socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Karin Fink, Wolfgang B. Werner: Stricher. Ein sozialpädagogisches Handbuch [...]

Cover Karin Fink, Wolfgang B. Werner: Stricher. Ein sozialpädagogisches Handbuch zur mann-männlichen Prostitution. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2005. 396 Seiten. ISBN 978-3-89967-156-8. 20,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Überblick

Das vorliegende Handbuch beschreibt auf 358 Seiten detailliert die Szene der mann- männlichen Prostitution. Angefangen bei ihrer Geschichte, über Stricher, Freier, Gewalt und Aggression in der Szene, arbeiten sich die Autoren vor zu den Ausübungsorten, der Gesetzgebung (inklusive einem Extrakapitel zum neuen Infektionsschutzgesetz) und gelangen schließlich nach einem Blick auf die Gesundheitsförderung und Prävention in der sozialpädagogischen Stricherarbeit zur realen Szene. Hier beschreiben sie eindrucksvoll die Chancen und Grenzen sozialer Arbeit im Prostitutionskontext und benennen wichtige Zielrichtungen.

Autoren

Die Autoren sind beide Diplom-Pädagogen und seit 1992 in Stricherprojekten tätig. Als  Mitbegründer der Stricherarbeit in Deutschland haben sie deren Entwicklung maßgeblich beeinflußt.

Inhalt

Schon in der Einleitung werden Begriffe und grundlegende Fragen geklärt:  Wo fängt z.B. "Anschaffen" an? Findet man in Stricherbars nur Stricher und in "Boy- Clubs" nur Callboys?

Die Autoren teilen die Szene der mann-männlichen Prostitution in die am Bahnhof und in Kneipen lokalisierbare "reale Prostitutionsszene", in die Gruppe der um reale Kontakte werbende "virtuellen Prostitutionsszene", und die "virtuelle Prostitutionsszene", welche für Freier nur indirekte Kontakte ermöglicht. Die Kunden von männlichen Prostituierten werden in pädosexuelle Männer und Freier kategorisiert. Die Stricher hingegen definieren sich nach Alter und dem Grad der Verfestigung der Prostitutionsausübung und erlauben demnach eine Einteilung in drei Gruppierungen: "Einstieg in die Prostitution", "Prostitution als Überlebensstrategie" und "Prostitution mit Bewußtsein". Die zweite Gruppe ist mit 90% Anteil für sozialpädagogische Arbeit die wichtigste.

Im Folgenden umreißen die Autoren den geschichtlichen Hintergrund der männlichen Prostitution von der  klassischen Antike bis zur Nachkriegszeit. Ebenfalls aufgezeigt wird das Aufkommen von Aids und dessen Auswirkungen bis in die heutige Zeit, welche die mann- männliche Prostitution langsam ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken sollte.

Im nachfolgenden Kapitel werden Stricher weiter in solche mit professionellem oder semiprofessionellem Bewußtsein aufgeteilt. Unterschieden werden also Jungs und Männer, die in der eigenen Wohnung, im Club oder Apartment, in Striptease- Lokalen oder bei Begleitagenturen arbeiten und solche die der Notlagenprostitution nachgehen, sich noch im Coming- out befinden oder Mißbrauchserfahrungen kompensieren. Zu dieser Gruppe gehören schließlich auch jene Stricher, welche entweder ohne rechtliche Selbständigkeit arbeiten und/ oder in Gefahr stehen, in die pädosexuelle Szene abzugleiten.

Der Frage nach den Beweggründen für die Prostitution gehen die Autoren im folgenden Kapitel nach und benennen u.a. "Neugier", "Suche nach sexueller Identität, die Lust am Ausprobieren", "Materielle und immaterielle Werte", "Drogen und Süchte", "Prostitution als Überlebensform auf der Straße", "Suche nach Familie", "Coming- out", "Sexuelle Gewalt" und  "Narzißmus".

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der gesundheitswissenschaftlichen Forschung. Auf der Suche nach "Infektionskettengliedern" bei der HIV-Übertragung wurden u.a. Stricher und deren Kunden als Gefahrenquellen entdeckt.

Anschließend werden die Kunden von männlichen Prostituierten genauer kategorisiert und beschrieben. Die gängigen Attribute, mit denen Freier belegt werden führen gerade in Zeiten von HIV/ Aids dazu, daß sich keine positiv besetzte Freier- Identität bilden kann, so dass keine Präventionskonzepte oder "gesunde" Lebenskonzepte aufgebaut werden können. Nach einer Studie (spi- Berlin) werden Freier in zwei wesentliche Typen aufgeteilt: Typ 1 fordert unkomplizierten Sex für Geld, woraus Konflikte aus der Trennung von Sex/ Liebe, Geschäft/ Beziehung, Strich/ Alltag, Homo-/ Heterosexualität entstehen können. Typ 2 sucht Liebe auf dem Strich und ist unfähig zwischen Zuneigung und Geschäft zu trennen. Er besteht mitunter geradezu auf der Unklarheit der Beziehung, um die Illusion einer nicht nur über das Geld geregelten Bindung möglichst lange aufrecht zu erhalten. Im Weiteren stellen die Autoren Freiergruppen und deren Motive dar, auf dem Strich Sex zu suchen.

Einem wichtigem Thema widmen die Autoren den nächsten Abschnitt: Gewalt spielt in der Szene der mann- männlichen Prostitution leider eine große Rolle. Sie findet in sexueller, struktureller (durch Ordnungskräfte), alltäglicher und familiärer Gewalt ihren Ausdruck. Auch dementsprechende negative Erfahrungen aus  Heimen oder Herkunftsländern, sowie Gewalt untereinander werden bis hin zur Zwangsprostitution thematisiert. Die Liste ist lang und es ist um so erstaunlicher, daß es, nach Aussagen der Autoren, für Jungen, die auf der Strasse leben und (sexuelle) Gewalt erfahren haben, zur Zeit keine therapeutischen Hilfeangebote gibt. An dieser Stelle wird ausdrücklich die Forschung aufgefordert, neue Ansätze zu finden. Beratung ohne therapeutische Hilfe reicht hier nicht aus.

"Gesetzgebung und Rechtsfragen, die die mann-männliche Prostitution betreffen" ist ein Kapitel, das sich mit den wichtigsten Paragraphen des Strafgesetzbuches (StGB) zu den Themenbereichen "Pornographie", "sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen" und "Prostitutionsgesetzgebung" befaßt. So werden besonders §203 StGB- Verletzung von Privatgeheimnissen, §11 StGB- Personen und Sachbegriffe, §184f. StGB- Begriffsbestimmungen, §176- Sexueller Mißbrauch von Kindern, §182 StGB- Sexueller Mißbrauch von Jugendlichen, §180- Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, §184 StGB- Verbreitung pornografischer Schriften u.a. einfach und praxisnah erläutert. Es folgt eine Einführung in das neue Prostitutionsgesetz und ein kurzer Abriß zu den Veränderungen und Unklarheiten der neuen Gesetzgebung  bezüglich Arbeits- oder Beschäftigungsverhältnis, Versicherungsschutz, Krankenversicherung etc. Das letztlich nur die wirklich professionell arbeitenden Callboys vom gültigen Recht profitieren, bleibt der kritischen Analyse nicht verborgen.

Im Rahmen der Diskussion um Neuerungen haben die Autoren auch das aktuelle Infektionsschutzgesetz in Bezug auf die Zielgruppe hin untersucht. Der Leser erfährt hier die wesentlichen Änderungen u.a. im Bezug auf die Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten und die Pflichten der Gesundheitsämter.

An dieser Stelle schließt sich das Kapitel über die Prävention und Gesundheitsförderung im allgemeinen und in der sozialpädagogischen Stricherarbeit logisch an. Es werden 23 Unterschiede genannt, die deutlich machen, dass Stricher anders sind als andere Jugendliche, "...da sie sich hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsmerkmale, ihrem sozialen Verhalten, ihren Erfahrungen, ihrer Traumatisierung und den Einstellungen zu ihrem Verhalten von anderen Jugendlichen unterscheiden, obwohl sie all diese Phasen wie alle anderen Jugendlichen auch durchlaufen". Im Bezug auf Prävention und gesundheitsfördernde Maßnahmen bedeutet dies, dass Stricher unterstützt werden müssen, damit sie ihre Bedürfnisse erkennen, um dementsprechend handeln zu können, sowie die Ressourcen von Strichern zu stärken, um sowohl Zwangsprostitution als auch eine Infektion mit HIV und anderen STIs zu vermeiden.

Die Autoren beschreiben im folgenden Praxisrelevantes für SozialpädagogInnen, u.a. warum die Erwartungen von Strichern manchmal nicht mit denen der professionellen Helfern übereinstimmen, warum die Arbeit im Umfeld unklarer sexueller Orientierung schwierig ist, wie Stricher alltagspraktisch mit Streß- Situationen umgehen und was man beachten muss, wenn man pädagogisch mit ihnen arbeiten möchte. In Deutschland arbeiten zurzeit sieben Einrichtungen für Stricher. Die Einrichtungen tauschen ihre Erfahrungen regelmäßig im "Internationalen Fachkreis für Stricherarbeit im deutschsprachigen Raum (AKSD)" aus und werden von der Deutschen Aids- Hilfe unterstützt. Die "Reale Szene" beschreiben die beiden Autoren im Hinblick auf die Soziale Arbeit und ihre Grenzen. Wesentlich hierbei sind folgende Erkenntnisse: SozialarbeiterInnen müssen akzeptieren, dass es auch Stricher gibt, die keine Hilfe, die über die Benutzung einer Anlaufstelle hinausgeht, annehmen wollen oder können; Stricherarbeit benötigt viel Zeit, Geld, Geduld und einen langen "sozialarbeiterischen Atem", da vorschnelle Hilfsangebote Enttäuschungen auf beiden Seiten mit sich bringen. Der Leser bekommt ein Bild davon, wie sich die Arbeit mit Strichern in Kneipen, am Bahnhof oder auf öffentlichen und halböffentlichen Plätzen im Rahmen von Streetwork gestaltet.

Dass eine große Gruppe der Stricher Migranten ausmacht, geht aus dem Kapitel "Migration, Prostitution und Gesundheit" hervor. Die wesentlichen Schwierigkeiten in dieser Arbeit sind u.a.: sprachliche Barrieren, mangelndes Wissen über Präventionsmaßnahmen, Aggressivität aus der Gruppe heraus, Zuhälterei, Homophobie, großes Mißtrauen gegenüber den MitarbeiterInnen des Projektes und fehlende Krankenversorgung. Wirkungsvolle Hilfesangebote sind diesbezüglich u.a. kulturelle Mediationen, zielgruppenspezifische Multiplikatorenkonzepte, Rückkehrhilfen, Ausstiegmodelle, interkulturelle Öffnungen und mittels Vernetzung Prävention in den Heimatländern. Die Autoren diskutieren die Frage, ob Stricherarbeit Männersache sei. Auch wenn Stricherarbeit "Jungenarbeit" ist, die aus der feministischen "Mädchenarbeit" entstand, hat sich gezeigt, dass Frauen sehr wohl in der Stricherarbeit einen festen Platz haben. Sie können in der pädagogischen Arbeit eine wichtige Funktion als wichtige Bezugsperson oder als Bindeglied zwischen Frauen- und Männerwelten bei Migranten und in der Arbeit mit transsexuellen Strichern übernehmen.

Die "Sexuelle Delinquenz in Bezug auf Kinder und Jugendliche" - ein weiteres Thema des Buches - spielt in der mann- männlichen Prostitution in so fern eine wichtige Rolle, da oftmals Jungs ihren Einstieg in die Prostitution nicht auf Bahnhöfen oder in Stricherkneipen gefunden haben, sondern in Einkaufscentern oder Schwimmbädern, wo sie gezielt von pädosexuellen Männern "irgendwie angemacht werden". Dies hat der Berliner Verein "SUB/WAY" im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie mit beunruhigendem Ergebnis untersucht: Jeder vierte der 500 interviewten Jungen (Raum Berlin) berichtete von sexuell motivierten Kontaktaufnahmen durch Erwachsene, jeder 16. Junge erlebte mit ihnen sexuelle Handlungen. Für die soziale Arbeit bedeutet diese Erkenntnis, dass Jungen in ihrem Freizeit- und  Aufenthaltsraum mit der Thematik pädosexuelle Übergriffe konfrontiert werden, und pädosexuelle Übergriffe nicht "einfach so" stattfinden. Vielmehr verlaufen sie nach einem bestimmten Muster, auf das Präventionsstrategien zielen können. Mittlerweile gibt es das Projekt "berliner Jungs", das gegen pädosexuelle Übergriffe auf Jungen in der Öffentlichkeit arbeitet. Abschließend kommen Stricher, Callboys und Transgender unterschiedlichen Alters unkommentiert zu Wort.

Fazit

Das Buch trägt die Bezeichnung "Handbuch" im Titel, doch ist dies bei weitem untertrieben. Es ist die "Bibel der Stricherarbeit in Deutschland". Nicht für jedermann, aber doch für jede(n), der/ die mit Strichern arbeitet, arbeiten möchte oder einfach Informationen zum Thema sucht. Umfassender und genauer kann man die Szene und Arbeit mit den unterschiedlichen Zielgruppen nicht beschreiben, nichts wurde hierbei vergessen. Die Lesbarkeit ist auch bei vermeintlich "trockenen" Inhalte dank zahlreicher Beispiele sehr gut. Den Autoren gebührt Dank und Anerkennung für ihre herausragende Pionierleistung - Bravo!


Rezension von
Dipl. Soz.Arb. Jan Bluschke
Berlin
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Jan Bluschke anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jan Bluschke. Rezension vom 20.09.2005 zu: Karin Fink, Wolfgang B. Werner: Stricher. Ein sozialpädagogisches Handbuch zur mann-männlichen Prostitution. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2005. ISBN 978-3-89967-156-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2710.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung