socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Caroline Arni, Delphine Gardey: Protest!

Cover Caroline Arni, Delphine Gardey: Protest! Protestez! Chronos Verlag (Zürich) 2020. 256 Seiten. ISBN 978-3-0340-1606-3. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 38,00 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Protest gegen die Schablonen von Unmenschlichkeit!

Wer protestiert, äußert verbal oder auch nonverbal Widerspruch gegen Maßnahmen, die seiner Meinung nach ungerecht und zu seinem Nachteil sind. Dieser Einspruch kann sich sowohl individuell als auch – vor allem – kollektiv äußern; etwa um gegen staatliche politische Anordnungen zu protestieren, um Minderheitenrechte durchzusetzen, oder um soziale Gerechtigkeit einzufordern. Darauf hat z.B. der Soziologe Armin Nassehi mit seinem Buch „Das große Nein“ (2020) hingewiesen; und der Diskurs über „Negativität“ macht Konflikte in einer Gesellschaft sichtbar (Lars Nowak, Bild und Negativität, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25406.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

„Überall ist Protest“, lokal und global. Das ist erst einmal nicht schlecht und nicht abzulehnen, sondern vielmehr zu fördern. Denn ein Protest, der sich als eine öffentlich geäußerte Kritik an gesellschaftlichen Zuständen und Entwicklungen zeigt, kann erst einmal deutlich machen, dass die Menschen in der Lage sind, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, zwischen Gut und Böse unterscheiden und Allgemeinurteile bilden zu können, wie wir das aus dem anthropologischen, aristotelischen und Kantischen Denken kennen. Eine „Protestkultur“ beim kollektiven Zusammenleben der Menschen zeichnet sich darin aus, dass als Ziel des Protestes insbesondere für das Erreichen und die Festigung der Menschenwürde eingetreten wird, wie dies in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuvorderst gefordert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Dort aber, wo Proteste zu ideologischen, ego-, ethnozentristischen, menschenfeindlichen, rassistischen und populistischen Zwecken missbraucht werden, braucht es den humanen Widerstand. Er artikuliert sich in dem wissenschaftlichen Wissen, dass der anthrôpos, der Mensch, sich seiner selbst und seiner humanen Zugehörigkeit zur Menschheit nur dann sicher sein kann, wenn er nicht nur danach fragen kann: „Wer bin ich?“, sondern auch zu erkunden bereit und in der Lage ist: „Wie bin ich geworden, was und wie ich bin?“. Das bedeutet: Das Selbst ist eingebunden in ein Vergangenheitsbewusstsein, einem gegenwärtigen Sein und einem zukünftigen Werden!

Die Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte setzt sich in ihrem Jahrbuch mit den Fragen nach den positiven und negativen Protestbewegungen in der frühneuzeitlichen Schweiz, mit Blick auf die historischen Entwicklungen, auseinander. Es sind Studien und Analysen, in denen sowohl die aktuellen, sozialpolitischen Wirkungen von Widerstandsaktivitäten untersucht werden, als auch das tranformatorische Potenzial von Protestbewegungen erkundet wird. Die Historikerin von der Universität in Basel, Caroline Arni, die Soziologin von der Universität in Genf, Delphine Garday und der Geschichtswissenschaftler von der Universität in Lausanne, Sandro Guzzi-Heeb, geben das Jahrbuch heraus. Die interdisziplinären Beiträge der weiteren ExpertInnen fokussieren zwar auf der Schweizerischen Protest-Geschichte, sie beziehen aber immer auch die europäischen und globalen Entwicklungen ein.

Aufbau und Inhalt

Neben dem in deutscher und französischer Sprache verfasstem Editorial des Herausgeberteams, wird das Jahrbuch in die folgenden Kapitel gegliedert:

  • „Protest, Geschichte, Erinnerung/​Contestation, histoire, mémoire“.
  • „Subjekte des Protestes/Les sujets des contestations“.
  • „Bäuerlicher Protest/​Mouvements paysans“.
  • „Mobilisierung zu Protest/​Mobiliser la contestation“.

Andreas Würgler, Professor für ältere Schweizer Geschichte von der Universität Genf, setzt sich mit dem Beitrag „Wege an die Macht?“ mit den wichtigsten Protest-, Partizipations- und Revolutionsbewegungen in der frühneuzeitlichen Schweiz auseinander. Er arbeitet die vielfältigen, unterschiedlichen Motive und Anlässe heraus. Es zeigen sich anhand der historischen Ereignisse „konkurrierende( ) Vorstellungen von idealer politischer Organisation, einerseits die lokale Autonomie möglichst kleiner, nur föderal verbundener Einheiten mit kooperativen Freiheiten und direktdemokratischer Kultur, andererseits die vom zentralen Rechtsstaat garantierte universelle Freiheit und repräsentative Demokratie“.

Der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Sandro Liniger, thematisiert mit dem Titelzitat „Wir howent dann solichen grosen hansen die köpf allen ab“, das Verhältnis zwischen Protestgeschehen und Protestgeschichte am Beispiel des Bündner Fähnlilupfs. Dieses historische Rebellionsritual fand weit über die Bündner Aktivitäten hinaus Aufmerksamkeit und Nachahmung: „Der Bündner Fähnlilupf war damit keine regional begrenzte Protestbewegung mehr…, vielmehr avancierte er zum Schauplatz des Kampfes zweier scheinbar unversöhnlicher politisch-religiöser Blöcke (Dreißigjähriger Krieg, JS)“.

Séverin Duc, Mitglied der École française de Rome, vermittelt mit dem in französischer Sprache verfassten Beitrag „Mémoires collectives d’un souvenir traumatique“ die Geschichte des sizilianischen Aufstands von 1282, die Guiseppi Verdi in der Oper „Die sizilianische Vesper“ darstellt. Es sind die italienischen Kriege und europäischen Machtkämpfe, die die Vergangenheit bestimmten, die gegenwärtigen Grenzziehungen verdeutlichen, und das Wissen über zukünftige Einigungsprozesse befördern können.

Die Baseler Historikerin Anja Suter diskutiert mit dem Beitrag „I, we, you“ Aspekte und Relationen der Frauengesundheitsbewegung in Indien und in der Schweiz. Daraus wird eine „geteilte Protestgeschichte“ der Emanzipation der Frau in beiden Ländern. Er verdeutlicht sich im Protestsong „The I.P.D.“ und in dem 1987 in Bombay erschienenem Buch „In Search of Our Bodies“, mit dem die Autorin den globalen Dialog um Global Health befördern will.

Der Baseler Doktorand Milo Probst informiert mit dem Beitrag „Eine heterogene Arbeiterklasse“ über rebellische Subjekte in der anarchistischen Literatur Argentiniens zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, dass sich die Zielsetzungen und Strukturen der klassischen Arbeiterbewegung durch kapitalistische, globale Formen von Ausbeutung und Abhängigkeit verändert haben; gleichzeitig aber sind auch neue Bewegungen entstanden sind, die auf proletarischen und emanzipatorischen Gleichheits- und Mitbestimmungszielen gründen. 

Anina Zahn, Historikerin aus Basel, schaut sich mit dem Beitrag „Die Ambivalenz der sozialen Sicherheit“ die Proteste von Arbeitslosen in der Schweiz an. Sie weist darauf hin, dass in der Geschichtswissenschaft die Arbeitslosenbewegung, wie sie sich ab den 1970er Jahren entwickelt hat, noch weitgehend unerforscht ist. Am Beispiel der Geschichte der Arbeitslosenkomitees in der Schweiz zeigt sie die Wechselwirkungen zwischen Sozialstaat und der Arbeitslosenbewegung auf. Sie setzt sich mit den Konflikten und den Einigungsprozessen auseinander und macht deutlich: „Die Arbeitslosenkomitees wurden so zu einem Teil der Sozialpolitik“.

Der Leiter des Archivs für Agrargeschichte in Bern, Peter Moser, stellt mit dem Beitrag „Boykottieren, protestieren, demonstrieren, streiken – und bestreikt werden“ Überlegungen zur Persistenz und historiografischen Ignorierung bäuerlich-agrarischer Proteste in Industriegesellschaften an. Er vergleicht die Schweizerischen Aktivitäten mit anderen Protestbewegungen, etwa in Irland, und er sucht nach ähnlichen, gleichlautenden und unterschiedlichen Strategien, mit denen die gesellschaftspolitische, evolutionären und revolutionäre n bäuerlichen Protestbewegungen angemessen beurteilt und bewertet werden können.

Der Fribourger Historiker Guillaume Savoy thematisiert mit dem französischsprachigen Beitrag „Le paysan suisse s’empare de la rue!“ die in den Jahren 1954, 1961 und 1973 stattgefundenen „Bauern-Manifestationen“. Er verweist auf Erfolge und Misserfolge und markiert die Ergebnisse als „malaise paysan“.

Renata Latala von der Universität in Genf fragt: „Un événement générationnel?“. Die Veränderungs- und Artikulationsprozesse bei den lokalen, regionalen und globalen Protestbewegungen zeigen sich in den geschichtlichen Entwicklungen, wie z.B. den Kinder-, Jugend- und Studentenbewegungen in Polen 1905. Die sich daraus entwickelnden, intellektuellen, philosophischen und ideologischen Aktivitäten vermitteln Bilder, die auch für heutige Jugendbewegungen beachtens- und bedenkenswert sind.

Die Historikerin von der Universität Zürich, Andrea Schweizer, analysiert mit dem Beitrag „Protestieren für den Frieden“ die Mobilisierungspraktiken der Schweizer Friedensbewegung zu Beginn der 1980er Jahre. Sie zeigt die Motivations- und Visions-Argumentationen auf: „Stell dir vor, in Bern ist eine Demo und alle gehen hin!“; und sie setzt sich mit Pro- und Contra-Begründungen auseinander. Es sind evolutionäre Informations- und Aktions-Initiativen, wie etwa gewaltloser Widerstand, Schweigemarsch, u.a.; wie auch Formen des gewaltbereiten Protests, die in der Geschichte der Friedensbewegungen eingeschrieben sind.

Diskussion

„Das große Nein“, ist, wenn es nicht Negation und Privation ist, sondern Kritik und begründete Gegenmeinung, hilfreich zur Wahrheitsfindung. Protest ist, wenn er nicht Beckmesserei und Ignoranz ist, sondern im Diskurs auf Augenhöhe vorgebracht wird, Aufforderung zum Dialog. Es geht um das Ringen um bestmögliche, humane Lösungen. An Beispielen der Schweizer Geschichte und Gegenwart werden soziale und zivilisatorische Entwicklungen gewissermaßen exemplarisch thematisiert.

Fazit

Ein menschenwürdiges, gerechtes und gleichberechtigtes, humanes, gutes, gelingendes Leben ist auf die demokratische Teilhabe der Menschen am lokal- und globalgesellschaftlichen Menschheits-Dasein angewiesen (vgl. dazu auch: Kulturelle Teilhabe. Ein Handbuch = Participation culturelle: un manuel = Partecipazione culturale: un manuale, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26410.php). Es kommt darauf an, die historischen, präsenten und zukünftigen Entwicklungen zu Fragen eines kritisch-aktiven, politischen Lebens zu verstehen (Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27036.php). Deshalb ist der Sammelband „Protest!“ als eine Stimme aus der Schweiz durchaus als globaler Ruf zur Menschlichkeit zu werten!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1489 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.01.2021 zu: Caroline Arni, Delphine Gardey: Protest! Protestez! Chronos Verlag (Zürich) 2020. ISBN 978-3-0340-1606-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27118.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht