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Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns

Cover Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns. Band 2: Philosophie und Gesellschaft: Immanuel Kant. Steidl (Göttingen) 2020. 736 Seiten. ISBN 978-3-95829-784-5. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Öffentliches Denken – Politisches Denken

„Was man von Philosophen lernen kann“. Mit dieser Aussicht formuliert der Hamburger Philosoph Herbert Schnädelbach die Kompetenz, selbst zu denken und von Denkern, die professionell voraus-, mit-, nachdenken und andere Menschen an ihren Denkprozessen teilnehmen lassen, zu profitieren. (Herbert Schnädelbach, Was Philosophien wissen und was man von ihnen lernen kann, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13290.php). Es sind die vielfältigen Versuche, die Kultur der Nachdenklichkeit und die Lebenslehre in Erzählungen, Theaterstücken, Filmen und wissenschaftlichen Analysen öffentlich zu präsentieren, sie als Handreichungen und Ratgeber vorzulegen. Interessante Zugänge sind auch autobiographische Reflexionen (vgl. z.B.: Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php). Sie stellen sich meist als Anhalts- und Reibepunkte dar. Es können auch Bekenntnisse und Abrechnungen sein, und vorbildhaft wirken.

Autor

Der Hannöversche Sozialwissenschaftler und Philosoph Oskar Negt (*1934) hat sich während seines wissenschaftlichen Wirkens an der Universität – und weiterhin nach seiner Emeritierung – immer engagiert und überzeugend zu Wort gemeldet. Sein wissenschaftliches Lebenswerk ist dokumentiert. Es sind immer Fragen nach dem Sosein des Menschen; etwa, ob der Mensch ein politisch Denkender und Handelnder ist (2011, siehe dazu: www.socialnet.de/11988.php), ob und wie er in der Lage ist, anthropologisch aufrecht zu gehen, zu denken und zu handeln (2014, …16273.php), wie sich Erfahrungen auf eine humane Lebensführung auswirken (2019, …25393.php), wie Arbeiten in Würde möglich ist (2020, …27173.php). Es sind seine autobiographischen Erinnerungen, mit denen er Einblicke und Anteilnahme anbietet (2016, …21062.php). 2019 hat er begonnen, ein weiteres umfangreiches Fortsetzungsvorhaben zu veröffentlichen: Es sind Nachschriften seiner Vorlesungen zur „Politischen Philosophie des Gemeinsinns“, die er mittlerweile in zwei Bänden vorlegt: Im ersten Band geht es um die „Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike“ (2019, …26023.php). Und im zweiten, hier vorgestellten Band, setzt er sich auseinander mit einen der Heroen, die sein philosophisches Denken bestimmen: Dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804). Die Erwartungen auf weitere Bände, in jedem Fall zum zweiten Grundgeber von Negts gesellschaftlichen und politischen Philosophierens, Karl Marx, sollen hier schon einmal angesagt sein!

Entstehungshintergrund

Immanuel Kant widmet sein Monumentalwerk „Kritik der reinen Vernunft“, als „unterthäniggehorsamster Diener“, am 29. März 1781 dem Königlichen Staatsminister Freiherrn von Zedlitz (Karl Kehrbach, Hrsg., Kritik der reinen Vernunft, Text der Ausgabe 1781 , mit Beifügung sämmtlicher Abweichungen der Ausgabe 1787, zweite verbesserte Auflage, Leipzig 1877, 703 S.). Dem Zeitgeist gemäß und den Mentalitäten entsprechend führt Kant in seiner Vorrede aus: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft“. Damit setzt Kant (s)ein Zeichen, das vom abendländischen philosophischen Denken seit der Antike als das alles lenkende Prinzip allen menschlichen Daseins – nous, νοῦς, intellectus – verstanden (siehe dazu auch: N. Kubota, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 381ff) und von Kant „als das subjektive Vermögen, autonom die Regeln für die Erkenntnis der Welt wie auch für das richtige Handeln spontan und aus sich selbst hervorzubringen“, ausgelegt wird (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, S. 739ff).Die Kant‘sche Lehre umfasst neben der Schrift „Kritik der reinen Vernunft“ auch die „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) und die „Kritik der Urteilskraft“ (1790). In der Rezeption der Kantischen Werke haben im Laufe der folgenden Jahrzehnte, bis heute, Interpreten die Gedanken Kants für ihre eigenen Fragestellungen und Argumentationen übernommen und in die Transzendenz- und Praktische Philosophie eingegliedert. So lässt sich alltagssprachlich ausdrücken: Kant war, ist und bleibt!

Aufbau und Inhalt

Die Thematik „Philosophie und Gesellschaft“ ist in Negts Denken und Ausführungen grundgelegt. Sie erscheint in den verschiedenen Zusammenhängen (vgl. dazu auch: Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27036.php), und sie zeigt sich in seinem Bewusstsein von der historischen Bedeutung des Mensch- und Jetztseins: „Ich halte es für unmöglich, eine systematische Analyse unter heutigen Bedingungen zu liefern, die einigermaßen konsistent ist und den substantiellen Gehalt der Kantischen Theorie zum Tragen bringt, wenn nicht das historische Bewusstsein der eigenen Situation vorhanden, wenn der eigene Standpunkt dieser Aneignung nicht mit einbezogen ist“. Im Wintersemester 1974/75 beginnt Negt den Kant-Zyklus am 24. Oktober 1974, und er führt ihn im ‚Sommersemester 1975 weiter:

  • 24. Oktober 1974: Einführungsvorlesung „Marxismus als Erbe der klassischen Philosophie“.
  • 25. und 31. Oktober 1974: „Revolution der Denkungsart und Revolutionsangst bei Kant“.
  • 1. November 1974: „Kants Geschichtsphilosophie“.
  • 7. November 1974: „Geschichte und Naturanlagen“.
  • 8. November 1974: „Zum Begriff der Gewalt bei Kant“.
  • 14. November 1974: „Diskussion um die RAF“.
  • 15. November 1974: „Moralität, Politik und Anarchismus“.
  • 21. November 1974: „Bildung, Abstraktion und Breitseite der Gewalt“.
  • 22. November 1974: „Gewalt bei Hegel und Volk bei Kant“.
  • 28. November 1974: „Zur Bedeutung von (dialektischer) Theorie“
  • 24. Januar 1975: „Biographie und Werk I“.
  • 30. Januar 1975: „Biographie und Werk II“.
  • 6. Februar 1975: „Kant und die Anthropologie“.
  • 7. Februar 1975: „Der Begriff des Charakters bei Kant“.
  • 10. April 1975: „Philosophische Erfahrung“.
  • 11. April 1975: „Kants Erkenntnistheorie und der Gerichtshof der reinen Vernunft“.
  • 17. April 1975: „Kants erkenntnistheoretische Fragestellung“.
  • 18. April 1975: „Synthetische Urteile a priori“.
  • 24. April 1975: „Wie ist Synthesis möglich? Zum Begriff der Transzendentalphilosophie“.
  • 25. April 1975: „Die ursprüngliche Einheit der Apperzeption“.
  • 2. Mai 1975: „Die Kopernikanische Wende und Kants Ich-Begriffe“.
  • 9. Mai 1975: „Urteilskraft und Schematismus“.
  • 15. Mai 1975: „Schematismus und das Ding an sich“.
  • 16. Mai 1975: „Die (ästhetische) Urteilskraft als Subsumtionsvermögen und ihre Antinomien“.
  • 29. Mai 1975: „Kategorien des Geschmackurteils“.
  • 30. Mai 1975: „Gefühlszustand, Gefühl und Vermittlung“.
  • 5. Juni 1975: „Sensus communis“.
  • 19. Juni 1975: „Kants Geniebegriff“.
  • 20. Juni 1975: „Genie, Geist und Kultivierung“.
  • 26. Juni 1975: „Der bestirnte Himmel und das Moralgesetz“.
  • 27. Juni 1975: „Der kategorische Imperativ“.

Wenn Kant die Philosophie „als ernstes Moment des philosophischen Interesses“ betrachtet und „sein Zeitalter als jenes der Kritik, was so viel bedeutet, dass sich alles durch Heiligkeit, Tradition, Charismas… legitimierten Verhältnisse der Kritik der Vernunft zu unterwerfen habe“, so klingt das wie eine Analyse der Jetztzeit. Sie lassen sich als Aufrufe interpretieren, dass das Individuum als „zôon politikon“ (Aristoteles) präsent und bereit sein soll, seinen Verstand zu benutzen und ihn, als eigenständige und kollektive Fähigkeit auch öffentlich kundzutun. Es ist die „Synthesis“, die erkennt, differenziert, vergleicht und transzendental human wertet: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein“. Das damit nicht das Ego gemeint sein kann, und schon gar nicht ein „Me/we first“, darauf besteht Kant eindeutig. Auf eine weitere Erkenntnis und anzustrebende Fähigkeit soll hier aufmerksam gemacht werden: Es sind die Setzungen, wie sie Kant zum Begriff der „Ästhetik“ formuliert und wie sie als Marker für den deutschen Idealismus und die Romantik prägend wurden. In der Kategorienlehre des Schönen und des Geschmacks wird der „sensus communis“ zur grundlegenden ästhetischen Bestimmung und zum Urteil (vgl. dazu auch: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, stw 1456, Frankfurt/M., 2000). Die Negtschen Interpretationen zu Kants Philosophie bleiben nicht bei Kant stehen, oder wie Schnädelbach, der in der ZEIT-Reihe „100 Sachbücher“ auch Kants Kritik der reinen Vernunft vorstellt (DIE ZEIT, Nr. 41 vom 5.10.1984) vorstellte, ausführt: „Kants Erkenntniskritik ist immer noch das große, eindrucksvolle Modell methodischen Vorgehens in der Philosophie unter Bedingungen der Aufklärung; darum ist sie nicht ‚veraltet. Hier kommt man vielleicht über Kant hinaus, aber niemals an ihm vorbei“. Er fügt in seiner Analyse das „Unabgegoltene“ (Ernst Bloch) im kapitalismuskritischen Diskurs hinzu und zeigt Parallelen und Anforderungen einer neuen Marxismuskritik auf.

Diskussion

Es sind nicht einfach Nachvollzüge aus Kants Werk, die Oskar Negt in seinen Vorlesungen zu Gehör bringt. Orientiert an den Kantischen Fragen: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen“, und festgemacht an den Fragen aller Fragen: „Wer bin ich?“, lässt er sich auf den Spagat ein, wie ihn Kant in und für seine Zeit postuliert: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss“, mit der Aufforderung „Sapere aude“ – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, bis hin zu den humanen Fragen Hier und Heute. Es sind die Herausforderungen, die – auch wenn Negt die Vorlesungen vor fast einem halben Jahrhundert gehalten hat – aktuell in den Zeiten der Unsicherheiten, zunehmender Unverbindlichkeiten, Ego-und Ethnozentrismen, nationalistische, rassistischen und populistischen Parolen und der Weltkrisen politisch beantwortet werden müssen. Gemeinsinn statt Eigensinn, diese Ziel für eine menschenwürdige (Eine?) Welt lässt sich (auch) aus dem Kantischen Werk herauslesen. Es sind die Imponderabilien und Irritationen, wie das Denken und Handeln der Menschen entsteht, sich entwickelt und festigt; ob dogmatisch, also festgelegt auf gewohnte, unverrückbare Einstellungen und Verhaltensweisen – „Das haben wir schon so gemacht!“ – oder mannigfaltig, wie dies Kant in der Elementarlehre als Grundsätze des reinen Verstandes und als „Postulate des empirischen Denkens überhaupt“ (S. 158) verdeutlicht. Die Eingebundenheit und Festgefügtheit des kantischen Lebens und Denkens in die vorhandenen, hierarchischen und monarchischen Strukturen bewirkte, dass für ihn das Revolutionäre und gewaltsam Veränderbare nicht im Mittelpunkt stand, und er das „Ich“ als Grundlage des Seins formulierte. Interessant und beachtenswert jedoch ist aus seinen Schriften herauszulesen, dass die Idee des „Weltbürgers“ für ihn nicht fremd war und er, durchaus veränderungsbewusst denkend, das Lokale und Globale als Zusammenhang sah. So lässt sich durchaus sagen, dass die Aufforderung. , lokal zu handeln und global zu denken, schon bei Kant zu finden ist: „Die Generalkenntnis geht … immer vor der Lokalkenntnis voraus, wenn jene durch Philosophie geordnet und geleitet werden soll, ohne welche alles erworbene Kenntnis nichts als fragmentarisches Herumtappen und keine Wissenschaft abgeben kann“.

Fazit

Die Vorlesungen Negts über Kants Denken und Theoriebildungen über zwei Semester hinweg und weiterhin sein akademisches Denken und Handeln bestimmendes, philosophisches und anthropologisches Bewusstsein, lassen sich als Vademecum lesen. Sie zeigen auf, was Kant zum kritikbewussten, Marken setzenden und vorbildhaften Philosophen seiner Zeit und über seine Zeit hinaus, bis heute und morgen existierenden Denker werden lässt. Mit den herausgehobenen Begrifflichkeiten und Anforderungen, etwa mit Fragen, was wir heute als „Charakter“, als „Natur“, als „Politik“, „als Urteilskraft“… verstehen und wie uns Kant dabei behilflich sein kann, ein allgemein verbindliches, nicht relativierbares, menschenwürdiges Gemeinwohl für die Menschheit zu finden. Es ist unbestreitbar, dass die Menschenrechtsprämissen, wie sie in der „Globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 in der Präambel formuliert werden, auf das Kantische Denken zurückgehen: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Es ist deshalb anzuraten, die einzelnen Vorlesungsthemen und Auseinandersetzungen mit den Kantischen theoretischen, kritischen Positionen auch als spezifische Phänomene des menschlichen Daseins aufzugreifen und sie in fach- und interdisziplinären Studienseminaren, in den Kursen der gymnasialen Oberstufe, in Lesezirkeln und Erwachsenenbildungseinrichtungen zu thematisieren.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2020 zu: Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns. Band 2: Philosophie und Gesellschaft: Immanuel Kant. Steidl (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-95829-784-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27114.php, Datum des Zugriffs 27.09.2021.


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