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Meike Schmidt-Gleim: Was hätte Virginia Woolf dazu gesagt?

Cover Meike Schmidt-Gleim: Was hätte Virginia Woolf dazu gesagt? Warum Feminismus heute noch aktuell ist. MARTA PRESS (Hamburg) 2018. 148 Seiten. ISBN 978-3-944442-85-3. D: 18,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 22,00 sFr.

Reihe: Feminists speak out.
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Autorin

Marta Gleim ist Philosophin und Künstlerin und mischt in ihren Arbeiten beide Bereiche auf kreative Weise. Sie hat Beiträge zu Themen wie Feminismus und Demokratie, Kunst und öffentlichem Raum publiziert, war Stipendiatin an verschiedenen Hochschulen in Deutschland und den USA und hat sich an diversen Ausstellungsprojekten beteiligt.

Thema

In ihrer Publikation mit Bezug zu Virginia Wdolf thematisiert sie ihre Verbindung zu einem für die neue feministische Bewegung immer noch relevanten Buch, in dem der Titel „Ein Zimmer für mich allein“ eine der großen Herausforderungen für Frauen ihrer Zeit markiert hat. Allein sein, Zeit für sich haben, war für ein Leben in dieser Zeit innerhalb der Konstellationen von Küche, Kinder und Kirche nicht vorgesehen. Einen Raum für sich selbst zu fordern war, eine provokante Forderung, noch dazu ergänzt um die Forderung nach eigenem Geld. Meike Gleim greift dieses Thema von Virginia Woolf auf um sich in einem Dialog mit ihrer historischen Figur mit aktuellen Fragen des Feminismus auseinanderzusetzten. Dies geschieht – nach der Einleitung - in drei getrennt voneinander lesbaren Essays und einem abschließenden Resümee, das auf die aktuelle feministische Debatte Bezug nimmt. Durchgängige Methode ist der fiktive Dialog mit Virginia Woolf.

Inhalt

Die Einleitung erläutert den Zugang der Autorin zu Virginia Woolf, einem verstaubten Reclam-Heftchen das ihr in die Hände fällt und ihr während der Lektüre zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit der damaligen Autorin verhilft. Sie kann ihr beim Schreiben zusehen, fragt die Autorin um Rat bei der kritischen Auseinandersetzung mit den aktuellen persönlichen Fragen, die sie umtreiben: warum sie sich schämt, wenn der Grabscher ihr zwischen die Beine fasst, warum sie nicht sagen darf, dass Kinder und Job ihr keine Zeit für sich selbst lassen und wieso sie als Antwort erhält sie habe die Kinder doch gewollt? Wieso sie nicht über ihre Abtreibung sprechen dürfe, wieso man ihr nachdem die Kinder erwachsen sind entgegenhält, dass sie ohne Kinder doch wohl auch keine Karriere gemacht hätte. Fragen wie diesen geht sie nach und transformiert die alten Fragen in ihre neuen: Wie kommt es, dass sich Frauen in der westlichen Welt trotz einem Zimmer für sich allein und dem Zugang zu eigenem Geld in einem Korsett gefangen sehen, das historische normative und repressive Subjektkonstitutionen für Frauen fortsetzt.

Kapitel 2

In Kapitel 2 werden Alltagsbeobachtungen zur Arbeitsteilung im Dialog mit den „verstaubten“ Überlegungen von Virginia Woolf angestellt. Thema ist die „Reproduktive Arbeit im gesellschaftlichen Wandel“, der sie durch mehrere Beispiele nachgeht. Der Schulhof, die Arbeitsteilung Nord-Süd global, die Nanny, mütterliche Sorge um den Erfolg der Kinder, die Annahme, dass ihre Schwangerschaft zur automatischen Ausbildung in Fragen der Kinderversorgung werde, sind Beispiele an denen entlang eine fast unsichtbare Grenze zwischen den Geschlechtern deutlich wird. Die aus der Mode gekommene Forderung der 70er Jahre Feministinnen – so die Autorin - werde mit diesen Überlegungen wieder hochaktuell: Multitasking als weibliche Fähigkeit, Termine im Büro nach Betreuungszeiten der Kinder, die Fragen bei der Einstellung wie eine Frau als Mutter denn die Organisation ihres Alltags bewältigen wolle, die stillschweigende Unterstellung Väter seien freigestellt! In dem Gespräch mit Virginia Woolf entdeckt die Autorin neu, dass auch heute eine Konzentration auf die eine Sache, wie das Schreiben eines Buches, nach wie vor ein schwer zu eroberndes Terrain der care-taking parents sei.

Kapitel 3

In Kapitel 3 setzt die Autorin ihren Dialog mit Virginia Woolf auf anderer Ebene fort: Sie trifft sich zum Mittagessen mit acht akademischen Frauen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst und bringt ihre Notizen zum Setting, den Gesprächen und den Erfahrungen dieser Frauen im Nachhinein zu Papier. Es geht um das `Wie` der niedrigeren Entlohnung von Frauen auf den gleichen Stellen, darum, wieso Männer die auf dem Arbeitsplatz Pornos schauen, gedeckt werden. Thema sind das Distinktionsmittel Kleidung, Diäten und Männerwitze sowie die Verweisung von Frauen auf Konferenzen oder Einladungen zu den begleitenden Ehefrauen. Amüsant werden parallel zum Gespräch die Interventionen des Kellners aufgegriffen, der seinen Gendererfahrungen gemäße Beiträge liefert und die Szene als Alltagserfahrung von Gender unterstreicht.

Kapitel 4

In Kapitel 4 werden die beiden vorherigen Teile in einen wissenschaftlichen Kontext neu diskutiert – vor allem im Hinblick auf die mediale Vermarktung dessen, was Frau sei. Weiterhin trägt die Autorin ihr Reclamheft bei sich und die Auseinandersetzung im fiktiven Dialog mit Virginia Woolf wird weitergeführt. Die Frage ist: Wer denn nun ist der Feind? Wer stellt diese Widerstände her, wenn Frauen versuchen im Beruf erfolgreich zu sein? Wieso halten sich die Muster, die die Frauen am Mittagstisch als Anekdoten erzählen? Wie sind Schulhof, die Nanny, das Management von Care weiterhin verstrickt und führen immer wieder zum ungleichen Geschlechterverhältnis? Hier verfolgt sie nicht Virginia Woolfs Vorschlag, an den Zuständen vorbeizusehen, sondern re-thematisiert Kritiken am institutionalisierten Sexismus der 70er Jahre. Die Lösung findet sie in den Bildern der Geschlechterwelten, die Körper von Frauen modellieren und kommodifizieren. Mit einer Fülle von Beispielen diskutiert sie Bilderwelten feministischer Wege wie die der queer- und Intersektionalitätsdebatte oder Aktivistinnen wie Femen und #MeToo, und ebenso den immer wieder gleichen Engführungen von Geschlecht in medialen Inszenierungen.

Kapitel 5

Im letzten Teil, Kapitel 5, werden die zuvor beschriebenen Szenen als Teil eines feministischen Diskurses eingeordnet. Im Gespräch mit Virginia Woolf versucht sie dieser und damit der Leserschaft zu erläutern, wieso heute von Frauen geschriebene Bücher keine große Relevanz mehr hätten. Die anschließende subjektive Auswahl und Vorstellung feministischer Autorinnen für Virginia Woolf wird zu einer historischen Aufarbeitung zentraler Fragen des Feminismus seit den 70er Jahren, die von Simone de Beauvoir bis Butler reicht. Virginia wird zur Zuhörerin, vernimmt erstaunt die Wendungen der Zersplitterung binärer Geschlechterordnung, um dann doch wieder ihren Text der Autorin zum Nachdenken zu hinterlassen.

Diskussion

Der Dialog einer zeitgenössischen feministischen Autorin mit einer alten fast vergessenen Autorin Anfang des 20. Jahrhunderts hat ihren eigenen Reiz bei der Lektüre. Die vielen Beispiele aus eigenen Erfahrungen dürften viele Nerven zum Anspannen bringen, sie treffen gerade in der Leichtigkeit des Schreibens auf die Realität, mit der sich jede Frau auseinandersetzen muss – seien es die sexualisierten Lebensweisen, die Macht der Frauen-Bilder oder die Zerstückelung weiblicher Körper, die den Raum besetzen. Die unsichtbar gemachten Zumutungen geschlechtlicher Arbeitsteilung werden auf amüsante und dennoch treffende Weise mit subjektivem Blick und gerade dadurch mit einer eindringlichen Vergleichbarkeitsoption für die Leser*innen vorgeführt. Auch wenn der Rekurs auf Virginia Woolfs Buch gelegentlich nicht überzeugt, bietet die dadurch gewählte Form den historischen Bezug eines heutigen Feminismus, der in vielen neueren Arbeiten nicht mehr auftaucht.

Fazit

Das Buch von Meike Gleim „Was hätte Virginia Woolf dazu gesagt? Warum Feminismus heute noch aktuell ist“, klärt selbige Frage auf leicht lesbare und kreative Weise. Im fiktiven Gespräch mit der Autorin des feministischen Romans von Virginia Woolf, der 1929 erschienen ist und nicht nur für die schreibende Frau „Ein Zimmer für sich allein“ forderte, entwickelt sie die Geschichte des aktuellen Feminismus seit den 70er Jahren. Eigene Erfahrungen in Alltagssituationen, ein Gruppengespräch mit akademischen Mittelstandsfrauen, die Entschlüsselung moderner sexualisierter Bilderwelten und feministische Antworten darauf, führen zu einer wunderbar amüsanten und dennoch immer wieder verstörenden Lektüre. Die Bilderwelten und Realitäten des modernen Westens werden gegeneinander und verflochten miteinander im Dialog mit dem fiktiven Gegenüber und ihrem Buch entwickelt. Sie führen die Leser*innen in feministisch interpretierte Alltags- und Berufswelten. Am Ende des Bandes – nach den Erläuterungen des modernen Feminismus im Gespräch mit Virginia Woolf dürfte jede*m klargeworden sein, wieso der Feminismus heute noch aktuell ist.

Das Buch von Meike Gleim würde ich jede*r Frau und jedermann zur Lektüre empfehlen. Es ist eine wundervolle Leichtigkeit, die sich durch das Buch zieht und damit dem Thema die anderen feministischen Büchern eigene Schwere etwas Anderes entgegensetzt.

Abstract

The book by Meike Gleim "What would Virginia Woolf have said about this? Why Feminism is still relevant today" clarifies the same question in an easily readable and creative way. In a fictional conversation with the author of Virginia Woolf's feminist novel, which was published in 1929 and called for "A room of One/`s one”, she develops the history of contemporary feminism since the 1970s. The author remembers her own experiences in everyday situations, a group discussion with middle-class academic women, the decoding of modern sexualized imagery and feminist responses to it, lead to a wonderfully amusing yet always disturbing reading. The fictional imaginaries of worlds and realities in the modern West are developed against each other and intertwined in dialogue with the fictional counterpart Virginia Woolf and her book. They lead the reader* into feminist interpreted everyday and professional worlds of inequality. At the end of the volume - after the explanations of modern feminism in conversation with Virginia Woolf – everybody of the readers should have an idea why feminism is still relevant today.


Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Giebeler
Die Forschungsschwerpunkte von Frau Prof.Dr. Giebeler liegen in den Bereichen Gender/Feminismus, Kindheitsforschung, erfahrungsbasierte Theorieentwicklung, Rekonstruktive Sozialforschung. Alle thematischen Bereiche werden von ihr sowohl für Deutschland/Europa als auch regional in Lateinamerika untersucht. Regionale Schwerpunkte mit langjährigen Feldaufenthalten sind: (Süd-)Mexiko, Andenländer: Ecuador, Peru, Chile, Bolivien sowie Venezuela.
Homepage www.fh-bielefeld.de/personenverzeichnis/cornelia-gi ...
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Zitiervorschlag
Cornelia Giebeler. Rezension vom 07.09.2020 zu: Meike Schmidt-Gleim: Was hätte Virginia Woolf dazu gesagt? Warum Feminismus heute noch aktuell ist. MARTA PRESS (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-944442-85-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27111.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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