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Hannah Bennani, Martin Bühler u.a. (Hrsg.): Global beobachten und vergleichen

Cover Hannah Bennani, Martin Bühler, Sophia Cramer, Andrea Glauser (Hrsg.): Global beobachten und vergleichen. Soziologische Analysen zur Weltgesellschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 509 Seiten. ISBN 978-3-593-51169-6. D: 45,00 EUR, A: 46,60 EUR, CH: 50,71 sFr.

Reihe: Studien zur Weltgesellschaft/World Society Studies - 7.
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Thema

Wenn wir fremde Welten beobachten, nutzen wir unser vorhandenes Weltwissen, was bedeutet, dass wir implizit auch vergleichen und, von unseren Erwartungen ausgehend, die fremde Welt einordnen wie damals die Entdecker Amerikas, die die Bewohner*innen der neuen Welt Indios nannten. Operationen dieser Art sind der thematische Schwerpunkt des vorliegenden Sammelbands. Im Fokus ist generell die Herstellung von Globalität, als soziales Konstrukt verstanden.

Hintergrund

Der Band geht aus einem langjährigen Diskussionszusammenhang hervor, der im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Weltgesellschaft – die Herstellung und Repräsentation von Globalität“ (2003–2012) an der Universität Bielefeld entstand und in einem vierteljährlichen Kolloquium zur Globalisierungsforschung an der Universität Luzern seine Fortsetzung fand, so die Herausgeber*innen (9).

Herausgeber*innen und Autor*innen

Die Herausgeber*innen sind mit Ausnahme von Andrea Glauser an verschiedenen soziologischen Instituten beschäftigt. Glauser hat eine Professur für Kulturwissenschaft an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die Autor*innen arbeiten an verschiedenen deutschen Universitäten (Schwerpunkt Bielefeld und Tübingen) und an der Universität Luzern. Ein gemeinsamer Bezugsrahmen ist die Theorie der Weltgesellschaft. Dabei orientieren sich die Autor*innen an der Systemtheorie und dem Neo-Institutionalismus. Als methodische Ansätze findet man Diskurstheorie, Ethnomethodologie, Wissenssoziologie und Phänomenologie.

Aufbau

Das Ordnungsschema, das die Herausgeber*innen für die Gliederung des Bandes gefunden haben, ist dreiteilig. In Teil 1 sind Beiträge zur „Historizität von Beobachtungsordnungen“ versammelt. In Teil 2 werden „Bedingungen und Grenzen globaler Vergleiche“ erörtert, und die Beiträge in Teil 3 haben „Medien und Techniken des Beobachtens und Vergleichens“ zum Gegenstand. Im Folgenden können nur einige ausgewählte Beiträge berücksichtigt werden.

Inhalt

Ralf Rapior ist bestrebt, die eurozentrische Sichtweise auf Modernisierung und Globalisierung zu überwinden, die unter anderem mit Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung beansprucht wird. Dagegen sieht er auch in den teilweise außereuropäischen Imperien „Träger von Modernisierungen“ (46). So betrachtet, ist die „globale Moderne“ das Ergebnis der „Wechselwirkung zweier Differenzierungs- und Vergesellschaftungsformen“ (67).

Martin Bühler verfolgt am Beispiel der Entwicklung der Getreidemärkte soziale Standardisierungsprozesse als Möglichkeitsbedingung globaler Märkte. Ein Problem stellte dabei die Übersetzung, m.a.W. die Vergleichbarkeit nationaler Standards dar.

Luca Tratschin fragt „Wie ist die Globalisierung sozialer Bewegungen möglich?“ (213) Denn das setzt für den Autor voraus, dass Proteste über Grenzen hinweg einem gemeinsamen Problem zurechenbar sind. Vom Standpunkt der Theorie der Weltgesellschaft stelle sich die Frage, was unter einer globalen sozialen Bewegung verstanden werden kann.

Hannah Bennani und Marion Müller wollen klarmachen, dass manche Menschenrechtsdeklarationen der UNO die Schaffung neuer globaler „Personenkategorien“ voraussetzten, damit „ein geteilter Beobachtungsraum“ hergestellt werden konnte. Ein Beispiel bietet die ungeachtet großer Unterschiede geltende Kategorie „indigene Bevölkerung“.

Clemens Eisenmann und Christian Meyer untersuchen „Alltag und Grenzen des Vergleichens aus ethnomethodologischer Perspektive“ und arbeiten heraus, wie diese „basale Grundoperation“ durch die „Konsensunterstellung“ (Garfinkel) bei Differenz der Lebenswelten erschwert oder verzerrt wird.

Während Paul Buckermann die Vergleichs- und Bewertungsoperationen bei Kunstrankings zum Thema macht, widmet sich Markus Unternährer den versteckten Kategorisierungen im algorithmischen Vergleichs- und Bewertungsprozess, der die Recommandersysteme (dt. Empfehlungsdienste) für Internet-User (z.B. für Content-Provider wie Netflix) steuert.

Miriam Tag will auf „die Bedeutung von Sprache für die Erzeugung globaler Wirklichkeit“ (430) aufmerksam machen, indem sie die Leistung und speziell das Globalisierungspotenzial von Akronymen wie UNO, UNICEF herausarbeitet, die, so die Verfasserin, durch die Reduktion auf wenige Zeichen und ihre Unspezifität in unterschiedlichen Bezugsrahmen verwendet werden können und Verständigung ermöglichen.

Diskussion

Die Beiträge eröffnen zum Teil äußerst interessante Beobachtungsperspektiven. Das gilt unabhängig davon, dass eine konstruktivistische Fehleinschätzung, so der Standpunkt des Rezensenten, fast alle Beiträge in ähnlicher Art bestimmt, was sich an der These von Miriam Tag verdeutlichen lässt, die Sprache erzeuge Wirklichkeit. Ohne Zweifel beeinflusst sie unsere individuelle wie kollektive Wahrnehmung der Wirklichkeit und damit unseren Umgang mit der Welt, ja die Erzeugung von Welt, aber das jeweilige Produkt ist eine materielle, widerständige Welt. Die Produktionsverhältnisse, materielle Basis auch der Weltgesellschaft, liegen außerhalb des Beobachtungsfeldes der Autor*innen, was teilweise den Vorzug haben mag, dass manches, was als selbstverständlich gilt, zum Untersuchungsgegenstand gemacht wird. Die Operationen beispielsweise, mit denen weltweit gleiche Standards für eine Ware wie Getreide gewonnen werden, können der Untersuchung wert sein. Aber dass man dabei die Analyse der Transaktionen auf dem Markt ausspart, verwundert. Und die Erfindung von Wertmaßstäben für den Kunstmarkt, der ohne Tausch- und Gebrauchswert auskommen muss, würde nicht nur den Rückgriff auf Bourdieu, sondern auch einen Exkurs über die Werttheorie von Marx nahelegen. Die Weltfremdheit des konstruktivistischen Ansatzes wird in dem Beitrag von Tobias Werron über „Knappheitsnationalismus“ deutlich. Der Autor versteigt sich zu der Behauptung „Kein Gut ist ‚an sich‘ knapp; es erscheint nur so, wenn Endlichkeit bzw. Begrenztheit sozial relevant gemacht wird“(122). Wenn von Covid-19 Bedrohte vergeblich auf Impfstoff hoffen, wird sie das wenig trösten. Und der Oil Peak mag falsch prognostiziert sein, er wird jedoch eintreten. Und er hängt nicht von sozialen Vorstellungen ab, sondern von Kosten-Ertrags-Schätzungen.

Fazit

Die Beiträge des Bandes eröffnen zum Teil interessante Beobachterperspektiven. Aber die Adressatengruppe für diese Publikation beschränkt sich nach Ansicht des Rezensenten auf Sozialwissenschaftler*innen. Wer sich Hilfe beim Verstehen der Globalisierung mit ihren wirtschaftlichen Triebkräften, sozialen Folgen und politischen Steuerungsproblemen verspricht, wird enttäuscht werden. Wer es reizvoll findet, (scheinbar) Selbstverständliches wie die internationale Kooperation von sozialen Bewegungen, die Standardisierung von Waren oder den Nutzen von Abkürzungen in ein neues Licht gerückt zu finden, für den oder die mag das Buch etwas bringen.


Rezension von
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 22.02.2021 zu: Hannah Bennani, Martin Bühler, Sophia Cramer, Andrea Glauser (Hrsg.): Global beobachten und vergleichen. Soziologische Analysen zur Weltgesellschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51169-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27089.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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