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Carina Book, Nikolai Huke u.a. (Hrsg.): Autoritärer Populismus

Cover Carina Book, Nikolai Huke, Norma Tiedemann, Olaf Tietje (Hrsg.): Autoritärer Populismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. 189 Seiten. ISBN 978-3-89691-257-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Der Sammelband „Autoritärer Populismus“ entstand im Rahmen der Tagung „Antidemokratische Konservative: Feinde einer offenen, solidarischen und gleichberechtigten Gesellschaft“, welche die Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) vom 30. November bis 02. Dezember 2018 ausrichtete.

Nachdem der Populismusbegriff seit dem Erstarken der AfD und Donald Trumps äußerst inflationär und in unterschiedlicher Bedeutung eingesetzt wurde, markiert der Band einen Schritt präziserer theoretischer Nuancierung der Populismus-Debatte. Dabei wird eine kritische Perspektive weiterentwickelt, die über Cas Muddes geläufige Minimaldefinition des Populismus „as a (thin) ideology that considers society to be ultimately separated into two homogeneous and antagonistic groups, the pure people and the corrupt elite” (Mudde 2019:19) hinausgeht. Auch wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die Hoffnungen bezüglich der Pink Tide und europäischer sogenannter ‚linkspopulistischer‘ Bewegungen nicht erfüllt wurden (Nadal 2020), sodass Laclaus Populismusbegriff ebenfalls keinen Bezugspunkt darstellt (Laclau 1977; 2005).

Stattdessen wird an der Reaktivierung Stuart Halls Kategorie des autoritären Populismus gearbeitet, die eine materialistisch-staatstheoretische Analyse des Autoritarismus ermöglicht. Populismus wird also nicht nur anhand einzelner populistisch agierender Akteur*innen oder Parteien beleuchtet, sondern im Kontext struktureller Verhältnisse, Staatlichkeit und Alltagsverstand betrachtet. In diesem Zuge sind die Theoriedebatten zwischen Hall (1978; 1983; 1985; et al 2013), Jessop und anderen (1984; 1985) bedeutend, wie zeitgemäß. Aktueller Referenzpunkt ist darüber hinaus Demirovićs Aufschlag in der PROKLA (Demirović 2018).

Der Sammelband nimmt einen globalen Standpunkt ein. Näher thematisiert werden Entwicklungen in Brasilien, Deutschland, Österreich, Polen, der Türkei und Ungarn, sodass dennoch ein europäischer Fokus auszumachen ist. Des Weiteren findet eine Perspektivierung von autoritärem Populismus anhand gender, class und ‚race‘ statt, im Besonderen in Bezug auf aktuelle Migrationsbewegungen und feministische Kämpfe.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Herausgeber*innen:

  • Carina Book ist Politikwissenschaftlerin und Referentin in der politischen Bildung. Sie forscht und publiziert derzeit zur Entwicklung und Ideologie der „Neuen Rechten“.
  • Nikolai Huke ist Mitarbeiter am Arbeitsbereich für Politik und Wirtschaft (Political Economy) und Wirtschaftsdidaktik des Instituts für Politikwissenschaft der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
  • Norma Tiedemann ist wiss. Mitarbeiterin am Fachgebiet Politische Theorie der Universität Kassel und promoviert zu autoritärer Staatlichkeit und munizipalistischen Gegenbewegungen in Kroatien und Serbien.
  • Olaf Tietje ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel in der Soziologie der Diversität mit den Forschungsschwerpunkten kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, Geschlecht sowie Arbeits- und Gewerkschaftsforschung.

(weitere) Autor*innen:

  • Joachim Becker ist a.o. Professor am Institut für Außenwirtschaft und Entwicklung der Wirtschaftsuniversität Wien.
  • Alex Demirović ist Senior Fellow der RLS, Redaktionsmitglied von PROKLA und LuXemburg und hat unter anderem die Arbeitsschwerpunkte Demokratie- und Staatstheorie, kritische Theorie der Gesellschaft, Bildung.
  • Anne Engelhardt ist Doktorandin am ICDD der Uni Kassel und forscht zu Streiks im brasilianischen und portugiesischen Logistiksektor.
  • Axel Gehring hat Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Marburg und Izmir studiert und promovierte aus regulations- und hegemonietheoretischer Perspektive zu den Türkei-EU-Beziehungen.
  • Ines Höckner ist Studienassistentin und wiss. Tutorin am Institut für Internationale Entwicklung der Uni Wien und arbeitet an historisch-materialistisch wie kritisch-realistischen feministischen Perspektiven.
  • Alke Jenss ist Senior Researcher am Arnld-Bergstraesser-Institut Freiburg und dort verantwortlich für den Themenbereich State & Contested Governance, wo sie unter anderem zu umkämpfter Staatlichkeit forscht.
  • Sarah Lempp ist wiss. Mitarbeiterin bei der Facheinheit Ethnologie der Uni Bayreuth, wo sie zu Klassifikationspraktiken, Rassismus sowie Science and Technology Studies forscht und promoviert.
  • Daniel Mullis ist wiss. Mitarbeiter am Leibnitz-Institut HSFK, wo er am Projekt „Alltägliche politische Subjektivierung und das Erstarken regressiver Politiken. Abstiegsängste, Urbanisierung und Raumproduktion in Frankfurt am Main und Leipzig“ arbeitet.
  • Jennifer Ramme ist wiss. Mitarbeiterin der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa Universität Viadrina im Collegium Polonicum Frankfurt (Oder)/Słubice, in dessen Kontext sie zu feministischen Bewegungen in Polen promoviert.
  • Carolina Alves Vestena arbeitet am Fachgebiet Politische Theorie der Uni Kassel und ist Mitglied des Kollegs „Soziale Menschenrechte“. Sie promovierte zum brasilianischen Programm Bolsa Família und forscht derzeit zu materialistischen Rechtstheorien und sozialen Bewegungen.
  • Betül Yarar ist Senior Researcher in der Abteilung Intercultural Education der Uni Bremen, wo sie als Philipp Schwartz Fellow (Alexander von Humboldt Stiftung) bezüglich AKP‘s gendered body politics and Feminist Counter Strategies forschte.
  • Paul Zschocke ist assoziierter Wissenschaftler am Leibnitz-Institut HSFK, wo er am Projekt „Alltägliche politische Subjektivierung und das Erstarken regressiver Politiken. Abstiegsängste, Urbanisierung und Raumproduktion in Frankfurt am Main und Leipzig“ arbeitet und Doktorand an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Inhalt

Der Sammelband ist in drei Kapitel unterteilt:

  1. Transformationen des Staates und seiner demokratischen Form
  2. Der Antifeminismus im autoritären Populismus
  3. Autoritärer Neoliberalismus als Klassenkampf von ‚oben‘

Diese Kapitel verfügen jeweils über eine theoretische Einleitung, welche die folgenden schlaglichtartigen Länderstudien, lokalen oder vergleichenden Analysen umrahmt.

Alex Demirović eröffnet die Debatte mit einer Zusammenfassung der globalen Rechtsverschiebungen nach der globalen Finanzkrise der Jahre 2007/2008. Er zeigt auf, dass rechte Akteur*innen (autoritären) Populismus als ‚metapolitische‘ faschistische Strategie zur Hegemoniebildung im vorpolitischen Raum, also im Diskurs, in den ideologischen Staatsapparaten und (Pop-)Kultur erkannt haben und nutzen. Schließlich stellt er drei Fragen in Bezug auf die spürbare Autorisierung von Staatlichkeit den Raum:

  1. Ist die Linke in den kapitalistischen Zentren lediglich deswegen alarmiert, weil es nun auch die eigenen Länder betrifft, während doch aber viele Staaten seit vielen Jahrzehnten von autoritären Prozessen bestimmt und in der Krise sind?
  2. Ist die Gleichzeitigkeit eher zufällig oder lassen sich die unterschiedlichen Phänomene in einem theoretisch-begrifflichen Zusammenhang verstehen?
  3. Es stellt sich zudem die Frage, ob dafür Begriffe wie Bonapartismus, Faschismus, Autoritarismus, (Neo-)Nationalismus, Populismus, autoritärer Konstitutionalismus geeignet sind (S. 34).

Im Anschluss werden thesenhaft Lösungen erörtert, die die Verantwortung der kapitalistischen Zentren, die Transformation des bürgerlichen Demokratieverständnisses und -gestus sowie die Hybridität neuer autoritärer Strukturen als Startpunkte weiterer Auseinandersetzung ausmachen.

Axel Gehring untersucht in seinem Beitrag die umrissenen Entwicklungen am Beispiel der Türkei. Er rekonstruiert die Bedingungen und Faktoren des Aufstiegs der AKP und skizziert die Grenzen des autoritären Staatsprojekts der Partei. Mithilfe der hegemonietheoretischen Analyseperspektive, die Hegemonie und Zwang als dialektisches Verhältnis auffasst, geht es zunächst um die gesellschaftlichen historisch-diskursiven Grundvoraussetzungen für einen autoritären Populismus in der Türkei. Anschließend wird die Akteur*innekonstellation zwischen AKP, Establishment und EU beleuchtet. Drittens und Viertens werden die staatlichen Radikalisierungs- und Faschisierungstendenzen, die in Folge des gescheiterten Putschversuchs im Juli 2016 gipfelten, als kriseninduzierte Reaktionen diskutiert. Zuletzt werden potentielle Grenzen der Faschisierung, etwa sichtbar an neuen Parteikonstellationen und Interessenlagen der TÜSIAD, beleuchtet.

Carina Book fokussiert auf die repressiven Staatsapparate, insbesondere die Polizei am Beispiel Deutschlands. Sie rekonstruiert die Entwicklung von Sicherheitsdiskursen und die Neuorganisation rechter Kräfte innerhalb der Bundesrepublik im Anschluss an die Hegemonie- und Finanzkrise 2007/8. Durch die Konstruktion von Fluchtmigration als Gefahr hätten die Sicherheitsapparate erfolgreich eine Aufwertung ihrer diskursiven und strukturellen Stellung erreichen können. Diese inhaltliche Überschneidung mit der (extremen) Rechten, zeige sich in jüngerer Zeit auch an öffentlichkeitswirksamen Schulterschlüssen und Verstrickungen wie Nordkreuz oder ‚NSU 2.0‘. Dies wird als bedrohliche Tendenz autoritärer Staatlichkeit analysiert.

In Carolina Alves Vestenas Beitragwird die etwaige Rolle des Militärs ergänzt, die sich am Beispiel Brasiliens verdeutlichen lässt. Zunächst umreißt Vestana einen progressiven, wenn auch nicht widerspruchsfreien, Zyklus in Brasiliens Entwicklung von 2003–2016, der vor allem durch Infrastrukturprogramme und Sozialpolitik linker Regierungen geprägt war. Für das krisenhafte Ende dieser Phase, das letztendlich zur Wahl Bolsonaros führte, werden zwei komplementäre Faktoren beleuchtet: Erstens das Erbe der Militärdiktatur samt mangelnder Aufarbeitung und Korruption und zweitens die akute Staatskrise inklusive dem Scheitern der Arbeiterpartei PT und staatlicher Repression gegen soziale Bewegungen.

Ines Höckner leitet das Kapitel über Antifeminismus als einem zentralen Bestandteil des autoritären Populismus ein. Sie markiert gender-bezogene Kämpfe als ein Hauptfeld der Auseinandersetzung mit der Rechten und plädiert für weitere Fokusse jenseits ökonomischer Krisenanalyse. Diese Eingangsüberlegungen bezieht sie zudem auf das Beispiel Österreichs, in dessen Fall die Auseinandersetzungen bezüglich der Kategorie Geschlecht, nicht direkt aus krisenerwachsenen Klassenkonstellationen ableitbar seien. Sie versteht diese als „symbolische Klammer, die rechtsextreme und konservative Positionen miteinander verbindet“ (S. 89). In Zuge dieser symbolischen Koalition werden durch femonationalistische Positionen ‚race ‘und gender gegeneinander ausgespielt, patriarchale Strukturen nur als rassistische Fremdzuschreibungen erkannt. Schließlich unterstreicht Höckner die Wichtigkeit intersektionaler Analysen.

Betül Yarar befasst sich in ihrem Beitrag mit den geschlechtspolitischen Positionen der AKP im Kontext der türkischen autoritär populistischen Konstellation. In einem ersten Schritt stellt sie die Entwicklung der AKP-Politik seit 2007 heraus, worauf eine genauere Analyse dieser in Bezug auf gender folgt. Dabei ist die Entwicklung der türkischen Regierungspolitik nicht nur mit ökonomischen Faktoren verknüpft, sondern auch immer mit EU-Politik und der Entwicklung des gescheiterten Integrationsprozesses. Yarar stellt zwei Phasen heraus. In einer ersten Phase konnte die AKP reformistische geschlechterpolitische Maßnahmen zur Bildung von Allianzen und Bindung von Wähler*innen nutzen. Bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise existierten Prosperität und vergleichsweise liberale Ansätze bezüglich geschlechtsspezifischer Selbstbestimmungsrechte. Die globalen polit-ökonomischen Verhältnisse nach 2007 leiteten jedoch eine autoritäre Wende und zweite Phase der AKP-Politik ein. Diese setze vermehrt auf konservative und islamische Diskurse und attackiere in Form weitreichender moralischer Paniken unter anderem Feminismen und die queere Community.

Jennifer Ramme widmet sich rechter Sexualpolitik in Polen. Diese ist in der aktuellen politischen Situation Polens unter PiS geprägt von einem familistischem Ethnonationalismus und Katholizismus. Zunächst bestimmt Ramme die Akteur*innenkonstellation und die juristischen Voraussetzungen für die aktuellen sexualpolitischen Auseinandersetzungen. Anschließend bestimmt sie die diskursiven Zusammenhänge zwischen Familismus und Nation, in deren Zuge Familie explizit völkisch als weiße heterosexuelle Kleinfamilie sowie als Einheit gegen Kommunismus und Liberalismus definiert wird – „in erschreckender Ähnlichkeit zu faschistischen Diskursen“ (S. 120). Es folgt die Analyse der aktuellen PiS-Politik, die dieses Familienbild verstetigt und sich vor allem gegen die LGBTIQ-Community richtet, indem sie bspw. ‚LGQBTQ*freie Zonen‘ ausruft. Darüber hinaus werden jedoch gegenläufige, wenn auch marginalere, Tendenzen in sozialen Bewegungen der urbanen Zentren aufgezeigt.

Alke Jenss führt in den dritten Teil des Bandes – „Autoritärer Neoliberalismus als Klassenkampf von >oben<“ – ein. In diesem Zuge umreißt sie die derzeitige Renaissance des Klassenbegriffs und angewandter Sozialstrukturanalyse. Sie stellt die folgenden Fragen als Orientierungspunkte für die folgenden Debatten(-Beiträge) in den Raum: „Welche gesellschaftliche Basis haben antidemokratisch-konservative Parteien? Wie sind sie arbeits- und sozialpolitisch ausgerichtet? Welche Formen der Entsolidarisierung lösen sie aus und verstärken sie?“ (S. 126). Staatlichkeit, ‚race‘, gender und care werden unter anderem als Faktoren eines erweiterten Klassenbegriffs postuliert.

Daniel Mullis & Paul Zschocke widmen sich der Debatte um Gründe für das Erstarken autoritärer Einstellungsmuster, die zwischen den beiden Polen ökonomischer Erklärungsansätze, die vor allem Abstiegsängste benennen, und kulturell-identitätspolitischer Faktoren rangiert. In ihrer empirischen Lokalstudie in Frankfurt am Main und Leipzig verbinden sie beide Ansätze als verschiedene Konfliktlinien alltäglicher Subjektivierungsprozesse. Sie arbeiten vier Dimensionen einer „regressiven Kollektivität“ heraus: Abstiegserfahrung, Entdemokratisierung, soziale Lage und Rassismus.

Joachim Becker analysiert und vergleicht in seinem Beitrag die Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die Ausrichtung der Staatsprojekte Orbans Fidesz- in Ungarn und der PiS-Regierung in Polen in Bezug auf die Klasseninteressen ihrer Wähler*innenbasis. Die Vielfachkrise ab 2008/9 und die folgende Transformation der Sozialstruktur der Staaten markiert den zentralen Wendepunkt hin zu autoritären Staatsprojekten und einem „Selektiven Wirtschaftsnationalismus“. Dabei erscheine die ungarische Variante deutlich neoliberaler und geprägt durch eine engere Verknüpfung von Staat und einheimischen Kapitalfraktionen, wohingegen die Politik von PiS etwas sozialer, jedoch noch stärker konservativ ausgerichtet sei. In beiden Ländern sind linke und pro-europäische Kräfte schwach und auf die urbanen Zentren konzentriert. Zudem fällt die Wahlbeteiligung sehr gering aus.

Anne Engelhardt verbindet die Elemente Klassenkampf, soziale Reproduktionstheorie und autoritären Neoliberalismus für ihre Analyse aktueller Konfrontationen in Brasilien. Demnach beleuchtet sie zwei Bereiche in denen Klassenkämpfe nicht nur um Klassenverhältnisse, sondern auch Reproduktionsbedingungen innerhalb des autoritär-neoliberalen Staatsprojekts der Bolsonaro-Regierung stattfinden: „Bau und Land“ sowie „Bildung und Frauen_“.

Sarah Lempp fokussiert ebenfalls auf Brasilien. Sie untersucht, wie durch das Handeln der Regierung Bolsonaros in bürokratischer, administrativer und rechtlicher Dimension die Kategorie ‚race‘ (wieder-)hergestellt wird. Dieses Handeln greift vor allem Affirmative Action Programme an, deren Geschichte kurz skizziert wird, um im Anschluss mögliche weitere Entwicklungen unter dem autoritär populistischen Regierungshandeln zu antizipieren. So könnten etwa Quotengesetze für Universitäten und öffentlichen Dienst bereits 2024 ausgelaufen worden lassen sein.

Diskussion

Das Konzept des Autoritären Populismus in der Debatte um Populismus ist noch lange nicht erschöpft. Der Tagungs-Sammelband eröffnet eine Re-Aktualisierung und Perspektivierungen, etwa mit dem Schwerpunkt gender, die Potenziale für weitere Analysen bieten. Auch sind Möglichkeiten bezüglich Lokalstudien oder vergleichende Analysen weiterer Staaten noch nicht ausgereizt. Dies betrifft nicht nur Europa und die USA, sondern auch Südamerika und die restlichen BRIC-Staaten.

Zudem führt die globale Pandemie zur Verstetigung autoritärer Tendenzen und Strukturen, etwa in Polen und besonders in Ungarn. Die Anfälligkeit autoritär-populistischer Führung zeigt sich unter anderem in Brasilien unter Bolsonaro sowie den USA unter Trump und ihrer Politik des Unterlassens mit dramatischen Folgen. Die aktuellen eruptiven #Blacklivesmatter Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt stehen ebenfalls mit den drastischen Auswirkungen der Pandemie und dem sich ankündigenden Rezessionsszenario in Zusammenhang und böten Anlass für weitere Analysen bezüglich autoritärem Populismus im materialistischen Staat und ‚race‘, denen kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Fazit

Der Sammelband ist geeignet für kritische Auseinandersetzung mit Populismus in Verbindung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, Fragen von sozialer Ungleichheit, Antifeminismus, Sicherheitsapparaten, Migration, Globalisierung. Er kann auch als Einstieg in eine präziserer nuancierte und analytischere Rechtspopulismus-Debatte fungieren, die über Hufeisenmodell-induzierte Gleichsetzungen und Akteur*innenfokus hinausgeht. Dabei bleibt, wie für Tagungssammelbände üblich, ein schlaglichtartiger Charakter, der vor allem das theoretische Potenzial des Konzepts „Autoritärer Populismus“ verdeutlicht und zu weiterer tiefer greifender Anwendung dessen einlädt.

Literaturangaben

Demirović, Alex. 2018. Autoritärer Populismus als neoliberale Krisenbewältigungsstrategie. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 48(190):27–42. doi:10.32387/​prokla.v48i190.30.

Hall, Stuart. 1978. Policing the crisis: Mugging, the state, and law and order. London: Macmillan.

Hall, Stuart, and Martin Jacques, editors. 1983. The Politics of Thatcherism. London: Lawrence and Wishart.

Hall, Stuart. 1985. Authoritarian Populism: A Reply to Jessop et al. New Left Review 151:115–24.

Hall, Stuart, and Alan O'Shea. 2013. Common-Sense Neoliberalism. in Soundings, After Neoliberalism?: The Kilburn Manifesto, edited by S. Hall. London: Lawrence and Wishart (https://www.lwbooks.co.uk).

Jessop, Bob, Kevin Bonnett, Simon Bromley, and Tom Ling. 1984. Authoritarian Populism, Two Nations, and Thatcherism. New Left Review 147:32–60.

Jessop, Bob, Kevin Bonnett, Simon Bromley, and Tom Ling. 1985. Thatcherism and the Politics of Hegemony: A Reply to Stuart Hall. New Left Review 153:87–101.

Laclau, Ernesto. 1977. Politics and Ideology in Marxist Theory: Capitalism, Fascism, Populism. 2nd ed. London: NLB.

Laclau, Ernesto. 2005. On Populist Reason. London: Verso.

Mudde, Cas. 2019. The far right today. Cambridge, UK, Medford, MA: Polity Press.

Nadal, Lluis de. 2020. On populism and social movements: from the Indignados to Podemos, Social Movement Studies, DOI: 10.1080/14742837.2020.1722626


Rezension von
Georg Gläser
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Zitiervorschlag
Georg Gläser. Rezension vom 10.07.2020 zu: Carina Book, Nikolai Huke, Norma Tiedemann, Olaf Tietje (Hrsg.): Autoritärer Populismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. ISBN 978-3-89691-257-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27098.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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