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Frank Dikötter: Diktator werden

Cover Frank Dikötter: Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. 368 Seiten. ISBN 978-3-608-98189-6. D: 26,00 EUR, A: 26,70 EUR.
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Disziplin oder Arroganz der Macht?

„King‘s Speech“ – „L‘état c‘est moi“ – „Heil…“, das sind politische Machtansprüche, die von Personen ausgehen, die ideologische Herrschaftsformen repräsentieren. Wir sprechen von der diametral entgegengesetzten, demokratischen Regierungsform – der Diktatur, die im Synonymwörterbuch (Duden) als „Despotie, Gewalt-, Schreckens-, Willkür- und Zwangsherrschaft, totalitäres Regime, Tyrannei, Autoritarismus und Demokratur“ umschrieben wird. Eine Diktatur fällt nicht vom Himmel; sie ist menschen- und machtgemacht. Ein Diktator oder ein diktatorisches System wird weder von Gott noch von geheimen Geistern gesandt; sie entstehen und entwickeln sich in gesellschaftlichen, historischen und zeitlichen Zusammenhängen (vgl. dazu z.B.: Christoph Clark, Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25474.php), und sie bilden sich in den lokal- und globalgesellschaftlichen Wandlungs- und Veränderungsprozessen (Ingo Elbe, u.a., Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13528.php).

In der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 wird „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte“ postuliert. Trotzdem gibt es bis heute Diktatoren und diktatorische Gesellschafts- und Staatsformen, die die Menschenrechte auf Gleichheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Frieden missachten. Weil das so ist, sind biographische und gesellschaftliche Analysen notwendig (Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php), die es ermöglichen danach zu fragen, wie Diktatoren und Diktaturen entstehen.

Autor

Der an der Universität in Hongkong „Humanities“ lehrende, niederländische Historiker Frank Dikötter gilt als vehementer Kritiker der Diktaturen im 21. Jahrhundert. Mit der 2019 in London erschienenen Studie „How to be a Dictator. The Cult of Personality in the Twentieth Century“, die 2020 mit dem Titel „Diktator werden“ in deutscher Sprache erschien, setzt er sich damit auseinander, wie ausgewählte Diktatoren (alles Männer!) in ihrer Zeit wirkten und Macht ausübten.

Inhalte

Der italienische Faschist Benito Mussolini (1883 – 1945), der Nationalsozialist Adolf Hitler (1889 – 1945), der russische Kommunist Josef Stalin (1878 – 1953), der Chinese Mao Zedong (1893 – 1976), der nordkoreanische Diktator Kim Il-sung (1912 – 1994), der haitianische Politiker François Duvalier (1907 – 1971), der Rumäne Nicolae Ceaușescu (1918 – 1989), und der 1937 geborene Offizier Haile Mariam Mengistu, der von 1977 bis 1991 eine marxistische Diktatur in Äthiopien errichtete und im Exil in Simbabwe lebt. Sie alle traten an als „Führer ihres Volkes“. Und es mag sein, dass anfangs durchaus idealisierte, kollektive Vorstellungen bei ihnen vorherrschten, dass sie es sein könnten, die das Volk aus den Wirrnissen und Missständen der Zeit befreien könnten. Doch bei allen und bald setzte ein, was Macht bewirkt, wenn sie nicht kontrolliert und demokratisiert wird: Machtversuchung und -missbrauch. Es ist der sich beinahe selbsterfüllend und kollektiv entwickelnde Kult um den „Führer“, die sich als unbedingte Gefolgschaft darstellt. Dieser Kult aber bewirkt, dass sich die Diktatoren in ihrer Macht nicht nur sicher und bestätigt fühlen, sondern diese illegitime Herrschaft auch weiter ausbauen, festigen und stabilisieren konnten. Das ist der Fluch der Macht, der es möglich macht, dass die Menschen ihren Verstand und ihre Kritikfähigkeiten abgeben lässt an die Ideologen und ihre Ideen.

Nun hat es zu allen Zeiten Widerstand gegen Diktatoren gegeben. Es sind literarische und politische Aktivitäten des Widerstands; etwa wenn Friedrich Schiller in dem dramatischen Gedicht „Die Bürgschaft“ dem Tyrannen beschämt – und verändert; oder wenn Bertolt Brecht in seinem Essay „Über die Diktaturen einzelner Menschen“ die „Diktatur des Proletariats“ setzt; wenn George Orwell in seinem Roman „1984“ den imaginären, fiktiven Überwacher drohen lässt: „Big brother is watching you“; oder wenn die „weiße Rose“ als Symbol des Widerstands gegen die Hitlersche Diktatur gilt. Diese Zugänge zur Auseinandersetzung mit Diktaturen wählt Dikötter nicht. Es sind vielmehr Biographien von acht ausgewählten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, sehr wohl darauf hinweisend, dass es weltweit mehr als 100 von ihnen gab, die nur kurze Zeit oder Jahre- und Jahrzehnte an der Macht waren, und einige sogar noch sind; wie z.B.: Franco, Tito, Hoxha, Sukarno, Castro, Mobutu, Bokassa, Gaddafi, Sadam Hussein, Assad, Khomeini, Mugabe, Lukaschenko… Und was ist mit den aktuellen Gesellschaftsentwicklungen, in denen sich diktatorische, demokratiefeindliche Züge erkennen lassen? „Ist der Schoß( fr)uchtbar noch?“ Gibt es heute erkennbare Elemente und Entwicklungen, die an vergangene diktatorische Zeiten erinnern? Werden sie sogar durch rechtsradikale „Vogelschiss“-Argumentationen befördert? Befinden sich in den nationalistischen und fundamentalistischen Aktivitäten Formen, die menschenfeindliches Denken denkbar und machbar machen? Verliert kritisches, selbstständiges Denken an Kraft? Wird von der Mehrheit der friedliebenden, demokratieaffinen Menschen unterschätzt, dass Personenkult und unkritische oder kalkulatorische Gefolgschaft die eigene Freiheit untergräbt? Dass Parolen und Programme wie die von Mussolini -„Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat“ – Grundlagen von Diktatur sind? Es sind organisatorische Formen von „Gleichschaltung“ und „Treuegelöbnisse“, die Diktaturen stabilisieren, wie dies als Aufnahmeschwur in die NSDAP geleistet werden musste: „Ich gelobe meinem Führer Adolf Hitler Treue. Ich verspreche, ihm und den Führern, die er mir bestimmt, jederzeit Achtung und Gehorsam entgegenzubringen“. Es ist eine Kombination von Ideal-, Vorbildpropaganda und dem Ausschalten von Konkurrenz, die es Stalin ermöglichte, an die Macht zu kommen und sie auszubauen, Sympathien zu erzeugen, aber auch krankhafte Formen von Verfolgungswahn und Paranoia zu entwickeln. Es sind die bestellten und arrangierten Bilder, die den „Red Star over China“ leuchten und ihn menschlich und als „Einen wie du und ich“ erscheinen lassen. Dem koreanischen Diktator Kim Il-sung gelang es, durch eigene „Lobhudeleien“ und Anpassung, Schleicher, Speichellecker und Profiteure zu locken und deren unbedingte, unkritische Gefolgschaft erkaufte. Es sind die rücksichtslosen, egoistischen und gewaltsamen Aktivitäten, die Duvalier die Gleichsetzung von Staat, Land und Person ermöglichte: „Ich bin das neue Haiti“. Es sind Denkmale wie ein Parlamentspalast oder ein Standbild, die Präsenz und Alleinherrschaft, etwa des rumänischen Diktators festigen. Es sind Überwachung und drastische Strafen, bis hin zur Vernichtung, die den ausgegebenen Parolen und Glaubensbekenntnissen, wie z.B.: „Äthiopien zuerst“, widersprachen oder sie ignorierten.

Diskussion

Bei den Schilderungen der biographischen Entwicklungen der Diktatoren, ihren Machtansprüchen und -realisierungen und dem gezielt gesteuerten und beförderten Kult um ihre Person und Macht blitzt immer wieder auch ein „Déjà-vu“ auf, und es stellen sich Fragen wie: Sind solche Entwicklungen nicht auch bei heutigen… zu erkennen? Deshalb ist es nicht nur eine Fleißaufgabe, darüber nachzudenken und zu forschen, wie Diktatoren geworden sind, was sie waren, sondern eine aktuelle, immerwährende Herausforderung, sich damit auseinanderzusetzen, dass Menschenfeindlichkeit, Menschenverachtung und Tyrannei in diktatorischen, egoistischen Systemen auch heute vorhanden sind, oder sich zumindest als Gefährdungen eines demokratischen, freiheitlichen, selbstbestimmten Bewusstseins zeigen.

Fazit

In seiner Danksagung darüber, dass er das Buch „Diktator werden“ schreiben konnte, stellt Frank Dikötter fest, dass er dieses Vorhaben schon vor Jahrzehnten ausführen wollte. Dass er dies aktuell realisiert, begründet er damit, dass das Thema „Personenkult“ heute, in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden Welt, eine beunruhigende Entwicklung zeigt: Nationalistische, ego- und ethnozentristische und populistische Ideen und Regime werden hoffähig. Sie tragen in sich die Viren „Machtmissbrauch“ und „Personenkult“. Sie zu bekämpfen ist ein Blick auf vergangene und aktuelle Diktaturen und Diktatoren hilfreich. Denn, so zeigt es Dikötter auf, Gewaltherrschaft ist menschengemacht; und, um das Argument aufzunehmen, dass zur Gründung der UNESCO, der Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen geführt hat, weil Kriege im Geist der Menschen entstehen, auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden, lässt sich sagen: Diktaturen entstehen im Geist der Menschen. Deshalb muss auch die Demokratie gelernt und erfahren werden. Dazu gibt es nur ein Mittel: Politische, aufgeklärte, humane, menschenwürdige Bildung! Für wen ist also die Studie gemacht? Für dich und mich, die sich bemühen, gebildet und aufgeklärt zu sein!

Die Studie „Diktator werden“ machte Forschungen in Archiven und vor Ort notwendig. Die 17setigen Nachweise über die benutzten Sekundärquellen verdeutlichen dies, wie auch die 41seitigen Literaturanmerkungen. Das alphabetisch angeordnete Personen- und Sachregister erleichtert den Lesern die Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.08.2020 zu: Frank Dikötter: Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-98189-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27082.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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