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Lerke Gravenhorst, Ingegerd Schäuble u.a.: Fatale Männlichkeiten - kollusive Weiblichkeiten

Cover Lerke Gravenhorst, Ingegerd Schäuble, Hanne Kircher, Jürgen Müller-Hohagen, Karin Schreifeldt: Fatale Männlichkeiten - kollusive Weiblichkeiten. Zur Furorwelt des Münchner Hitler. Folgen über Generationen. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. 324 Seiten. ISBN 978-3-944442-51-8.

Reihe: Substanz.
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Resonanzraum als individueller und kollektiver Hall

Das traditionelle Bild vom einsamen, in sich gekehrten, vielleicht in einer abgelegenen Berghütte, einer abgeschlossenen Mietwohnung oder sonstigem isoliertem Raum lebenden Schriftsteller und Erzähler (immer ist damit natürlich auch die weibliche Form gemeint), hat sich in unseren Vorstellungen eingerichtet. Kreatives Schreiben entsteht durch Begabung und Eingebung; es sind Blitze, Erinnerungen und Erfahrungen, die über den Schreibenden hereinbrechen und ihn vielleicht sogar zum „Triebschreiber“ machen. Einflüsse von anderen Menschen auf sein literarisches Wirken zeigen sich eher in professionellen Initiativen, wie z.B. in wissenschaftlichen Einrichtungen zum Erlernen des kreativen Schreibens, etwa an den Universitäten in Leipzig und Hildesheim, oder in Literaturwerkstätten und Literaturwettbewerben.

Dort, wo historische, epochale, politische und mentale Ereignisse erforscht und über sie berichtet werden, ist der Alleinerzähler meist nicht gefragt. Die Ergebnisse stellen sich meist als Gemeinschaftswerke dar. Auf eine solche Initiative wird hier aufmerksam gemacht. Es ist die „Resonanzgruppe“, die aus fünf Autorinnen und Autoren besteht und mit dem Schreibprojekt „Fatalitätsaspekte zur Person Hitlers“ seit Jahren mit verschiedenen psychologischen, anthropologischen und künstlerischen Aktivitäten zusammenarbeiten. Es sind insbesondere Fragen zu den ideologisierten Wirkungen und Einflüssen des faschistischen, nationalsozialistischen Denkens und Tuns, und dabei in besonderer Weise Männlichkeits- und Weiblichkeitsprägungen im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung. Bei den Auseinandersetzungen mit den Ideologien und Folgen von nationalistischen, ethnozentristischen, rassistischen und geschlechterspezifischen Einstellungen liegen mittlerweile zahlreiche Forschungsergebnisse vor. Hier sollen nur drei davon erwähnt werden: Lenoni Wagner, Nationalsozialistische Frauenansichten, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9748.php; Ursula Mahlendorf, Führers begeisterte Töchter, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16998.php; Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26436.php.

Zur Resonanzgruppe gehören die Soziologin, Familien-, Frauen- und Geschlechterforscherin Lerke Gravenhorst, die Therapeutin und Künstlerin Hanne Kircher, der Psychologe und Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen, die Soziologin und Supervisorin Ingegerd Schäuble und die Psychoanalytikerin Karin Schreifeldt. Ihre intellektuelle Zusammenarbeit ist getragen von dem Bewusstsein, dass wir in unserem historischem Nachdenken und Reflektieren über das Entstehen, Wirken und die Folgen der nationalsozialistischen Politik und Verbrechen nur dann für die Gegenwart und Zukunft Erkenntnisse und Motivation zum „Nie wieder!“ finden können, wenn wir uns um objektive Informationen und Wissen bemühen. Diese Herausforderungen sind in den Zeiten der Fake News, der Fake Followers, der Geschichtsverklitterungen und -vergessenheit und der populistischen Kakophonien dringlicher denn je. Wie die verschiedenen, weltweiten antidemokratischen Entwicklungen zeigen, sind es weiterhin fatale, autoritäre und diktatorische Männlichkeitsmuster und kollusive Weiblichkeitsstrukturen, die zu Zivilisationsbrüchen führen. Dies im öffentlichen, objektiven wissenschaftlichen Diskurs zu verdeutlichen, ist möglicherweise mit psychologischen und kreativen Argumentationen und Analysen wirksam. Mit dem Begriff „fatale Männlichkeit“ verweisen die DiskutantInnen auf völkische, rassistische und faschistische Auffassungen, wie sie in der nationalsozialistischen Ideologie verwendet wurden. Mit „kollusiver Weiblichkeit“ wird ein dominantes, am Männlichkeitswahn orientiertes und diesem untergeordnetes Rollenverständnis verstanden. Beide Formen vermischten sich im NS-Staat zu hegemonialen Einstellungen: „Der Nationalsozialismus ist eine männliche Lehre des Kampfes, zugleich eine männliche Lehre der Ordnung“ (Hitler, 1927). Die Erkenntnis ist zwar nicht neu, dass die Nationalsozialisten 1933 nicht plötzlich als braune Gespenster aufgetaucht sind, sondern sich als „Geschichte in uns“ entwickelt haben, etwa mit den historischen Erfahrungen, wie sie sich in Kriegen, in kolonialistischen Ideologien und Höherwertigkeitsvorstellungen; doch wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, kann dies nur mit Aufklärung und einem Perspektivenwechsel gelingen, mit dem wir die „Geschichte in uns“ befragen, aushalten und verändern.

Aufbau und Inhalt

Neben der „Einladung an die Lesenden“, sich auf die in der Resonanzgruppe in einer mehrjährigen Kommunikation und Kooperation entstandenen verbalen und künstlerischen Reflexionen über „den frühen Hitler“ und die Folgen des verbrecherischen NS-Regimes einzulassen und „bewusste oder unbewusste Identifikationen mit … Folgen und Ausläufern des nationalsozialistischen Systems aufdeckend zu betrachten und in gemeinsamen Suchbewegungen einen Prozess der weiteren Abkoppelung davon, einer Ent-Identifikation, anzuregen“, wird das Buch in fünf Teile gegliedert: Im ersten Teil thematisiert Lerke Gravenhorst: „Der frühe Hitler und sein Vorsatz eines NS-Zivilisationsbruchs: Fatale Männlichkeit als Grundlegung“. Sie entfaltet die Entwicklung in fünf Kapiteln. Im ersten Kapitel wird „Der frühe Wahn von Weltbeherrschung als Menschenvernichtung“ dokumentiert; im zweiten geht es um „kollusive Weiblichkeiten“, indem Bedeutungen und Einflüsse von Frauen in politischen und persönlichen Bindungen an den frühen Hitler dargestellt werden; im dritten wird „Fatale Männlichkeit“ in Hitlers Identitäts-, Erfahrungs- und Phantasiebewusstsein nachgewiesen; im vierten werden seine fatalen Männlichkeitsprägungen aufgezeigt; und im fünften Kapitel schließlich wird angeregt, einen neuen Blick auf das frühhitlerische Denken eines Zivilisationsbruchs zu richten, und zwar vergangenheitsreflektiert, gegenwartsbestimmt und zukunftsorientiert, um „die existierende Vielfalt von Männlichkeiten und deren historisch-gesellschaftliche Bevorzugung bzw. Vernachlässigung kenntlich“ zu machen.

Der insgesamt 234 Seiten umfassende Text von Lerke Gravenhorst entstand im Laufe etwa eines Jahrzehnts, eingebunden in Kolloquiums-Zusammenkünften und Diskussionen. Weil die Autorin ab 2015 wegen räumlicher Distanzen nicht mehr regelmäßig an den Sitzungen der Münchner Resonanzgruppe teilnehmen konnte, legte sie, dezidiert darauf verweisend, dass es sich bei ihrer Analyse zum Zivilisationsbruch der Nazis um ein Gemeinschaftswerk handele, der Gruppe ihren Text vor. Die restlichen TeilnehmerInnen – Müller-Hohagen, Schäuble, Schreifeldt und Kircher – reagieren darauf überwiegend mit Zustimmung. Trotzdem herrschte nicht grundsätzliche Übereinstimmung vor: „Ich dachte, es ginge beim Thema fataler Männlichkeiten auch um heute, um uns Nachkommen, darum, wie wir mit diesem Erbe leben können – aber so, immer nur Hitler, habe ich mir das nicht vorgestellt!“. Die Bedenken, dass die ausführliche Analyse der Hitlerschen Männlichkeits-, Macht- und Hierarchie-Phantasien dazu beitragen könnten, nicht Abschreckung und Lehre, sondern sogar Werbung zu bewirken, sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Sie fragen: „Und nun? Die Fakten und wir Nachgeborenen – von Lähmungen und Lösungen“. Menschheitsverbrechen durch fatale Männlichkeits- und kollusive Weiblichkeitsvorstellungen geschahen während des NS-Regimes. Dass sie sich auch zu anderen Zeiten der menschlichen Geschichte ereigneten, soll die Ungeheuerlichkeit des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs in keiner Weise relativieren. Dass Menschheitsverbrechen auch weiterhin begangen werden, muss Mahnung und Aufforderung an die Lebenden auf der Erde sein.

Hanne Kircher hat während der Resonanz-Gespräche Bilder gemalt, mit denen sie „das Ringen zwischen uns Fünf in einer ‚anderen Sprache‘“ ausdrückt (S. 280 – 292). Karin Schreifeldt und Jürgen Müller-Hohagen stellen mit dem Beitrag „In Resonanz und De-Mut“ Überlegungen aus psychologischer Sicht an. Sie nehmen sich vor, „in unserer therapeutischen Arbeit mehr als bisher einerseits kollusive Verstrickungen wahrzunehmen und zum anderen dabei das verborgene … Weiterwirken fataler Männlichkeitsmuster in Betracht zu ziehen“. Lerke Gravenhorst beendet mit persönlichen Bemerkungen die Studie, indem sie „Unbegreifliches in der Vergangenheit – Hoffnung für die Zukunft“ zusammenbringt.

Fazit

Klaus Theweleit macht bei der 2019 erfolgten Neuherausgabe seines 1977/78 verfassten Werks über „Männerphantasien“ in seinem Nachwort auf die nach wie vor aktuellen Bezüge und Wirklichkeiten aufmerksam. In dem vom Deutschlandfunk am 17. November 2019 ausgestrahltem Interview betont er: „Bestimmte Formen von männlicher Gewalt sind ja nicht verschwunden. Sie sind in unserer Gesellschaft zwar gemildert gegenüber den Situationen 1919/20, die ich beschreibe, und auch gegenüber den 30er-, 40er-Jahren, aber weltweit hat Gewalt an vielen Stellen eher zugenommen, auch gerade eine bestimmte Sorte männlicher Gewalt“.

Das Vorhaben und die Hoffnung der Resonanzgruppe, mit der umfangreichen Analyse der nationalsozialistischen Geschlechter-, Macht- und ideologischen Politik andere, neue Blickrichtungen zu eröffnen, die Vergangenheitswirklichkeiten besser erkennbar und begreifbar machen, auf gegenwärtige Kollusionen human und menschenwürdig reagieren, und beim Entstehen von zukünftigen Entwicklungen mitwirken zu können, ist zu begrüßen. Das Buch ist einzuordnen in die individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Visionen, dass es gelingen möge, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.06.2020 zu: Lerke Gravenhorst, Ingegerd Schäuble, Hanne Kircher, Jürgen Müller-Hohagen, Karin Schreifeldt: Fatale Männlichkeiten - kollusive Weiblichkeiten. Zur Furorwelt des Münchner Hitler. Folgen über Generationen. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-944442-51-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27110.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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