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Andrew Abbott, Thomas Hoebel u.a.: Zeit zählt

Cover Andrew Abbott, Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbl Hoebel, Aaron Sahr: Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. 380 Seiten. ISBN 978-3-86854-340-7. D: 35,00 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Zeit ist ein Thema, das sich fest im Gemeingut (nicht nur) deutscher Sprache etabliert hat: Zeit ist bekanntlich Geld, sie rennt, mit ihr kommt Rat und sie heilt alle Wunden. Außerdem ist ‚natürlich‘ nur die Zeit dafür verantwortlich, dass der frühe Vogel den Wurm fängt, dass das, was lange währt, endlich gut wird und dass wir wissen, dass wir das, was wir heute besorgen könnten, lieber nicht auf morgen verschieben sollten.

Den meisten Lesenden dürften diese Sprichwörter geläufig sein, und weitere ließen sich ergänzen. Ohne eine Feinanalyse der einzelnen Aussagen beginnen zu wollen, ist schnell ersichtlich, dass die gewählten Sprüche auf je unterschiedliche Kontexte hindeuten. Sie können mithin in vielfältigen Situationen artikuliert werden: mal ist Zeit ein knappes Gut, das effektiv und effizient investiert sein will, mal gilt es im Gegenteil, Zeit verstreichen zu lassen. Durch diese (sprachlichen) Rückgriffe auf Zeit deuten und handeln Menschen – zumeist interaktiv – also in vielen Situation ihres (geteilten) Alltags, woraus sich erahnen lässt, dass Zeit ein signifikanter Baustein des gesellschaftlichen Wissensspeichers ist, auf den wir unser Handeln erst gründen können. Zeit strukturiert das Leben der Menschen und nicht zuletzt die Menschen selbst. Um es plakativ zu sagen: „Zeit zählt“ – und die ‚Menschen auf der Straße‘ ‚wissen‘ das auch. Nicht umsonst sind sie i.d.R. bemüht, ('ihre') Zeit zu strukturieren, zu beherrschen. Die latente Verankerung in der Sprache des Alltags impliziert dies schon lange; die seit einigen Jahren zu beobachtende Nachfrage nach Büchern und Seminaren zum Thema „Zeitmanagement“ expliziert (und kommodifiziert) den hohen Stellenwert, den Zeit für uns einnimmt, lediglich.

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass Zeit in wohl jeder soziologischen Theorie größerer Reichweite implizit oder explizit Berücksichtigung findet. Gewiss variiert die Prominenz, die Zeit im Rahmen solcher (klassischen) Soziologien einnimmt, erheblich. Spätestens seit den viel beachteten Arbeiten von Harmut Rosa (2005) und Armin Nassehi (2008) ist Zeit jedoch explizit zum Gegenstand soziologischer Analysen geworden.

Nimmt man die (oft unhinterfragte) Selbstverständlichkeit, die Zeit in der Alltagswelt innehat, sowie die Omnipräsenz und (neuere) Prominenz, die Zeit in den soziologischen Fachdiskussionen einnimmt, zusammen, ist man bei einem Blick auf den hier zu verhandelnden Titel – „Zeit zählt“ – geneigt, lakonisch mit einem „Ja, natürlich?!“ zu reagieren. Widersteht man einem solchen Impuls jedoch, stellt sich, gerade vor dem Hintergrund der skizzierten Ausgangslage, doch auch ein Interesse ein: Man fragt sich, was Andrew Abbott, aus dieser – wie man nun sagen kann: trivialen – Feststellung für Schlüsse zieht: welche Fragen tun sich auf? Welche Probleme stellen sich? Wie wird dem auf einer konzeptionellen Ebene begegnet usw. Das Buch zieht also, schon vor dem ersten Lesen, die Aufmerksamkeit auf sich, indem es eine Frage in den Subtext legt: Es geht nicht darum, dass Zeit zählt, sondern darum, wie sie zählt und was wir, zunächst in der Forschung und Theoriebildung, mit diesen Einsichten tun (können oder sollten).

Entstehungshintergrund

Andrew Abbott ist, obgleich er lange in einflussreichen und angesehenen Positionen in der US-amerikanischen Soziologie tätig war, nie zu einer dominanten Figur im soziologischen Diskurs geworden. Mittlerweile werden seine Schriften aber verstärkt zur Kenntnis genommen, insb. in der angelsächsischen Gemeinschaft, aber auch z.B. in Frankreich. In Deutschland hingegen findet bis dato kaum eine Rezeption statt.

Dies nehmen Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbel und Aaron Sahr (siehe unten) zum Anlass, eine Zusammenstellung von übersetzten Texten Abbotts vorzulegen, die ihrer Ansicht nach zentral sind, um einen ersten Zugang zu dessen Werk zu erhalten. Dies erfolgte unter Absprache mit dem Autor.

Autor und Herausgeber

Andrew Abbott ist studierter Literaturwissenschaftler und Historiker. Als Professor für Soziologie ist er seit 1991 am Department of Sociology an der University of Chicago tätig. Außerdem war er von 2000 bis 2016 Herausgeber des renommierten American Journal of Sociology.

Folgende Herausgeber sind für die Zusammenstellung der Texte und die Publikation des vorliegenden Bandes verantwortlich:

  • Dr. Thomas Hoebel arbeitet seit 2019 in der Forschungsgruppe „Makrogewalt“, die am Hamburger Institut für Sozialforschung angesiedelt ist.
  • Prof. Dr. Wolfgang Knöbl ist Soziologe und Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie nebenberuflicher Professor für Politische Soziologie und Gewaltforschung an der Leuphana Universität Lüneburg.
  • Prof. Dr. Aaron Sahr ist Philosoph und Soziologe und seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, wo er seit 2019 die Forschungsgruppe „Monetäre Souveränität“ leitet. Außerdem ist er Gastprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg.

Inhalt

Eröffnet wird der Band durch einen Beitrag der Herausgeber, in dem sie auf die zentralen Aspekte in Abbotts Werk eingehen und es in den Kontext der soziologischen Diskussion stellen, wobei sie zu dem Schluss kommen, dass sich Abbotts aktuelle Stellung im Fach durch ein Nebeneinander von Reputation und Randständigkeit beschreiben lässt:

Es wird davon ausgegangen, dass die Soziologie „ein problematisches Verhältnis zur Prozessualität ihrer Gegenstände“ (S. 7) habe. Denn obwohl „der Prozessbegriff in der Regel als so bedeutsam anerkannt wird, dass auf ihn kaum verzichtet werden kann, ist die Bereitschaft in der Soziologie sich mit diesem Begriff näher auseinanderzusetzen oder gar die grundlegende Frage nach der prinzipiellen Prozesshaftigkeit des Sozialen zu stellen, eher gering“ (S. 11). Das Werk Abbotts wird als eine mögliche Antwort auf diese „Prozessignoranz“ (ebd.) verstanden. Dementsprechend nimmt der umfangreiche Beitrag Abbotts zentrales Erkenntnisinteresse sowie die Frage nach seiner „theoretischen Anschlussfähigkeit“ in den Blick. Abschließend wird eine Verbindung zu aktuelleren Ansätzen gezogen, welche Zeit zum Gegenstand der Soziologie zu machen versuchen. Immer werden dabei implizit oder explizit Gründe deutlich, wieso Abbott bis dato eine Randfigur geblieben ist.

Nach diesem Beitrag, der als Einführung gelesen werden kann, folgen sechs in sich geschlossene Beiträge von Abbott, denen ein Epilog nachgestellt ist, der das Buch abschließt.

Im ersten Aufsatz Abbotts wird dafür argumentiert, „Individuen in der Geschichte wieder viel mehr zur Geltung [zu] bringen“ (S. 63). Es wird die These aufgestellt, „dass … Historizität eine zentrale Kraft darstellt, die die meisten historischen Prozesse determiniert. Das heißt, … dass die schiere Masse an Erfahrung, die Individuen über die Zeit mit sich führen – und die wir uns im demografischen Sinn als gegenwärtigen Niederschlag der Erfahrung vergangener Kohorten vorstellen können –, eine immense soziale Kraft ist“ (S. 65) – eine Kraft, die die historische Prägewirkung sozialer Strukturen übersteigt (vgl. S. 66). Die Beweisführung zu dieser Position findet statt, indem vier primäre Dimensionen von Historizität – was hier Kontinuität meint (vgl. ebd.) – identifiziert werden; ohne ins Detail zu gehen:

  • der Körper,
  • das Gedächtnis,
  • Aufzeichnungen in Form von Dokumenten,
  • die „substanzielle Historizität“ (S. 66–75).

Vor diesem Hintergrund wird nun das Konzept der „Einschreibung“ eingeführt, mittels dessen der Fortgang der Geschichte an die Historizität der Individuen gebunden wird, denn diese sind es, laut Abbott, die die Geschichte vergegenwärtigen, die gegenwärtig Zukünftiges präformieren, da sie – als Masse von Individuen – mit der Hypothek der Geschichte, mit ihren „Aktivposten und Verbindlichkeiten und Einschränkungen“ (S. 78) zu tragen haben. – Sich konzeptionell daran zu erinnern, dass der Fortgang der Geschichte, der geschichtliche Prozess, eine sich massenhaft simultan realisierende Abfolge von ebenso massenhaften Gegenwarten ist, sei, dies ist der letzte Aspekt dieses Beitrages, den Abbott anspricht, ein Fingerzeig darauf, dass „alles an der Sozialstruktur auf dem Spiel [steht], und alles … sich ändern [kann] – selbst die ‚großen Strukturen‘“ (S. 78).

Im nächsten Beitrag nimmt der Autor Diskussionen zwischen Theoretiker:innen und empirisch Forschenden (womit der quantitative Ansatz gemeint ist) zum Anlass, um die grundlegenden philosophischen Prämissen zu diskutieren, auf denen die (seinerzeit) dominante quantitative Forschung basierte. Dabei unterstellt er, dass das „allgemeine lineare Modell“ (S. 82) sozialer Wirklichkeit, welches Operationalisierungen impliziert, mit der sozialen Wirklichkeit häufig gleich gesetzt wird: Es würde eine „allgemeine lineare Realität“ unterstellt, was den Blick darauf verstelle, dass es sich bei diesem Modell um nicht mehr als ein – brauchbares – Instrumentatrium handele, bestimmte Phänomene auf eine bestimmte Art und Weise für die empirische Forschung zugänglich zu machen (vgl. ebd.). – Davon ausgehend arbeitet Abbott anhand ausgewählter Studien Defizite bzgl. der philosophischen Grundannahmen des „allgemeinen linearen Modells“ heraus und stellt ihnen Alternativen gegenüber (S. 86–111). Er kommt zu der Einsicht, dass viele „Soziologinnen … die Welt [behandeln] als gehorche die soziale Kausalität tatsächlich den Regeln der linearen Transformation, indem sie in den theoretischen Ausführungen, mit denen sie ihre empirischen Abhandlungen eröffnen, voraussetzen, dass die soziale Welt aus festen Entitäten mit variablen Attributen besteht; dass diese Attribute jeweils nur eine kausale Bedeutung haben; dass diese kausale Bedeutung nicht von anderen Attributen, von der vergangenen Sequenz der Attribute oder vom Kontext anderer Entitäten abhängt“ (S. 112). Vor diesem Hintergrund fasst er abschließend seine im Verlauf der Diskussion punktuell artikulierten Einwände und Alternativvorschläge zusammen, die sich jeweils auf einzelne Punkte seine Diagnose beziehen. So stellt er dem „allgemeinen linearen Modell“ das

  • „demografische Modell der Realität“,
  • „das sequenzielle Modell der Realität“ sowie
  • „das Netzwerkmodell der Realität“

gegenüber bzw. schlägt diese zur Ergänzung vor. Die hiermit verbundene Erweiterung der Kausalitätsvorstellung könne eine Möglichkeit sein, der Spaltung des Fachs in (quantitative) Empirie auf der einen und Theorie auf der anderen Seite entgegenzuwirken (vgl. S. 115).

Der folgende Text fragt danach, was Fälle eigentlich tun. Mit dieser bewusst irritierend formulierten Frage zielt Abbott auf die Grundlagen empirischen Forschens ab. Die eigentliche Frage könnte lauten: Wie konstruieren wir in der empirischen Forschung unsere Gegenstände – die Fälle – und welche Konsequenzen sind damit verbunden? Abbott, dem es auch hier wieder um die Kontingenzen sozialer Prozesse geht, geht davon aus, „dass der Fall ein Akteur ist“ (S. 119). Dieses Fall- (und damit auch Wirklichkeits-)verständnis dient als Hintergrundfolie, um das jeweilige Design verschiedener Forschungen zu dekonstruieren. So wird herausgearbeitet, dass die Art und Weise, wie Fälle konstruiert werden, Implikationen für deren ‚Handlungsfähigkeit‘ mit sich bringen, sodass etwa der Eindruck entstehen kann, in der realen Empirie hätte es nur diese eine Möglichkeit des Verlaufs gegeben; Komplexität, Verworrenheit, und vor allem Kontingenz werden so aus den Forschungsergebnissen – und unserer Vorstellung von Wirklichkeit – herausselektiert (vgl. S. 134). Ähnlich werden weitere Ansätze diskutiert, was Abbott zur programmatischen Schlussfolgerung bringt, dass „wir vielleicht neue Formen von Untersuchungen auf der Populationsebene entwerfen [sollten], die auf Erzählung beruhen, Formen, die eine gewisse Aufmerksamkeit auf die Aktivität und Komplexität von Fällen bewahren …, die es uns aber gleichzeitig gestatten, fallübergreifende narrative Verallgemeinerungen vorzunehmen“ (S. 160). – Abschließend verweist Abbott darauf, dass es sich bei seiner Argumentation nicht ausschließlich um ein akademisches Problem handelt, da insb. diejenigen Forschungen, für die eine Reduktion von Komplexität und Ausblendung von Kontingenz konstitutiv sind, bereitwillige Abnehmer:innen in der Politik finden; und das führt zu politischen Entscheidungen, die auf einem verzerrten Bild der Realität beruhen, womit die Intention solcher Interventionen ins Leere laufen kann, ohne dass die nicht-intendierten Nebenfolgen ihre Wirksamkeit verlieren würden (vgl. 161 f.).

Die Konstruktion des Begriffs des Wendepunktes ist es, was den Gegenstand des anschließenden Aufsatzes darstellt. In der Forschung wird, so Abbott, hypothetisch von Wendepunkten ausgegangen, ohne dass diese konzeptionell bestimmt und so für empirische Forschung wirklich tragfähig wären. „Wendepunkte sind am besten als kurze, folgenreiche Verschiebungen zu verstehen, die einen Prozess in eine neue Richtung lenken“ (S. 187). Sie „sind theoretisch am besten als Punkte zu begreifen, an denen sich die ineinander verschränkten Beziehungsnetzwerke voneinander lösen und der (normale) ewige Wandel des sozialen Lebens die Regie übernimmt“ (S. 189). Wichtig dabei ist, dass Abbott Wendepunkte, die man auch als ‚fließende Momente‘ beschreiben könnte, und die durch sie repräsentierte Prozessualität an die Sozialstruktur(en) koppelt, welche er nicht als dauerhafte, starre Entität(en) begreift, sondern als etwas permanent durch gegenwärtige Handlungen Hervorgebrachtes und immer wieder Hervorzubringendes. Der Hintergrund sozialer Stabilität wäre demnach ein Prozess, nämlich Reproduktion. Man könnte sagen, (soziale) Dinge sind nicht beständig, sie werden beständig (sein). – Der Autor geht nun, auf Grundlage dieses Wirklichkeitsverständnisses, davon aus, dass von Zeit zu Zeit in den Netzwerken, aus denen sich laut Abbott soziale Strukturen zusammensetzen, „besonders wesentliche Knotenpunkte“ (S. 184) bilden. Diese Knotenpunkte sind, um das Bild Abbotts aufzugreifen, die „Schlüssellöscher“ (S. 185) sozialer Transformation. Und weil sich Schlösser ohne Schlüssel nicht öffnen lassen, bedarf es, um im Bild zu bleiben, an dieser Stelle notwendige Handlungen: „Die Möglichkeit muss vor dem Handeln aufkommen. Möglichkeit und Handeln zusammengenommen bieten demnach die beiden Momente, die für die narrative Struktur eines Wendepunkts notwendig sind“ (S. 187). Wendepunkte können damit verstanden werden als von Handlungen abhängige und gleichzeitig strukturell bedingte Momente, die sozialer Reproduktion ‚zwischengeschaltet‘ sind und diese so blockieren, abbrechen, umlenken können.

Versteht man, wie Abbott es tut, die soziale Wirklichkeit radikal als sozialen Prozess, muss man sich fragen, wie sich die Gegenwart – bzw. die kontinuierliche Abfolge von Gegenwarten – begrifflich fassen lässt: „Weil eine Kodierung nicht permanent, sondern von Moment zu Moment erfolgt, befindet sich die scheinbar zeitlose Gegenwart immer an der Schwelle einer Veränderung, sie ist eine Episode in einer langen Abfolge von Momenten, die permanent vorübergehen“ (S. 192). Dieser „Zeitlichkeit des Moments“ (S. 191) sei vor allem durch ein „emotionales Erfassen“ zu begegnen, welches sich nicht nur im Erkenntnisprozess der Soziolog:innen niederschlagen müsse, sondern auch – und dies ist ebenso wichtig – im literarischen Stil, in dem die Befunde zu präsentieren sind. Wenn wir es mit einer „transitorischen Gegenwart“ (S. 193) zu tun haben, brauchen wir eine „lyrische Soziologie“, so Abbott. – Was kann man sich darunter vorstellen? Der Autor nimmt sich viel Raum, um seine Position herauszuarbeiten. Er wählt ein literaturtheoretisches Fundament, welches er auf verschiedene soziologische, historiografische und literarische Texte anwendet, um zu verdeutlichen, worum es sich bei einer „lyrischen Soziologie“ handele; vor allem die

  • „Grundhaltung“ (S. 206–210) sowie
  • die „Mechanik“ (S. 210–222)

werden als Elemente einer „lyrischen Soziologie“ herausgearbeitet. Abbott selbst beschreibt es so: „Er [Henry Zorbaughs] schaut sich … eine soziale Situation an, empfindet ihren überwältigenden Reiz und ihre tief bewegende menschliche Komplexität und schreibt dann ein Buch, in dem er versucht, diese Gefühle in den Köpfen – und mehr noch in den Herzen – seiner Leserschaft zu erwecken. Diese Wiedererschaffung der Erfahrung einer sozialen Entdeckung ist das, was ich hier als lyrische Soziologie bezeichnen möchte“ (S. 198). – Vielleicht kann man sich die Erforschung (und Präsentation) sozialer Momente damit nicht als Aufnahme und möglichst unkommentierte Wiedergabe eines Filmes vorstellen, sondern eher als Sammlung einer Reihe von Fotografien, die sich mit einem Thema beschäftigen, und welche sodann als eine Art ‚literarische Diashow‘ gezeigt und lebendig und emotional – Abbott würde wohl sagen: engagiert – kommentiert werden. Ein zweifacher Erkenntnisgewinn würde damit einhergehen:

  1. Der „Leserin [der Autor verwendet mal die männliche, mal die weibliche Ansprache, weswegen er hier nicht lediglich die Leserinnen meint], die offen für ihn ist, bietet der lyrische Text eine Darstellung der menschlichen Wandlungsfähigkeit und Besonderheit in ihrer eindringlichsten Form. Diese Begegnung konfrontiert uns mit zwei Einsichten: erstens, dass auch wir wandlungsfähig und besonders sind, und zweitens, dass sich unser Hier und Jetzt radikal von denen unterscheidet, über die wir lesen“ (S. 248).
  2. Und: „Ein Großteil der Variationen und willkürlichen Interdependenzen des vergangenen sozialen Prozesses – das, was wir normalerweise als ‚Geschichte‘ schreiben – ist der Gegenwart faktisch durch irgendeine Form von Kodierung eingeschrieben“ (S. 250), was es sicht- und erfahrbar zu machen gelte.

Man wird Jürgen Habermas zustimmten können, wenn er feststellt, die grundlegendsten – wenn man so will: das Fach integrierenden – Fragen der Soziologie würden auf die Durchführbarkeit und Existenz (sozialen Handelns) sowie Gesellschaft abzielen (vgl. 1989: 517). Und weil beides – sozialen Handeln und Gesellschaft – ohne Formen von Mustern, d.h. Ordnung(en) nicht denkbar wären, ist es nicht nur folgerichtig (weil notwendig), dass Abbott sich auch diesem Thema annimmt, sondern auch besonders interessant, dass sein prozessualer Zuschnitt der Wirklichkeit die Kontingenzen sozialen Lebens (und damit sozialen Handelns sowie Gesellschaft) betont, die mit Ordnung(en) nur schwer vermittelbar zu sein scheinen. In den Worten des Autors müssen wir daher fragen, „welche Begriffe wir innerhalb eines prozessualen Rahmens als Äquivalente von Ordnung im Sinne der klassischen Tradition [gemeint sind die entsprechenden Arbeiten der politischen Philosophie] entwickeln können. Wie können wir uns einen kontingenten sozialen Prozess als quasi hobbesianisch geordnet vorstellen“ (S. 257). Um diesen Fragen nachzugehen, werden die diversen Versuche, Ordnung begrifflich zu fassen, holzschnittartig gebündelt und vor dem Hintergrund eines im Geiste des Prozessualismus entwickelten Kriterienkatalogs vergleichend diskutiert. Im Ergebnis stellt der Autor fest, „dass unsere typischen Herangehensweisen an diese Fragen in den Sozialwissenschaften eher begrenzt und unreflektiert sind“ (S. 290). Eine ausformulierte Lösung, eine Antwort, auf dieses Problem bleibt der Autor uns allerdings schuldig. Es geht ihm hier vor allem darum, vorliegende Konzepte zu kritisieren und neue Perspektiven aufzuzeigen. Denn erst wenn „wir ernsthaft über den Prozess nachdenken, können wir damit beginnen, diese … Komplexität zu bändigen“ (S. 291).

Die bekannte Kategorisierung Burawoys – die eine arbeitsteilige Differenzierung zwischen ‚kritischer‘ und ‚professioneller‘ Soziologie (Publikum: Soziolog:innen) sowie ‚Policy-Soziologie‘ und ‚öffentlicher‘ Soziologie (Publikum: Politik und Gesellschaft) vorschlägt – zum Anlass nehmend, trägt der Autor sodann ein Plädoyer „für eine humanistische Soziologie“ vor. Die Dekonstruktion Burawoys führt ihn zum Konzept des Mitgefühls (siehe oben [lyrische Soziologie]), welches jedweder wissenschaftlichen Analyse voranzustellen sei – ganz gleich, mit welchen Methoden gearbeitet wird und ob politische Intentionen mit der jeweiligen Forschung verbunden sind. Denn: Wissen über Gesellschaft – hier: den sozialen Prozess – zu generieren, ist für Abbott Selbstzweck, da es ihm zufolge zur Conditio humana gehöre, Wissen zu erzeugen (vgl. S. 296 f.), und dieses Wissen ließe sich nicht herstellen, ohne die Akteure, die den sozialen Prozess ‚tragen‘, zur Grundlage (sozial-)wissenschaftlichen Fragens zu machen (vgl. S. 306 ff.). – Schließlich stellt er noch dar, dass mit dieser Position keineswegs eine Ablehnung normativer Soziologie gemeint ist. Im Gegenteil ginge es vor allem darum, der Vielfalt menschlichen Lebens, d.h. „die Vielfalt ihrer Vorstellungen vom menschlichen Leben, von dem, was sie wertschätzen und welche Zukunft ihnen ideal erscheint“ (S. 311), zur Grundlage politischer Theorie zu machen und dabei explizit auch nicht-westliche (Denk-)Ansätze zu berücksichtigen.

Diskussion

Zu den Beiträgen im Einzelnen ließe sich einiges sagen: die Historizität von Individuen, um nur ein Beispiel zu nennen, könnte sich in einem praxeologischen Zugang, in dem der Körper durch Inkorporierung als Materialisierung sozialer Wirklichkeit fungiert, durchaus anders beschreiben lassen; eine Reihe von alternativen Positionen trägt der Autor in seinen Diskussionen - die er durchweg explizit formuliert und adressiert (erfrischend!) - selbst vor. Eine derartige Vertiefung im Detail würde aber einerseits der Konzeption und dem Anliegen der vorliegenden Aufsatzsammlung sowie der Grundsätzlichkeit, mit der Abbott ‚sein‘ Thema bearbeitet, nicht gerecht.

Denn: Die hier versammelten Aufsätze stellen jeder für sich ein Exempel soziologischer Grundlagenarbeit dar, wie sie heute eher selten betrieben wird. Gewiss ist die Soziologie ein Fach, in dem die Klassiker häufig zitiert und diskutiert werden (im Grunde kommt [notwendigerweise] kaum eine Qualifikationsarbeit zustande, ohne wenigstens einige der großen Entwürfe zu erwähnen). In diese Kategorien lässt sich Abbotts Vorgehen allerdings nicht einordnen, und zwar aus dem Grund, weil der Autor auf einer fundamentaleren Ebene eine andere Position als etwa Simmel, Weber, Marx, Durkheim etc. einnimmt: soziale Wirklichkeit wird hier mit sozialem Prozess in eins gesetzt. Und obwohl dieses Alltagswissen niemand ernstlich bestreiten würde, wurde dem dezidiert analytisch bis dato kaum nachgegangen (vgl. S. 11). Anders formuliert: es gibt wenig worauf Abbott sich stützen könnte; wenig erscheint hilfreich, viel mindestens als ergänzungsbedürftig.

Vor diesem Hintergrund – auch die Herausgeber dieses Bandes sehen diesen Punkt (vgl. S. 11, 24–33 und 54–61) – kann es nur schwerfallen, den hier entwickelten Prozessualismus einzuordnen sowohl in heutigen als auch klassischen Diskussionen; die theoretische Anschlussfähigkeit ist nur sehr bedingt gegeben, wenn überhaupt. Dieser Prozessualismus hat das Potenzial, auf ein eigenständiges Paradigma soziologischen Denkens hinauszulaufen. Ein solches prozessuales Paradigma bringt den Charme mit sich, die triviale Tatsache analytisch in Rechnung zu stellen, dass soziale Wirklichkeit nun einmal ‚verläuft‘, dass wir es tatsächlich nicht mit sozialen Entitäten, sondern mit ‚Fluiditäten‘ zu tun haben. Dass die Kontingenz sozialer Realität so eine radikale Aufwertung erfährt, wird damit nicht nur theoretisch zwingend, sondern erinnert auch immer daran, dass nichts notwendig sein muss: Konstanz (die so verstanden eigentlich Reproduktion darstellt) wird so erst erklärungsbedürftig – eine Perspektive, die die Soziologie zukünftig (wieder) bereichern kann.

Konzeptionell ist der Prozessualismus also innovativ und kann bemerkenswerte Denkanstöße liefern. Zugleich könnte ihm aber diese (paradigmatische) Grundsätzlichkeit ‚auf die Füße fallen‘. Die Soziologie ist (mittlerweile) ein Fach, das sich, trotz aller Binnendifferenzierung, auf einen Kanon an methodologischen und methodischen Bezugspunkten geeinigt hat und auf Basis dessen umfangreich empirische Forschung betreibt. Diese Betriebsamkeit ist Ausdruck des Niveaus an Professionalität, das die Soziologie numehr für sich reklamieren kann. Zugleich geht mit diesem Status vielleicht auch Selbstgewissheit einher, die einer Selbstvergewisserung im Wege stehen kann. Und wie wir von Thomas S. Kuhn (1996) wissen, ist es nicht ausschließlich die Schlagkraft von Argumenten, die grundlegenden wissenschaftlichen ‚Fortschritt‘ begründen. Mit anderen Worten: Ob der Prozessualismus, wie hier vertreten, zu Überlegungen führen wird, die seinem paradigmatischen Potenzial gerecht werden, oder ob es bei einer oberflächlichen Rezeption bleibt, wird sich erst noch zeigen müssen (die Arbeit von Hoebel und Knöbl [2019] mag ein erster Aufschlag gewesen sein).

Fazit

Mit „Zeit zählt“ legen Thomas Hoebel, Wolgang Knöbl und Aaron Sahr als Herausgeber einen Band vor, in dem ausgewählte Aufsätze Andrew Abbotts versammelt sind, um diese für das deutschsprachigen Publikum zu erschließen. Inhaltlich wird ein Prozessualismus entwickelt, der soziale Wirklichkeit radikal als sozialen Prozess versteht. Dadurch werden interessante Perspektiven angedeutet oder ausgeführt. Inwieweit es zu einer Rezeption kommen kann und wird, das bleibt abzuwarten. Einen Versuch wäre es allemal wert.

Quellen

Habermas, J.: Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handelns (1982); in: ders.: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, 3. Aufl. Frankfurt am Main 1989: 571–607

Hoebel, T., Knöbl, W.: Gewalt erklärt! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie, Hamburg 2019

Kuhn, T. S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main, 1996

Nassehi, A.: Die Zeit der Gesellschaft: Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit, Wiesbaden 2008

Rosa, H.: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main 2005


Rezension von
Michael Bertram
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Beruflich in der Sozialen/politischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig
Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 10.09.2021 zu: Andrew Abbott, Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbl Hoebel, Aaron Sahr: Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-86854-340-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27084.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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