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Susanne Businger, Martin Biebricher: Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency

Susanne Businger, Martin Biebricher: Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency. Der gesellschaftliche Wandel im Spiegel der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik. Chronos Verlag (Zürich) 2020. 256 Seiten. ISBN 978-3-0340-1590-5. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema der Publikation

Der Sammelband untersucht, wie soziale Wandungsprozesse die Fachlichkeitsvorstellungen der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik geprägt haben. Wie die Herausgeber*innen Susanne Businger und Martin Biebricher ausführen, steht dabei insbesondere die Frage im Zentrum, wie sich sozialer Wandel auf die Angebote und Dienste der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik auswirkte und welche Folgen dies für die Adressat*innen dieser Berufsfelder hatte (S. 11–12).

Entstehungshintergrund und Aufbau

Ausgangspunkt der Publikation war eine 2018 durchgeführte Tagung der Arbeitsgemeinschaft «Historische Sozialpädogik/​Soziale Arbeit» zum Thema «Sozialer Wandel und Fachlichkeit». Der Sammelband vereinigt 13 Beiträge und gliedert sie in vier Teile, die ein thematisch breites Spektrum aufgreifen: Neben Fachlichkeitsdiskursen wird das Aufwachsen in sozialpädagogischen Institutionen ausgeleuchtet wie auch biografie- und theoriegeschichtliche Perspektiven integriert und das Spannungsfeld der Sozialen Arbeit zwischen Bedürfnisorientierung und Stigmatisierung ausgeleuchtet.

Inhalt

Die beiden Schlüsselbegriffe des Sammelbandes – sozialer Wandel und Fachlichkeit – werden, wie die Herausgeber*innen argumentieren, gegenwärtig zwar nahezu inflationär verwendet, doch keineswegs scharf definiert. Als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, was unter «sozialem Wandel» zu verstehen ist, nennen die Herausgeber*innen u.a. die Veränderungen der Sozialstruktur und Wertekonstruktionen, den Wandel des Verständnisses von Gemeinschaft, Staatlichkeit und Herrschaft wie auch von Ökonomie und Bildung (S. 10). Der Begriff der «Fachlichkeit» wiederum ist für die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik von elementarer Bedeutung, wird damit doch auf eine Vielzahl von Wissensbeständen, Kompetenzen und Handlungspraxen dieser Professionen verwiesen.

Mit Fokus auf die Schweiz und Deutschland zeigen die versammelten Beiträge auf, wie historische Transformationsprozesse die Theorie und Praxis von «Fachlichkeit» der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik prägten: so der Aufstieg totalitärer Regime in den 1930er und 1940er Jahren, die Demokratisierungsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg oder die sozialen Bewegungen nach «68». Birgit Bender-Junker und Elke Schimpf untersuchen beispielsweise den Werdegang von Waldtraut Eckhard, die ihre wissenschaftliche Karriere im Nationalsozialismus begann und 1945 u.a. eine Karriere als Rektorin der höheren Fachschule für Sozialarbeit verfolgte. Differenziert zeigen die Autorinnen auf, wie Eckhard nach 1945 zwar Fachlichkeit als methodische Qualität der Sozialen Arbeit neu konstruierte, jedoch wegen der fehlenden Abgrenzung zur nationalsozialistischen Vergangenheit keine Perspektive für die gesellschaftliche Verortung der Sozialarbeit zu formulieren vermochte. Dieses Fallbeispiel wirft gleichzeitig Licht auf die Ausgestaltung der Sozialen Arbeit in der deutschen Nachkriegszeit.

Ebenfalls mit Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich Volker Jörn Walpuski, der aufzeigt, wie Supervision im Rahmen der Social Casework Methode entwickelt und im Kontext von transnationalen Demokratisierungsprogrammen nach 1945 in Europa verstärkt gefördert wurde. Allerdings hatte die Supervision nicht nur ein reflexiv-emanzipative Potenzial, sondern konnte, wie der Autor einwendet, zu einem «chronifizierten Verharren in Ausbildungsrollen» von Sozialarbeitenden führen. Sabine Stange diskutiert schliesslich, wie im Nachgang der Heimkampagne 1968/69 die Fachlichkeitskriterien in der Heimpädagogik kontrovers diskutiert wurden. In einer sorgfältigen Analyse eines Fallbeispiels aus Hessen zeigt sie auf, wie sich die akademisch ausgebildeten Experten einerseits und die im Jugenderziehungsheim tätigen Akteure andererseits in unterschiedlicher Weise auf Fach- und Ausbildungswissen, Erfahrungswissen und intuitives Wissen bezogen. Diese Divergenz ging mit Konflikten im Professionalisierungsprozess einher und führte u.a. dazu, dass Verfachlichungsprozesse in der Heimerziehung an Grenzen stiessen.

Während verschiedene Beiträge die historischen Umbrüche und die damit verbundenen Veränderungen über Vorstellungen von Fachlichkeit untersuchen, weisen mehrere Beiträge auf die «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» hin. Gisela Hauss zeigt überzeugend auf, wie in der Schweizer Heimerziehung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Referenzsysteme wirksam waren: Bezüge zur Tradition der Rettungshauserziehung und der Lebensordnung katholischer Ordensgemeinschaften blieben weiterhin wirksam auch wenn ein aus unterschiedlichen Disziplinen generiertes Wissen an Bedeutung gewann. Die Formation einer Fachlichkeit in der Heimerziehung fügte sich demnach nicht in ein einfaches Fortschrittsnarrativ ein, sondern war von starken Widersprüchen geprägt, die sich vielfach negativ auf das Wohl von Kindern auswirkten. Wie weitere Beiträge aufzeigen, waren auch andere Felder wie die Säuglingsfürsorge (Beitrag von Bettina Grubenmann und Christina Vellacott) die Jugendhilfe (Beitrag Melanie Oechler) oder die stationären Einrichtungen der Jugendfürsorge (Beitrag Joachim Henseler) durch ausgeprägte historische Persistenzen in der Ausgestaltung von Fachlichkeit geprägt.

Ein besonderer Schwerpunkt des Sammelbandes bildet schliesslich die Auseinandersetzung um die Produktion von Akten, die sich im 20. Jahrhundert als zentrales Instrument einer professionellen Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik etablierten. Claudia Streblow-Poser zeichnet mittels der Dokumentarischen Methoden nach, wie «Aktenidentitäten» im Kontext der Familienfürsorge produziert wurden. Auf die Wirkungsmacht von Akten gehen auch Clara Bombach, Thomas Gabriel und Samuel Keller in ihrem wichtigen Beitrag zu Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz ein. Sie zeigen auf, wie Aufarbeitungsprozesse der Vergangenheit für Betroffene mit neuen Erfahrungen von Verdinglichung einhergehen können und verweisen auf die zwingende Notwendigkeit der Sozialpädagogik, Prinzipien von Partizipation und Achtsamkeit bei jungen Menschen gerade im Heimkontext zu verwirklichen, um Stigmatisierungsprozesse zu vermeiden.

Diskussion

Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag, um die historische Genese von Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik auszuleuchten. Aufgezeigt werden zentrale Zäsuren, die Vorstellung von Fachlichkeit veränderten, aber auch ausgeprägte Persistenzen, die mit einem sozialpädagogischen Handeln einhergingen, das wenig reflektiert oder wissensbasiert war. Die Beiträge verweisen dabei auf eine Geschichte von Fachlichkeit, die weniger klar einem Fortschrittsparadigma folgte, als es der Übertitel des Bandes suggeriert. Partizipation und Agency mag das anvisierte Ziel der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik sein, wie es sich im Laufe des 20. Jahrhundert herausgebildet hat. Allerdings zeigen die Beiträge deutlich, dass die paternalistische Fürsorge noch bis weit ins 20. Jahrhundert stark prägend blieb. Die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik sieht sich zudem auch im 21. Jahrhundert mit der schwierigen Herausforderung konfrontiert, das «Recht, Rechte zu haben» für ihre Klienten und Klientinnen tatsächlich zu gewähren, wie Peter Szynka pointiert einwendet. Der Sammelband zeigt auf, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wie Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik historisch geprägt wurde, eine zentrale Voraussetzung ist, um Rechtansprüchen von Klient*innen zum Durchbruch zu verhelfen. Ein Bestreben, den Begriff der Fachlichkeit – auch im Sinne eines heuristischen Konzeptes – noch weiter zu schärfen und systematisch in der historischen Analyse anzuwenden, könnte sowohl der historischen wie auch der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit weiterführende Impulse geben.

Fazit

Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag, um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik im 20. Jahrhundert in Deutschland und der Schweiz historisch zu kontextualisieren. Nicht zuletzt leuchtet er die konflikthaften Prozesse aus, in denen Leitbilder von «Fachlichkeit» ausgehandelt wurden. Der Sammelband überzeugt gerade dort, wo Vorstellungen einer vereinfachten Fortschrittsgeschichte gebrochen und auf Formen von «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» verwiesen werden. Diese Perspektive ermöglicht es nicht zuletzt, das demokratiepolitische Versprechen von «Partizipation» und «Agency» auch für die gegenwärtige Soziale Arbeit und Sozialpädagogik kritisch auf Widersprüche und Friktionen hin zu untersuchen.


Rezension von
Dr. Sonja Matter
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am historischen Institut an der Universität Bern
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Zitiervorschlag
Sonja Matter. Rezension vom 04.02.2021 zu: Susanne Businger, Martin Biebricher: Von der paternalistischen Fürsorge zu Partizipation und Agency. Der gesellschaftliche Wandel im Spiegel der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik. Chronos Verlag (Zürich) 2020. ISBN 978-3-0340-1590-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27115.php, Datum des Zugriffs 06.03.2021.


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