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Marco Wirbel, Nils Stüben: Weimarer Verhältnisse

Cover Marco Wirbel, Nils Stüben: Weimarer Verhältnisse. Wieviel NSDAP steckt in der AfD? Soziale Arbeit muss Stellung beziehen muss Haltung zeigen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2020. 150 Seiten. ISBN 978-3-945959-47-3. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels ist der Versuch, Sozialarbeitern eine begründete Stellungnahme gegenüber NS-Gedankengut in der AfD zu ermöglichen.

Autoren

  • Marco Wirbel ist als Sozialpädagoge in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Familienhilfe und Bildungsprojekten tätig und Mitarbeiter in einem Projekt gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
  • Nils Stüben war Zeitsoldat, ist ausgebildeter Bankkaufmann und Sozialpädagoge und in der Schulsozialarbeit tätig.

Entstehungshintergrund

Die Erfolge der Rechtspopulisten und nationalsozialistisches Gedankengut (keine Gewaltenteilung und keine Rechtsstaatlichkeit) erzwingen in einer Zeit, in der Fake-News gesellschaftsfähig werden, eine Debatte um unser Demokratieverständnis. Im Rückgriff auf die NS-Geschichte soll eine kollektive Wachsamkeit geweckt werden.

Aufbau

Nach einer Einleitung geht Wirbel auf den aktuellen Anlass (AfD und Populismus) ein.

Es folgen einzelne Kapitel (von mir unterstrichen) von Stüben über die Weimarer Republik, den Gründen ihres Scheiterns und ihr Ende. Dann beschäftigt er sich mit den Wählern der NSDAP, deren Erfolg und den gesetzlichen Grundlagen zur Verwirklichung einer ‚Volksgemeinschaft‘. Nach einem Exkurs über das politische Plakat in der NS-Propaganda, folgt ein Kapitel Deutschland 2018, die politische und gesellschaftliche Lage nach der Wiedervereinigung, die EURO-, Banken- und Flüchtlingskrise und die Erfolge der AfD und Ausländerfeindlichkeit. Rechtspopulismus und -extremismus und rechte Ideologie sind weitere Themen. Stüben beschreibt das politische Plakat als Instrument der Propaganda und untersucht methodisch mit der ‚sozialwissenschaftlichen Bildhermeneutik‘ Plakate der NSDAP und AfD.

Inhalt

Marco Wirbel beschreibt in der Einleitung vergleichend die gesellschaftliche und politische Krisensituation gegen Ende der Weimarer Republik und die heutigen Krisen (Flüchtlingskrise, Eurokrise etc.) und fährt dann – abwechselnd mit Nils Stüben – kapitelweise fort: Aktueller Anlass (1) ist die Popularität der AfD und deren Einzug in die Parlamente und die Frage, inwieweit Sozialarbeit heute rechte Gewalt ernstnehmen und handeln müsse.

Nils Stüben behandelt die Weimarer Republik (2). Die Geburt der ersten deutschen Demokratie habe nach dem verlorenen Krieg unter einem schlechten Stern gestanden und sei im weiteren Verlauf von Dauerkrisen und Streitigkeiten der verschiedenen Parteien geprägt gewesen. Dennoch habe sich eine Vielfalt und Weltoffenheit entwickelt, an der allerdings nicht alle teilnahmen (Spaltung innerhalb der Gesellschaft). Er fragt, ob die Erfahrungen aus der Weimarer Republik heute noch hilfreich sein können und erläutert deshalb den historischer Hintergrund (3) und erwähnt drei Phasen in der Weimarer Republik: Die Entstehungsjahre bis 1923, die stabilisierende „Ära Stresemann“ 1923 bis 1929, die mit der Weltwirtschaftskrise endete, und die Jahre bis 1933.

In die Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik (4), das umfangreichste zusammenhängende Kapitel, behandelt er die politische Kultur (kein Ausgleich von Interessen und Kompromissen), die Medien (eine Fülle von Zeitungen, zunehmend illustriert, in Kleinauflagen, aufgrund einer engen Bindung an die Parteien und die Regierung politisch und ideologisch zerklüftet („Fake News“) und ohne eine stabilisierende Eigendynamik). Dem Parteiensystem fehlte eine Kompromissbereitschaft, hinzu kamen Minderheitsregierungen und zwischen 1928 und 1930 eine große Koalition.

Die Weltwirtschaftskrise und deren fatale Auswirkungen (3 Millionen Arbeitslose) zerstörten eine bis dahin erfolgreiche Sozialpolitik (Anerkennung der Gewerkschaften, Tarifverträge, Betriebsräte, Renten- und Versorgungsleistungen für Kriegsopfer und Hinterbliebene, Arbeitslosenversicherung 1927, sozialer Wohnungsbau, Arbeitszeitbeschränkung, Einführung des Frauenwahlrechts). Die Verfassung war (nach den Gedanken des Freiherrn von Stein und den Entwürfen der Frankfurter Paulskirche) im Geist der Toleranz konzipiert, aber gefährdet durch die außerordentlichen Vollmachten des Reichspräsidenten (eine wichtige Lehre für das Grundgesetz).

Er schildert dann das Ende der Weimarer Republik (5) von 1930- 1933 und geht auf die Wähler der NSDAP (6) ein, da diese – ursprünglich eine Splitterpartei (1928 2,6 % der Stimmen) – bei der Reichstagswahl 1930 (18,3 %) erreichte: Ein Extremismus der Mitte oder eine heterogene Wählerschaft aus allen Schichten? Warum war die NSDAP so erfolgreich? (7) Angebote waren 1. Das Versprechen, die real vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Krisen zu lösen, 2. Ein eigenes (völkisches-nationales?) Identifikationsangebot, 3. Hitler als charismatischer Anführer.

Die gesetzlichen Grundlagen zur Verwirklichung der Volksgemeinschaft (8) waren die Verordnung vom 28.2.1933 zum Schutz von Volk und Staat und das Heimtückegesetz vom 20.12.1934. Propagandistisch spielte das politische Plakat (8) eine Rolle und die Beeinflussung aller Lebensbereiche mithilfe von Massenkommunikationsmitteln (9), institutionell vertreten durch das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda seit März 1933 und das Reichskulturkammergesetz vom 22.9.1933.

Marco Wirbel behandelt Deutschland 2018 (10) und weist darauf hin, dass das Grundgesetz heute nicht so leicht verändert werden kann wie 1933. Statistisch zeigt er den Aufstieg der AfD und in einer graphischen Darstellung den Stimmenverlauf der Parteien im Bundestag 2018. Die gesellschaftliche Lage wird anhand der Kriminalitätsstatistik dargestellt und anhand von Angaben über die gesellschaftliche Situation in Deutschland (u.a. nach Klassen-, Leistungs-, Medien-, multikulturelle Gesellschaft) und auf die Unsicherheit in Bezug auf Terror- und Gewaltverbrechen hingewiesen.

Nach der Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (11) fragt er nach den Ursachen für Extremismus und Ausländerfeindlichkeit in der ehemaligen DDR und stellt einige Hypothesen auf: 1. Die Regierung der DDR war ideologisch geprägt und autoritär; sie manipulierte Wahlen, um an die Macht zu kommen. 2. Die Propagandasysteme des NS- und DDR-Systems waren sehr ähnlich (‚für das Volk‘). 3. Die PDS schürte die Angst vor Statusverlust nach der Wiedervereinigung. Ein Rechtsruck sei zu beobachten, wenn die Angst vor dem Unbekannten (Veränderung, Mixophobie), der Egoismus und die Sorge wegen eines Status- und Kontrollverlustes zunähmen. Der Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft hänge ab von den sozialen Beziehungen, der Orientierung am Gemeinwohl, von geteilten Werten und vergleichbarer Lebensqualität.

Anschließend behandelt er die Euro und Bankenkrise 2008 (12), die zu einer Regulierung des Finanzmarktes und einer Finanzaufsicht eingeführt habe und dazu, dass Manager für Nachhaltigkeit belohnt und Ratingagenturen reguliert würden. Weitere Maßnahmen seien der Eurorettungsschirm und gegenseitige Hilfe über Kredite und einen Schuldenschnitt. Gegen Populismus sei eine fundierte Information der Bevölkerung durch die Politik und die Medien wichtig.

Die Flüchtlingskrise (13) sei ausgelöst worden durch Hoffnungslosigkeit, Armut. Arbeitslosigkeit, fehlende Hilfsprogramme und Bildungsmöglichkeiten und generelle Unsicherheit. Die Stimmung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen speise sich aus Gefühlen von Unzufriedenheit und Unsicherheit, die von der AfD (14) verstärkt würden. Sie verdanke Ihren Aufstieg Tabubrüchen, die ihr Aufmerksamkeit durch die Medien sicherten, und der Angst vor einem Verlust der Identität und Sicherheit. Ihr Wahlprogramm ziele auf den Erhalt des ‚Volkes‘ und der Familie nach traditionellen Leitbildern. Die Ausländerfeindlichkeit (15) resultiere psychologisch aus der Angst vor Vielfalt und Überfremdung (bei ungelösten gesellschaftlichen Problemen der Umverteilung), Unsicherheit durch wachsende Kriminalität (?) und Identitätsverlust. Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Rechtsideologie (16) vereinfachten und personifizierten bestimmte Probleme; sie neigten zu übertriebenen Darstellungen und Pauschalierungen. Im Rechtextremismus vereinten sich Nationalismus, Rassismus, Xenophobie und eine Ablehnung der Demokratie. Ideologisch und weltanschaulich würden Werte propagiert, um politische Ziele zu erreichen.

Nils Stüben beschäftigt sich mit dem politischen Plakat (17). Auf Massenkommunikation ausgelegt und soll es mit Bild und Schrift Emotionen wecken. Man unterscheidet Plakate von Parteien, Staatspropaganda, Kriegserklärungen, Personenkult, sozial engagierte (Umweltschutz, Friedensbewegung, Anti-Atomkraft, Protestbewegungen, Satire) und Wahlplakate. Eine politische Meinung oder Idee soll erfolgreich verkauft werden. Es gibt Schrift-, Bild- und Schrift-Bild-Plakate. Die Weimarer Republik sei sehr durch das Bild- und Propagandamedium geprägt worden. Die Methodik der Studie: sozialwissenschaftliche Bildhermeneutik (18) wird vorgestellt: die spezifischen Einheiten einer Bildanalyse, deren Auswertung und hermeneutische Interpretation. Dem Folgt in ein praktisches Beispiel (19) in Gestalt der Analyse eines NS-Plakates einer vierköpfigen Familie(Bild- und Textsequenzen und Interpretation).

Marco Wirbel analysiert ein AfD-Wahlplakat (20), das zur Europawahl 2014 und zur Bundestagswahl 2017 eingesetzt wurde. Es zeigt eine Familie mit Vater, Mutter, Tochter und Sohn und der Überschrift ‚ja zu Vater, Mutter, Kind‘. Nach seiner Interpretation vermittelt die ‚Familie‘ ein Gefühl von Heimat, Geborgenheit und Sicherheit und die Hand, die diese Familie hält, eines von Ruhe und Frieden. Ein roter Pfeil zeigt auf die AfD als die Partei, die sich den Problemen der Gesellschaft annimmt. Der latente Sinn sei, vor einer Bedrohung zu warnen. Die Familie zeigt keine individuellen Züge sondern verweise – weg von der Individualisierung – auf das Konstrukt einer Volksgemeinschaft.

Er beantwortet dann die Forschungsfrage (21): Wieviel NSDAP steckt in der AfD? Anhand der beiden Wahlplakate werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt. Auf dem NS-Plakat umklammert der Adler schützend und festhaltend die vierköpfige Familie (Krallen) und beide bilden eine symbolische Einheit von NS-Staat und Familie; auf dem AfD-Plakat beengt und beschützt eine große Hand die Familie.

Angesichts des wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland ergebe sich als Relevanz für die Soziale Arbeit (22), dass gehandelt werden müsse. Hinter den Gewalttaten von Jugendlichen stecke oft Hilflosigkeit und Unsicherheit, deshalb sei eine Stabilisierung des Selbstwertes, soziale Anerkennung und ein gesichertes Netzwerk notwendig. Devianz sei oft ein Hilferuf. Zur Bewältigung von Krisen werde von Jugendlichen auf familiäre Muster zurückgegriffen, die oft ungeeignet seien. Ausgrenzung – gleich ob Deutsche oder Flüchtlinge – müsse verhindert werden. Öffentliche Aufklärung sei notwendig, um eine Isolierung bestimmter Gruppen zu verhindern.

Nils Stüben zieht ein Fazit (23): Die Rückkehr des Nationalismus habe eine Debatte über Gefährdungen der Demokratie – über Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit – angestoßen. Angesichts der deutschen Geschichte und beispielhaft an zwei Plakaten seien die Strategien und Ideologien beider Parteien – NSDAP und AfD – verglichen worden. Unterschiede bestünden zwar in den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten, aber dennoch seien Wachsamkeit, eine offene Kommunikation und Verantwortungsübernahme (Kant) zur Gefahrenabwehr notwendig.

Diskussion

Ich habe die Überschriften der allzu zahlreichen Kapitel unterstrichen (zum Teil nur 1- 3 Seiten), um deutlich zu machen, das eine redaktionelle Überarbeitung und Zusammenfassung der Themen die Lesbarkeit verbessert hätte.

Dieses Buch ist als Handreichung konzipiert, Sozialarbeitern, insbesondere im Gespräch mit Jugendlichen, geschichtliches Material – in sehr verkürzter Form – anzubieten für eine kritische Auseinandersetzung mit der AfD und dem Populismus in Deutschland.

Nach meiner Erfahrung mit rechtsradikalen Jugendlichen, sind es allerdings weniger die Systemvergleiche, sondern die Alltagsgeschichten, die Interesse und Nachdenken anregen. Das wäre nach meiner Meinung eine wichtige und notwendige Ergänzung, da heute Informationen weniger über Plakate (außer in Wahlzeiten) als über die Medien übermittelt werden. 

Der konkrete Vergleich zwischen Propagandaplakaten der NSAP und AfD zeigt jeweils Familien im Klammergriff einer Gemeinschaft: beschützt und kontrolliert. Trotz der Unterschiede in der bildnerischen Darstellung ist die Übereinstimmung verblüffend. Bei anderen, nicht erwähnten, Themen (Kriegspropaganda, Judenhetze) fehlt sie ganz: Übereinstimmungen und Unterschiede sind aber gleichermaßen wichtig. Denn die die AfD ist nicht die NSDAP, und schwimmt auch nicht in ‚demselben‘, wenn auch – punktuell – in einem ähnlichen Fluss von Selbstidealisierung und Ressentiments. Eine ‚wissenschaftliche‘ Untersuchung müsste detaillierter vorgehen, und intensiver differenzieren, auch in den Schlussfolgerungen.

Dass Buch ist gedacht als Anregung zum Nachdenken und zum Handeln. Für den Alltagsgebrauch wären mehr aktuelle Informationen, anstelle der zwar nicht uninteressanten, aber doch in diesem schmalen Band zu ausführlich geratenen Bildanalyse, nützlich gewesen.

Fazit

Für den Hausgebrauch enthält das Buch einige nachdenkenswerte und nützliche Anregungen. Wer allerdings eine intensivere und stärker theoriegestützte Analyse sucht, wird eher zu Fachbüchern greifen und sich weniger auf Presse- und Internetinformationen (s. Literaturverzeichnis) stützen.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 16.12.2020 zu: Marco Wirbel, Nils Stüben: Weimarer Verhältnisse. Wieviel NSDAP steckt in der AfD? Soziale Arbeit muss Stellung beziehen muss Haltung zeigen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2020. ISBN 978-3-945959-47-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27121.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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