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Jan Steffens: Intersubjektivität, soziale Exklusion und das Problem der Grenze

Cover Jan Steffens: Intersubjektivität, soziale Exklusion und das Problem der Grenze. Zur Dialektik von Individuum und Gesellschaft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 424 Seiten. ISBN 978-3-8379-2947-8. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Dialektik der Be-Hinderung.
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Thema

Hauptfokus der Dissertationsschrift von Jan Steffens (eingereicht an der Universität Bremen) ist die umfangreiche theoretische Analyse zur Arbeit am Begriff der Grenze, welchem er sich über die Dialektik von Individuum und Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven annähert. Steffens legt die unterschiedlichsten Dimensionen dieses Begriffs in einer ausgesprochen gründlichen Herangehensweise dar und setzt diesen insbesondere aber nicht nur in Bezug zur Behindertenpädagogik. Intersubjektive Begegnungen versteht er dabei als „Keimzelle für soziale Sinngebung in Kultur und Gesellschaft“ [1].

An die Werke Wolfgang Jantzens anschließend lädt Steffens die Lesenden klar strukturiert und kritisch dazu ein, sich entlang der unterschiedlichen referierten Theorien selbst auf die Suche zu begeben, um die jeweilige Relevanz des Begriffs der Grenze für die eigenen Arbeitsfelder zu erkunden. Insbesondere für aktuelle Debatten zu Inklusion und Exklusion erweist sich diese Arbeit als sehr ertragreich. Seine Forderung nach einer neuen Kultur des „In-Beziehung-Tretens“ schließt an die Werke der ihn fachlich bis heute prägenden materialistischen Behindertenpädagogik nicht nur an, sondern entwickelt diese weiter und überschreitet selbst fachliche Grenzen, um neue Horizonte zu eröffnen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Jan Steffens ist Behindertenpädagoge und arbeitet als akademischer Rat am Institut für Sonderpädagogik der Leibnitz Universität Hannover. In seiner Forschung befasst er sich mit intersubjektiven Räumen im Kontext von Inklusion und Exklusion sowie mit der Bedeutung von Emotionen, Bindung und Anerkennung für soziale Sinnbildung. Außerdem ist er Co-Leiter des REHIS (Institut für Rehistorisierung und Entwicklung) und als Referent für pädagogische Themen in der Praxis tätig. [2]

Entstehungshintergrund

Bei dem Werk handelt es sich um die Veröffentlichung der Dissertationsschrift des Autors. Es erschien in der Reihe >>Dialektik der Be-Hinderung<< des Psychosozial-Verlages, welche inter- und transdisziplinär angelegt ist.

Aufbau und Inhalt

Die Dissertationsschrift baut sich wie folgt auf: Nach einer Einleitung, welche mit Zitaten von Foerster, Heydorn und Holzkamp beginnt, die für das Buch von hoher Relevanz sind, erörtert Steffens in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen des Grenzbegriffes. Hierzu betrachtet er zunächst Grenze in Wechselwirkung mit Selbstorganisation (Kapitel 2.1.) und blickt dazu u.a. auf Irreversibilität und Oszillationen, Sinn und Systemzeit. In einem weiteren Schritt diskutiert er den Begriff der Grenze aus der Perspektive der kulturhistorischen Schule (Kapitel 2.2.), führt zunächst in diese ein und nutzt dabei die Zonen der Entwicklung und deren Übergange um Grenze als einen psychosozialen Übergangsort zu definieren. Daran anschließend diskutiert er die Relation der Begriffe Grenze und Intersubjektivität (Kapitel 2.3.), was in eine Konturierung des Begriffs Grenze als intermediärem Raum mündet. In einem letzten Schritt blickt er auf die Dialektik von Grenze und sozialem Raum der Kultur (Kapitel 2.4.). Er diskutiert Grenze dabei als elementare Einheit sozialer Systeme.

Nach dieser detaillierten und systematischen theoretischen Grundlagenarbeit zum Grenzbegriff führt er diese in Kapitel 3 mit unterschiedlichen Dimensionen und Facetten von Inklusion und Exklusion zusammen. Dabei blickt er in einem ersten Schritt auf Kolonialität, Moderne und Exklusion (Kapitel 3.1), ehe er in einem zweiten Schritt Grundlagen zu Dekolonialität, Dialog und Übersetzung (Kapitel 3.2) erläutert, um abschließend in seinem Ausblick auf eine Rehumanisierung der Grenze (Kapitel 4) zu sprechen zu kommen.

Diskussion

Das vorliegende Buch erweist sich als eine methodisch überzeugende sowie facettenreiche Annäherung an den Begriff der Grenze und beeindruckt durch eine gründliche, präzise und zugleich engagierte Theoriearbeit. Der darin enthaltene Exkurs zur Praxis zeigt auf, dass Jan Steffens neben der theoretischen Grundlagenarbeit auch die Menschen, über die er forscht, in den Blick nimmt und diese zu Wort kommen lässt – übrigens genau so, wie er es in seinen theoretischen Ausführungen durch die eingebunden Zitate auch mit den Denkern handhabt, welche seine Arbeit grundlagentheoretisch prägen. Steffens gelingt es, einen theoretischen Dialog zu schaffen, welcher Grenzen benennt und die Notwendigkeit dieser in deren unterschiedlichen Facetten zum Ausdruck bringt sowie dazu anregt, disziplinäre Grenzen neu zu denken. Durch dieses inter- und transdisziplinäre Vorgehen macht er einmal mehr deutlich, wie bedeutsam Theorien der Emotion für das Analysieren exklusiver und inklusiver Prozesse in zwischenmenschlichen Begegnungen sind, was sich auch in seiner Konzeption und Forderung einer neuen Kultur des „In-Beziehung-Tretens“ zeigt. Er formuliert das Ziel, eine gesellschaftliche Transformation voranzutreiben, welche sozialer Gerechtigkeit (noch) mehr Raum lässt.

Bei dem hier rezensierten Werk handelt es sich eindeutig um ein sehr empfehlenswertes Fach-Werk für LiebhaberInnen der Materialistischen Behindertenpädagogik. Theoretisch fundiert und komplex arbeitet Steffens die verschiedenen Bezüge zu den Werken Wolfgang Jantzens aus. Einmal mehr wird sichtbar, dass die materialistische Behindertenpädagogik auf einem anspruchsvollen Theoriefundament steht, für das es sich lohnt, dieses kontinuierlich weiter zu entwickeln. So enthält die Arbeit von Steffens auch eine bedeutsame Innovation für dieses Paradigma: Bei aller theoretischen Verbundenheit zu den tiefen und komplexen Wurzeln der materialistischen Behindertenpädagogik ist es Steffens gelungen, die postkolonialen und dedekolonialen Zugänge so auszuarbeiten, dass die Integration dieser Zugänge als ein weiterer Meilenstein der materialistischen Behindertenpädagogik bezeichnet werden kann. In jedem Fall zeigt das Werk, dass die materialistische Behindertenpädagogik noch lebendig ist und sich anderen Zugängen öffnen kann, wenn sie auch ihre eigenen Grenzen in den Blick nimmt.


[1] Steffens, Jan (2020): Intersubjektivität, soziale Exklusion und das Problem der Grenze. Zur Dialektik von Individuum und Gesellschaft. Psychosozial Verlag.

[2] Die Angaben zum Autor wurden der AutorInnen Beschreibung des Psychosozial Verlages entnommen und unterliegen deren Urheberrecht.


Rezension von
Katharina Maria Pongratz
M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl wissenschaftliche Weiterbildung, Weiterbildungsforschung, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Homepage www.wwb.ovgu.de
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Zitiervorschlag
Katharina Maria Pongratz. Rezension vom 20.09.2021 zu: Jan Steffens: Intersubjektivität, soziale Exklusion und das Problem der Grenze. Zur Dialektik von Individuum und Gesellschaft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2947-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27080.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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