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Kim Emma Ritter, Ulrike Busch u.a.: Jenseits der Monosexualität

Cover Kim Emma Ritter, Ulrike Busch, Harald Stumpe, Heinz-Jürgen Voß, Konrad Weller: Jenseits der Monosexualität. Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 500 Seiten. ISBN 978-3-8379-2945-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft.
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Thema

Ritters Buch „Jenseits der Monosexualität“ befasst sich Bisexualität und den Selbstetikettierungen bisexueller Menschen und ihren Anerkennungskonflikten. Auf der Grundlage biografischer Selbstzeugnisse zeigt Ritter auf, wie Bisexualität im Lebenslauf hervorgebracht, gefestigt und verändert wird. Das Buch thematisiert nicht nur die Diskriminierungserfahrungen bisexueller Menschen sondern zeigt auch die Komplexität menschlicher Sexualität auf.

Autorin

Kim Ritter ist Soziologin, Politikwissenschaftlerin und Geschlechterforscherin. Sie arbeitet als Bildungsreferentin in der Erwachsenenbildung. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um ihre an der Technischen Universität eingereichte Dissertationsschrift.

Aufbau

Ritter bearbeitet in ihrem Buch das Thema Bisexualität und die Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen mit den folgenden Kapiteln und Schwerpunkten:

  • Einleitung
  • Zur biografischen Struktur sexuellen Handelns
  • Bisexualität aus historischer, theoretischer und empirischer Perspektive
  • Methodologischer und methodischer Zugang
  • Falldarstellung und Typenbildung
  • Diskussion der Ergebnisse
  • Schlussfolgerungen

Inhalt

Im ersten Kapitel (S. 11–22) stellt die Autorin einleitend die sozialwissenschaftliche Forschungslage dar und weist darauf hin, dass es für den deutschsprachigen Raum bislang wenige empirisch gehaltvolle Beiträge gibt, die sich mit der Lebenswirklichkeit bisexueller Menschen befassen. Hierauf aufbauend werden die zentralen Forschungsfragen entfaltet und der Aufbau und die Gliederung vorgestellt.

Das zweite Kapitel (S. 23–48) setzt sich mit dem Begriff Sexualität und der biografischen Struktur sexuellen Handelns auseinander. Ausgehend von Giddens These über die Modellierbarkeit von Sexualität wird hier eine These über die Untrennbarkeit von Sexualität mit biografischen Verläufen entfaltet. Zu Ritters theoretischen Vorüberlegungen gehört die Annahme darüber, dass sexuelles Handeln nicht ausschließlich in Kindheit und Jugend determiniert ist, sondern sich ganz wesentlich auch im weiteren Lebensverlauf ständig weiterentwickelt.

Zu Beginn des dritten Kapitels (S. 49–88) werden historische Entwicklungen skizziert, worauf im Wesentlichen das heutige Verständnis von Bisexualität basiert. Es wird exemplarisch aufgezeigt, wie unterschiedlich Bisexualität in den jeweiligen geschichtlichen Kontexten gelesen, interpretiert und verstanden wurde. Anschließend werden relevante theoretische Modelle von Bisexualität vorgestellt und diskutiert, wobei der Fokus vornehmlich auf Theoriekonzepte gerichtet ist, die eine Kritik der binären Ordnung des Sexuellen und an heteronormativen Konzepten formulieren. Anschließend werden in einem weiteren Abschnitt Studien und Forschungsergebnisse vorgestellt, die sich dezidiert mit den spezifischen Diskriminierungserfahrungen Bisexueller beschäftigen. So wird unter anderem darauf verwiesen, dass Bisexuelle nicht weniger von Homophobie betroffen sind als Homosexuelle aber gleichzeitig auch unter Bisexuellenfeindlichkeit zu leiden haben. Hieraus resultiere eine doppelte Diskriminierung, da Homo- und Biphobie sowohl von Heterosexuellen als auch von Homosexuellen Personen ausgehen. In einem nächsten Abschnitt stellt Ritter weitere zentrale empirische Befunde zu Bisexualität vor und diskutiert diese vor dem Hintergrund ihrer Fragestellungen. Veranschaulicht wird hier u.a., dass es keine idealen, sondern nur einen reflektierten Zugang zum Bereich des Sexuellen geben könne – Ritter weist darauf hin, dass der Diversität menschlicher Sexualität weder durch die binäre Einteilung in Homo- und Heterosexualität noch durch die Erweiterung der Kategorie Bisexualität gerecht werden würde. Ebenso wird auf die Problematik bestimmter empirischer Studien, die Bisexualität zum Forschungsgegenstand haben, hingewiesen. Je nachdem, ob Personen danach gefragt werden würden, ob sie bisexuell begehren oder ob in ihren Selbstbeschreibungen auf den Terminus bisexuell zurückgreifen, weisen Studien sehr unterschiedliche Zahlen aus. Insgesamt bezeichnen sich nur wenige Menschen selbst als bisexuell, während bisexuelles Begehren und Anziehung relativ weit verbreitet ist.

In Kapitel 4 (89-108) werden die methodischen und methodologischen Grundlagen der Arbeit verdeutlicht. Hier geht es Ritter im Besonderen um die Diskussion und Beantwortung folgender Fragen:

  • Was kann unter Biografie verstanden werden?
  • Wie lässt sich das diskutierte Verständnis der biografischen Strukturierung sexuellen Handelns mit einem Verständnis von Biografie verbinden?
  • Wie wurde im Forschungsfeld und bei der Erhebung von Interviews und der teilnehmenden Beobachtung vorgegangen?

Bei der Auswahl des Sample achtet die Autorin nicht nur darauf, Frauen und Männer in gleicher Fallzahl einzubeziehen, sondern auch darauf unterschiedliche Altersgruppen und Milieus abzudecken. Insgesamt werden 29 Interviews auf der Grundlage der von Schütze und Rosenthal weiterentwickelten biografisch-narrativen Interviews durchgeführt und ausgewertet.

Der darauffolgende Kapitel 5 (S. 109–362) ist der umfangreichste des Buches. Hier erfolgen ausführliche Falldarstellungen und -analysen und Typenbildungen. Neben der Darstellung und Rekonstruktion ausgewählter Biografien wird in diesem Kapitel auch das bundesweite Treffen Bisexueller als ergänzende Falldarstellung beschrieben. In jeder der Falldarstellungen werden der jeweilige Interviewkontext und der Interaktionsverlauf dargestellt und das „thematische Feld der erzählten Lebensgeschichte“ entfaltet. Aus den beschriebenen Falldarstellungen werden folgende Typenbildungen entnommen:

  • Selbstetikettierung als Anpassung
  • Selbstetikettierung als Aneignung
  • Selbstetikettierung als Überbrückung

Nach der Einzeldarstellung der analysierten Fälle werden in Kapitel 6 (S. 363–412) die Ergebnisse diskutiert, unter anderem mit Blick auf die Frage, inwiefern in den analysierten Biografien Bisexualität als ein soziales Etikett der Selbstbeschreibung für die Interviewten verfügbar war. Anschließend wird auf die typischen Anerkennungskonflikte im biografischen Verlauf eingegangen und die Ursachen und Formen ihrer Aktualisierung, Verstätigung und Verstärkung mit signifikanten Anderen analysiert. Typische Konflikte der Anerkennung treten demnach in Beziehungen der Zuwendung und Fürsorge (S. 382), in Rechtsbeziehungen (S. 389) und im Berufsleben (S. 391) auf. Dabei werden unterschiedliche Strategien bisexueller Menschen in Anerkennungskonflikten erkennbar, wie beispielweise die Vermeidung der Offenlegung des bisexuellen Selbstverständnisse bei möglicher oder drohender Diskriminierung, die explizite Nicht-Thematisierung von Bisexualität oder aber ihre Offenlegung.

Im siebten und letzten Kapitel des Buches (S. 413–424) werden die Ergebnisse im Kontext einer gesellschaftspolitischen Debatte um das Recht auf sexuelle Gesundheit diskutiert und auf die Reichweite der Forschungsergebnisse eingegangen.

Fazit

Ritter setzt sich in ihrem Buch mit den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von bisexuellen Menschen auseinander und zeigt u.a. auf, mit welchen Vorurteilen und Ausgrenzungen diese in ihrem Alltag konfrontiert sind. Jedoch vertritt Ritter in ihrem Buch einen methodologischen Ansatz, der es ihr nicht nur erlaubt, Erfahrungen von Abwertung und Ausgrenzung, sondern die gesamte Lebensgeschichte der interviewten Personen – einschließlich ihrer Strategien in Anerkennungskonflikten – in den Blick zu nehmen. Damit erweitert die Autorin aktuelle wissenschaftliche Diskurse über die Diskriminierung bisexueller Menschen, in dem sie die Komplexität menschlicher Sexualität würdigt und illustriert, wie die Voraussetzung für das konfliktarme Ausleben von Bisexualität mit der Entwicklung einer positiven und selbstbestimmten Sexualität in der Jugendphase einhergeht.


Rezension von
Dr. Gökcen Yüksel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Gökcen Yüksel. Rezension vom 16.09.2020 zu: Kim Emma Ritter, Ulrike Busch, Harald Stumpe, Heinz-Jürgen Voß, Konrad Weller: Jenseits der Monosexualität. Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2945-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27076.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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