in diesem zweiten Teil diskutiert Winnicott auf der Grundlage der Genese psychotischer Krankheitsbilder oder auch antisozialer Tendenzen immer wieder die Frage, ob und in welcher Weise psychoanalytische Behandlungen erfolgen können und sollten bzw. in welcher Weise zum Beispiel auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen hilfreich sein könnten. So im Beitrag „Die psychisch Kranken unter den Fällen der Sozialarbeiter“ (S. 285–302).

Diskussion

Die Beiträge zur frühen psychischen Entwicklung in der frühen Kindheit, die Bedeutung der absoluten Abhängigkeit des Säuglings von einer haltenden Umwelt und die Folgen, wenn sich diese Umwelt als nicht hinreichend erweist, waren zur Zeit ihrer Formulierung in den 50er und 60er Jahren bahnbrechend. Und sie haben trotz des zeitlichen Abstands nicht an Bedeutung verloren. Es lohnt sich Winnocott erneut zu lesen und zu entdecken. Die zahlreichen Fallbeispiele machen seine theoretischen Ausführungen anschaulicher. Man spürt die Erfahrung des engagierten Praktikers, der zugleich ein ausgezeichneter Denker ist.

Fazit

Für Leser*innen, die mit der Psychoanalyse (noch) nicht vertraut sind, kann es zunächst Mühe machen, der Argumentation zu folgen. Ich empfehle, sich zunächst einfach einzulassen, sich dem Text zu überlassen und nicht gleich zu Beginn jede Formulierung verstehen zu wollen. Die Texte erschließen sich einem psychoanalytisch Unkundigen erst mit der Zeit, hilfreich sind hierbei sicherlich auch die zahlreichen Fallbeispiele. Die Texte bergen wertvolle Einsichten für alle, die mit Kindern oder auch Erwachsenen arbeiten. Wertvoll sind in diesen Fällen auch die Hinweise auf Übertragungsdynamiken und auf die unterstützenden Haltungen in der Behandlung von psychischen Erkrankungen, Störungen oder antisozialen Tendenzen.

Störend für den Lesefluss und ja, an manchen Stellen auch ärgerlich, sind die zahlreichen Interpunktions- und Schreibfehler. Ein gründliches Redigieren des Textes hätte ihm gut getan.


Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Scherer
Kompetenzthemen: Supervision und Beratung, Psychoanalyse, Gruppendynamik und Individuum, Team, Führungskompetenz, Management in sozialen Organisationen, Mediation, Konfliktmanagement, Sozialpsychologie, Operatives/strategisches Management, Organisationspsychologie; Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Veränderungsmanagement und Mitarbeiterbeteiligung, Widerstände in Veränderungsprozessen, Motivation und Identifizierung in Arbeitsorganisationen
Homepage www.kh-freiburg.de/de/contact/scherer-brigitte_110?
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Zitiervorschlag
Brigitte Scherer. Rezension vom 02.03.2021 zu: Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2983-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27071.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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