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Christian Gräfe: Die Zeit der Familiengründung

Cover Christian Gräfe: Die Zeit der Familiengründung. Eine paarsoziologische Studie. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 388 Seiten. ISBN 978-3-593-51185-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 45,02 sFr.
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Thema

Gräfe geht davon aus, dass die Moderne für Familien keine kulturell verankerten Zeitstrukturen mehr bereithält, dass die Politik, in Deutschland etwa mit dem Achten Familienbericht „Zeit für Familie“ (BMFSFJ 2012) oder mit Elterngeldregelungen, aber versucht, die Alltagsorganisation von Familien und die zeitliche Lagerung von Fürsorgephasen im Lebenslauf zu regulieren. Der Fokus von Gräfes Arbeit liegt allerdings nicht auf der institutionellen Regulierung familialer Zeitordnungen für die Familiengründung, sondern auf dem Umgang von Paaren mit staatlicherseits vermittelten Leitbildern und veränderten Rahmenbedingungen. Als empirische Grundlage dienen ihm Paarinterviews.

Autor und Entstehungshintergrund

Christian Gräfe verfertigte die Arbeit im Rahmen des Promotionskollegs „Leben im transformierten Sozialstaat“ als Dissertation.

Aufbau

Gräfe gliedert seine Arbeit in einen einleitenden Teil, einen ausführlichen theoretischen Teil, in dem er die für ihn relevanten theoretischen Konzepte vorstellt, einen umfangreichen empirischen Teil und schließlich einen verhältnismäßig knappen Schlussteil, in dem er seine Ergebnisse bündelt und in die aktuelle Debatte um das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Familie einbettet.

Inhalt

Im theoretischen Teil entfaltet Gräfe zunächst Bourdieus Zeitkonzeption, die die Zeiterfahrungen von Akteuren in ihrer jeweiligen sozialen Praxis verankert sieht. Zu dieser Praxis gehören auch Distinktionsgewinne zwischen Klassen um die Durchsetzung eines legitimen, anerkennenswerten Lebensstils. Anschließend widmet sich Gräfe dem Konzept der (De-) Institutionalisierung und beschreibt den Wandel von Familienpolitik in Deutschland und den damit verknüpften Veränderungen der institutionell vorgegebenen Zeitstrukturen für Familiengründungsprozesse. Gräfe geht davon aus, dass die Standardisierung des Familienzyklus von divergierenden und in sich widersprüchlichen Leitbildern abgelöst wurden, dass dadurch Familie als gestaltbar erscheine. Gleichzeitig macht er darauf aufmerksam, dass der soziale Wandel mit der Ausbreitung diskontinuierlicher Erwerbsarbeit, der Auflösung der Verknüpfungslogiken zwischen Institutionen, der Auflösung von Geschlechtsrollen und der Radikalisierung von Biografizität, vermehrt Unsicherheit schafft, wie Familie langfristig gemeinsam gestaltet werden kann. Die steigende Relevanz der Gestaltungskompetenz von Paaren nimmt Gräfe zum Anlass, das Paar bzw. die Familie als eigenständige Strukturierungsebene zu betrachten, die durch inkorporierte Haltungen der Partner, durch die Sukzessivität von Entscheidungen und durch das Potenzial der Reflexivität geprägt ist. In diesem Zusammenhang verweist er unter anderem auf Burkart und Koppetsch (1999), die in ihrer Paarstudie drei verschiedene Milieus rekonstruieren, die sich der Gestaltbarkeit von familialen Beziehungen auf unterschiedliche Weise stellen. Besonders bedeutsam für seine Untersuchung scheinen Gräfe Darlegungen zur interaktiven Herstellung von relativ dauerhaften Interaktionsmodi, wie sie Jean Claude Kaufmann beschreibt und Überlegungen von Maiwald zur Selbst-Institutionalisierung als Paar.

Die theoretischen Kapitel schließt Gräfe jeweils mit einem Abschnitt ab, in dem er die Relevanz des behandelten theoretischen Konzeptes für die Herausbildung von Zeitstrukturen rund um die Familiengründung deutlich macht, aber auch deren Grenzen aufzeigt.

Auf dieser Grundlage zielt Gräfe im empirischen Teil darauf ab zu prüfen, wie Paare im Rahmen der Familiengründung Zeitordnungen ausbilden, welcher Prinzipien sie sich dabei bedienen, wie sie handeln und den Prozess gestalten und in welchem Zusammenhang diese Prozesse mit gesellschaftlichen Strukturen (Klassen, Milieus, Institutionen) stehen.

Der empirische Teil der Arbeit wird durch einen ausführlichen methodischen Teil eingeleitet, in dem Gräfe sein Untersuchungsmaterial vorstellt und sein eigenes fallrekonstruktives Vorgehen bei der Auswertung der Paarinterviews im Anschluss an die Objektive Hermeneutik und die Grounded Theory begründet. Er arbeitet mit der Methode der Grounded Theory zur Rekonstruktion von Handlungsmustern und mit dem Verfahren der Objektiven Hermeneutik zur Rekonstruktion latenter Sinnstrukturen in Paarbeziehungen.

Er führt familiengeschichtliche Gespräche mit Paaren, die vor kurzer Zeit Eltern geworden sind, deren ältestes Kind zudem höchstes 4 Jahre alt ist, um möglichst nah an den Beginn der Strukturierung bzw. Umstrukturieren des Paarlebens durch die Familiengründung oder -erweiterung heranzukommen. Die Gespräche werden mit einer erzählgenerierenden offenen Frage angestoßen und von immanenten Nachfragen in Gang gehalten.

Gräfe befasst sich im Rahmen seiner Fallrekonstruktionen zum einen mit der Frage, ob und wenn ja von welchen gemeinsam geteilten Orientierungen Strukturbildungsprozessen im Übergang von Partnerschaft zur Elternschaft bestimmt sind. In diesem Zusammenhang rekonstruiert er die Herausbildung und Abänderung von Zeitstrukturen in zentralen Bereichen des Zusammenlebens (Hausarbeit, Kinderbetreuung und Berufstätigkeit). Ferner verfolgt er die Herausbildung einer Paaridentität, Wir-Repräsentation bzw. Paarfiktion. Zusätzlich geht er in Auseinandersetzung mit der Retraditionalisierungsthese der Frage nach, inwiefern sich im Praxisvollzug (neue) Geschlechterdifferenzierungen herausbilden und vom Paar auch reflektiert werden. Schließlich widmet er sich den Wechselwirkungen zwischen Strukturbildungsprozessen auf der Mikro-Ebene und externen Zeitstrukturen.

Die Rekonstruktion beginnt mit drei „Schlüsselfällen“, an die sich im Sinne maximaler oder minimaler Kontrastierungen weitere Rekonstruktionen anschließen. Hier können nur einige wenige Ergebnisse dargestellt werden, die Gräfe anhand seines Materials plausibilisiert:

  • Für die Herausbildung einer Zeitordnung beim Übergang in die Elternschaft sind vorgängige Strukturbildungsprozesse von Bedeutung, weniger solche, die auf Erfahrungen der Partner in ihren Herkunftsfamilien zurückgehen. Bedeutsamer sind nach Gräfe vielmehr die mehr oder weniger abgeschlossenen Strukturierungsprozesse im Verlauf der Paarbeziehung bis zum Eintritt der Elternschaft. Bei „offenen“, noch wenig entwickelten gemeinsamen Orientierungen bilden sich nach Gräfes Beobachtungen mit Eintritt in die Elternschaft nur situativ gültige Zeitstrukturen heraus, bei den „geschlossenen“ Strukturbildungsprozessen erweisen sich gemeinsame stabile Orientierungen als maßgeblich, sodass beim Übergang in die Elternschaft längerfristig gültige Handlungsstandards ausgebildet werden können.
  • Gräfe sieht in der Differenz zwischen Paaren mit „offenen“ Strukturbildungsprozessen und solchen mit „geschlossenen“ eine bisher verkannte soziale Differenzierung, die quer zu den bisher untersuchten Differenzierungslinien zwischen unterschiedlichen Milieus und unterschiedlichen ökonomischen Lagen verläuft.
  • Die gegenwärtig geltenden institutionellen Regeln der Unterstützung des Übergangs in die Elternschaft (Arbeitsplatzgarantie, lohnabhängiges Elterngeld, Übertragbarkeit von Elternmonaten von einem auf den anderen Partner ect.) belohnen seiner Ansicht nach längerfristige gültige Handlungsorientierungen und deren Reflexion in Paarbeziehungen, typische Habitusformen der akademischen Mittelschicht. Die Aushandlung von Zeitressourcen und deren flexible Aufteilung erlaubt es diesen Paaren von den institutionellen Unterstützungsangeboten maximal zu profitieren. Gräfe ist überzeugt, dass die Gelegenheiten zur Aushandlung und flexiblen Nutzung von Zeitressourcen vor allem die Mittelklasse anspricht und in deren sozialen Lage leichter zu realisieren ist, sodass die Unterstützung alte Ungleichheiten perpetuiert.
  • Die Repräsentationen als Paar („So sind wir“) verschafft Paaren mit unabgeschlossenen Strukturbildungsprozessen so Gräfe mehr Distanz zur unmittelbaren Gegenwart. Die Paaridentität erlaubt Paaren nämlich, sich nicht nur auf zeitnahe Problemlösungen zu fokussieren, sondern auch einen gemeinsamen Zukunftshorizont zu entwerfen. Die Wir-konstruktion fungiert insofern als Mittel der Zeitstrukturierung durch Vorgriffe. So können Paare mit offenen Strukturbildungsprozessen der nur situativ gesteuerten Strukturierung ihres Zusammenlebens entkommen.
  • Gräfe kommt zu dem Schluss, dass das konservative deutsche Wohlfahrtsregime mit seinem „optionalen Familismus“ zwar kein bestimmtes Familienmodell mehr privilegiert, dass es aber Personen mit Zeitsouveränität, mit finanziellen Spielräumen und der Kompetenz zur langfristig reflektierten und flexibel abgestimmten Ressourcennutzung belohnt. Damit wären Gruppen, die nicht in der Lage sind, ihr Leben auf diese Weise zu organisieren, benachteiligt.

Diskussion

Gräfe präsentiert verschiedene theoretische Ansätze, die seinen Zugriff auf die Herausbildung von Zeitstrukturen in Paarbeziehungen bestimmt haben, sehr verständlich und arbeitet deren Bedeutung für seine Fragestellung sehr klar heraus. Dazu tragen kurze Fazits am Ende der einzelnen Kapitel bei. Auch die Forschungslücke, die er mit seiner Untersuchung schließen möchte, wird überaus deutlich. Gelegentlich entsteht allerdings der Eindruck, dass die Lücke auch deshalb so deutlich klafft, weil Gräfe die Geschlechterforschung an manchen Stellen etwas oberflächlich rezipiert hat, etwa die Konzepte und die Forschung zu Doppelkarrierepaaren. Trotzdem besticht die Arbeit durch ihren stringenten Zugang.

Die Auswahl der Paare hätte vielleicht deutlicher kommuniziert werden können. Die Paare scheinen sich alle an ihrem Strukturbildungsprozess abzuarbeiten, ein Verlassen der Beziehung rückt nie in den Blick. Wieso nicht?

Bourdieus Konzept der symbolischen Kämpfe wird von Gräfe bei der Interpretation nur bezogen auf unterschiedliche Klassen benutzt, die Kämpfe in Paarbeziehungen bleiben merkwürdig unterbelichtet. Dies könnte eine Folge der methodischen Anlage sein, des Einsatzes von Paarinterviews und der Fokussierung der Rekonstruktion auf gemeinsam geteilte Orientierungen.

Die Fallvergleiche im empirischen Teil folgen einem klar erkennbaren roten Faden, der durch das vorher beschriebene methodische Vorgehen determiniert ist. Da das Verfahren keine zusammenhängenden Fallbeschreibungen vorsieht, werden immer wieder Aspekte von Fällen eingeführt und abgehandelt. Das kann Leser_innen frustrieren, die sich gerne ganzheitlich mit Fällen und Fallvergleichen befassen.

Fazit

Für Leser_innen, die mit den Methoden der Fallkontrastierung vertraut sind, ist die Darstellung konsequent. Gräfe versteht es, seine Befunde systematisch zusammenzutragen und gut fundiert, ein plausibles Konzept für die Strukturierung von Zeit in Paarbeziehungen vorzulegen. Für die Paarforschung ist seine Arbeit ein deutlicher Gewinn.


Rezension von
Dr. habil. Waltraud Cornelißen
Homepage w-cornelissen.de
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Zitiervorschlag
Waltraud Cornelißen. Rezension vom 15.12.2020 zu: Christian Gräfe: Die Zeit der Familiengründung. Eine paarsoziologische Studie. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51185-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27094.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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