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Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde

Cover Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde. Steidl (Göttingen) 2020. 752 Seiten. ISBN 978-3-95829-771-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Wir müssen aufhören, die Arbeit um ihrer selbst willen zu tun!

In Artikel 23 der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wird das Recht auf Arbeit als ein Menschenrecht ausgewiesen:

  • (1) Jedermann hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit.
  • (2) Alle Menschen haben ohne jede Diskriminierung das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
  • (3) Jedermann, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und günstige Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert und die, wenn nötig, durch andere soziale Schutzmaßnahmen zu ergänzen ist.
  • (4) Jedermann hat das Recht, zum Schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

Damit wird das Recht auf Arbeit mit der „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (gleichgesetzt, die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“.

Entstehungshintergrund

Die Plädoyers und das Eintreten für eine menschenwürdige Arbeit gehören zu den lokalen und globalen, sozialen und anthropologischen Forderungen nach dem guten, gelingenden Leben (vgl. dazu auch: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17372.php). Nicht selten werden Fragen nach dem Wert der Arbeit in den Zeiten von Krisen, Umbrüchen und Paradigmenveränderungen gestellt; und vornehmlich geht es dann eher um egoistisches Nützlichkeitsdenken, und weniger um Gemeinsinn und soziale Gerechtigkeit. Es sind die PhilosophInnen, SoziologInnen und GesellschaftswissenschaftlerInnen, die ein individuelles und kollektives Hab-Acht fordern. Einer davon ist der Hannöversche Sozialwissenschaftler Oskar Negt. Seine sozialphilosophischen und anthropologischen Arbeiten wurden vom Steidl-Verlag in einer zwanzigbändigen Werkausgabe (2016) vorgelegt. In mehreren autobiographischen Veröffentlichungen reflektiert er sein professionelles Schaffen und mischt sich ein in die Zeitläufte (vgl. u.a.: Überlebensglück, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21062-php; Erfahrungsspuren, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25393.php; Politische Philosophie des Gemeinsinns, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26023.php).

2001 hat er das Buch „Arbeit und Menschenwürde“ vorgelegt, in dem er eindringlich und drängend darauf verweist: „Wir müssen ganz andere und reichhaltigere Formen der Arbeit entwickeln und fördern, in denen die Menschen sich in ihren Ansprüchen an Selbstverwirklichung wiedererkennen, weil sich ihre individuelle Tätigkeit gleichzeitig als selbstbewusste Arbeit für das Gemeinwohl verweist“. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat dies 1995 in dem Appell zur kreativen Vielfalt zum Ausdruck gebracht: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Es ist nicht von ungefähr, dass sich in den Zeiten der globalen Corona-Krise Fragen stellen, wie sich systemerhaltende, -stabilisierende und -verändernde, individuelle und kollektive Tätigkeiten „danach“ darstellen (sollen). Kann, soll es so weitergehen wie vorher? Was muss sich ändern, damit Arbeit gemeinwohlorientiert, sozial gerecht, freiheitlich und demokratisch wird? Es ist also angebracht, Negts Gedanken, Theorien und praktischen Vorschläge für eine menschenwürdige Arbeit Hier, Heute und Morgen erneut in den kontroversen, lokalen und globalen Diskurs zu bringen. Der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Jürgen Prott macht im Vorwort der Neuausgabe des Buches „Arbeit und menschliche Würde“ darauf aufmerksam, dass Negts 20jährige Analysen eine „beängstigende Aktualität“ aufweisen.

Inhalt

Oskar Negt gliedert das Buch neben Vorrede und Epilog in fünf Kapitel: Im ersten setzt er sich auseinander mit der „Zeitdimension von Macht und Herrschaft“; im zweiten diskutiert er „Drei Irrwege des gesellschaftlichen Krisenmanagements“; im dritten thematisiert er die „Krise der Arbeitsgesellschaft“; im vierten bringt er mit „Lebendige Arbeit, politische Kultur“ Lösungsmöglichkeiten ein; und im fünften Kapitel plädiert er für „Gemeinwesenarbeit auf dem Weg zur Weltgesellschaft“. Er nimmt mit der Auseinandersetzung um den Arbeitsbegriff und der Arbeitswirklichkeit im Kapitalismus auf, was sein philosophisches und soziologisches Wirken bestimmt: Es ist die Suche nach dem Perspektivenwechsel hin zu einer gerechteren, gleichberechtigteren, menschenwürdigeren (Einen?) Welt.

Diskussion

Proll weist in der Einführung in die Neuauflage zwar darauf hin, dass Negts Analysen vor 20 Jahren im aktuellen Diskurs um globale Armuts- und Reichtumsrelationen mittlerweile differenzierter, kapitalismuskritischer thematisiert werden; doch was bleibt sind die eindeutigen und konsequenten Negtschen Überzeugungen, dass die Missstände, die sich in Arbeitssinnlosigkeit, Arbeitslosigkeit, kapitalistischer Ausbeutung und Konsumunsinnigkeit darstellen, zutiefst menschenunwürdig sind und evolutionär und revolutionär beseitigt werden müssen. Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen: diese Kantsche Aufforderung ist es, die es lohnend machen, Oskar Negts Gedanken von 2001, die er, immer im Dialog und in kontroversen Auseinandersetzungen, in seinem jahrzehntelangen professionellen Schaffen gedacht, gelehrt hat und lebt, einzubringen in Fragen wie: „Was passiert, wenn die Corona-Krise vorbei ist?“. Es ist die Suche nach Orientierung, bei der Negt weiterhin behilflich sein kann – mit den notwendigen Fragen danach, wie wir geworden sind, was und wie wir sind; es sind die Bedenken von Macht und Ohnmacht; von Begehrlichkeiten und Zwängen; von Ausgeliefertsein und den Wegen zur Befreiung und Emanzipation.

„Die Zeit, in der man den Wechsel von Hochkonjunktur und Rezession kalkulieren und damit rechnen konnte, dass vorübergehend mageren Jahren fette Jahre des Wachstums, des ‚Wohlstands für alle‘, der Vollbeschäftigung folgen – diese Zeit ist … endgültig vorbei“. Die vor zwei Jahrzehnten, von den einen als Manifest und von den anderen als Menetekel gewertete, lokale und globale Analyse ist Heutig! Es sind die menschengemachten, selbstverschuldeten kapitalistischen Krisensituationen, die nach wie vor als die hartnäckigsten, ungelösten Probleme der Gegenwart betrachtet werden müssen. Die in den ausgewiesenen Texten, Vorträgen und Diskussionsbeiträgen formulierten Denk- und Handlungsansätze beziehen historisches, theoretisches und praktisches Wissen ein. Es sind die Auseinandersetzungen mit den Marxschen und postmarxistischen Theoremen, den Brechtschen Provisorien und Provokationen, und den philosophischen und anthropologischen, ökonomischen und ökologischen Sinngehalten, die immer wieder zu Aha-Erlebnissen führen, Synonyme aufzeigen, aber auch auf Paradoxien und Antonyme verweisen.

„Wer trägt Verantwortung?“. Diese Frage ist leicht gestellt, aber schwer zu beantworten. Als Basis für ein verantwortungsbewusstes Denken und Handeln kann (eigentlich) nur gelten, was sich im „kategorischen Imperativ“ ausdrückt und als „solidarische, moralische Bindungskraft“ äußert: Es ist die Besinnung darauf, dass der Mensch ein „zôon politikon“ ist, ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes und zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges Lebewesen ist – was sich ausdrückt in dem Bewusstsein, dass jedes Individuum in seinem alltäglichen und gesellschaftlichen Denken und Tun die Verantwortung für eine gegenwärtige und zukünftige, humane Existenz der Menschheit mit sich trägt. Es sind Fragen wie: „Müssen wir alles wissen (und tun), was wir wissen (und tun) können?“.

Fazit

„Lebenszeit und Arbeit sind aufs engste miteinander verwoben“. Dort, wo Arbeit nur Maloche und Peitsche ist, oder dort, wo eine Tätigkeit zum Workaholismus führt, braucht es genauso den Perspektivenwechsel, wie auch dort, wo „Oblomerei“ herrscht. Es ist die „lebendige Arbeit“, die im Machgefüge von Kapital und Markt Lebenskraft und Phantasie beansprucht. Oskar Negt greift zum Schluss seiner theoretischen und praktischen Überlegungen zum Arbeitsbegriff und -sinn zu Momo, die in Michael Endes Märchen den Zeitdieben Paroli bietet und zur „befreiten Zeit“ – wir könnten sagen, zur „befreiten Arbeit“ gelangt.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.10.2020 zu: Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde. Steidl (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-95829-771-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27113.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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